Undankbare Dankbarkeit

Unentschlossen starrte Hermine in den weißen Schaum, der sie einhüllte. Sie brannte darauf, mit Ginny über Snape zu diskutieren, ihr Fragen zu stellen, ihr zu erzählen, wie er sich ihr gegenüber verhalten hatte. Sie wollte wissen, was dieser Mann im Schilde führte. Doch die wenigen Momente, welche sie mit ihr alleine sein konnte, waren zu kostbar, um dieses Thema zu diskutieren. Zu wichtig war es, dass sie ihre Zeit nutzten, um einen Plan zum Sturz von Voldemort zu entwickeln.

"Wenn man Snapes Aussagen trauen kann, dann wird Voldemort nicht vor Mitte Dezember nach England zurückkehren."

Überrascht schaute Hermine zu der auf einem Stuhl neben ihr sitzenden Ginny auf. Ihre Freundin hatte ihr die Entscheidung abgenommen und ohne Umweg das Thema eröffnet, das wirklich wichtig war. Und noch etwas verwirrte sie: "Snape weiß das? Soweit ich es im Hause Malfoy mitbekommen habe, weiß dort keiner, was genau der Dunkle Lord macht und wann er seine Rückkehr plant."

"Kein Wunder", erwiderte Ginny, "laut Snape ist Lucius Malfoy noch immer nicht wieder in den engeren Todesserkreis vorgedrungen. Dass Malfoy damals als zweiter seine Sklavin wählen durfte, lag offensichtlich nur daran, dass Snape sich für ihn eingesetzt hatte. Und offensichtlich hatte er vorgehabt, deine Jungfräulichkeit gewinnbringend zu verkaufen ... also nicht nur für Gold, sondern im Zweifelsfall auch für einen Gefallen. Er wollte dich nutzen, um in der Gunst hochrangiger Todesser zu steigen..."

Hermine schloss die Augen. Sie erinnerte sich an den Abend, als das Angebot unterbreitet worden war, ebenso wie sie sich daran erinnerte, wie sie in einem Gespräch mit ihrem Herrn mitbekommen hatte, dass er sie verkauft hatte. Warum er ausgerechnet Snape ausgewählt hatte, erschloss sich ihr jedoch nicht - immerhin war die Beziehung der beiden Männer von jeher recht gut gewesen, Lucius Malfoy musste eigentlich nicht um dessen Gunst betteln. Unwillig schüttelte sie den Kopf, um sich zur Ordnung zu rufen.

"Wir haben keine Zeit, über Snape oder Malfoy zu philosophieren... weißt du noch irgendetwas, was uns nützlich sein könnte?"

"Nicht wirklich", meinte Ginny langsam, "in Hogwarts geht wohl alles seinen gewohnten Gang ... das bedeutet, vollständige Kontrolle durch die Lehrer, nur reinblütige Schüler. Wer es auch nur wagt, so genanntes gefährliches Gedankengut zu äußern, wird hart bestraft."

"Nur reinblütige Schüler? Da gibt es vermutlich kaum genug, um einen Jahrgang zu füllen."

"Snape hat die Häuser zusammengelegt, es haben jetzt also alle Schüler eines Jahrgangs gemeinsam Unterricht. Die Lehrer haben damit deutlich mehr Freizeit und entsprechend mehr Möglichkeiten, die Schüler zu kontrollieren."

"Hogwarts ist also für uns verloren...", sinnierte Hermine traurig. Sie hätte am liebsten vor Verzweiflung geweint - nichts war mehr so, wie es früher gewesen war. Es gab keine Verbündeten mehr auf dieser Welt, welche nicht selbst Sklaven waren. Ein Gedanke schoss ihr plötzlich durch den Kopf: "Wie steht es eigentlich um die Muggel? Weiß die Welt, dass es uns ... also, dass es Zauberer gibt?"

Ginny schüttelte den Kopf: "Nein. Soweit ich das verstanden habe, arbeitet Voldemort gerade daran, in anderen, wichtigen Ländern Allianzen zu schmieden, um eine weltweite Zaubererherrschaft zu ermöglichen. Immerhin geht in vielen anderen Ländern immer noch alles seinen gewohnten Gang..."

"Unvorstellbar. Wissen die denn nicht, was hier los ist?"

