Teufelsreigen

Es dauerte nicht lange, da konnte selbst Garrett den Friedhofsmief der Ghoule riechen. Wie ein grüner Pesthauch schob er sich durch die Gassen.

Er stand Seite an Seite mit Dionysos im Schatten nahe der Parkplätze. Jack hatte im Dunkel an der Straße Stellung bezogen. Anouk deckte eine weitere Zufahrtsstraße ab und Phil lag noch immer auf dem Dach der Bibliothek.

»Den großen Bulk werden sie auslassen. Einzelne Nachzügler sind am ehesten dran«, murmelte Dionysos. Die Vampire konnten ihn deutlich verstehen.

»Medio tutissimus ibis«, brummte Phil und Dionysos lachte leise. Jack und Anouk schnaubten hingegen.

»Ich bin weder ein Ex-Mönch noch ein Geistlicher. Was soll das bedeuten? Mal für die, die kein Latein können«, meckerte Jack und das Mädchen machte ein zustimmendes Geräusch.

»Es heißt, dass man in der Mitte am sichersten ist«, erklärte Dionysos. Garrett, der durch das Blut des Vampirs einen kleinen Teil seiner Gabe erhalten und dadurch jedes Wort verstanden hatte, murrte bloß.

»So wie das hier stinkt, stell' ich mir einen ganzen Heuschreckenschwarm von Ghoulen vor. Die alles überrennen.«

»Na bloß gut, dass wir genügend Munition haben«, kicherte Jack. Garrett zuckte zusammen, als die Turmuhr Mitternacht schlug und spürte, wie Dionysos seine Hand drückte. Bereits nach 10 Minuten kamen die ersten Gäste aus dem Schulgebäude. Schüler aller Jahrgangsstufen ab der 8. Klasse durften an der Party teilnehmen. Aber auch viele Eltern ließen es sich nicht nehmen, sich dort zu amüsieren - was wiederum gerade die älteren Schüler oft enorm nervte.

Doch Gatwick wäre nicht Gatwick, wenn es anders gewesen wäre. Man kannte einfach jeden und man mochte sich - oder man tat zumindest so.

Die Leute sammelten sich auf dem Schulhof, Eltern tratschten und warteten auf ihre Sprößlinge oder auf die Partner der Fahrgemeinschaft, Schüler nutzten die letzten Minuten für Scherze mit Freunden.

Garrett hatte solche Zusammenkünfte immer gehasst, hatte sich gelangweilt, sich nach Hause gesehnt. Jetzt fehlte ihm das. Denn damals war er immer zusammen mit seinen Eltern dort gewesen. Egal, ob es irgendwelche Schul- oder Stadtfeste waren. Madelyn und Robert Pinkerton waren Kinder dieser Stadt. Sie gehörten dazu. Wie auch Garrett - wenn er sich »Etwas mehr Mühe« gegeben hätte!

Der üble Geruch, der in der Luft hing, blieb auch den Partygästen nicht verborgen. Viele schnupperten in die Luft und verzogen ihre Gesichter in Abscheu.

»Alter!«, hörte Garrett Kyle deutlich heraus, »Was ist in letzter Zeit eigentlich los, dass es immer so stinkt, sobald es dunkel wird?!« Seine Freunde nickten, Gemma hielt sich den Jackenärmel vor die Nase.

»Wenn die wüssten«, murmelte Garrett.

Die Menschen bewegten sich in Trauben vom Schulhof weg, Autotüren klappten, Gespräche und Lachen verstummte. Dafür ertönten Automotoren und Radiomusik.

»Der Parkplatz ist jetzt leer«, verkündete Jack leise.

»Der Schulhof auch fast. Auf diese Nachzügler müssen wir Acht geben. Der Gestank ist nicht zum Aushalten. Allister scheint aufgestockt zu haben.« Dionysos spähte um die Ecke.

»Es genügt nicht, nur achtzugeben. Wir müssen säubern«, drang Phils klare Stimme in die Ohren der anderen.

»Sehe ich auch so. Seid ihr bereit?«

Alle brummten.

»Bleib' in meiner Nähe, Garrett.« Während die anderen die Schatten verließen und der Quelle des Gestanks folgten, hielt der Junge Dionysos am Arm fest.

