"Die Fährte ist frisch. Kaum einen Tag alt." murmelte Arnskar, über den tiefen Abdruck einer Pfote gebeugt. "Die Spur führt nach Norden. Dort gibt es ein ausgedehntes Waldgebiet. Jede Wette, dass sich das Biest dort versteckt hält."

"Welches Tier hinterlässt solche Spuren?" fragte Halvarr. Ihm lief ein kalter Schauer über den Rücken. Seit über zwanzig Jahren ging er nun schon in den hiesigen Wäldern auf die Jagd und er hatte geglaubt, jedes Tier das hier lebte zu kennen. Offenbar hatte er sich geirrt.

"Der Größe nach kann es nur ein Bär sein, doch die Form sieht nach Wolf aus." meinte Arnskar, und strich sich nachdenklich durch seinen dichten schwarzen Bart.

"Ich habe so etwas noch nie gesehen, es muss aus dem Norden hierher gekommen sein um Futter zu suchen." vermutete er schließlich und wandte sich wieder der Fährte zu.

"Wenn es gekommen ist um Futter zu suchen," wandte nun Hakon, der Anführer ihrer Jagdgesellschaft ein, "so war es sehr erfolgreich damit. Immerhin hat es fünf Schafe und deren Schäfer gefressen."

Wie er dort mit Schwert und Panzerhemd, und mit edlen Pelzen gegen die Kälte geschützt, auf seinem grauen Ross saß, sah Hakon aus wie ein geborener Anführer. Halvarr hielt ihn jedoch für ein Großmaul. Der Fürst hatte Hakon damit beauftragt, die Bestie zur jagen und zu töten. Doch natürlich hatten sich weder Hakon noch seine Soldaten, je selbst als Jäger verdingen müssen, und so hatten sie sich kurzerhand zwei Wilderer aus dem Kerker des Fürsten geholt, und zu ihren Fährtenlesern gemacht. Sie würden die Lorbeeren für das Erlegen der Bestie einstreichen, und Halvarr und Arnskar würden wieder in das Loch gesteckt werden. "Die Sonne sinkt bereits," stellte Hakon fest, und stieg von seinem Ross, "Wir sollten hier unser Nachtlager aufschlagen."

"Nicht weit von hier gibt es ein Dorf, mit einem guten Schankhaus. Wir könnten dort übernachten." schlug Halvarr vor.

"Und riskieren, das wir die Spur der Bestie verlieren, und ihr eine weitere Woche hinterher irren? Vom Eise befreit sind Strom und Bäche(1), zumindest jetzt noch, doch hier, so weit im Norden, kann sich das augenblicklich ändern. Ich wäre gern wieder zuhause, bevor die ersten Schneefälle einsetzen." erhielt er die harsche Antwort von Hakon.

 

In der Nacht saßen sie an einem prasselnden Lagerfeuer, Halvarr und Arnskar etwas abseits von den anderen. Halvarr schnitzte an einem Pfeil aus Eichenholz, einer der Soldaten hatte einen Raben geschossen. Von dem Fleisch hatten sie zwar nicht viel gesehen nachdem Hakon seinen Anteil daran eingefordert hatte, aber die schwarzen Federn des Vogels waren in einem guten Zustand und eigneten sich ausgezeichnet zum befiedern.

"Dieses aufgeblasene Prinzchen ist eine Qual" flüsterte Halvarr und trauerte noch immer über die Nacht in dem warmen Schankraum, die ihm entgangen war.

"Was hätte es geändert, wenn wir in dieses Gasthaus eingekehrt wären?" gab Arnskar zurück "Wir haben kein Geld, und von dem hohen Herren hätten wir auch nichts zu erwarten gehabt. Es wäre auf das selbe hinausgelaufen wie hier, nur mit einem Dach über dem Kopf."

Halvarr erwiderte nichts darauf, und schnitzte mit düsterer Miene weiter an dem Pfeil.

 

Der nächste Morgen kam mit einem kalten und schneidenden Wind. Hakon war bereits für den Aufbruch gerüstet, und rief mit lauter Stimme: "Auf! Auf! Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag!(2) Bald haben wir den Saum des Waldes erreicht, und ich möchte diesen Weg noch vor dem Ende des Tages hinter mir wissen."