"Doch, sicher", erwiderte Ginny zynisch, "aber sie wollen sich nicht mit Voldemort anlegen. Wie drückte Snape es aus? Solange die Zauberer in anderen Ländern die Füße still halten, wird sich Voldemort nicht um sie kümmern."

"Aber er wird sich jawohl kaum mit der ganzen Welt gleichzeitig anlegen können! Wenn sich die anderen zusammenschließen würden ..."

"Unmöglich, Hermine", unterbrach die junge Frau sie, "dazu ist die ganze Lage zu unübersichtlich. Es gibt überall auf der Welt Anhänger des Reinblut-Gedankens. Niemand weiß, wie seine Bekannten wirklich dazu stehen. Erinnere dich nur an die erste Herrschaft von Voldemort - sein größter Triumph war das allumfassende Misstrauen, das alle Zauberer ergriffen hat. Niemand traute mehr seinem Nachbarn, selbst Familienmitglieder haben sich gegenseitig verraten. Und ... der Orden des Phönix ist tot."

Erneut schloss Hermine die Augen, hielt den Atem an und tauchte tief in das heiße Wasser der Badewanne ein. Für einige Momente genoss sie das Gefühl der allumfassenden Wärme, dann tauchte sie wieder auf.

„Genug mit dem Gerede über das, was schlecht aussieht und was wir nicht tun können.“ sagte sie entschieden, „Lass uns lieber nachdenken, was für Möglichkeiten wir haben.“

"Denkst du, dass alles sich ändern wird, wenn Voldemort tot ist?"

"Tja ... vielleicht nicht sofort, aber ich denke, ohne Voldemort wird es niemanden geben, der alle zusammenhalten kann."

"Also müssen wir einen Weg finden, zuerst Nagini und dann ihn selbst zu töten", fasste Hermine zusammen. Doch ehe sie fortfahren konnte, öffnete sich die Tür und Snape trat ein: "Lucius ist informiert, Ich werde mit Ihnen zum Anwesen der Malfoys apparieren und zum Mittag bleiben. Miss Weasley, sorgen Sie dafür, dass Miss Granger noch eine warme Mahlzeit bekommt, ehe sie uns verlässt."

Bevor eine der beiden Frauen reagioeren konnte, hatte Snape die Tür bereits wieder geschlossen. Erneut herrschte Stille in dem kleinen Badezimmer.

"Du gehst schon heute?", flüsterte Ginny schließlich. Hermine nickte traurig: "Es gab eben einen kleinen Zwischenfall ... ich habe Snape provoziert und das scheint nun seine Reaktion zu sein."

Ohne Vorwarnung brach Ginny in Tränen aus: "Gott ... Hermine ... ich war so blind! Snape war freundlich und respektvoll zu mir ... die ganze Zeit! Es ist, als habe ich in den letzten Wochen vergessen, wer er ist ... was er getan hat! Ich habe hier gelebt, ohne Angst, ohne Vorstellung darüber, was andere erleiden könnten! Es war, als wollte ich nicht sehen, wer oder was er ist!"

Mitfühlend drückte Hermine die Hand ihrer Freundin: "Mach dir keine Vorwürfe, ich verstehe dich ... man lebt in einer kleinen Welt, die nur aus dem Todesser, der einen gefangen hält, und einem selbst besteht ... da vergisst man irgendwann, was außerhalb des Hauses geschieht."

"Ich habe Angst, Hermine!", schluchzte Ginny, "Was, wenn Snape ... auch mit mir ..."

"Denk nicht daran, Ginny! Ich will nicht, dass ich dich als kleines Häufchen Elend zurücklasse!", redete Hermine beruhigend auf sie ein, "Was-wäre-wenn-Gedanken bringen uns nicht weiter, sie lähmen uns nur. Du bist stärker als ich, lass dich jetzt nicht von Sorgen erdrücken!"

