"Und ich werde auf dich warten!"(A)

Thomas' Sicht:

Fassungslos und geschockt stand ich im Vorzimmer. Susanne starrte genauso wie ich auf den Boden. Fragen über Fragen quälten mich. Ich lauschte, ob ich Grace vielleicht weinen hören würde oder sonstiges. Aber es war totenstill. Man hätte eine Stecknadel fallen hören. "Ähm. Susanne?" Mit leeren Blick sah sie auf. "Ich verstehe es ehrlich gesagt nicht. Ich dachte Grace' Mum würde das Kind erst bekommen." Gespannt wartete ich auf ihre Antwort. Doch die kam nicht. Sie fing an heftig zu weinen und setzte sich auf den Boden. "Sie... hat das Kind vor ein paar Tagen geboren... Sie heißt Stephanie... Und... sie waren in einem....armen Land.... Dort gab es...fast keine Hygiene... und da ist sie... bei der Geburt...." Immer noch schluchzend brach sie ab. Ich verstand sie nur zu gut. Ich setzte mich neben sie und wartete. Immerhin war ihre Schwester gestorben. "Und was ist jetzt mit ihrem Vater? Muss Grace zu ihm ziehen?" Ich ließ ihr Zeit. Irgendwann beruhigte sie sich wieder ein bisschen.

"Marcus wollte eigentlich, dass Grace zu ihm zieht und ihm hilft. Danach hat er mit mir gesprochen. Ich sagte, dass er sie nicht aus ihrer Heimat heraus reißen kann. Also haben wir vereinbart, dass ich gehe." Erstaunt über ihre Aufopferung schwieg ich erst mal eine Weile.

Plötzlich öffnete sich die Tür.



"Grace?", fragte ich vorsichtig und betrat den Raum. Sie saß auf einem der Hocker, ihre Augen waren rot und geschwollen. Als Grace mich ansah erkannte ich Schmerzen, Trauer und Schuldgefühle. "Thomas", flüsterte sie. Etwas mutiger ging ich zu ihr und nahm sie in den Arm. Doch sie drückte mich sanft weg. "Es... Es tut mir leid. Ich wollte nicht so... ausrasten." Mit einem Schulterzucken setzte ich mich neben sie. Susanne setzte sich gegenüber von uns. "Also... Wann werde ich hinfliegen?", fragte Grace mit einer ruhigen und bestimmten Stimme. "Du wirst nicht fliegen!" Sie antwortete nicht. Susanne fing an zu erklären.

Doch Grace wollte nicht. "Nein. Ich werde fliegen. DU hast hier deine Arbeit, deinen Mann! Dein ZUHAUSE!" "Und du nicht? Was ist mit der Uni, mit deinen Freunden? Was ist mit THOMAS?" Ich senkte den Blick. Ich wollte kein Grund sein. Die beiden fingen an heftig zu streiten. "Susanne?", fragte ich, doch sie hörte mich nicht. "Susanne!". sagte ich nun etwas lauter. Dieses Mal hörten sie auf. "Lass uns bitte kurz allein." Sie nickte und ging. Ich setzte mich Grace gegenüber und suchte ihren Blick, doch sie wich aus. "Grace. Willst du nach Europa? Wenn ja, dann will ich nicht der Grund sein, dass du hierbleiben musst." Sie schwieg und eine Träne glitzerte auf ihrer Wange. "Willst du?"

"Es ist nicht so, dass du mir nichts bedeutest und das weißt du. Aber ich habe meinen Vater Jahre nicht gesehen und meine... Schwester noch nie. Ich will meinem Vater zur Seite stehen." Ihre indirekte Antwort wollte nicht in meinen Kopf hinein gehen. Ich musste mich zusammen reißen. Es war ihre selbstständige Entscheidung. "Also willst du fliegen?" Tränen liefen ihr still herunter als sie nickte.

"Ich werde fliegen." Sie stand auf und ging Richtung Tür. "Es tut mir leid." "Warte!", rief ich. Sie blieb stehen und sah mich an. Ich ging zu Grace, zog sie näher und küsste sie. Ich spürte ihre Wärme, ihre Tränen und ihren Schmerz. Als wir uns voneinander lösten legte ich meine Stirn an ihre und sah ihr tief in die Augen.

"Ich liebe dich. Ich werde dich immer lieben. Und ich werde auf dich warten!" Sie nickte und lächelte schwach. "Ich werde dich auch immer lieben. Und es wird kein Tag vergehen, an dem ich dich nicht vermissen werde!" Ich lächelte ebenfalls. Ohne ein weiteres Wort verschwand sie hinaus.

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