Thorsteins Selbstmitleid

"Wir wissen, was in jener Nacht und dem Morgen darauf geschehen ist", hatte die Völva zu Rúna gesagt. Und obwohl er das nicht ahnen konnte, waren es genau diese Worte, mit denen Teitr fünf Tage später Thorstein die Branntweinflasche aus der Hand nahm.
Die Staubwolke, die der Karren hinterließ, der Rúna vom Moorseehof wegbrachte, war noch nicht ganz zu Boden gesunken, als sich der Steuermann ein erstes Horn Bier eingoss und mit sich selber auf seine Unbeherrschtheit und seine Hilflosigkeit anstieß. Da fuhr sie hin, die einzige Frau außer Snót, die es geschafft hatte, ihn für sich einzunehmen und er war feige genug, dass er es nicht einmal fertiggebracht hatte, ihr Lebewohl zu sagen.
Ja, Thorstein hatte den ungläubigen, entsetzten Blick Rúnas gesehen, als er für sie lediglich ein letztes Nicken zustande gebracht hatte. Dabei konnte sie nicht wissen, dass er diesem Abschied am liebsten ganz aus dem Weg gegangen wäre, weil er vor lauter Selbstmitleid nicht wusste, was er tun sollte. Jorunn konnte eine verdammte Hexe sein, wenn sie wollte. Gerade in einem Moment, wo er sie hätte zurückgewinnen müssen, nahm sie Rúna mit sich und ihm somit jede noch so kleine Möglichkeit, ihr gegenüber irgendetwas gutzumachen.
Thorstein brauchte mehr Bier! Und als mit dem Ende des zweiten Tages auch das kleine Fässchen nurmehr eine halbe Handbreit gefüllt war, griff er gern zu etwas Stärkerem. Noch stand der Branntwein griffbereit, mit dem er Rúna betäubt hatte, bevor er ihre Wunden ausbrannte. … ihre Wunden ausbrannte! Das Bild der sich aufbäumenden jungen Frau erschien erneut vor den Augen des trunkenen Steuermannes. Wollte sie ihn jetzt mit weiteren hilflosen Erinnerungen quälen? Er sah doch schon andauernd ihr entsetztes Gesicht vor sich, als er sie hatte gehen lassen! Thorstein trank! Die Bilder mussten doch zu verdrängen sein! Damals bei Snóts Tod hatte der Branntwein ihm doch auch geholfen. Oder nicht?
Mit kritischem Blick verfolgten die Hofbewohner das Treiben ihres Oberhaupts. Thorsteins Knechte waren loyal genug, dass sie auch ihrer Arbeit nachgingen, wenn sie keine direkte Anweisung bekamen. Doch Teitr ahnte, dass sie den Hof über kurz oder lang verlassen würden, käme Thorstein nicht zur Besinnung. Ohne Lohn und einen gemütlichen Ort, an den sie am Abend zurückkehren konnten, waren selbst die einfachen Tagelöhner nicht zu halten. Und auch dem Alten missfiel, wie sich sein Freund erneut gehen ließ. Sollte er nicht schon längst in Straumfjorður sein, um beim Einwintern der Ragnarsúð die Aufsicht zu führen und sich dabei nach Rúna umsehen? Teitr hatte die aufmerksamen Blicke des Jarls für die junge Frau deutlich genug gesehen. Ja, Ragnar war ein Freund! Doch wenn Thorstein so schnell aufgab, würde ihr Anführer sicher nicht zögern, sich das hübsche Mädchen auf sein Lager zu holen. Mochte Frigg da davor sein!