oOoOoOo

Nachdenklich stieg Snape die Treppe hinunter. Er hatte genug gehört. Es war kein Wunder, dass diese beiden Frauen Angst vor ihm hatten, ebenso wie er hätte erwarten sollen, dass Ginevra Weasley ihm künftig mit Misstrauen und Scheu begegnen würde - trotzdem ärgerte ihn dieser Umstand. Es hatte seine Gründe, warum er keinen Hauselfen hielt und bisher alleine gelebt hatte. Er schätzte die Ruhe in seiner Wohnung, die Möglichkeit, ungestört seinen Gedanken nachzuhängen, zu lesen, sich zu bilden. Der Umgang mit anderen Menschen oder menschenähnlichen Wesen barg immer die Gefahr in sich, dass es Missverständnisse geben würde, dass er rücksichtsvoll sein müsste, Kompromisse schließen oder sich dem Willen anderer beugen müsste. Er war schon immer schlecht gewesen in allem, was soziale Kontakte so mit sich brachten. Es war beinahe lachhaft, dass ausgerechnet der Dunkle Lord ihn nun dazu brachte, sich dauerhaft mit einem anderen Menschen auseinanderzusetzen, zu versuchen, dessen Gefühle zu verstehen und rücksichtsvoll zu sein. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er sich keine Sklavin ausgesucht. Aber er wusste, dass das keine Option gewesen wäre.

Mit starrer Miene betrat er sein Wohnzimmer und schaute seine immense Bücherwand an. Es hatte zwei Gründe gegeben, warum er sich für die junge Weasley entschieden hatte - einer war, dass er sie als sehr unkomplizierte Frau eingestuft hatte, die ihm am wenigsten von allen zur Last fallen würde. Rückblickend fragte er sich, ob nicht Hermine Granger die bessere Wahl gewesen wäre. Doch er kannte die Antwort darauf selbst: Sie wäre in jeder Hinsicht noch schlimmer gewesen. Ihre Intelligenz und Wissbegierde waren schon zu Zeiten, als er noch ihr Lehrer gewesen war, manchmal unerträglich gewesen, und die Tatsache, dass sie neben Klugheit auch noch ein unfassbar hohes Maß ein Einfühlsamkeit mitbrachte, erinnerten ihn nur zu sehr an eine andere Frau, die er einst geliebt hatte.

Langsam ließ er sich in den Sessel vor dem Kaminfeuer sinken. Er war der treueste Anhänger Voldemorts, den die Welt je gesehen hatte - warum waren es immer ausgerechnet Schlammblüter, die sein Interesse weckten? Sicher, er war selbst auch kein reinblütiger Zauberer, doch solange sich der Dunkle Lord nicht daran störte, würde diese Tatsache sicher nicht publik. Über seine Zuneigung zu Lily Evans hatte Voldemort nur gelacht, eine Geschmacksverirrung, basierend auf Kindheitserinnerungen und ihrem manipulativen Wesen. Eine zweite solche "Geschmacksverirrung" würde er sicherlich nicht so leicht abtun, Treue hin oder her.

Dennoch konnte er nicht abstreiten, dass er wissen wollte, was im Hause Malfoy vor sich ging. Wieso brachte Lucius seine Sklavin zu ihm, damit sie gesund wurde? Wieso kümmerte er sich nicht selbst darum? Und warum war sie überhaupt erst in diesen Zustand lebensbedrohlicher Unterkühlung geraten? Er erinnerte sich daran, dass er die Erregung seines Kollegen deutlich gespürt hatte, als dieser Greyback und Granger beobachtet hatte. War etwas zwischen ihnen geschehen, das Lucius danach bereute? Hatte er sie loswerden wollen? Aber warum sollte er sie dann nachträglich doch retten? Wie schon öfter hatte er das deutliche Gefühl, dass hinter den alten Wänden des malfoy'schen Anwesen irgendetwas ganz und gar nicht stimmte.

Leise Schritte von der Treppe her sagten ihm, dass Ginny sich auf dem Weg in die Küche befand. Offensichtlich hatte sie noch länger mit Hermine gesprochen - ihre Zuversicht, den Dunklen Lord eigenhändig stürzen zu können, war bewundernswert, aber töricht. Snape wusste zu gut, dass es jetzt keine Möglichkeit mehr gab, um etwas an dem endgültigen Sieg zu ändern - es sei denn, es schlössen sich plötzlich mehrere Todesser zusammen, doch das war unwahrscheinlich. Junge Sklavinnen, noch dazu ohne Zauberstab, würden seinem Herrn sicherlich nicht gefährlich werden können.

