Unerwartete Einmischung

Der März näherte sich seinem Ende und mit ihm auch der Winter. Obwohl das Wetter eisig blieb, bescherte der einsetzende Frühling den Schülern in Hogwarts doch einen sonnigen Tag nach dem anderen. Hermine wünschte, sie hätte das Wetter ebenso genießen können wie ihre Hausgenossen, doch das Gegenteil war der Fall. Die Last der Hausaufgaben, die Vorbereitungen auf die Apparier-Prüfung, ihre heimlichen Treffen mit Draco, die dank der Überwachung durch die beiden Hauselfen jetzt noch schwieriger geworden waren, all das raubte ihr jegliche Muße, das Schloss zu verlassen. Stattdessen vergrub sie sich Tag ein, Tag aus in der Bibliothek, mal, um ihre Hausaufgaben zu machen, mal, um mehr über Horkruxe zu erfahren. Noch immer war es Harry nicht gelungen, von Professor Slughorn die nötige Erinnerung zu bekommen, und seine Besessenheit mit Draco führte dazu, dass er sich nicht wirklich anstrengte.

Es war ein besonders schöner Nachmittag Anfang April, der all ihre Freunde mal wieder ins Freie gelockt hatte, an dem Hermine beschloss, sich endlich einen Ruck zu geben, um mit Snape zu sprechen. Er hatte ihr in einem Aufsatz in Verteidigung gegen die dunklen Künste eine Woche zuvor ein E gegeben, obwohl sie ihrer Meinung nach deutlich mehr als nötig geleistet hatte – und sich diesmal sogar an die vorgegebene Länge gehalten hatte. Innerlich zitternd, aber entschlossen, machte sie sich auf den Weg zu seinem Büro.

Es dauerte lange Sekunden, in denen sie beinahe ihren Mut wieder verlor, ehe auf ihr Klopfen ein sehr mürrisches „Herein!“ erklang. Tief atmete Hermine durch, dann öffnete sie die Tür und trat ein.

„Miss Granger“, wurde sie von Snapes scharfer, von Ungeduld getränkter Stimme begrüßt: „Womit verdiene ich Ihren Besuch?“

Sie war sich sicher, dass er nur zu genau wusste, warum sie ihn aufgesucht hatte, doch sie zwang sich, höflich zu bleiben: „Ich komme, um mit Ihnen über unsere letzte Hausaufgabe zu sprechen.“

„Ah“, kommentierte er trocken, während er endlich seine Schreibfeder aus der Hand legte und ihr einen Platz vor seinem Schreibtisch anbot: „Sie sind nicht zufrieden mit ihrem E?“

Sie schluckte, setzte sich aber dennoch und legte ihre Pergamentrolle vor ihm auf den Tisch: „Ein E ist normalerweise durchaus zufriedenstellend in einem Fach, welches Sie unterrichten, doch ich habe mir für den Aufsatz über Inferi mehr Mühe als sonst gegeben, um ein O zu erreichen. Ihre Anmerkungen zu meinen Aufsätzen sind leider stets sehr knapp, so dass ich in diesem Fall nicht nachvollziehen konnte, wie Sie zu Ihrer Einschätzung gekommen sind.“

Langsam faltete Snape seine Hände vor sich auf dem Schreibtisch: „Sie zweifeln meine Kompetenz in der Bewertung einfacher Schulaufsätze an?“

Entsetzt hielt Hermine die Luft an. Wieso musste er direkt zum Angriff übergehen, nur weil sie mehr Gründe für ihr E haben wollte? Entschlossen, nicht unter seinem scharfen Blick einzuknicken, schüttelte sie den Kopf: „Das habe ich weder gesagt, noch gemeint, Sir, und Sie sollten wissen, dass ich jeden Lehrer in Hogwarts respektiere. Ich komme zu Ihnen, um zu lernen und zu verstehen, was nötig ist, um ein O zu erreichen.“

Einen Moment lang hielt Snape ihren Blick fest, starrte sie ausdruckslos an, ohne auch nur zu blinzeln. Dann, in einer Geste, die Hermine niemals von ihm erwartet hätte, rieb er sich in offensichtlicher Erschöpfung den Nasenrücken und sank zurück in seinen Stuhl. Seine Stimme hatte alle Schärfe verloren, als er erwiderte: „Ich habe weder die Zeit, noch den Nerv, irgendwelche Schulaufsätze so intensiv zu lesen und zu kommentieren, dass jeder noch so dämliche Schüler versteht, was ich von ihm will. Denken Sie wirklich, Miss Granger, dass ein O in einem einzelnen Aufsatz Ihnen in Ihrer nahen Zukunft irgendetwas bringen wird?“