Halvarr rieb sich die steifgefrorenen Glieder, packte seine Sachen und gesellte sich gähnend zur übrigen Jagdgesellschaft. Die Kälte des Tages fuhr ihm in die Knochen. Der bleigraue Himmel über ihm und die Aussicht bald der Bestie gegenüber zu stehen besserten seine Stimmung nicht. Den anderen schien es ebenso zu ergehen wie ihm, drückendes Schweigen hing über der Gruppe. Das einzige Geräusch war das Kreischen einer Krähe, die über ihnen kreiste. Gegen Mittag erreichten sie die Kuppe eines Hügels. Dahinter kam, düster und bedrohlich wie eine schwarz-grüne Wand, der Wald in Sicht. Hier nun erreichte Halvarrs Mut seinen Tiefpunkt. In diesem Wald könnte sich die Bestie überall verstecken. Es schien wahrscheinlicher, das sie von ihr gefunden wurden, als andersherum. Tief in seine düsteren Gedanken versunken, bemerkte Halvarr nicht, das ihnen auf der Straße jemand entgegen gekommen war.

"Ho!" rief Hakon, und brachte den Trupp zum halten. Nun bemerkte auch Halvarr den Neuankömmling. Es war ein alter Mann in einfacher Kleidung. Er hatte eine Axt geschultert, und trug, in einer Lade auf dem Rücken, ein Bündel Holzscheite. Der Mann hielt seinen Blick gesenkt, und deutete eine Verbeugung vor Hakon an, den er als Adligen erkannt hatte.

"Was treibst du in diesen Landen, so fern von jeder Siedlung, Bauer?" verlangte Hakon in herrischem Ton zu wissen.

"Ich sammle Holz mein Herr. Der Winter steht vor der Tür, und dies ist der einzige Wald in der Umgebung meines Hofes." antwortete der Bauer, den Blick noch immer demütig auf den Boden gerichtet.

"Wenn ihr diesen Wald betretet, seid gewarnt. Eine Bestie geht dort um, ein Menschenfresser, groß wie ein Bär." warnte einer von Hakon's Soldaten, mit belegter Stimme.

Der Bauer hob nun den Blick, und schaute den Soldaten an.

"In dieser Gegend weiß jeder um die Bestie, mein Herr. Es ist ein Fluch Gottes. Eine Strafe für das gottlose Leben, das unser verblichener Fürst führte."

Hakon stieß ein gekünsteltes Lachen aus:

"Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube(3). Bei diesem Scheusal handelt es sich sicherlich um nichts anderes, als einen ungewöhnlich großen und gefräßigen Bären, törichter Alter!"

Und mit diesen Worten ließ er sein Pferd antraben, und den Trupp den Marsch wieder aufnehmen. Der Bauer blieb hinter ihnen zurück, bis er nur noch ein Punkt in der Ferne war.

 

Am Abend kamen sie an den Saum des Waldes. Vor ihnen erhoben sich die Bäume hoch und bedrohlich, wie eine Mauer, welche die alte Welt von der Welt der Menschen trennte. Hinter diesen dicht gedrängten Stämmen, in der grünen Finsternis, schien etwas zu lauern, schien sie zu beobachten. Minutenlang standen sie unschlüssig vor dem gewaltigen Dickicht, bis der Schrei eines Vogels sie aus ihrer Starre riss. Hakon machte den ersten Schritt. Er zog sein Schwert aus der Scheide, und ließ sein Pferd in langsamen Trab zwischen den Bäumen hindurch gehen. Arnskar folgte ihm, den Bogen in der Hand, einen Pfeil auf der Sehne. Schließlich fasste auch Halvarr Mut, und trat zwischen den Bäumen hindurch.

Obwohl er nie in den Wäldern so weit im Norden auf der Jagd gewesen war, konnte Halvarr sagen, das mit diesem Wald etwas nicht stimmte. Es war still. Die dicht gewachsenen Farne und Moose auf dem Boden schienen jedwedes Geräusch zu verschlucken. Und obgleich sie erst wenige Schritte vom Rand des Waldes entfernt waren schien es, als sei das Licht, das hinter ihnen durch die Stämme schimmerte, bereits in weiter Ferne verblasst. Halvarr schien es, als seien ihm alle Sinne taub geworden. Durch die dicke Schicht des Mooses unter ihm, glaubte er den Boden nicht zu spüren, und die Stille gaukelte ihm Taubheit vor. Im trüben Zwielicht konnte er kaum etwas sehen, deshalb richtete er seinen Blick auf den Boden. Auf die Spur, der sie noch immer folgten, und die im weichen Moos gut sichtbar war.

