"Wer kennt sie  nicht, diese Situation, in der man auf der Stelle im Boden versinken möchte mit dem Wunsch, keiner hätte wahrgenommen, wer da mit aller Macht und beiden Beinen ins Fettnäpfchen gesprungen ist? Aufzeigen bitte!"
Etwa fünfzig Menschen hängen an den Lippen des Vortragenden. Keiner der Anwesenden wagt es, aufzuzeigen. Das war zu erwarten. Martin weiß immer, wie er eine Frage stellen muss, um die gewünschte Reaktion zu erhalten. Er ist einer jener Menschen, denen es möglich ist, fast jeden zu manipulieren und er kennt die Macht der Gruppendynamik. Genau deshalb wird er ausgesucht, diesen Vortrag zu halten, vor knapp fünfzig Leuten, meist jungen Paaren und Einzelpersonen verschiedenen Standes. Eines aber haben diese Leute gemeinsam: Den Wunsch, endlich einmal nicht mehr sparen zu müssen! Endlich jemand zu sein, der sich als erfolgreicher selbstständig Gewerbetreibender ausgeben kann, der mit beiden Beinen im Leben steht und einen gewissen Wohlstand erreicht hat. Den Wusch, jemand zu sein, in unserer Gesellschaft.
Fast jeder der Anwesenden, egal ob Einzelperson oder Pärchen wird von irgend einem "alten Freund", einer Schulfreundin oder einem Kameraden aus der Wehrdienstzeit zu diesem Vortrag eingeladen. Seltsamer Weise von Menschen, denen man zwar nie Feind gewesen, mit denen einen aber auch nicht wirklich eine gute Freundschaft verbindet. Eigentlich müssten schon da bei jedem Teilnehmer der Veranstaltung die Alarmglocken leuten. Aber nein! Der große Wunsch, einmal das Glück zu haben, mit wenig Aufwand viel Geld zu verdienen, endlich das schönere Auto, das modernere Handy, das exclusivere Outfit vorweisen zu können, als der angeberische Schwager oder Cousin, lässt die Menschen gierig werden! Zu gierig...
Das Leben ist kein Wunschkonzert und wir alle wissen, dass es die eierlegende Wollmilchsau nicht gibt, ja nicht geben kann, oder? Und trotzdem fallen Jahr für Jahr, Monat für Monat zig Menschen auf Leute wie Martin herein.
Ein Bekannter kommt mit der wunderbaren Nachricht auf dich zu, endlich eine Möglichkeit gefunden zu haben, mit wenig Aufwand in kurzer Zeit viel Geld zu verdienen. Mittlerweile habe er so viel Arbeit, dass er sie alleine gar nicht mehr bewältigen könne und da schade um das viele Geld sei, wolle er nun auch dir die Möglichkeit bieten, dieses Geld, das da auf der Straße liege, aufzuheben, bevor das ein Anderer täte. Die Fähigkeit dazu könntest Du nächsten Samstag in einem Fünf Sterne Hotel bei einem Vortrag erwerben, zu dem natürlich nur ausgesuchte Personen wie Du Zugang hätten. Kein Problem. Der Bekannte hat sofort an Dich und deine Führungsqualitäten gedacht und bietet dir durch seine Einladung die exklusive Möglichkeit, an diesem Vortrag teilzunehmen! DIR! EXKLUSIV!
Gegen einen kleinen Unkostenbeitrag von fünfzig Euro da man ja die Reservierung und den Veranstaltungssaal finanzieren müsse, erhältst du die große Chance, dir in Zukunft jeden Traum aus dem FF finanzieren zu können. Solltest du nicht bereit sein, dafür etwas auszugeben, übernimmt das großzügigerweise der Einladende, mit der Begründung, du würdest es ihm später aus Dankbarkeit zehnfach zurückgeben...
Bei der Ankunft im besagten Fünfsterne-Hotel gibts ein Glas Sekt, alle bereits zur "Elite" gehörenden Anwesenden laufen in teuren Designersachen herum und lassen, wenn irgend möglich, wie zufällig ein paar Banknoten aus ihren Brusttaschen ragen, denn sie wissen offenbar gar nicht mehr wohin damit...