Schon wollte sie zu einer scharfen Erwiderung ansetzen, doch die Art, wie Snape eine Augenbraue hochzog und sie bedeutungsvoll anschaute, ließ sie verstummen. Natürlich, er hatte ja Recht. Es stand Krieg bevor und sie alle sollten sich darum Gedanken machen. Schulnoten würden vermutlich in den nächsten Jahren keine so große Rolle spielen. Und dass jemand wie er, der als Spion für Professor Dumbledore arbeitete, Besseres zu tun hatte, als sich stundenlang intensiv mit Schulaufsätzen zu beschäftigen, leuchtete ihr augenblicklich ein.

Sie fühlte sich plötzlich sehr naiv.

„Miss Granger“, unterbrach Snape ihre Gedanken, als könne er lesen, was in ihr vorging: „Ein O in einem Aufsatz bei mir braucht etwas mehr als lediglich die Recherche in verschiedenen Büchern. Ich sehe hier, dass Sie über die vorgeschriebene Lektüre hinaus noch ein Werk von Mutler und eines von Rankin hinzugezogen haben. Ihnen wird aufgefallen sein, dass diese beiden Autoren sich in einigen Details widersprechen, doch Sie haben kein Wort dazu verloren. Wenn Sie ein O wollen, greifen Sie diese Debatte auf, nehmen Stellung und erklären in fundierten Argumenten, warum Sie dem einen oder anderen zustimmen.“

Mit offenem Mund starrte sie ihn an. Nun fühlte sie sich noch dümmer als zuvor. Natürlich, er hatte im Unterricht immer wieder gesagt, insbesondere zu ihr, dass er nicht viel davon hielt, wenn man bloß Gelesenes wiedergibt. Auf die Idee, tatsächlich eine eigene Meinung zu entwickeln, war sie trotzdem nie gekommen. Sie war ja bloß eine Schülerin, welches Recht hatte sie … doch sofort unterbrach sie auch diesen Gedanken. Es ging ja gar nicht darum, den einen oder den anderen Autor schlecht zu machen, sondern eher zu zeigen, dass man Argumente verstehen, gewichten und eigenständig anwenden konnte. Sie nickte langsam, um Snape zu zeigen, dass sie ihn verstanden hatte.

„Natürlich, Sir“, flüsterte sie, während sie sich von ihrem Stuhl erhob: „Ihre Anforderungen sind völlig legitim. Ich entschuldige mich, dass ich Ihnen Ihre wertvolle Zeit gestohlen habe.“

Sie drehte sich gerade um, da hielt seine Stimme sie zurück: „Ich bin noch nicht fertig mit Ihnen, Miss Granger.“

Auf der Stelle drehte sie sich wieder um, überrascht, dass Snape selbst das Gespräch in die Länge zog, und noch verwirrter, als sie sah, dass er selbst von seinem Schreibtisch aufgestanden war: „Sir?“

Er kam hinter seinem Schreibtisch hervor, die Arme vor der Brust verschränkt, und baute sich drohend vor ihr auf. Was nur hatte sie getan, dass er plötzlich, nachdem er eben noch so einzigartig freundlich zu ihr gewesen war, sie feindlich gesinnt schien?

„Ich kam nicht umhin“, sagte er mit leiser Stimme und so bedrohlich, dass Hermine eine Gänsehaut über den Rücken lief, „Ihre Freundschaft mit Draco Malfoy zu bemerken.“

Entsetzt schlug Hermine sich die Hand vor den Mund. Mit einem Angriff aus dieser Richtung hatte sie nicht gerechnet.

„Ich mag zwar für das Haus Slytherin verantwortlich sein, doch normalerweise mische ich mich nicht in Angelegenheiten zwischen den Schülern ein, solange es nicht zu Handgreiflichkeiten kommt“, fuhr Snape fort, noch immer mit demselben gefährlich leisen Tonfall: „Aber in Ihrem Fall muss ich einschreiten. Ist Ihnen klar, was Ihre Freundschaft zu Mr. Malfoy bedeutet?“

Sie schluckte. Was wusste Snape? Wie viel konnte sie ihm anvertrauen? Was sollte sie überhaupt sagen? Vorsichtig erklärte sie: „Ich hätte gedacht, dass es im Interesse aller ist, wenn gerade zwischen Gryffindor und Slytherin Freundschaften entstehen.“