Als die Nacht über sie hereinbrach verlieh das silberne Licht des Vollmondes der Landschaft etwas seltsam unwirkliches, und für einige Herzschläge konnten sie in dem gespenstischem Licht ihre Umgebung erkennen. Sie standen auf einer Lichtung, die Bäume um sie herum schienen sich um sie zu drängen, und auf sie herabzusehen, wie ein Raubtier auf seine Beute.

Hakon befahl hier ein Nachtlager aufzuschlagen. Als sie sich zum Schlafen niederlegten bildeten sich Nebelschwaden, die dicht über dem Boden umherwaberten. Und als sie am nächsten Morgen erwachten war ihnen die Feuchtigkeit bis in die Knochen gestiegen und hatte ihre Kleider und Haare durchtränkt. Indes sie damit beschäftigt waren, das Lager abzubrechen, verdichtete sich der Nebel, und machte die Sinnestäuschung perfekt. Nun war alles was sie sahen, rochen, oder fühlten, der klammfeuchte Dunst überall um sie herum. Die Gruppe schien isoliert in einem Meer aus grauem Geisterwasser zu treiben, und nirgendwo gab es Anhaltspunkte. Das einzige, was den dichten Nebel durchbrach, waren die immer gleich aussehenden Bäume, die immer wieder, wie aus dem Nichts, vor ihnen auftauchten.

Seit dem Morgen hatte keiner von ihnen auch nur ein Wort gesagt, doch nun sprach Arnskar mit gedrückter Stimme: "Wir haben die Fährte verloren."

Der Trupp blieb stehen. Nun schauten sich alle in die besorgten Gesichter. Sie hatten den einzigen Anhaltspunkt verloren, der ihnen den Weg aus dem Wald hätte weisen können, und sie alle wussten was das bedeutete: sie waren nun auf Gedeih und Verderben der Hoffnung ausgeliefert zufällig über einen Weg oder einen Wildpfad zu stolpern, der ihnen einen Ausweg aus diesem Wald zeigte.

Ohne Orientierung setzten sie ihren Weg fort, in die Richtung, von der sie glaubten, das es Norden sei. Sie irrten so lange umher, bis ein tiefes Knurren sie erstarren ließ. Einen Moment standen sie still. Horchten auf weitere Geräusche, und in dem Augenblick da sie glaubten sich das Geräusch nur eingebildet zu haben und gerade aufatmen wollten, ertönte ein furchteinflößendes Brüllen, gefolgt von einem Schrei und einem dumpfen Aufprall.

Einer der Soldaten war zu Boden gegangen. Er presste sich die Hand auf den Hals, zwischen seinen Fingern quoll Blut hervor. Halvarr legte einen Pfeil auf die Sehne, und schoss in die Richtung, aus der er gerade eben noch einen Schatten im Augenwinkel wahrgenommen hatte. Ein zitterndes Geräusch verriet ihm, das er einen Baum getroffen hatte.

Ein weiteres Brüllen, ein weiterer Toter. Nun hatte Halvarr den Schatten deutlich gesehen der Aus dem Nebel gesprungen kam, und sich auf den Soldaten gestürzt hatte. Hinter den Nebelschwaden sah er noch schemenhaft die Konturen des Tieres. Groß wie ein Bär und mit gesträubten Fell, doch eindeutig in der Gestalt eines Wolfes. Er legte einen weiteren Pfeil ein, zielte und schoss. Dieses Mal schien es ein Treffer gewesen zu sein, denn das Knurren der Bestie verwandelte sich in ein wehleidiges Jaulen, welches schließlich wieder in ein Knurren überging. Die Kreatur umkreiste sie mit langsamen Schritt. Knapp hinter der Nebelwand, und bei scharfem Blicke einigermaßen zu erahnen.

Die Jagdgesellschaft drängte sich zu einem Kreis zusammen. Die Soldaten hielten ihre Spieße gesenkt. Hakon aber ritt an die Stelle, an der er die Bestie vermutete und rief:

"Zeige dich, Scheusal! Oder scheust du einen Kampf und ziehst es vor in den Schatten zu lauern?"

"Ich lauere meiner Beute im Schatten auf, denn der Schatten ist mein Element. Doch vor einem Kampf mit dir scheue ich mich nicht, Eisenmann." ertönte eine gutturale Stimme, mächtig und wütend, wie entfesselter Donner. "Ihr jagt mich, weil ich euer Vieh gefressen habe, doch fressen muss ich, und so wurden die Jäger zu gejagten."

