Unbeherrschbarer Zorn

Thorstein jedoch wurde von den halblauten Scherzen seiner Knechte geweckt. Erstaunt stellte er fest, dass die Sonne bereits ihre Strahlen durch die schmalen Rauchabzugsspalten seines Hauses schickte. Hatte er wirklich so lange geschlafen, dass die Männer bereits ohne ihn beim Frühmahl saßen?
Hastig sprang er vom Lager, stieg in Hose und Skjorta(1)  und ließ sowohl Wadenwickel als auch Kyrtel weg. Heute würde er sich einzig den Arbeiten auf dem Hof widmen, dafür benötigte er nicht mehr als einfache Kleider.
Sich mit den Händen durch das  ungeordnete Haar fahrend, trat er dann hinter der halbhohen Trennwand hervor, die sein Lager vom Wohnbereich abteilte. Mit Erstaunen musste er feststellen, dass die Männer sich offenbar selbst hatten versorgen müssen, denn im Gegensatz zu dem sonst ordentlich gedeckten Tisch mit Schalen für Milch und frischem Brot lag nur der gestrige Laib auf dem Tisch und die Knechte schnitten sich Speck von einer angefangenen Seite ab, die sie auf die blanke Tischplatte gelegt hatten. So oft wie Thorstein diese Art des Tagesbeginns schon gesehen hatte, so unverhofft traf sie ihn an diesem Morgen.
"Wo ist Rúna?", fragte er ungehalten. "Sollte sie nicht längst mit dem Melken fertig sein?" Die Knechte zuckten nur unwissend mit den Schultern und einer von ihnen ließ sich zu einer knappen Antwort herab: "Keine Ahnung, wo deine Sklavin sich rumtreibt, Thorstein. Wir haben sie jedenfalls noch nicht gesehen. Vielleicht glaubt sie, heute Feiertag zu haben?"
Die Männer lachten in gutmütigem Spott, nicht ahnend, was dieser bei ihrem Herrn auslöste. In Thorstein aber ballte sich unbändiger Zorn zusammen. War das die Folge ihres nächtlichen Beilagers, dass sie sich nun Freiheiten herausnahm, die ihr nicht zustanden? Die Wut im Herzen des Kriegers schäumte. So hatte er das braunhaarige Mädchen nicht eingeschätzt. War er ihr auf den Leim gegangen mit ihrem schüchternen Getue und ihrer scheuen Art? Doch vielleicht gab es gute Gründe, die Rúna von ihren Pflichten fern hielten? Thorstein stürmte zur Tür hinaus. Er würde sie suchen und herausfinden, was sie abhielt, sich pünktlich um das Frühmahl zu kümmern.
Der erste Weg des Steuermanns führte ihn zu der kleinen Grubenhütte, in der Rúna oft arbeitete. Hier duftete es verlockend nach frischem Käse, Hopfen und trocknenden Kräutern, doch ansonsten war der kleine kühle Raum leer. Thorstein fluchte. Dann tat er, was am logischsten war - er sah bei ihrem Lager im Stall nach. Schon auf dem Weg dorthin fiel ihm aus, dass die Tür leicht offenstand. Der Duft nach Heu drang bis auf den Hof, doch konnte er den wütenden Mann nicht beruhigen.
Schon als dieser eintrat, sah er, was er eigentlich nicht hatte sehen wollen. In der Ecke, in der sich die letzten Strohgarben des vorigen Jahres stapelten, lag Rúna und schlief. Sie lag auf dem Bauch, ihre nackten, erstaunlich schmutzigen Füße zeigten zu ihm und auch, als er sie halblaut anrief, erwachte sie nicht.
Thorsteins schäumende Wut ließ nicht zu, dass der Mann gründlich nachdachte, bevor er zu dem ledernen Strick griff, der griffbereit an einem Haken hing, damit man mit ihm Pferde oder Kühe im Stall anbinden konnte. Er nahm das Seil doppelt, so wie er es ergriffen hatte und stieß dann Rúna heftig mit dem Fuß in die Seite, während er das Leder auf ihren Rücken niederfahren ließ. Dabei brüllte er sich seinen Zorn von der Seele, ließ sie hören, was er von einer faulen Metze wie ihr hielt.
Rúna hatte keine Zeit, um wirklich zu sich zu kommen. Der stechende, reißende Schmerz, der auf ihren Rücken niederging, das Erwachen an einem Ort, von dem sie gar nicht mehr so richtig wusste, warum sie dort geschlafen hatte, Thorsteins wütende Anschuldigungen - das alles nahm sie wie durch einen Schleier wahr, den das Brennen auf ihrem Rücken über sie zog. Wimmernd, schreiend, verständnislos ließ sie den Zorn Thorsteins über sich ergehen.
Erst nach zehn oder zwölf harten Schlägen hatte sich der Steuermann soweit beruhigt, dass er bereit war innezuhalten. Noch einmal stieß er den Fuß in Rúnas Seite, dann hagelte es Befehle für die zusammengekrümmte Frau.
"Du wirst jetzt ins Haus hinüber gehen und den Männern ihr Frühmahl zubereiten. Danach erwarte ich, dass du den Schweinestall ausmistest und das Lager der Männer in der Scheune in Ordnung bringst. Bevor das getan ist, wirst du dich nicht reinigen oder umziehen. Erst danach hast du Zeit und wirst dich am See waschen. Bis zum Abend hast du ein Essen zubereitet und wirst es pünktlich und in sauberem Zustand auf den Tisch bringen!"
Thorstein wartete noch die leise gewimmerte Zustimmung ab, dann ging er siegesbewusst zurück zu seinen Männern.
"Das Essen kommt gleich", versicherte er wortkarg und gab vor, nicht zu bemerken, wie die drei Knechte ihn stumm musterten.

