Timo´s Ausraster

Der junge Mann stieg wieder ein und fuhr, nun vorsichtiger als zuvor, los. Er bog in die Straße ein, wo Laurena Ryan schon gemeinsam mit ihrem Freund erwartete. Ihr flammend rotes Haar war durch das grelle Licht der Laterne, unter der sie stand, schon von weitem erkennbar. Auf Ryans Gesicht kam ein leichtes Lächeln zum Vorschein, als er Laurena so musterte.

Der junge Mann hielt vor dem Haus an und wartete, bis Laurena und ihr Freund ins Auto einstiegen, während Ryan kurz in den Rückspiegel blickte und die ihm unbekannte Person misstrauisch beäugte.

„Laurena, wo möchtest du essen gehen? Hast du dir was ausgesucht?“, fragte der Fahrer ganz gelassen und blickte mithilfe des Rückspiegels sie an. Ryan verschwieg ihr, dass es ihm nicht gefiel, dass dieser Schmarotzer mitgekommen war. Statt seine ehrliche Meinung zu sagen, machte der junge Mann lieber, wie er es ohnehin gewohnt war, gute Miene zum bösen Spiel. Er legte den ersten Gang ein und fuhr langsam an.

„Nein, ich habe mir nicht wirklich Gedanken darüber gemacht, was wir essen könnten“, antwortete Laurena schließlich, „Hast du denn einen Vorschlag?”

Ryan legte den nächsten Gang ein und fuhr weiterhin betont vorsichtig, um den kleinen Zwischenfall von vorhin nicht zu wiederholen.

„Mir ist es egal, schlag du was vor“, meinte der Fahrer knapp, machte über das Touchpad die Musik aus und schaltete Waze ein, damit er das Navi einstellen konnte, sobald Laurena ihm sagte, wo es hingehen sollte.

„Wie wäre es mit chinesischem oder griechischem Essen?“, fragte Laurena. Daraufhin meldete sich ihr Begleiter zu Wort. „Chinesisches Essen mag ich nicht. Da gibt es doch eh nur Katzen- und Hundefleisch.“

Ryan musste sich bei der Bemerkung zusammenreißen, um nicht die Kontrolle über sich selbst und sein Mundwerk zu verlieren. Er verstand sowieso nicht, warum Laurena ihn mitgebracht hatte. Denn eigentlich war abgemacht gewesen, dass die beiden den Abend zu zweit verbringen, da es etwas zu bereden gab, was wichtig war und auch nur die beiden etwas anging.

Ryan bog in eine Kurve ein, als der bisher Namenlose wieder seine Stimme fand. „Wie wäre es mit Mc Donald’s, oder sowas in der Art?“

Der Fahrer trat bei dieser Aussage abrupt auf die Bremse und drehte sich, so weit wie es ihm möglich war, nach hinten, um den Fremden anzusehen.

„Also, ich bevorzuge schon etwas Ordentliches zum Essen und nicht so einen Fraß!“, entgegnete der junge Mann somit bissig.

Laurena musste bei dieser Bemerkung grinsen und versuchte zwischen den Streithähnen zu vermitteln, indem sie einfach vorschlug, dass die drei in ein Steakhaus gehen könnten. Denn, da würde schließlich jeder etwas finden, was er essen konnte.

„Kennst du denn ein Steakhaus, was du empfehlen könntest, Laurena?“, fragte Ryan und wurde noch während er seiner Frage stellte schon von dem Dritten im Bunde unterbrochen.

„Wie wäre es, wenn wir in das …?"

„Hat jemand die Null gewählt, dass du Kröte dich meldest?”, unterbrach Ryan ihn nun endgültig genervt. „Ich rede mit der Dame neben dir, nicht mit dir. Respekt war in deiner Kinderstube auch nicht gerade Gang und Gebe, oder? Aber statt sich mal selber vorzustellen, nervst du, mit dem was du magst und was du nicht magst. Bist du irgendwie ein kleiner Egomane oder so?“

„Ryan es reicht, du gehst zu weit!“, unterbrach Laurena ihn und Ryan verstummte.

„Sie hat es dir gegeben.", kam es lachend von hinten links.

„Du sei nun auch leise! Er hat eigentlich recht, dein Benehmen ist unter aller Sau!“

Laurena war sichtlich angefressen, aber das auch mit Recht.

„Also Laurena, hast du nun ein Steakhaus, wo du gerne hin möchtest? Oder soll ich einfach eins nehmen, das in der Nähe ist?“

Ryan schaute, während er sprach, nach, wo das nächstbeste Etablissement gelegen war, in dem sie würden essen können. Dazu benutzte er das acht Zoll Touchpad, sodass auch Laurena schauen konnte, ob sie was Interessantes fand.