"Sehen Sie", fährt Martin fort, der ganz lässig vorn am Rednerpult steht, gut gekleidet mit einem Bündel Banknoten in der Brusttasche seines Designerhemdes, "so ist es jedem von uns früher ergangen. Uns von der Gemeinschaft der (..beliebig...) Bis uns ein Freund gezeigt hat, wie wir zu denen werden können, vor denen sich die Anderen genieren. Wie wir zur Erfüllung all unserer Hoffnungen und Wünsche kommen. Und heute haben SIE, Ja, EXLUSIV haben SIE die Möglichkeit in unser großartiges Franchisingsystem einzusteigen und als Selbstständiger Angehöriger unserer erfolgreichen Unternehmensgruppe zur Elite der Verdiener aufzusteigen! Ich glaube nicht, dass sich auch nur einer von ihnen diese einmalige Chance, die ich ihnen heute biete, tatsächlich entgehen lässt!"
Jedes Mal, wenn der Redner von der bevorstehenden Erfüllung aller Wünsche, Hoffnungen und Träume spricht, springen die gutgekleideten Neureichen auf und spenden frenetischen Applaus. Er selbst habe vor Schulden nicht mehr gewusst, wo er sich hätte verstecken sollen, bevor er zur Gemeinschaft gekommen sei. Heute sei er mit dem neuen Allrad-BMW hier, zu Hause in seiner Villa stehe nun ein beleidigter Porsche herum...
Und nun kommt die Sensation: Für den lächerlichen Preis von viertausendneunhundert Euro können die heute eingeladenen, ausgesuchten Personen, Anteile der Gemeinschaft kaufen, die in absehbarer Zeit überall in der Gegend Boutiquen eröffnet, in denen man nur mit Berechtigungsschein einkaufen könne. Und diese Berechtigungskarten könne man nur von Mitgliedern der Gemeinschaft erwerben!
Frenetischer, nicht enden wollender Applaus. Ein paar der Mitglieder laufen zum Rednerpult und umarmen den Redner überschwänglich, denn er hat ihnen das neue Leben in Reichtum und Glück beschert!
Abschließend erklärt der Redner wie nebenbei, dass jedes Mitglied weitere Mitglieder werben könne und pro neuem Mitglied siebenhundert Euro Prämie verdiene, was in der Regel keine zwei Tage in Anspruch nähme, um die gesamten viertausenneunhundert Euro wieder herein zu bekommen! Erneut frenetischer Applaus, die Mitglieder teilen Verträge aus. "Macht euch keine Sorgen, wenn ihr nicht flüssig seid! Wir können mit den Bankern reden! Ihr bekommt den Kredit garantiert mit unserer Hilfe und innerhalb eines Monats habt ihr ihn dreimal verdient!" Man kommt sich direkt schmutzig und undankbar vor, wenn man es seinem Nachbarn nicht gleichtut und sofort unterschreibt. Uns so geschieht folgendes: Von zwanzig Paaren unterschreiben neunzehn den Vertrag...


So passiert vor etwa 28 Jahren bei einer Veranstaltung der Firma Gem-Collection.
Meine Frau und ich waren gerade mal anderthalb Jahre verheiratet, als mich ein ehemaliger Bundesheerkollege aus meiner Wehrpflichtzeit aufsuchte und uns "einlud". Damals ging es noch um 49000,- österreichische Schilling. In dem Saal herrschte eine derartige Gruppendynamik, dass praktisch alle Anwesenden unterschrieben, obwohl die meisten das Geld gar nicht hatten. Ich nahm damals den Vertrag in die Hand und wollte ihn einstecken, was mir sofort untersagt wurde. Ich stellte fest, dass ich Verträge in dieser Höhe grundsätzlich von meinem Anwalt prüfen ließe, was ja wohl kein Problem sein dürfe. (Ich hatte gar keinen Anwalt!) Meine Frau und ich wurden mehr oder weniger des Saales verwiesen, alle anderen Anwesenden unterschrieben. Den Soldatenfreund habe ich seither nie mehr gesehen. Ich schulde ihm noch heute mit ruhigem Gewissen eintausend Schilling fur den Empfang im Hotel Axelmanns Stein in Berchtesgaden. Im Jahr darauf gab es einige Verhaftungen und ein Betrugsverfahren, die Drahtzieher waren über die Schweiz verschwunden. Mir ist kein einziger Fall bekannt, in dem Einer sein Geld zurückbekommen hätte.

Ich habe diesen Artikel verfasst, weil es nach wie vor zu solchen Veranstaltungen kommt und viele, vor allem junge, unerfahrene Leute auf diese Weise betrogen werden. Der Gesetzgeber greift hier erst ein, wenn das Geld schon unwiederbringlich im Ausland ist. Es handelt sich bei solchen Angeboten immer um eine Art Pyramidenspiel, bei dem Die Spitze abzockt und alle anderen draufzahlen! Die Warnung, die ich aussprechen will: Unterschreibt nie etwas, weil es andere auch tun. Diese Betrüger bedienten sich der Gruppendynamik, die dafür sorgte, dass man wie ein Verräter dastand, wenn man nicht mitmacht. Unterschätzt das nicht!

Comments

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    Wieder ein Mal triffst du ins schwarze werter Seegraf. Eine Freude ist es deine Texte und Auseinnandeersetzungen mit Themen lesen zu dürfen. :)

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    Wahre Worte, lieber Seegraf! Da muss man wirklich vorsichtig sein!

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    Wie recht du hast, Seegraf! Ich vermute, die hier so toll geschilderte Gruppendynamik spielt auch in vielen anderen Bereichen des Lebens eine immer wieder unterschätzte Rolle...

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    Super Text, Informativ auch wenn er meiner Meinung nicht wie ein trockener Sachtext aufgebaut ist. Gut gelungen.

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