Etwas angetrunken, aber für die Uhrzeit und den Anlass noch erstaunlich nüchtern, schlossen wir die Haustür hinter uns und stellten uns auf die Straße. Nichts mehr los, nur vereinzelt kamen noch ein paar Radfahrer vorbei, die wohl auf dem Weg nachhause waren. Ansonsten herrschte totenstille, wo vor ein paar Stunden noch Musik gedröhnt hatte. Die Stimmung war mit Einbruch der Dunkelheit etwas gekippt und wir hatten Witze gemacht, dass wir alt würden. Früher hätten wir noch bis in die Morgenstunden auf irgendeiner Party abgehangen, aber jetzt war niemand mehr so richtig in Feierlaune. Um nicht vollständig in Trübsal zu verfallen hatten wir beschlossen den Abend ausklingen zu lassen und noch etwas durch die Stadt zu schlendern. Die Sterne über uns strahlten an einem wolkenlosen Nachthimmel.
Die Straße am Hügel hinunter, an Reihenhäusern mit dunklen Fenstern vorbei zum alten Skaterplatz. Wir erinnerten uns, wie wir dort einmal stundenlang im Regen auf den Rampen gelegen und über alles mögliche geredet hatten. Ohne Zwänge und scheinbar ohne Sorgen.
Der Zaun war nicht hoch (und das Tor nicht abgeschlossen, wie wir später feststellen sollten), und so waren wir schnell wieder an der gleichen Stelle wie damals.
Die glatten, aus Beton gegossenen Rampen fühlten sich hart in unserem Rücken an, aber das war uns egal. Wir machten es uns so gut es ging gemütlich und starrten in den Himmel. Die Sterne waren gut zu sehen, so gut wie schon lange nicht mehr. Zumindest glaubten wir das, wir hatten schon lange nicht mehr so aufmerksam in den Himmel geschaut wie in dieser Nacht.
Plötzlich verschwanden alle verbliebenen Geräusche der Stadt um uns herum. Alles was blieb war das Zirpen und Summen und Quaken der vielen kleinen Tiere im Gebüsch. In diesem Moment wurde uns klar, dass wir in unserem Herzen immer noch die Kinder vom Land waren, und dass das Leben in der Großstadt, so wie wir es uns ausmalten, vielleicht doch nicht das Richtige für uns war. Wann könnte man in der Großstadt so viele Sterne sehen? Die Ruhe und die Geräusche der Natur genießen? 
Den Blick nach oben gerichtet wurde uns zum ersten Mal bewusst, wie bedeutungslos all diese Pläne im Angesicht des großen Ganzen waren. Dort oben lag das Weltall, und wir mittendrin. Millionen von Sternen, jeder davon eine Sonne, so hell, vielleicht sogar heller, als unsere. Unser Blick ging in die Tiefe und obgleich unsere Gehirne es nicht erfassen konnten, glaubten wir einen Teil der Unendlichkeit wahrzunehmen.
Was waren schon Erfolg und Reichtum im Vergleich zu diesem Anblick? Früher, als es noch keinen Fernseher, kein Internet gab, da saßen die Menschen nachts beisammen und beobachteten genau wie wir die Sterne und gaben ihnen Namen.
Wer nimmt sich heute noch Zeit dafür? "Die Menschen streben nach Geld und Reichtum und sterben dabei ohne Fantasie", heißt es in einem Lied der deutschen Band AufBruch.
Am Ende des Tages sind es solche einfachen Dinge, die wirklich glücklich machen. Denn egal was die Zukunft auch bringt, solche Dinge kann einem niemand nehmen, man muss sie sich auch nicht verdienen. Sie sind einfach da, immer und für jeden. Man muss nur hinsehen.

Comments

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    Einfach nur wunderschön. Die Atmosphäre ist toll :) 5/5

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    Ich würde den Text übrigens gern auf Facebook teilen. Wäre das ok?

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    Ein wunderschöner und so wahrer Text! Du hast das wunderbar in Worte gekleidet! 5/5 was sonst!

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    Immer wieder eine Freude von dir etwas zu lesen. :)))))

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