»Hm?«

»Ich will...«, setzte Garrett an, doch Dionysos hatte ihn schon fest umschlungen. Der Junge sog den Duft des Vampirs ein. Zärtlich, streichelzart bedeckte dieser Garretts Lippen und Gesicht mit feinen Küssen.

»Etwas zum Festhalten, ich weiß. Solange ich lebe, sollst du es bekommen.«

Garrett klammerte sich an ihn. Ihm war zum Heulen zumute und gleichzeitig war er glücklich.

»Na los, retten wir dieses Kaff. Umso schneller sind wir zuhause und können ins Bett gehen.« Dionysos grinste breit, wurde aber sofort wieder ernst. Mit schnellen Schritten folgten sie den anderen. Sie trafen als erstes auf Jack, der in einem Hinterhof gerade dabei war, eine Handvoll Ghoule zu erlegen. Es überraschte Garrett, dass seine Flinte statt des üblichen Dröhnens nur ein dumpfes »Ploff« hören ließ. Anscheinend verfügte der Texaner über eine Art Schallschutzvorrichtung. Das Ergebnis des großen Kalibers war jedoch nicht weniger verheerend. In der Sekunde, in der Garrett und Dionysos um die Ecke kamen, explodierte einem Ghoul der Kopf wie eine reife Wassermelone. Die schmierige und ölige Blutflüssigkeit rann an einem geschlossenen Fensterladen herunter und der Körper sackte nach unten weg.

»Grundgütiger«, keuchte Garrett erschrocken.

»Bleib' einen Moment hier und hilf ihm. Ich sehe mich weiter hinten um«, stieß Dionysos hervor und Garrett zog nickend seine Axt hervor. Jack stupste sich grinsend an den Hut, um ihn als Kampfpartner zu begrüßen und der Junge fragte sich einmal mehr, ob diese Vampire jemals Angst hatten.

Doch zum Grübeln hatte er keine Zeit. Schon hatte ihn ein besonders ekliger Ghoul im Visier. Garrett riss die Axt hoch, wie Jack es ihm gezeigt hatte, trat dem Vieh in den Bauch und brachte es zu Fall. Funken sprühten, als er es mit einem gezielten Schlag enthauptete. Danach musste er gequält husten, um sich nicht gleich neben die Überreste zu übergeben. Ein Lachen ließ ihn den Kopf heben. Jack grinste.

»Das hast du gut gemacht. Schnell und effektiv. Der Brechreiz geht irgendwann auch noch weg.«

Garrett verzog nur leicht den Mund und beide konzentrierten sich auf die noch übrigen herumeiernden Ghoule.

Etwas aus der Puste wischte sich der Junge nach einer Weile die Haare aus dem Gesicht. Sie hatten alle beseitigt. Jack hatte seinen schweren Stiefel auf der Brust des letzten übrigen Ghouls. Dieser strampelte und grunzte wie ein besonders hässliches Baby.

»Übel, dass jeder Mensch irgendwann so aussieht«, murmelte Garrett und Jack brummte.

»Deswegen wollte ich immer verbrannt werden. Ich hab mit 12 mal eine drei Wochen alte, halb verweste Leiche gesehen. Von dem Tag an wusste ich, dass ich niemals so etwas werden will.«

»Hmhm... wenn ich daran denke, dass meine Mum...«

»Deine Mum ist sicher. Dafür hat Phil gesorgt. Sie ruht in Frieden. Wird nie so ein Ding.«

Garrett nickte und machte einen Schritt zurück, als der Texaner die Flinte durchlud und den Ghoul ausschaltete.

»Mit jedem Tag erhöht sich die Anzahl derer, die mich am Arsch lecken können«, witzelte Jack, schob seine Flinte ins Holster und putzte sich die Hände ab.

»Gehen wir. Sehen wir zu, dass wir deinen Liebsten finden.«

Garrett stieß Jack mit dem Stiel der Axt an, lächelte aber. Er fühlte sich zwar gut aufgehoben bei dem blonden Vampir, aber zur Ruhe würde er erst wieder kommen, wenn Dionysos in Sichtweite war. Routiniert steuerte Jack durch das Gewirr der alten und schmalen Gassen. Garrett fragte sich, ob die auch im 16. Jahrhundert, als die Stadt gegründet wurde, bereits so oder ähnlich ausgesehen hatten.