So kam der fünfte Tag nach Rúnas Weggang und Teitr ging die Geduld aus. Den zerzausten, ungewaschenen Mann mit den geröteten Augen konnte er nicht mehr länger in Schnaps und Selbstmitleid ersaufen sehen. Laut fluchend nahm er dem Jüngeren den halbvollen Tonkrug mit Branntwein aus der Hand und stellte ihn außerhalb der Reichweite des Steuermannes ab. Die Tonscherben auf dem ungefegten Boden des Wohnhauses sprachen deutlich davon, wie viel Thorstein schon in sich hineingeschüttet haben musste.
"Es reicht jetzt, Junge!", knurrte der Ältere und zog den schwankenden Steuermann ohne große Rücksicht auf die Beine. "Sieh zu, dass du an den Brunnen kommst und dir deinen Rausch aus den Augen spülst!" Ein Stoß in den Rücken des Betrunkenen brachte diesen dazu, in Richtung Ausgang zu stolpern und Teitr schob den Freund weiter, bis sie vor dem Brunnen angekommen waren. Dort ließ sich der Steuermann hilflos auf die steinerne Umrandung des Brunnenrandes fallen und starrte verständnislos auf den Boden.
" ´s macht keinen Unterschied mehr, ob ich dreckig oder sauber bin", lallte Thorstein mit schwerer Zunge. "Sie is´ weg un´ kommt bestimmt nich´ zurück!" 
Der Alte sah seinen Freund mitleidig an. "Du hast sie gern gehabt, nicht wahr?"
Der Steuermann nickte. "Sie war schön … war sie! Wirklich! So weiche Haare! … und so schöne Brüste!" Mühsam schaute Thorstein auf und blinzelte gegen die tiefstehende Sonne. "Aber ihre Augen, Teitr! Ihre Augen waren das Allerschönste an ihr!" Der Kopf des Mannes sank erschöpft herab. " 'Ich will alles, was du mit mir tun möchtest, Thorstein' hat sie gesagt." Der Steuermann schnaufte schwer. "Und dann hab ich DAS gemacht! Hab sie verprügelt, weil sie nach eurer Wolfsjagd geschlafen hat. Weil sie geschlafen hat, Teitr! Nur geschlafen!" Der Mann sank endgültig in sich zusammen und schien neben dem Brunnen beinahe wegzudämmern. Doch dann rappelte sich Thorstein erneut auf und versuchte im Gegenlicht das Gesicht seines Freundes zu erkennen. "Das wird sie mir nie vergeben, Teitr! Nie! Und deshalb kann ich trinken, so viel und so lang wie ich will. Sie kommt eh nicht mehr zurück!"

Doch der Freund sah die Dinge ein wenig anders. Während er nun den Eimer tief in den Brunnen hinabließ und diesen gefüllt wieder herauf wand, musterte er Thorstein eindringlich. "Ich glaube, darin irrst du dich, Junge", brummte er gutmütig. "Dafür hat sich Rúna nach jenem unsäglichen Morgen viel zu sehr an dich geklammert." Er hob den Eimer auf den Brunnenrand und prüfte die Wassertemperatur mit der Hand. Die eisige Kälte gefiel dem Alten. "Doch wenn sie dich jetzt so sehen könnte, würde sie sich sicher von dir abwenden. Wird Zeit, dass Du wieder zu dir kommst!"
Teitr packte den Kübel, holte schwungvoll aus und kippte das eiskalte Wasser über dem trunkenen Thorstein aus. Während sich dieser noch wie ein begossener Hund schüttelte und sich die Tropfen aus den verquollenen Augen wischte, hob der Alte schon den nächsten vollen Eimer über den Brunnenrand. Diesen jedoch stellte er nur vor seinem Freund ab. "Wasch dich jetzt, Junge!", wies er den Krieger an. "Danach reden wir in Ruhe. Es gibt nur zwei Dinge, die eine Frau wirklich nie vergeben würde." Ein fragender Blick traf den Redner, der ungerührt fortfuhr: "Wenn du sie gegen ihren Willen besteigst und wenn du ihr die Kinder wegnimmst, die sie geboren hat. Und du hast sie doch nicht gezwungen, bei dir zu liegen, Thorstein, oder?"
Stirnrunzelnd rief sich der so Befragte den Abend in Erinnerung, an dem er Rúna auf sein Lager geholt hatte. Hatte er seine Sklavin etwa gezwungen, bei ihm zu liegen? Doch so sehr er auch darüber nachsann und die Nacht in Frage stellte, er kam immer wieder auf die gleiche Antwort. Rúna hatte gern bei ihm gelegen. Sie war zärtlich zu ihm gewesen, beinahe so liebevoll wie Snót damals. Und im Taumel ihrer Ekstase hatte sie sich ihm leidenschaftlich hingegeben. Nein! Sie hatten es beide gewollt. Konnte Teitr denn Recht haben und es gab tatsächlich noch eine  Chance für sie beide? Wenn das so war, dann war seine Sauferei hier wirklich das Dümmste, was er hatte tun können.
Thorstein packte den vollen Wassereimer mit beiden Händen und goss sich das eiskalte Zeug über den Kopf. So frostig diese Wäsche auch war, sie eignete sich am besten, um schnell wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Und so fanden noch einige Scheffel Wasser den Weg aus dem Brunnen und verliefen sich nach und nach auf dem Hof. Der Steuermann aber war nach diesem 'Bad' deutlich entschlossener bei der Sache. Nachdem er sich abgetrocknet und neu eingekleidet hatte, saß er lange mit Teitr zusammen und schmiedete Pläne. Schon am Morgen des nächsten Tages wurde Hrimfaxi gesattelt und Thorstein machte sich auf den Weg nach Straumfjorður. Hier gab es jemanden, den er nicht so einfach gehen lassen konnte.

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    Wahre Freunde sind immer da - und wagen es, auch Unbequemes anzusprechen! Bravo Teitr!

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