Mit meinem immer noch viel zu heißen Kaffee „to go“ in der einen und der Aktentasche in der anderen Hand wartete ich auf dem Schweriner Marienplatz auf die nächste Straßenbahn zum Dreesch. Eingezwängt wie eine Wurst in der Pelle zwischen den anderen Feierabendmachern hatte ich dem Druck hinter mir, der mich gegen die große Frau in der weißen Baumwollbluse mit den lustigen Rüschen an den Ärmeln pressen wollte, nur wenig entgegenzusetzen. Sie war bestimmt hübsch und trotz der Junihitze roch sie nicht nach Schweiß wie wir alle, sondern frisch wie eine Frühlingswiese.

Die Straßenbahn fuhr ein, die Wartendenden hinter mir setzten sich in Bewegung und ihr kinetischer Impuls überwand mühelos meine gute Kinderstube. Ich rammte einen wunderbar weichen, prachtvollen Frauenpo. Vielleicht hatte ich mich nicht schnell genug wieder um den nötigen Abstand bemüht oder im Gegensatz zu mir war es ihr unangenehm gewesen - sie fuhr herum, schlug mir dabei den Plastikbecher aus der Hand und sowohl der Kaffee als auch mein Schicksal nahmen einen Weg, den ich nicht geplant hatte. Die heiße Brühe legte eine Punktlandung auf ihren Brüsten hin, ihre Bluse landete eine halbe Stunde später in meiner Waschmaschine und mein Leben in ihren Händen.

Das lag ungefähr ein Jahr zurück, so wie auch meine Freiheit. Sabrinas Urteil für diesen Frevel an der Straßenbahnhaltestelle hatte „lebenslänglich“ gelautet, eine Revision war nicht vorgesehen und jeden Versuch von mir, Berufung einzulegen, erstickte sie mit einem Blick aus sanftbraunen Augen, dem ich nichts entgegenzusetzen hatte.

Es war wieder Freitagnachmittag, morgen war unser erster Hochzeitstag und ich suchte in der Menschenmenge auf dem Schweriner Marienplatz nach meiner Frau. Jemand packte mich von hinten an der Schulter, wirbelte mich herum und schnurrte dabei: „Na, noch Energie für ein bisschen Shopping?“

Weiche Lippen auf meinem Mund erstickten die Erwiderung, und als ich dann hätte antworten können, zerrte sie mich bereits hinter sich her. Das war typisch Sabrina. Sie war fast zwei Meter groß, und auch wenn sie schlank war, bedeutete das immerhin ein Lebendgewicht von mehr als achtzig Kilogramm, mit dem sie als Fitnesstrainerin auch einiges anzufangen wusste.

Meine Versuche, sie von etwas abzuhalten, was sie unbedingt wollte, hatten in der Vergangenheit immer geendet wie der Pygmäe, der mit blanken Händen ein wütendes Nilpferd stoppen will. Sie war der Typ Frau, von dem nicht nur ich, sondern auch eine bestimmte Art von Männern träumte. Mit dem strengen Knoten, in den sie ihre langen blonden Haare immer zwang, und den fest zusammengepressten, vollen Lippen wäre sie mit ihrer Figur und ihrer herrischen Ausstrahlung die Zierde in jedem Sadomasoschuppen gewesen. Dazu noch eng anliegendes, schwarzes Leder, ein paar Ketten an den richtigen Stellen und eine Peitsche in den kräftigen Händen - die perfekte Domina.

Ich schwamm in ihrem Kielwasser mit und grinste in mich hinein. Der erste Eindruck Sabrinas täuschte jeden. Wenn es zur Sache ging, bestand sie prinzipiell darauf, dass ich das Licht ausmachte, lag nur unten und genoss fast immer passiv, was ich mit ihr anstellte. Doch manchmal, wenn das Mondlicht durchs Fenster fiel, blitzte etwas in ihren Augen, und nicht nur einmal hatte ich mich gefragt, was passieren würde, wenn das, was da lauerte, hervorbrechen würde.

Der Weg von der Bankfiliale zum Schlossparkcenter, zu dem Sabrina wollte, war nicht weit und führte quer über den Marienplatz, den wohl zu jeder Tages- und Nachtzeit belebtesten Ort in Schwerin. Er war nicht nur ein zentraler Verkehrsknotenpunkt, sondern mit seinen liebevoll restaurierten Gebäuden auch eine Erinnerung an die Zeit, als hier noch Pferdekutschen auf ihre Fahrgäste gewartet und die Damen der Gesellschaft ihre neueste Mode ausgeführt habenhatten.

