Tommy


Voll freudiger Erwartung, endlich Silvias Sohn wiederzuseh‘n, fuhr ich nach Selinas Anweisungen die zweite Einfahrt hinunter in die kleine Siedlung. Seine Oma mütterlicherseits, die ich persönlich nie kennengelernt hatte, war informiert. Selina hatte die beiden seit Silvias Tod finanziell unterstützt, weil Tommy sonst in ein Heim gekommen, oder zur Adoption freigegeben worden wäre. Frau Weber hatte kaum Einkünfte, weil sie ja wegen Tommy nur Teilzeit arbeitete. Ich war sehr gespannt auf die beiden. Selina und ich hatten angedacht, ihn, sofern er das wollte, nach unserer Hochzeit und einer ausgiebigen Beschnupperungszeit eventuell zu adoptieren. Noch aber, stand in den Sternen, was da auf uns zukam. Endlich standen wir vor dem kleinen Reihenhaus. Ich atmete nochmal kräftig durch und stieg aus dem Rover. Selina läutete. Frau Weber, eine sehr gepflegte Frau in den Sechzigern öffnete und begrüßte uns. Selina stellte mich vor und Frau Weber hatte offenbar nur Gutes von mir gehört, denn sie freute sich, dass ich mich auch um Silvias Sohn kümmern wollte. „Silvia hat sie sehr geliebt, Herr Montar. Sie hat sehr darunter gelitten, sie aufgegeben zu haben!“ – „Ich auch, Frau Weber, ich auch…“ Tommy, komm doch mal! Du hast Besuch! Ich erkannte ihn sofort. „Hallo Tom!“ Ich streckte ihm die Hand entgegen. Er musterte mich kühl. „DU?“ Er machte keine Anstalten, mir die Hand zu reichen! „Was willst du von mir? Du hast uns alleine gelassen! Du warst  für mich sowas wie mein Papa! Und dann hast du uns alleine gelassen. Mama hat jede Nacht geweint! Jede Nacht, über ein Jahr!“ – „Aber Tom, ich..“ – „Lass es! Dafür gibt es keine Entschuldigung! Früher hab ich so viel mit ihr gelacht! Du hast ihr jede Freude genommen! Sie war nur noch traurig. Dann wurde sie krank. Wo warst du, als sie starb? Wo warst du? Ich will dich nie mehr sehn, hörst du? Nie mehr! Verschwinde einfach!“ Selina und Frau Weber sahen Tommy bestürzt an, während mich jedes Wort wie ein Peitschenhieb traf. Jedes Wort war wie ein Stich in ein gebrochenes Herz… Ich drehte mich wortlos um und ging vor die Haustür. Es war, als hätte man mir den Boden unter den Beinen weggezogen. Alles in mir fühlte sich leer an. Selina versuchte ihm zu erklären, dass Silvia es war, die mich verlassen hatte. „Ach was! Und dann hätte sie jede Nacht um ihn geweint? Hältst du mich für dumm? Hat er sie wegen dir verlassen? Sag‘s mir! Du kannst auch gleich gehen!“ – „Aber…“ – „ Haut bloß ab! Ich brauche euch nicht. Sag ihm, er soll sich nie mehr hier blicken lassen!“ Frau Weber war natürlich ganz aus dem Häuschen. „Er hat mir nie gesagt, dass er glaubt, sie seien von Michael verlassen worden. Ich bin immer davon ausgegangen, dass Silvia ihm die Wahrheit gesagt hätte…! Er wollte nie mit mir über die Zeit bei Michael reden!“ Tommy hatte sich umgedreht und war wieder in sein Zimmer gegangen. Wenigstens, so dachte er sich, hab ich ihm die Meinung gesagt, dem Arschloch! Frau Weber kam vor die Haustür und versuchte, das Verhalten ihres Enkels zu entschuldigen. „Er kann nichts dafür, Frau Weber, er hat offensichtlich über die Hälfte seines Lebens in dem Glauben gelebt, ich hätte die beiden im Stich gelassen.“ Sagte ich tonlos. „Herr Montar, ich schwöre ihnen, dass ich das nicht wusste! Er wollte nie mit mir über die Zeit mit ihnen reden. Ich habe das respektiert, aber ich habe nicht gewusst, dass er von falschen Voraussetzungen ausgeht!“ „Selina, es wär mir lieber wenn du fährst. Frau Weber, ich glaube ihnen, aber ich kann im Moment keinen klaren Gedanken fassen. Ich habe die beiden sehr geliebt! Beide. Ich wollte Silvie bald einen Antrag machen und Tommy war für mich praktisch mein Sohn. Ich hätte nie geglaubt, noch einmal so zu lieben, aber Selina hat mich eines Besseren belehrt.“ – „Ich weiß, sie ist eine wunderbare Frau.“ Ich schüttelte Frau Weber die Hand und ging zur Beifahrertür. „Wir werden sie natürlich weiter unterstützen. Der Junge kann ja nicht dafür…“ Ich stieg ein und schnallte mich an. Ich hatte wohl die  ganze Strecke kein Wort gesagt. Als Selina den Wagen geparkt hatte, gingen wir ins Wohnzimmer. Selina legte ihre Hände um meinen Hals. „Ich wusste es nicht, Michael. Ich hätte dir das gern erspart.“ – „Ich weiß, Liebes. Ich bin so froh, dass ich DICH habe.“ Sie hielt mich eine Weile ganz fest. „Ich weiß, er ist noch ein Kind und er war falsch informiert, aber er hat dich mit jedem Wort verletzt! Ich hab es gespürt…“ Selina schien genau zu wissen was ich fühlte. Wie gut sie mich schon kannte. Es ist schon sonderbar, wie eng uns die gemeinsamen Erlebnisse verbunden hatten. Sonderbar aber unglaublich schön… „ Ja, er hat mich wirklich mit jedem einzelnen Wort verletzt und das wollte er auch, aber er ist erst elf und er konnte nicht anders. Das tut mir am meisten weh, dass er wirklich glaubt, was er sagt. Ich musste mich zusammenreißen um nicht zu heulen!“ „Irgendwann wird ihm klar werden, dass er unrecht hatte.“ Versuchte sie mich zu trösten. Dann hauchte sie mir einen Kuss auf die Wange. „Noch ist nicht aller Tage Abend Michael. Und du hast ja mich. Und Ich liebe dich mehr als du dir vorstellen kannst!“

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