Der Ghoulgestank verstärkte sich nochmals, als sie den altertümlichen Torbogentunnel erreichten, der zu Gatwicks vornehmsten Restaurant gehörte, wo man im Sommer schattig sitzen oder separiert von anderen Gästen feiern konnte. Die Überführung war bepflanzt und bildete den Garten des Restaurants. An beiden Zugängen des etwa 8 Meter langen Tunnels waren Treppen in den Hügel eingelassen und üblicherweise brannten neckische Lampen. Doch nun wurde die halbrunde Kuppel nur von der Notbeleuchtung erhellt.

Ein unwirkliches, nicht gelbes, nicht orangenes Licht erhellte die unzähligen Geschlagenen. Kopflos, grausam zugerichtet, mit fehlenden Gliedmaßen, die irgendwo anders herumlagen. Dionysos schien wie im Wahn gewesen zu sein, als er diese Ghoule vernichtete. Jetzt stand er, in diesem sonderbaren Licht, inmitten seines schaurigen Werkes, die Schultern hoben und senkten sich und sein schwerer Atem wurde von den abgerundeten Wänden zurückgeworfen.

»Na das nenne ich ganze Arbeit!« Jack pfiff durch die Zähne und Dionysos drehte sich um.

»D-du...«, stammelte Garrett angesichts des Gräuels vor ihm.

»Und das alles ohne eine einzige Waffe. Du bist wahrhaft der Teufel«, lachte der Texaner und schlug seinem Freund kraftvoll auf dem Rücken. Dionysos allerdings blickte zu Garrett und versuchte, zu ergründen, was dieser dachte.

Der Blick des Jungen schweifte über die vielen Ghoule. Die Vampire hatten ihm klargemacht, dass er sie nicht als Menschen sehen durfte, doch das war nicht so leicht. Alle diese Kreaturen hier wurden erst vor wenigen Wochen von ihren Lieben zu Grabe getragen. An ihren nun leeren Gräbern beweint. Sie wurden noch immer geliebt. Und jetzt lagen sie hier, zu Mus gehauen, zerstört, am Morgen zu Erde zerfallen.

Garrett wusste, dass dies nötig war, weil sie sonst morden würden, doch sie taten ihm dennoch leid.

»Garrett?«, sagte Dionysos leise.

»Geht's... dir gut?« Der Junge fing sich wieder und ging auf den Vampir zu. Dionysos nickte und hob die Hand, um Garrett zu berühren. Als er jedoch sah, wie dreckig diese war, ließ er sie wieder sinken und lächelte nur.

»Für eure Liebesschwüre habt ihr später noch Zeit. Ich höre immer noch Grunzen. Und wir müssen die anderen finden.« Jack verließ den Tunnel am entgegengesetzten Ausgang und die beiden folgten ihm, das blutige Schlachtfeld zurücklassend.

»Bisher hat es keine Angriffe gegeben. Wir scheinen sie auf uns zu ziehen.«

»Ich schätze vielmehr, dass man sie auf uns angesetzt hat. Opfer wären garantiert zufällig.«

Ein Schatten, der von Dach zu Dach sprang, zog Garretts Aufmerksamkeit auf sich.

»Anouk, diese Katze. Sie ist gar kein übler Fang«, lachte Jack und kassierte als Antwort ein helles Mädchenlachen, das in den Nachthimmel ertönte.

Die schmale Gasse öffnete sich zu einer der breiteren Straßen, die alle in der Hauptstraße Gatwicks mündeten. Anouk sprang noch immer über die Dächer und die anderen folgten ihr, als ein gellender Schrei durch die Straßen hallte. Dann ertönte ein zweiter.

»Das war Gemma. Ganz sicher!«, presste Garrett hervor. Sie hatten zu rennen begonnen.

»Die Jungs sind garantiert bei ihr.«

»Und der Schrei klang nicht nach einem Spaß.«

Die Straße mündete in einer Kreuzung der Hauptstraße, die um diese Uhrzeit jedoch bereits ausgestorben war.