„Wie wäre es mit Burger King? So ein Steakhaus ist teuer und du weißt, dass wir auf das Geld achten müssen.”

„Timo, es reicht! Es gibt heute mal nicht den Scheiß, den du haben willst. Wenn dir das verdammt nochmal nicht passt, steig aus und geh nach Hause!“ Ryan zuckte zusammen, als Laurena so plötzlich die Stimme erhob, um ein Machtwort zu sprechen. So aufgebracht kannte er seine Freundin wirklich nicht. „Also, wenn der Herr aussteigen möchte, soll er sich melden. Ich fahre gerne rechts ran und öffne ihm mit Vergnügen die Tür.“

Der Fahrer wusste, dass er damit Timo nur noch mehr provozierte, aber er selber freute sich eigentlich mehr darüber, als das er es bereuen würde, etwas gesagt zu haben.

„Ryan, hältst du bitte an?“

Der junge Mann nickte, setzte den Blinker und verlangsamte das Tempo auf Laurenas Wunsch hin. Sie stieg aus, ging um den hinteren Teil des Wagens herum und öffnete ihrem Begleiter die Tür.

„Los, steig aus! Ich habe dir von Anfang an gesagt, dass du hier fehl am Platz bist. Aber du wolltest mir ja wieder nicht glauben!“

Ryan öffnete die Autotür und wollte gerade aussteigen.

„Bleib sitzen“, fauchte Laurena ihn jedoch an, was ihn noch in der Bewegung erstarren ließ.

Der Angesprochene tat wie geheißen, drehte sich in seinem Sitz um und stützte sich dabei auf die Sitzlehne, um den beiden dazu zu schauen. Ryan machte selten was man zu ihm sagte, nur bei Laurena wusste er, warum er besser sitzen blieb.

„Was ist, wenn ich hier im Auto sitzen bleibe? Was willst du machen? Mich rausziehen und hier stehen lassen? Das würdest du nie machen, Schatz!", entgegnete Timo nur schnippisch. Ryan knurrte nur und wechselte dabei einen vielsagenden Blick mit Laurena. Diese wusste nun genau, was in seinem Innern vorging. Timo ging nun endgültig zu weit.

„Ryan, ganz ruhig“, sprach sie. Sie wusste genau, was das Knurren zu bedeuten hatte. Ryan nutzte es nur, wenn man in seinen Augen eine Grenze überschritten hatte, oder wenn er merkte, dass man ihn oder andere, die ihm nahe standen, bedrohte. Ihm war es nun egal, ob Laurena ihn dafür rügen würde. Der junge Mann stieg aus und stellte sich vor die Tür, hinter der Timo saß.

„Ich gebe dir nun zwei Möglichkeiten. Nummer eins: Du steigst freiwillig aus. Oder Nummer zwei: Ich helfe dir beim Aussteigen, aber nehme dann keine Rücksicht auf dich, solltest du den einen oder anderen Kratzer abbekommen. Für was davon entscheidest du dich also?“

Laurena wollte gerade etwas entgegnen, als der Herr auf der Rückbank auf einmal anfing zu lachen.

„Ich wähle die dritte Möglichkeit. Ich bleibe hier sitzen!“Timo schloss die Autotür und lachte weiter.

Aus heiterem Himmel begann Laurena zu weinen. Ryan reichte es nun endgültig. Er holte sein Handy aus der Tasche, ging ein paar Schritte von Laurena und dem Auto weg und führte kurz ein Telefonat.

Als er wiederkam, öffnete der junge Mann den Kofferraum und holte aus einer schwarzen Tasche zwei Kabelbinder und seine schwarzen Handschuhe raus, die er sich auch zügig überzog.

„Ich frage dich nun noch einmal. Kommst du freiwillig heraus?“

„Fick dich, du Bastard, du kannst mir gar nichts. Packst du mich an, hau ich dir deine Visage ein, da kannst du Gift drauf nehmen“, antwortete Timo bissig. Ryan schaute zu Laurena, die ihm zuflüsterte: „Sorry, dass Timo sich so verhält. Ich weiß nicht mal, warum er das jedes Mal macht.“

„Süße, mach dir nichts draus. Er denkt, dass er es nun geschafft hat, mich einzuschüchtern. Aber da hat er sich getäuscht. Ich kann nur nicht versprechen, dass er mein Auto unbeschadet verlassen wird.“

Laurena nickte nur und sie wusste, dass Ryan nun endgültig genug hatte.

„Sei bitte so vorsichtig, wie es nur geht. Du weißt, dass ich eigentlich Gewalt verabscheue, aber ich kann dich gerade echt verstehen.“

Ryan nickte und klopfte nochmal an das Fenster des Fords.