„Verkaufen Sie mich nicht für dumm“, herrschte Snape sie ungeduldig an: „Sie wissen ganz genau, dass eine Freundschaft zu Mr. Malfoy mehr ist als eine bloße Freundschaft zu irgendeinem anderen Jungen aus Slytherin.“

„Weil er ein Todesser ist?“

Die Worte waren raus, ehe Hermine sich kontrollieren konnte, und sofort bereute sie es. Snapes Augen verengten sich und er packte sie hart an beiden Oberarmen: „Was wissen Sie?“

Ungläubig starrte sie zu ihrem Professor empor. Sie konnte nicht glauben, dass er es wagen würde, ihr gegenüber gewalttätig zu werden, doch seine Hände klammerten sich wie Schraubstöcke um ihre Arme. Mühsam unterdrückte sie eine aufsteigende Panik: „Ich … ich weiß gar nichts, Sir. Es ließ sich nicht vermeiden, dass ich das Mal sehe …“

„Es ließ sich nicht vermeiden?“, Snape schrie beinahe, als er ihre Worte wiederholte: „Sie glauben wohl wirklich, ich wäre ein Narr? Mr. Malfoy hat das Mal auf meine Anweisung hin stets verborgen, niemand weiß, dass es existiert, selbst seine Hausgenossen, mit denen er einen Schlafsaal teilt, nicht. Also, Miss Granger. Ich gebe Ihnen noch eine Chance, mir die Wahrheit freiwillig zu erzählen, sonst …“

Er musste gar nicht weiterreden. Sie wusste genau, dass er sich nicht davor scheuen würde, Legilimentik oder Veritaserum einzusetzen, um ihre Wahrheit aus ihr heraus zu zwingen. Und ehe sie zu viel preisgab, war es besser, wenn sie die Kontrolle über die Informationen behielt. Sie holte tief Luft: „Schön. Wenn Sie es wissen wollen … ich habe die Freundschaft zu Draco gesucht, aber er wollte nicht. Er wollte nicht hören, dass er ein guter Mensch ist. Er wollte nicht hören, dass man ihn mögen kann. Und als ich nicht locker gelassen habe, hat er mir das Mal gezeigt, um mich zu überzeugen …“

Zorn wusch über Snapes Gesicht, doch zu ihrer Erleichterung ließ er sie endlich los und trat von ihr zurück. Unwohl rieb sie sich ihre Oberarme: „Ich habe es niemandem erzählt, Sir. Niemandem außer …“

Augenblicklich war Snape wieder bei ihr und diesmal legte sich seine Hand um ihren Hals. Hass und Wut flackerte in seinen Augen: „Niemandem außer? Sagen Sie bloß, Sie haben es Potter erzählt! Das würde seine Besessenheit erklären …“

Röchelnd presste sie heraus: „Dumbledore! Ich habe es … Professor Dumbledore erzählt.“

Für einen Moment noch hielt Snape sie gefangen, dann sank sein Arm erschlafft hinab. Der Ausdruck der Erschöpfung, den sie zu Beginn schon einmal bemerkt hatte, kehrte zurück, und verwundert sah sie zu, wie Snape zu seinem Stuhl ging und sich müde hinein sinken ließ.

„Natürlich“, murmelte er, während er sich mit einer Hand durch seine Haare fuhr: „Natürlich haben Sie das. Und lassen Sie mich raten, was der alte Narr Ihnen gesagt hat.“

Hermine setzte zu einer Antwort an, doch er befahl ihr mit einer Geste zu schweigen und sagte selbst: „Er will, dass Sie mit Mr. Malfoy weiter befreundet sind und ihn nicht alleine lassen, richtig?“

Völlig verwirrt über die Ablehnung, die aus Snapes Stimme klang, nahm sie wieder vor seinem Schreibtisch Platz: „Ja, das waren so ziemlich seine Worte.“

Resigniert schüttelte Snape den Kopf: „Ich entschuldige mich, dass ich Sie angegriffen habe, Miss Granger. Als Lehrkraft sollte ich mich niemals einer Schülerin gegenüber so verhalten. Sie können mich gerne Dumbledore melden …. Aber wie ich ihn kenne, wird er Ausreden für mich erfinden und es unter den Teppich kehren.“