Ebenso stumm nahmen sie später das Brot und Bier in Empfang, das Rúna ihnen reichte. Dabei sah sie keinem von ihnen ins Gesicht, obwohl niemandem entgangen war, was Thorstein getan hatte. Die dünne, aus Schilf geflochtene Wand, die das Haus vom Stall trennte, hatte weder den Klang der Schläge noch Thorsteins Geschrei gedämpft. Schon das verweinte, verschlossene Gesicht des Mädchens tat den Knechten leid. Sie alle mochten die freundliche junge Frau gern und genossen, was sie ihnen vorsetzte genauso wie ihre kleinen Scherze, wenn sie zusammensaßen.
Jetzt war von der fröhlichen Ungezwungenheit der letzten Wochen nichts mehr zu spüren und als Rúna sich schließlich abwandte und hinausging, konnte jeder der vier Männer die blutigen Streifen auf ihrem zerrissenen Untergewand erkennen, dort, wo Thorsteins Schläge sie besonders hart getroffen hatten. Der älteste der drei Knechte sog scharf die Luft ein, als er sah, was der wütende Hofbesitzer mit ihr gemacht hatte. Forschend mustere er den Jüngeren, doch dieser schwieg.
Auch Thorstein hatte die blutigen Striemen gesehen und fast tat es ihm leid, so grob zu Rúna gewesen zu sein. Doch nun war es nicht mehr zu ändern. Ihre leisen Worte aus der vergangenen Nacht kamen ihm in den Sinn: 'Ich will alles, was du mit mir tun möchtest.' So hatte sie sich das sicher nicht vorgestellt … und er auch nicht.
Unwillig wischte sich Thorstein über das Gesicht. "Was sitzt ihr hier noch herum?", fuhr er die Knechte an. "Macht, dass ihr an die Arbeit kommt!"
Das ließen sich die drei Männer nicht zweimal sagen. Froh, dem heute so ungastlichen Morgenmahl entkommen zu sein, gingen die Knechte los, um die Getreideernte wieder aufzunehmen. Und während Rúna unter Schmerzen Thorsteins Befehlen nachkam, goss sich dieser erst einmal neues Bier in sein Trinkhorn.  Doch selbst der leichte Alkohol des Getränks konnte ihn nicht ruhiger stimmen. Immer wieder kreisten seine Gedanken um die vergangene Nacht und den unwirklichen Morgen. Rúnas leerer Blick, der fest auf die Tischplatte gerichtet war, als sie ihm eingeschenkt hatte, ging ihm nicht aus dem Sinn. Warum nur war sie ihren Pflichten nicht mehr nachgekommen, nachdem er sie zu sich aufs Lager geholt hatte? War sie wirklich so berechnend, dass sie glaubte, er müsse sie nun schonen, nur weil sie sich von ihm besteigen ließ? Thorstein raufte sich den Bart. Wie hatte er nur denken können, dass eine Sklavin seine Snót ersetzen würde?