„Ich bitte dich nun das letzte Mal auszusteigen. Solltest du dieser Aufforderung nicht nachkommen, so werde ich dich mit Gewalt aus diesem Auto entfernen, dich fesseln und warten, bis die Polizei da ist, um dich dich dieser übergeben zu können. Hast du das verstanden?“

„Fick dich!“, entgegnete Timo, als fiele ihm nichts anderes ein.

Laurena ging, als sie diese Worte hörte, sehr weit vom Auto weg. Ryan näherte sich der Beifahrertür, öffnete das Handschuhfach und holte das Blaulicht heraus, das er aufgrund seiner Arbeit immer dabei hatte.

Als er um den Wagen gegangen war, platzierte er das Blaulicht auf dem Dach seines Wagens. Dann startete er den Motor und steckte den Stecker in den Zigarettenanzünder. Schlagartig wurde die Umgebung in ein blau blinkendes Licht getaucht.

Laurena wusste genau, was nun kommen würde und versuchte noch einmal zwischen den beiden Männern zu vermitteln. Leider jedoch ohne Erfolg.

Ryan schritt zur Autotür und öffnete sie. Wie dieser es vorausgesehen hat, schlug Timo nach ihm. Jedoch griff Ryan nach dem Arm seines Gegenübers, zog diesen aus dem Wagen, warf ihn auf den Boden und legte ihm die aus Kabelbindern bestehenden Fesseln an. Laurena schaute dabei einfach nur zu, wobei sie anschließend anfing, Timo zu maßregeln.

„Musste das echt sein? Weißt du eigentlich, wie peinlich das für mich ist?"

„Ich kann doch auch nichts dafür", gab Timo kleinlaut zurück.

„Halt lieber den Mund, bevor du heute Abend noch mehr sagst, was du im Nachhinein bereuen wirst. Also mehr, als was du bisher schon verzapft hast“, unterbrach Laurena ihn, als sie selber unterbrochen wurde von dem vorbeifahrenden Polizeifahrzeug.

„Moin! Meyer mein Name, von der Polizei Hamburg. Das ist meine Kollegin Fischer. Was ist hier vorgefallen?“, kam es von dem Herrn, der aus dem blau-weißen Wagen ausstieg und auf die drei Leute, die dort beieinander standen, zuging.

Ryan holte seinen Dienstausweis hervor, den er stets bei sich trug, noch während er erklärte: „Mein Name ist Ryan Kurokawa. Ich habe Sie angerufen, weil ich hier ein, sagen wir nettes Paket für sie habe. Der Herr hier wollte das Auto nicht freiwillig verlassen, da habe ich von mein Hausrecht Gebrauch gemacht.“

„Fick dich, du Assi!“, fauchte Timo.

„Wie Sie hören, hat er eine sehr gute Kinderstube gehabt. Da er mir auch gedroht hat, habe ich zum Schutz meiner bescheidenen Person, und der Dame zu meiner Linken, dem Herrn Handschellen angelegt.“

„Wenn ich diese Dinger hier los bin, dann prügle ich so lange auf dich ein, bis dir deine Lunge mit eigenen Augen anschauen kannst!“

„Jetzt ist Ruhe!“, schritt Meyer, der Polizist, ein und schaute dabei Timo sehr eindringlich an.

„Hier haben sie erst mal den Dienstausweis wieder, ihre Daten haben wir notiert. Ich bitte Sie nun, das Blaulicht vom Dach ihres Autos zu nehmen. Schließlich sind Sie in zivil und brauchen dieses für heute nicht mehr. Den Herrn hier zu unseren Füßen werden wir erstmal in Gewahrsam nehmen, denn das hat so keinen Sinn.”

Timo hörte die ganze Zeit über, während sich die beiden Herren unterhielten, nicht auf zu fluchen und drohen. Die Polizisten nahmen den Gefesselten in ihre Mitte und führten ihn in Richtung des Streifenwagen ab.

Laurena schaute zu Ryan; sie schien erleichtert zu sein, jedoch war nicht sicher, weshalb. Ryan ging wieder zu seinem Auto und nahm, wie der Polizist es gefordert hatte, das Blaulicht vom Dach um es wieder zu verstauen.

Die junge Frau setzte sich auf den Beifahrersitz, sprach aber kein Wort. Ryan wandte ihr ruhig den Blick zu.

„Willst du noch etwas essen oder soll ich dich direkt nach Hause fahren?“

Sie gab keine Antwort, sondern starrte nur auf ihr Handy.


Comments

  • Author Portrait

    Sehr schön.

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media