Gemma und die Jungs hatten sicher keine Lust gehabt, an einem Freitagabend schon so früh heimzugehen und waren herumgestrolcht. Garrett hatte sich immer gefragt, warum die Jungs Gemma in ihrer Clique duldeten und hatte insgeheim den Verdacht, dass sie mit allen dreien schlief. Gleichzeitig. Kleinstadtkids machten allerhand Unsinn aus Langeweile.

Wären sie mal lieber für ein paar versaute Spielchen nach Hause gegangen! Denn nun hockten sie auf dem Sockel eines Stadtdenkmales und waren von sicher zwei Dutzend Ghoulen eingekesselt. Die Biester waren zu dumm, um aneinander hochzuklettern. Das allein hatte den Teenagern bislang das Leben gerettet.

Doch bis zum Sonnenaufgang war es noch lang, das Denkmal auf Dauer zu klein für vier Leute und war die Gier der Ghoule erst einmal groß genug, würde ihnen auch das Klettern wieder einfallen.

»Wir können sie da nicht hocken lassen«, presste Garrett außer Atem hervor.

»Hier riecht es stark. Es sind sicher noch mehr hier verborgen«, murmelte Jack.

Dionysos überblickte die Umgebung. Viel freie Fläche, aber auch viele Schatten. Doch sie mussten es riskieren. Sie konnten hier niemanden sterben lassen!

»Phil?«

»Ich bin da. Aber ich kann nicht feuern. Die Explosion der Munition könnte die Kinder verletzen oder erschrecken. Wenn sie den Halt verlieren und fallen, können wir nur noch für sie beten.«

Dionysos nickte. Phils Präzisionsgeschosse explodierten bei Aufschlag. Und das nicht einmal schwach.

»Gut, dann komm vom Dach. Du auch, Anouk. Wir räumen auf.«

Garretts Blick lag die ganze Zeit auf Kyle. Er weinte vor Horror, zitterte, war leichenblass und von kaltem Schweiß bedeckt. Garrett schürzte die Lippen.

Willkommen in meiner Welt, wie gefällt es dir, Angst zu haben?!

»Garrett?«

»Ja. Holen wir sie da runter. Auch wenn sie diese Angst verdient haben!«

Dionysos drückte die Schulter des Jungen und dieser packte die Axt fester. Von allen Seiten trat die kleine Gruppe auf die Kreuzung. Jack ließ einen langgezogenen Pfiff ertönen und die Ghoule wandten die Köpfe. Die gierigen, roten Augen begannen zu glühen und die fauligen Münder schrien vor Mordlust.

Jack mähte einige heranwankende Ghoule um, Phil verwandte sein kostbares Gewehr sehr effektiv als Schlagstock und Anouk sah aus, als würde sie mit ihrem Schwert tanzen. Dionysos stand nur da. Seine Augen glühten unheilvoll und er knurrte dunkel, als zwei Ghoule auf ihn zukamen und plötzlich einfach platzten wie Würstchen in zu heißem Wasser. Garrett starrte ihn an. Was war das nun wieder für eine Gabe? Es gab wirklich noch Unmengen, die er über diesen Mann nicht wusste!

Doch das musste warten. Erst musste er seine Erzfeinde davor bewahren, aufgefressen zu werden.

Er kämpfte sich axtschwingend zum Denkmal vor und eliminierte die beiden ganz harten Ghoule, die die Eindringlinge schlicht ignoriert hatten und weiterhin das Denkmal belagerten.

Gemma kreischte, als Garrett einem von ihnen von hinten die Axt ins Gehirn trieb. Der dicke Neil war rot vor Anstrengung, nicht den Halt zu verlieren, er war nassgeschwitzt und ein anderer Geruch verriet außerdem, dass er sich in die Hose gepinkelt hatte.

Durch Dionysos' Blut, das Garrett getrunken hatte, war nicht nur seine Selbstheilung, sondern auch seine Sinne etwas geschärfter als sonst.

Stephen hatte trotz allem einen dämlichen, affektierten Gesichtsausdruck im Gesicht, als würde alle Welt erzittern, weil er so groß, stark und eben Stephen war. Dionysos würde mit diesem Schwachmaten kurzen Prozess machen, ohne den geringsten Funken Anstrengung.

