Unbezwingbar

Der Mann sah den Jungen, der vor ihm stand, verächtlich an. Er trug einen blauen Umhang, auf dem ein großer Stern mit einem Auge in der Mitte abgebildet war und eine leichte weiße Lederrüstung. In seiner Hand hielt der Junge einen hölzernen Stab, der an der Spitze um einen kleinen blauen Stein gewachsen zu sein schien. Neben ihm stand ein etwas jüngeres Mädchen, welches denselben Umhang trug, wobei ihrer mit einer Kapuze versehen war, welche sie sich über den Kopf gezogen hatte. Lange braune Haare quollen darunter hervor. Unter dem Umhang blitzte eine weiße Uniform hervor, welche der des Jungen sehr ähnelte, bloß dass ihre in einen Rock überging und sie dafür deutlich höhere Stiefel trug. Von ihrem Gürtel hing ein kleines Schwert. "Ihr zwei wollt mir also sagen, dass ihr ganz alleine hierhergekommen seid, ohne Hilfe, um mich zu verhaften?", fragte der Mann und hob drohend seinen silbernen Stab an, welcher an der Spitze einen lupenreinen Rubin eingesetzt hatte. "Ja, das ist so ziemlich das, was ich gerade gesagt habe", antwortete der Junge ihm. Der Mann sah ihn sauer an. Was für eine Frechheit! Er war einer der mächtigsten Totenbeschwörer des Landes und trotzdem hielt man ihn für so unbedeutend, dass man nur diese beiden erbärmlichen Möchtegern-Abenteurer schickte? "Es war ein Fehler von euch, hierherzukommen! Ich bin Faustus, der mächtigste und letzte Zauberer, der jemals euren Weg kreuzen wird! Strahl des Untergangs!", rief er und richtete seinen Stab auf die beiden. Der dunkle Plasmastrahl, der im nächsten Moment auf die beiden zuschoss, ließ die gesamte Ebene vor ihm in die Luft gehen.
Der Staub legte sich und John konnte den Mann nun wieder sehen, der ihn ungläubig anstarrte. "Was um alles in der Welt? Das ist unmöglich! Kein Schutzzauber dieser Erde kann einen solchen Strahl aufhalten!", rief er. "Ja stimmt. Darum habe ich auch keinen gewirkt", antwortete John und beutelte den Staub aus seinen Klamotten. "W-was für ein Level hat deine Rüstung, dass sie so etwas standhalten kann?", fragte der Magier stotternd. "Eine ganz normale Lederrüstung. Die Antwort auf deine Frage, warum ich unversehrt bin ist viel einfacher. Deine Attacke war einfach zu schwach." Der Mann riss die Augen auf. "Ich bin Level einhundert. Meine HP beträgt zirka fünfhunderttausend, wobei pro Sekunde zwanzigtausend HP-Punkte regeneriert werden. Also war deine Attacke nicht stark genug", erklärte John ihm ruhig. "Zugegeben, nach deiner ruhmreichen Vorstellung habe ich mir mehr erwartet. Vielleicht bist du ja in der Defensive besser. Lichtball." Mit diesen Worten schoss ein Ball gebündelten Lichtes aus seinem Stab und traf Faustus, der keuchend zu Boden ging. Der Kampf war beendet.
John sank auf die Knie. "Das kann doch nicht wahr sein", flüsterte er. "Ist…ist alles in Ordnung Meister?", fragte das Mädchen ihn vorsichtig. "Alles bestens Marilyn. Ich bin nur etwas verzweifelt, dass es schon wieder nur einen Zauber gebraucht hat", beruhigte er sie. "Oh, okay. Ich hole dann mal die Pferde, wenn Ihr es erlaubt." John nickte und das Mädchen lief los, während sich der Junge langsam wieder aufrappelte. Er blickte auf seinen Stab, in dem die gesamte Macht seiner zweiten Form lag. Er hatte sich dazu entschlossen, dass er in dieser Welt lieber als er selbst agieren möchte. Als er hier ankam war er etwas überrascht, dass diese Welt aufgebaut war, wie ein RPG-MMO-Game. Durch seine Kräfte hatte er das höchste Level, seit er hier angekommen war und so machte er sich auf die Suche nach Abenteuern und Spannung, was allerdings nicht wirklich möglich war, weil er jeden seiner Gegner mit nur ein oder zwei Zaubern besiegen konnte, während er selbst fast nie Damage nahm. Er hatte schnell herausgefunden, dass die menschliche Rasse in dieser Welt normalerweise nicht über Level vierzig kommen konnte. Nur wenige Rassen, wie zum Beispiel die Feuerdrachen, Waldgeister oder die Erzengel schafften es bis Level neunzig, weshalb sie von den anderen Rassen auch als junge Götter verehrt wurden. Die einzigen Wesen, die stärker waren, als diese drei Rassen, waren die alten Götter, doch diese waren schon seit einigen Jahrtausenden ausgestorben. John wollte diese Aufmerksamkeit nicht und entschied sich stattdessen für ein Leben als einfacher Abenteurer, um nicht aufzufallen. Dementsprechend war er auch sehr froh über seine Entscheidung, diesmal in seiner menschlichen Gestalt zu leben.
Seine Gedanken wurden unterbrochen, als Marilyn mit ihren beiden Pferden zurückkam, die sie sich für diese Mission geliehen hatten. Gemeinsam hievten sie den bewusstlosen Magier auf eines der Tiere, anschließend schwang sich John auf das andere und half Marilyn dann hinauf. Das Mädchen setzte sich hinter ihn und hielt sich an ihm fest, so wie sie es immer taten. John nahm die Zügel des einen Pferdes in die eine und die anderen in die zweite Hand. So ritten sie langsam zurück in die große Hauptstadt des Fürstentums, in dem sie sich gerade befanden. "Meister, darf ich eine Frage stellen?", fragte Marilyn von hinten. "Natürlich", antwortete er ihr. "Warum seid Ihr eigentlich immer so enttäuscht, wenn Ihr stärker seid? Jeder andere würde sich freuen." "Weißt du Marilyn, das Problem ist, dass es ziemlich langweilig wird, wenn man unbezwingbar ist. Es fehlt einfach der Nervenkitzel", erklärte er ihr. "Ich verstehe. Verzeiht bitte diese dumme Frage." John drehte sich halb um und grinste sie an. "Nicht doch! Es ist immer gut, Fragen zu stellen", beruhigte er sie und sie lächelte erfreut, dass sie ihn nicht verärgert hatte.

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