Ein weiteres Paar Schritte war auf der Treppe zu hören und kurz darauf setzte sich Hermine Granger neben ihn. Interessiert nahm Snape zur Kenntnis, dass sie kerzengerade auf dem Sessel am Feuer saß und stur in die Flammen starrte. Daran änderte sich auch nichts, als sie leise anfing zu sprechen.

„Ich möchte mich bei Ihnen bedanken. Sie haben mir das Leben gerettet. Es kann nicht wiedergutmachen, was Sie zuvor getan haben und ich werde es Ihnen nie verzeihen. Aber ich weiß, dass ich nicht mehr leben würde, wenn Sie sich nicht bereit erklärt hätten, mir zu helfen. Ich kenne die Gründe nicht, ich befürchte sogar, sie sind nicht so nobel, wie die Handlung selbst, aber ich erkenne trotzdem an, dass Sie mir geholfen haben. Ich könnte nicht damit leben, irgendwie in Ihrer Schuld zu stehen oder meine Dankbarkeit nicht zum Ausdruck gebracht zu haben, deswegen sage ich Ihnen das hier jetzt. Danke.“

Hermine atmete tief durch. Sie hatte sich, nachdem Ginny das Bad verlassen hatte, diese Worte sorgfältig überlegt. Sie hatte gewusst, dass sie Snape danken musste – nicht nur, weil es die Situation vielleicht erforderte, sondern auch, weil sie selbst nicht damit hätte leben können, ihren Dank nicht ausgesprochen zu haben. Ihre abgrundtiefe Abneigung gegen ihn vertrug sich nicht mit dem Gefühl, ihm etwas zuschulden oder ihm dankbar sein zu müssen, und so hatte sie entschieden, ihren Dank direkt auszusprechen und die Sache so aus der Welt zu schaffen. Nach diesen Worten würde sie wieder mit ruhigem Gewissen dem Gefühl der Abneigung nachhängen können.

Scheu blickte sie nun doch zu dem Mann neben ihr auf, der noch immer keine Antwort gegeben hatte, und war schockiert über den Ausdruck auf seinem Gesicht. Es schien, als habe sie ihm eine Maske heruntergerissen, denn sie konnte deutlich seine Emotionen lesen – Überraschung, Unglaube, Wut und … Hermine war sich nicht sicher, was sie da sah, es schien beinah, als läge so etwas wie Wärme in seinen Augen. Schnell jedoch glätteten sich seine Gesichtszüge wieder und seine Stimme klang abweisend, als er sprach.

„Sie müssen mir nicht danken, Miss Granger, vor allem nicht auf diese … undankbare Art und Weise.“

Hermine konnte nicht glauben, was sie da hörte. Sie hatte sich überwunden und diesem Mann ihre Dankbarkeit ausgedrückt, und statt dass er anerkannte, wie schwer ihr das gefallen sein musste, begegnete er ihr mit Kälte und Spott? Wütend erwiderte sie: „Ich bin dankbar! Wäre ich es nicht, hätte ich es nicht gesagt! Aber Sie können wohl kaum von mir erwarten, dass ich … dass ich deswegen weniger Hass auf Sie verspüre!“

Erneut schien es Hermine, dass sie mit ihren Worten einen empfindlichen Punkt getroffen hatte, denn wieder konnte sie für einen kurzen Moment den Hauch von Wut über sein Gesicht huschen sehen.

„Sie müssen mir nicht mehrfach am Tag sagen, wie sehr Sie mich hassen und verachten. Wenn Sie nicht mehr als das zu sagen haben, halten Sie am besten den Mund!“, fuhr er sie an, und ehe sie zu einer scharfen Erwiderung ansetzen konnte, bedeutete er ihr mit einer harten Handgeste, dass er seinen Befehl sehr ernst meinte. Vor Wut kochend starrte Hermine wieder in die Flammen. So sehr sie auch die Gegenwart von Ginny genoss und die Tatsache, dass sie hier anständiges, warmes Essen bekam – sie vermisste die rücksichtsvolle Art von Lucius Malfoy, seine starken Arme, die ihr Trost spendeten.

Abrupt richtete sie sich wieder kerzengerade auf. Sie vermisste ihren Sklavenhalter?

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