Kyle sah aus wie ein Kind, verängstigt mit geröteten Augen. Zum ersten Mal seit 5 Jahren erkannte Garrett in ihm seinen alten Freund wieder.

Mit einem Tritt in die Kniekehle brachte der Junge den zweiten Ghoul zu Fall und enthauptete ihn. Jack hatte Recht. Mit jedem weiteren Mal wurde der Drang zu kotzen, weniger.

»Garrett?!«

»Was sind das für Viecher? Ist das die Zombieapokalypse?«

Garrett sah sich um. Alle Ghoule waren beschäftigt. Die Vier mussten hier weg.

»Es ist viel komplizierter. Ihr müsst hier verschwinden. In ein Haus, schließt euch ein. Bei Sonnenaufgang ist es vorbei, aber ihr dürft bei Einbruch der Nacht nicht mehr rausgehen.«

»Willst du Hosenscheißer uns jetzt Ratschläge geben?«, pöbelte Stephen und Garrett zog die Augenbraue hoch.

»ICH habe heute Nacht schon zwei Dutzend dieser Viecher erledigt, während DU hier auf einem Denkmal gehockt hast. Ich denke, das beantwortet deine Frage. Tu, was ich sage, wenn du leben willst. Oder lass es. Mir ist es egal!«

Fluchend stieg Stephen von dem Sockel. Kyle und Neil folgten ihm, doch Gemma weigerte sich. Sie weinte hysterisch und war stocksteif.

Garrett seufzte. »Dann bleib. Wenn das hier erledigt ist, bringen wir dich nach Hause.«

»Und wir?«

»Ihr geht auf dem kürzesten Wege zu einem von euch nach Hause. Wenn ihr auf diese Dinger trefft, versteckt euch oder haltet ganz still. Wenn ihr euch nicht bewegt, dann sehen sie euch nicht.«

»Und wenn doch?«

»Was SIND das für Dinger? Klär' uns besser darüber auf, Schwuchtel!«, fauchte Stephen. Garrett ignorierte ihn und wandte sich an Kyle: »Wenn sie euch doch bemerken, müsst ihr um euer Leben rennen. Sie sind nicht die schnellsten, aber wenn sie euch kriegen, reißen sie euch in Stücke.«

Kyle nickte. Es war wieder Leben in sein bleiches Gesicht zurückgekehrt und er ballte die Hände zur Faust. Er wollte leben, unter allen Umständen, Garrett konnte es sehen.

»Gut, dann haut ab. Dort geht es doch zu Neil nach Haus, oder? Versteckt euch am besten da...«

Stephen, Kyle und Neil wollten gerade loslaufen, als eine neue Welle Ghoule auf die Kreuzung schwappte. Es waren mindestens 40!

Gemma kreischte auf ihrem Denkmal, Kyle und die Jungs fluchten und Garrett schnappte nach Luft.

»Äh, Henry...«, brachte er nur heraus, was Kyle und Stephen trotz der Gefahr aufhorchen ließ.

»Zombies vor uns und die kleine Schwuchtel denkt an seinen Stecher?!«, blaffte Stephen Garrett an, riss ihm die Axt aus den Händen und stürmte auf die Meute zu.

»STEPHEN!«, kreischten Gemma, Kyle und Neil wie aus einem Mund, während Garrett schrie, er solle zurückkommen.

Doch da war es bereits zu spät. Das gierige Jaulen der Ghoule überschattete das panische Schreien des immer so von sich überzeugten und eingebildeten Stephen - bis es schließlich verstummte und der Geruch von Blut in Garretts Nase drang.

Sie hatten ihn komplett auseinander genommen. Garrett konnte seine Axt in dem schmutzigen Haufen liegen sehen. Sie hatte Stephen nichts gebracht. Er hatte nicht gewusst, wie man gegen Ghoule kämpft.

Gemma verfiel in einen Schreikrampf, der die Aufmerksamkeit der Ghoulmeute auf das Denkmal zog und Garrett schluckte. Er hatte nur noch den Baseballschläger. Der war weniger effektiv, er musste die Axt zurückhaben.