Schweigen breitete sich in Snapes Büro aus, während Hermine versuchte zu verarbeiten, was hier gerade geschehen war. Der Snape vor ihr hatte nichts mit dem angsteinflößenden Lehrer zu tun, den sie kannte. Im Gegenteil, er wirkte, als wäre er einfach nur müde und vollkommen verzweifelt über Dumbledore, aber trotzdem bereit, alles für ihn zu tun. Sie hatte immer gedacht, dank ihrer Freundschaft mit Harry eine ziemlich gute Vorstellung davon zu haben, was hinter den Kulissen geschah. Doch jetzt, hier, in der Gegenwart von Snape, ging ihr auf, dass sie in Wirklichkeit keine Ahnung hatte. Im Schatten verborgen liefen Dinge ab, die, wenn sie Gespräche mit Lupin oder Tonks richtig erinnerte, nicht einmal der Orden des Phönix‘ wusste.

„Was plant Professor Dumbledore?“, fragte sie schließlich, nachdem sie es nicht mehr aushalten konnte, das Puzzle so unvollständig zu sehen.

Ein bellendes Lachen war ihre Antwort, ehe Snape sich dazu herabließ, ihr eine richtige Antwort zu geben: „Viel. Zu viel. Unmögliches.“

„Draco hat den Auftrag, ihn zu ermorden“, sagte sie leise, den Blick entschlossen auf ihren Lehrer gerichtet: „Ich habe Professor Dumbledore davon erzählt. Aber er hat nicht vor, irgendetwas dagegen zu unternehmen. Im Gegenteil … er scheint beinahe damit zu rechnen. Als ob er es gut heißt. Als ob es nur eine Variable wäre, die er in einer komplizierte Arithmantik-Rechnung miteinbeziehen muss, die außer ihm niemand sehen kann.“

Snapes Gesicht wurde wieder ausdruckslos: „Es ist nicht für jeden, große Pläne zu kennen und zu begreifen. Sie wissen bereits jetzt zu viel, Miss Granger. Trotzdem danke ich Ihnen. Es ist gut zu wissen, dass Dumbledore durch Sie sicher über Mr. Malfoy Bescheid weiß, und es ist interessant für mich, dass er Ihnen gesagt hat, sein Geheimnis zu hüten. Wenn Sie mir noch einen Ratschlag gestatten“, sagte er plötzlich und klang dabei so eindringlich, dass Hermine unwillkürlich nickte, „Trauen Sie nicht Ihren Augen, Miss Granger, hinterfragen Sie alles. Ich weiß, dass Potter das nicht kann, aber irgendjemand muss es für ihn tun. Potter hat noch immer rein gar nichts begriffen und da Dumbledore sich zu fein ist, ihm irgendetwas zu erklären, wird er jemanden brauchen, der es für ihn tut. Also, Miss Granger: Hinterfragen Sie alles.“

Mit einer Geste seiner Hand bedeutete Snape ihr, dass sie nun gehen durfte. Wie in Trance erhob sie sich, packte ihr Pergament und verließ sein Büro. Was gerade geschehen war, erschien ihr so dermaßen surreal, dass sie sich schon in der nächsten Sekunde nicht mehr sicher war, ob sie das wirklich erlebt hatte. Hatte Snape sich gerade tatsächlich verächtlich und unzufrieden über Professor Dumbledore geäußert? Hatte er ihr tatsächlich aufgetragen, auf Harry acht zu geben? Snape, der Harry hasste? Sie blinzelte mehrere Male.

Wenn sie darüber nachdachte, tat sie Snape Unrecht. Ja, er hasste Harry offen, doch sie hatte mehr als einmal miterlebt, wie er alles dafür getan hatte, Harry das Leben zu retten. Selbst auf Okklumentik-Unterricht mit ihm hatte er sich auf Befehl von Professor Dumbledore hin eingelassen. Ganz offensichtlich wusste Snape, wie wichtig Harry für den Sieg gegen Voldemort war, und dafür schob er seinen Hass zur Seite, um ebenso wie der Schulleiter alles daran zu setzen, dass Harry gewann.

Ein Zittern erfasste sie. Das Gespräch mit Snape hatte ihr die Realität des Krieges noch viel näher gebracht als alles zuvor. Wieder ergriff die kalte Hand der Angst ihr Herz. Nicht nur Harry war wichtig, das war ihr nun mehr als bewusst geworden. Ob sie wollte oder nicht, er würde sie brauchen, und sie musste dafür vorbereitet sein.

Sie sehnte sich nach der Umarmung von Draco. Sie sehnte sich danach, von ihm berührt zu werden, um einfach vergessen zu können, was außerhalb der Mauern von Hogwarts geschah.

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Fairy Dust

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