Der Steuermann musste hinaus. Vom Haken an der Hauswand griff er sich eine Axt, dann ging er hinter die Scheune, um Holz zu spalten und dabei hoffentlich den Kopf frei zu bekommen. Kraftvoll trennte er die vorgesägten Rollen in kleine Scheite und fühlte sich nach einiger Zeit tatsächlich freier und lockerer. Seine ganze Konzentration galt dem Hauklotz und seiner Axt, ansonsten hätte er vielleicht bemerkt, wie Rúna im glitschigen Auslauf der Schweine ausrutschte und rücklings in den von Dung gesättigten Dreck fiel. Doch wer weiß, ob es ihn überhaupt gestört hätte?
Mühsam kam die junge Frau wieder auf die Beine. Der feuchte Schlamm, der durch den Sturz in die frischen Wunden gelangt war, brannte wie Feuer. Rúna wusste eigentlich, dass sie sich schleunigst waschen musste, um zu vermeiden, dass ihre Wunden anfingen zu eitern. Doch noch immer war die Angst vor dem unberechenbaren Thorstein viel zu groß, als dass sie es gewagt hätte, gegen seine Befehle zu verstoßen. Erst musste sie den Mist noch wegbringen und sich um die Unterkunft der Knechte kümmern …
Was hatte sie nur getan, dass Freya sie derartig strafte? War sie nicht bemüht gewesen, Thorsteins Besitz zu verteidigen, als sie für ihn gegen die Wölfe gekämpft hatte? War sie ihm nicht widerstandslos zu Willen gewesen? Ja, sie hätte nicht verschlafen dürfen, darin gab sie ihrem Herrn vollkommen recht. Und doch war da ein Funke Zorn in ihr, dass Thorstein ihr keinerlei Erklärung für ihr Versagen zugestanden hatte.
Noch immer rollten ihr die Tränen über da verschmierte Gesicht, als sie den Karren mit dem stinkenden Schweinemist entlud. Dabei wollte sie stark sein, wollte daran denken, dass Ragnar ihr die Freiheit versprochen hatte, wenn sie nur fünf Jahre auf dem Moorseehof diente. Doch heute erschien ihr diese Zeit wie eine Ewigkeit. Konnte sie überhaupt so lange hier überleben? Und war dieses unsichere Versprechen von Freiheit es überhaupt wert, dass sie sich dem unberechenbaren Steuermann weiter beugte? Jetzt, in diesem Moment der Schmerzen und der Demütigung kam Rúna der Tod fast verheißungsvoller vor. Im Reich von Hel würde sie frei sein. Und wenn Thorstein wie alle anderen Krieger nach Walhalla ging, um dort auf Ragnarök zu warten, würde sie auch ihn nie mehr wiedersehen müssen.

Die Zeit verging schleppend. Rúna brauchte für jede ihrer Arbeiten viel länger als sonst, weil sie die Schmerzen nicht klar denken ließen. Nachdem sie endlich auch in der Scheune für Ordnung gesorgt hatte, ging sie schließlich mit einem Bündel frischer Kleidung den Weg zum See. Die Sonne hatte den Zenit bereits überschritten und sie würde sich beeilen müssen, wenn sie das Abendessen rechtzeitig auftragen wollte. Also wusch sie sich nur kurz und nachdem sie ihr zerrissenes Unterkleid ausgespült hatte, machte sie sich auf den Rückweg.
Während Thorstein Holz aufschichtete und Rúna auf dem Weg zum See war, traf Teitr auf dem Moorseehof ein, Skinfaxi mit sich führend. Der Alte wollte dem verletzten Hengst ein paar Tage Ruhe im Stall gönnen, damit sich die Wolfskratzer nicht durch das sonst unvermeidliche Wälzen auf der Weide entzündeten. Und er wollte Rúna zwei der Wolfszähne schenken, die er dem erlegten Raubtier gezogen hatte. Das Fell würde er gerben und es ihr zur Wintersonnenwende überreichen.
Teitr war so stolz auf die junge Frau. Immerhin war sie es gewesen, mit deren Hilfe er Thorsteins Hengst gerettet hatte.
Lächelnd band er das Pferd vor dem Stall an und machte sich auf die Suche nach Thorstein.

(1)Skjorta - schwedisch: das Hemd oder Untergewand. Darüber trugen die Männer das Übergewand - kortel / kyrtel - und einen Mantel oder Überwurf.

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Ja, ich versteck mich ja schon hinter der Tastatur!
Aber habt ihr wirklich gedacht, dass es Friede-Freude weitergehen könnte?
Nun, da sich auch bei Saewicingas wieder mehr tut, würde ich mich ganz BESONDERS über eure Rückmeldungen freuen - sonst macht das Schreiben doch gar keinen Spass!!
Eure Sophie

Comments

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    Argh! Ich glaube, ich mag Thorstein doch nicht mehr! >:( Das ist total fies... :(

  • Author Portrait

    Du versteckst dich zu recht, Sophie! Das ist ja furchtbar! Nein, Friede Freude Eierkuchen habe ich nicht erwartet. Aber dass Thorstein gleich so den Verstand verliert, tut weh...

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