Neil bekam Panik und beging einen folgenschweren Fehler. Er rannte los, in Richtung seines Zuhauses, glaubte offenbar wirklich, es erreichen zu können. Doch er war übergewichtig und so schnell, wie ihn seine kurzen Beine trugen, so schnell flogen Schweine. Die Ghoule waren langsam, doch Neil wurde schnell noch langsamer, als ihm die Puste ausging.

Er schrie in nackter Angst auf, als sie ihn zu fassen bekamen und es wurde jämmerlich und gellend, als mit einem abscheulichen Geräusch seine Schulter brach.

»DIONYSOS!«, schrie Garrett verzweifelt, als sich Neils Arm von Körper löste und der Junge in Todesangst schrie.

In der nächsten Sekunde krachten mehrere, kleinere Explosionen auf und die Meute der Ghoule rund um Neil lichtete sich. Phil hatte sein Gewehr im Anschlag, während Jack und Dionysos mitten in die Ghoule sprangen. Anouk blieb beim Denkmal und Garrett hob mit spitzen Fingern seine Axt aus Stephens Überresten, bevor er sich an Kyles Seite stellte.

Die Vampire trieben die Ghoule weit genug von Neil weg, dass Phil sich die Verletzung ansehen konnte. Doch schon der Gesichtsausdruck des Pfarrers ließ auf die Schwere hindeuten. Neil lag in einer Pfütze aus Blut und jammerte vor Schmerz.

»Phil?«

»Sie haben ihm den Arm abgerissen. Er hat einen Schock. Ich bezweifle, dass er es schafft. Zuviel Blut...«

»Wir müssen doch... Oh Gott, wir können nicht mal den Notarzt rufen... kannst du ihn nicht... mit etwas von deinem Blut?«

»Ich bin zu jung. Mein Blut ist nicht mächtig genug.«

Kyle stand weiß wie ein Laken neben seinem halbtoten Freund. Er hatte einen Gesichtsausdruck, als würde er träumen.

»Dionysos!«

Der Vampir tauchte neben Garrett auf. Er war blutbesudelt, aber ansonsten adrett wie immer. Finster blickte er auf den entstellten Burschen runter, bevor sein Blick hasserfüllt zu Kyle ging.

»Bitte?«

»Kannst du ihn heilen?«

Kyles Blick ruckte zu dem Mann hoch und traf dessen glühende Augen. »Wie soll das gehen? Er... braucht einen Arzt, Blut, eine OP...«

Dionysos ging neben Neil in die Knie. Dieser zitterte stark, schwitzte und war eiskalt. Der Vampir schlitzte sich das Handgelenk auf und ließ das Blut in Neils halboffenen Mund tropfen.

Kyle protestierte. »Bist du total übergeschnappt? Wie eklig ist das denn? Er braucht einen Arzt und keinen ekligen Voodoo.«

Dionysos' Blick troff vor Hass, als er sich zu Kyle wandte. »Ich verfrachte dich gleich in die Leichenhalle, Freundchen! Ich würde gern einen Krankenwagen rufen, aber ich habe wegen der Dummheit deiner Freunde bereits einen Toten. Und er hier schafft es auch nicht, ich spüre, wie das Leben ihn verlässt. Da brauche ich nicht noch ein paar tote Sanitäter, klar? Ihr Idioten hättet nur einmal auf Garrett hören brauchen, dann wäre hier niemand verletzt worden!«

Dionysos nahm das verheilte Handgelenk von Neil und tatsächlich war dieser eine Minute später tot.

»Die Aufregung, die Angst, war zu viel für das Herz. Blutverlust und Übergewicht kommen noch dazu. Armer Junge«, murmelte Phil und faltete die Hände, um zu beten.

Garrett starrte auf den Jungen. »Das habe ich nicht gewollt. Trotz allem...«

Kyle wandte den Blick zu Garrett und funkelte ihn an. Er schien etwas sagen zu wollen, doch eine weitere Welle Ghoule lenkte ihn ab.

