Tod im Palais

Sonntag. Gut eine Woche war vergangen, seit Selina in mein Leben getreten war. Das hatte alles verändert. Ich hatte das Leben eines erfolgreichen Erfinders geführt. Jedoch ohne mich meiner grössten Errungenschaft rühmen zu können. Ein Leben, zweifellos nicht ohne Komfort, aber ohne Liebe. Trotz meiner Erfolge und meiner guten gesellschaftlichen Position, war ich nicht glücklich gewesen. Ich stand morgens auf, um den Tag nicht zu verschlafen, ich atmete um nicht zu ersticken und ich aß um nicht zu verhungern. Die größten Höhepunkte waren ein paar Stunden allein in meinem Wohnzimmer oder meiner Bibliothek ein Buch zu lesen und ein Glas ausgesuchten Rotweins zu trinken. Als Silvia mich verlassen hatte, war etwas zerbrochen in mir. Möglicherweise, war es sogar gut gewesen, so schwer verletzt worden zu sein, weil ich dadurch all meine Kraft dafür aufwenden musste, wieder gesund zu werden und ein "normales " Leben führen zu können. Ein Leben ohne Liebe, ohne Höhepunkte. Manchmal verbrachte ich das ganze Wochenende in meinem Labor und erfand aus Langeweile Dinge von deren Vermarktung man leben hätte können, doch ich brauchte kein Geld mehr und ich hatte keine Lust auf das Theater mit dem Patentamt.
Dann trat diese charismatische wunderschöne Frau in mein Leben. Auf eine Art und Weise, mit der niemand rechnen konnte. Und in nur zwölf Stunden hatte sie mein gebrochenes Herz zusammengefügt zu einem Vulkan an Gefühlen und für sich beansprucht. Ich, der nicht mehr wusste, wie sich Liebe anfühlt, erfuhr in einer der schlimmsten Wochen meines Lebens die große Liebe. Eine Liebe von derartiger Intensität dass sie all meine Vorstellungen bei Weitem übertraf. Selina lag neben mir und atmete ruhig. Ich sah ihr verliebt zu dabei und kämpfte mit der Angst, diese Frau irgendwann wieder zu verlieren. Ich erinnerte mich genau an meine Worte in der ersten Nacht, in der sie mich fragte, wie ich über "UNS" denken würde. "Dann hätte ich noch mehr Angst um dich!"
Sie spürte wohl, dass ich sie beobachtete, denn sich schlug die Augen auf und lächelte. "Du hast keine Ahnung, wie lieb ich dich hab, mein verrückter Erfinder!"  Ich zog sie in meine Arme. Sie fühlte dass ich zitterte. "Was ist mit dir Liebling?" Ich hielt sie fest. "Ich hab furchtbare Angst, dich zu verlieren. Wir sind so weit gekommen. Es sieht so aus, als würde endlich alles gut. Ich würde es nicht verkraften, dich zu verlieren, Selina!" - " Aber Liebling, ich werde dich nicht verlassen! Niemals! Du hast doch schon erlebt, wozu ich fähig bin, wenn dich mir jemand nehmen will." Sie küsste und streichelte mich. Du bist so stark und klug. Du hast das Unmögliche möglich gemacht. Alles wird gut, Michael, weil ich nicht eine Sekunde an dir gezweifelt habe und du darfst das auch nicht!" - "Du hast wahrscheinlich recht, Kleines. Ich hab mein ganzes Leben noch nie so wahnsinnig geliebt und ich war noch nie so glücklich, weißt du? Das macht mir Angst!" 
Es war an der Zeit, aufzustehen und während einer (gemeinsamen) Viertelstunde im Bad brachte mich Selina in einen euphorischen Zustand, der mich die Ängste vergessen ließ. Wir gingen gemeinsam in die Küche, wo Maria gerade Frühstück für uns zubereitete und Georg Zeitung las. "Guten Morgen! Maria, was machen sie denn? Heute ist Sonntag. Haben sie denn niemals frei?" - "Aber es macht mir doch nichts aus, Frühstück für sie zu machen. Das macht mir sogar Spaß!" auch Georg meldete sich zu Wort. "Es ist schön, wieder für jemanden da sein zu können. Wir sind sehr froh, dass sie wieder ins Palais gezogen sind Frau Bücker! Das gilt natürlich auch für sie!" Er sah mir in die Augen und ich freute mich über die Ehrlichkeit, die aus ihnen sprach. "Ich bin auch sehr froh darüber und ich weiß ihre Fürsorge zu schätzen. Ich hatte nicht geglaubt mich so bald so wohl zu fühlen. Vielen Dank für alles." - "Ich hoffe, es ist ihnen recht, dass ich unseren Wachen auch Kaffee gemacht habe und Brötchen mit  Butter?" - "Aber natürlich Maria. Das liegt in ihrem Ermessen, wie sie das handhaben. Da verlassen wir uns ganz auf ihr Gefühl." Maria freute sich offensichtlich über ihre Entscheidungsfreiheit. Max rief an. Er fragte, ob er kommen sollte, aber ich war der Meinung, er solle den Sonntag genießen.
Noch während ich auflegte, hörten wir Schüsse! Ein Türschlagen an der Haustür und innerhalb Sekunden stand Viktor hinter Selina und hielt ihr eine Waffe unter das Kinn. Die beiden standen keinen ganzen Meter vor mir. Georg war aufgesprungen, traute sich aber auch keine Bewegung mehr zu machen. Wir standen Machtlos vor den Beiden. Viktor sah furchterregend aus. Die leere Augenhöhle hatte sich offenbar entzündet und musste ihm brutale Schmerzen bescheren. Vermutlich hatte er deshalb den Entschluss gefasst trotz des hohen Risikos endlich zuzuschlagen und mit uns in den Tod zu gehen. Zwei der Wachen stürzten zur Tür herein, mussten aber, angesichts der Geiselnahme ihre Waffen auf den Fußboden legen. "Jetzt nehm ich mir dein Täubchen vor, Montar! Ich werd sie langsam töten! Sie muss ein wenig leiden. Ich töte sie erst mit der vorletzten Kugel, mein Freund. Damit du auch noch etwas von dem Schauspiel hast. Die letzte Kugel ist für dich." - "Ich bring dich um du Drecksau!" presste ich hervor. Er lachte dreckig. Er leckte über Selinas Gesicht. Wohin möchtest du die erste Kugel, Süße? In den Fuß? Er wollte die Waffe nach unten richten. Selina reagierte blitzschnell, packte seine Waffenhand und warf ihn mit einem Judogriff über ihre Schulter. Während sie nach vorn sprang landete ich bereits auf Viktor.  Dass er die Waffe noch in der Hand hielt, merkte ich gar nicht. Ich kniete praktisch über seinem Bauch und schlug ihm mit aller Kraft , allem Zorn, der mich seit Jahren verfolgte und mit all der Angst um Selina die Faust ins Gesicht! Und wieder und wieder. Ich spürte den Schmerz in meiner rechten Hand nicht! Ich spürte wie ein Knochen nach dem Anderen in diesem fiesen Gesicht brach; sein Kopf wieder und wieder auf dem Pflaster aufschlug und ich spürte wie mich die Polizisten von dem Schwein herunterzogen und auf mich einredeten; und ich spürte Selina, die mich umarmte und küsste und zurückdrängte an die Wand... Und dann wusste ich, dass es vorbei war... Viktor hatte verloren! 

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