"Der Worte sind genug gewechselt, lass mich auch endlich Taten sehen!(4)" Rief Hakon, und gab seinem Pferd die Sporen. Die Bestie aber wich dem Angriff aus, und verbiss sich in die Flanke des Pferdes, welches zu Boden ging und seinen Reiter unter sich begrub. Als die Soldaten sahen, wie es ihrem Anführer erging, ließen sie die Waffen fallen, und suchten ihr Heil in der Flucht. Halvarr und Arnskar flohen mit ihnen. Beinahe blind im dichten Nebel verloren sie sich bald aus den Augen, einzig darauf bedacht so weit wie möglich zu laufen, bevor die Bestie die Verfolgung aufnehmen konnte. Bald ertönten die ersten, vom Nebel gedämpften Schreie aus der Ferne und Halvarr lief immer weiter, die Angst verlieh ihm ungeheure Kräfte, es gab nur den Boden unter ihm, den heißen Schmerz in seinen Beinen, der ihm zeigte das er noch am Leben war, und der kalte Schweiß der ihm über den Körper lief.

 

Er wusste nicht wie lange er gerannt war. Waren es Tage gewesen? Stunden? Oder nur ein kurzer Augenblick? Er hätte es nicht sagen können. Doch nun, da sich der Nebel um ihn zu lichten begann, spürte er all die Erschöpfung, und sank an einem Baumstumpf nieder. Sein ganzer Körper schmerzte vor Anstrengung, und von den vielen Kratzern und Schürfwunden die er sich bei seiner Flucht durch das dichte Gehölz zugezogen hatte. Er hielt die Augen geschlossen, und als er sie wieder öffnete, war der Nebel verschwunden. An einem Baum vor sich sah er einen Toten liegen, und darüber gebeugt einen Mann, mit nichts bekleidet als einem Lendenschurz aus Fell. Der Mann drehte sich zu Halvarr um. Er hatte dichtes schwarzes Haar, und einen verwilderten Bart, seine blutunterlaufenen Augen glänzten fieberhaft. Als er Halvarr bemerkte, schrie er panisch:

"Nein! Fort von mir! Ich will euch nichts tun!"

Nun sah Halvarr den Pfeil der aus einer üblen Wunde an seiner Hüfte ragte. Er stand auf, und machte einen Schritt auf den Mann zu, wollte ihm helfen, doch dieser stieß ein unmenschliches Knurren aus, und machte einen Schritt zurück. Seine Augen schienen sich zu verändern, bekamen etwas wölfisches. Doch einen Lidschlag später, sahen sie wieder aus wie vorher. Der Mann hob die Hände und flehte:

"Bitte.. geh!"

"Wer bist du?" wollte Halvarr nun wissen. Der Mann ging in die Knie und fing an zu schluchzen.

"Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust.(5) Halb Mann, halb Tier. Ein Segen sagten sie, Ein Segen der Götter haben sie gesagt, in jener Nacht. Doch ach, ich kann ihn nicht beherrschen! Stattdessen werde ich nun vom Geist des Wolfes beherrscht. Ich kann ihm nicht widerstehen! Wenn die Jagd mich ruft, muss ich gehorchen."

Halvarr bekam Mitleid mit diesem offensichtlich Wahnsinnigen. Entschlossen ging er auf ihn zu, um ihm den Pfeil aus dem Fleisch zu ziehen und seine Wunde zu versorgen. Doch der Mann stieß ein Brüllen aus, seine Augen verwandelten sich erneut, brannten sich mit unglaublicher Intensität in Halvarrs Geist ein. Und im gleichen Moment erkannte er den Pfeil, den Pfeil, den er auf den Wolf geschossen hatte. Geschnitzt aus Eichenholz und mit den Federn eines Raben befiedert.

Halvarr machte auf dem Ballen kehrt und rannte, rannte als ob der Teufel selbst hinter ihm her wäre. Und wie durch ein Wunder kam vor ihm der Rand des Waldes in Sicht. Er stürzte zwischen den Stämmen hindurch, und fiel auf die Knie. Eine Träne rann ihm über die Wange. Er küsste die Erde und rief mit tief bewegter Stimme: "Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder! (6)"

 

Zitate:

 

1.) " Vom Eise befreit sind Strom und Bäche" Faust (V.903)

2.) "Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag" Faust (V.701)

3.) "Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube" Faust (V.765)

4.) "Der Worte sind genug gewechselt, lass mich auch endlich Taten sehen" Faust (V.214)

5.) "Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust" Faust (V.1112)

6.) "Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder" Faust (V.784)

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