Dionysos knurrte und stand auf. »Heiliger Patrick, wo kommen die alle her? Wie viele Ortschaften mit frischen Toten kann es geben?«

Phil hatte sein Gebet beendet und griff nach seinem Gewehr. »Offenbar entweder zu viele oder er hat sie gut konserviert, dieser Bastard.«

»Steig' am besten auf das Denkmal zurück. In den Gassen ist es zu gefährlich«, rief Garrett Kyle zu, der nur nickte und erschüttert das Gemetzel mitansah, das seinen besten Freunden so grausam das Leben gekostet hatte. Er wollte nicht auf diesem dummen Bronzepferd hocken und diesen - was auch immer - beim Sterben zusehen. Er wollte auch diese komischen Gestalten, mit denen Garrett rumhing, nicht mehr sehen. Die waren ihm unheimlich.

So stark, so schnell, so bleich und dann diese roten Augen! Garrett war echt ein Freak. Seit wann war er so mutig und tough und kämpfte gegen solche Monster?

Und wer war der Typ, der ihn so offenkundig hasste und den Garrett mit dem Namen irgendeiner antiken Gottheit angesprochen hatte? Der auch tatsächlich aussah wie die griechischen Götterstatuen, die er einst einmal in einem Museum gesehen hatte?

Nein, er würde unter keinen Umständen noch länger hierbleiben! Er hatte genug Grauen erlebt für eine Nacht. Er wollte weg, nur noch weg!

 

Garrett bemerkte, dass Kyle sich abwandte und in einer Gasse verschwand, anstatt auf ihn zu hören. War er wirklich so stolz und so dumm? Er hatte doch gesehen, was mit den anderen geschehen war. Hasste er ihn so sehr, dass er nicht einmal Ratschläge von ihm annehmen wollte, die sein Leben retten würden?!

»Kyle ist abgehauen. Ich muss ihm nach«, rief Garrett Dionysos zu, der gerade drei Ghoule auf einmal in Schach hielt.

»Garrett!«, rief dieser, doch die Ghoule machten es ihm unmöglich, dem Jungen zu folgen.

Schnaufend rannte Garrett Kyle hinterher und holte ihn kurz darauf ein. Erbost packte er ihn an der Schulter.

»Was ist dein Problem!? Willst du sterben?«

Kyle machte sich los. »Du bist mein Problem, Pinkerton! Hau' einfach ab, Mann. Ich will deine Hilfe nicht!« Schnaubend ging er weiter, bevor er kurz darauf wieder stoppte.

»Meine Freunde sind tot! Wegen irgendwelcher Viecher und ich glaube, du weißt viel mehr darüber. Sag's mir! Was geht hier vor?« Kyles Stimme war nur ein düsteres Flüstern.

»Das würdest du eh nicht glauben. Ich bin ein Freak. Schon vergessen? Deine Worte.«

»Probier's aus!«

Garrett seufzte genervt. »Glaubst du an Vampire?«

Kyle schnaubte nur und Garrett zuckte mit den Schultern. »Siehst du, ich habe es dir gesagt. Du glaubst mir nicht. Ist ja auch latte. Fakt ist, dass diese Dinger - Ghoule - dich töten, wenn sie dich zu fassen kriegen. Da kannst du glauben, was du willst. Der Schmerz und auch der Tod jedoch werden sehr echt sein. Also warum gehst du allein weg, anstatt da zu bleiben, wo man dich beschützen kann?«

»Meine Gang, die ich hätte beschützen sollen, ist tot. Und von dir habe ich keinen Schutz verdient...«

Garrett zog eine Braue hoch. Klang da so etwas wie Reue aus der Stimme hervor?

»Das mit deiner Mum tut mir leid. Wirklich.«

»Sie wurde von einem Vampir getötet«, sagte Garrett tonlos und Kyle blickte erneut ungläubig.

»Ich weiß, wie das klingt. Du hast die Zombies gesehen, weigerst dich aber, die Existenz von Vampiren hinzunehmen?«

»Ich dachte, es war ein Unfall?«

»Wer hätte die Wahrheit geglaubt? Auch dir wird niemand glauben, wenn du hiervon erzählst. Sie werden denken, du hättest Haschpilze oder sowas gefressen... Den Leuten ist Fantasie lieber anstatt die hässliche Wahrheit.«

Kyle nickte. Ihm wäre es auch lieber, wenn er das, was er heute Nacht hatte sehen müssen, nicht erlebt hätte.

»Für 'ne Schwuchtel bist du echt hart drauf... so gegen diese Viecher...«

Garrett zog die Stirn missbilligend in Falten. »Man ist nicht weniger ein Mann, nur weil man homosexuell ist! Wenn man einen Grund zum Kämpfen hat, dann tut man es einfach, egal wie man tickt. Ich habe Kämpfen gelernt, nachdem meine Mutter getötet wurde. Ich war es leid, schwach zu sein!«

»Warum hast du nie bei uns zurückgeschlagen?« Kyles Stimme war leise, fast schüchtern.

»Weil ich dazu keinen Grund hatte. Mich mit euch zu prügeln wäre genau das gewesen, was ihr gewollt habt. Also habe ich es nicht gemacht. Clever ist, wer einen unnötigen Kampf vermeidet. Mal abgesehen davon, dass ich nicht so dumm bin, mich auf einen Kampf Einer gegen Drei einzulassen und Knochenbrüche zu riskieren.«

Kyle wollte etwas erwidern, als Garrett die Axt hob und nur wenige Zentimeter an Kyles Kopf vorbei warf. Ein grunzendes Röcheln erklang und der Ghoul sackte in sich zusammen.

»Scheiße...«, brummte Garrett, als er merkte, dass es mehrere Ghoule waren, die näher kamen.

»Wo ist dein düsterer Kumpel, wenn man ihn braucht?«

»Dionysos?« Der kämpfte auf der Kreuzung. Das hier würde Garrett wohl allein machen müssen. Aber er wurde allmählich müde, merkte selbst, wie die Kraft nachließ.

»Steig' auf den Container!«, brummte Garrett und hob erneut die Axt. Zwei Ghoule erledigte er, bis die erste Unachtsamkeit zu einem blutigen Kratzer führte. Er verheilte dank Dionysos' Blut schnell, doch der Geruch machte die Ghoule rasend.

Sie waren umzingelt und Garrett machte sich schon auf Schmerzen gefasst, als ein heulendes Zischen durch die Wiedergänger fuhr und alle nacheinander platzten und umfielen.

»Durch dich bekomme ich nach 700 Jahren doch noch graue Haare, Garrett Pinkerton!«

Dionysos lachte vom Dach aus, sprang in die Gasse und zog Garrett einen Moment an sich, während er Kyle anfunkelte.

»Wäre er ernsthaft verletzt worden, hätte ich jeden deiner Knochen einzeln gebrochen!«

Garrett machte sich los und Kyle stieg von dem Container. Dieser Typ meinte jede seiner Drohungen ernst, garantiert!

»Du, Garrett?«

»Ja?« Dionysos machte bereits ein paar Schritte, während der Junge bei Kyle stehen blieb.

»Ich... naja, erstmal Danke. Ich schätze, es ist zu spät, um dich für all den Scheiß um Verzeihung zu bitten, oder?«

Garrett sah seinen ehemals besten Freund eine Weile schweigend an. Ließ fünf Jahre Tortur und Angst Revue passieren. Schließlich nickte er.

»Ja. Das ist es. Deine Entschuldigung nehme ich an. Aber verzeihen werde ich dir nicht. Dazu ist zu viel passiert.«

Kyle nickte und Garrett wollte sich schon abwenden, als ihm etwas einfiel.

»Ach Kyle?«

»Ja?«

Garrett schlug ihm mit der Faust hart ins Gesicht und der Junge stöhnte auf.

»Jetzt sind wir quitt!«, lächelte er und Dionysos lachte.

»Alter, du Schwuchtel, bist wohl nicht ausgelastet, hä? Lass' dich das nächste Mal von deinem Henry besser durchbürsten, anstatt andere zu schlagen! Aua, Mann...«, nuschelte Kyle mit der Hand auf der Nase, verstummte aber sofort, als Dionysos ihn am Kragen packte.

»Ich bin Henry, du Hanswurst. Und was Garrett und ich treiben, hat dich nichts anzugehen, klar soweit?«

Kyle nickte und schluckte schwer, protestierte aber nicht, als die beiden sagten, er solle ihnen zur Sicherheit zur Kreuzung folgen. Er hatte für heute nun aber wirklich genug Horror und Angst ausgestanden.

 

Über dem Talrand färbte sich der Himmel bereits rosa.

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