Selbst die Shoppingmeile versteckte sich gekonnt zwischen Gebäuden aus dem achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert und wer aus einer der drei Straßenbahnlinien ausstieg, die sich hier kreuzten, hatte die Wahl, ob er einhundert Schritte bis in die historische Altstadt mit ihren Läden und Kaffees und dem berauschenden Blick auf das Schweriner Schloss oder fünfzig Meter bis in ein modernes Shoppingcenter ging.

In Letzteres bahnte sich Sabrina den Weg durch die Menschenmenge mit mir im Schlepptau. Wir drängelten uns durch den Eingang und eine Mischung aus Schweiß, Kindergeschrei und Werbedurchsagen brandete uns entgegen. Die Junisonne hatte den ganzen Tag auf die staubverschmierte Glaskuppel über dem Schlossparkcenter gebrannt, und seit dem späten Morgen hatte sich Welle auf Welle anonymer Massen durch die engen drei Etagen des Gebäudes gewälzt.

Sie fragte: „Wie viel Zeit habe ich?“

Zeitvorgaben von mir hatten sie noch nie interessiert, schließlich war sie eine Frau und der schmachtende Klang ihrer Stimme täuschte mich nicht. „Du meinst, wie viel auf der Karte drauf ist?“

Sie verzog ihre perlmuttrosa geschminkten Lippen zu einem Schmollmund: „Spielverderber!“

Ich grinste. „Hau schon ab und kauf dir was Hübsches.“

Dumm, da hatte ich mich gerade auf dem Silberteller serviert. Sabrina wäre nicht sie gewesen, hätte ich jetzt nicht gleich eine volle Breitseite bekommen. Und richtig.

Sie lächelte auf eine Art, wie nur sie es konnte. „Du meinst was Schönes, so zum Spielen, für heute Abend?“

Ihre Augen glitzerten und ich stöhnte. Der Freitagabend ist der Moment, auf den ein Mann sich ab einem gewissen Alter freut, um endlich Ruhe zu haben und sich vom Arbeitsstress zu erholen. Allerdings hätte ich mir dafür eine andere Frau suchen sollen. Ich versuchte es statt mit einer Antwort mit einem schiefen Grinsen, was sie nicht davon abhielt, mit dem Schnurren einer Katze und roten Fingernägeln an meinem Stoppelkinn noch nachzulegen. „Was denkst du? Soll ich es gleich hier anziehen?“

„Und wenn? Falls du einen neuen BH kaufen willst, wirst du ja wohl kaum ohne Bluse aus dem Laden kommen. Und was heißt hier spielen? Richtig gespielt haben wir noch nie.“

Es war Freitag und ich war nicht mehr ganz auf der Höhe.

Sie trat einen halben Schritt zurück und maß mich mit einem Blick, als sähe sie mich zum ersten Mal. „Fehlt dir etwas in unserem Liebesleben?“

Das dunkle Grollen in ihrer Stimme hatte ich noch nie vernommen und es gehörte nicht hierher, nicht in das Licht des Freitagnachmittags und nicht zwischen diese Menschen. Ich blickte sie erstaunt an und für einen Moment blitzte in ihren Augen wieder das auf, was ich nachts gesehen hatte. Doch jetzt war es dominant und versteckte sich nicht mehr.

Es dauerte nur eine Sekunde, dann erblühte wieder ein kontrolliertes Lächeln in ihrem Gesicht, sie gab mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange und verschwand mit unserer Kreditkarte. Für einen Moment blickte ich ihr noch hinterher, dann suchte ich mir die nächste Rolltreppe und richtete mich auf mindestens drei langweilige Stunden ein. Ich sollte mich irren.

Der lange Arbeitstag hatte eine Mischung aus Stresshormonen, Adrenalin und Testosteron in meinem Blut angestaut, die langsam toxische Werte annahm. Ein paar Schritte entfernt lockte das offene Café Rothe mit dem Duft von frischem Kaffee und ich zögerte nicht, mir dort einen Platz zu suchen. Der saubere, durchsichtige Glastisch vor mir flimmerte im Licht der untergehenden Sonne und erinnerte mich an den Schweriner See in Zippendorf. Im Sommer glitten dort weiße Segel wie Schäfchenwolken über das Wasser, blaugrüne Wellen rauschten leise an den Strand und statt Schweiß und Fresstempelmief war der Duft von eingecremter Frauenhaut allgegenwärtig. „Einen Kaffee?“

Der See in meinem Kopf zerplatzte und statt Sonnenölaroma traktierte der Geruch von angebranntem Frittenfett meine Nasenschleimhäute. Ein kleiner Fünfziger mit müden Augen stand neben meinem Tisch und blickte auf mich herab. Der Fleck auf seinem weißen Hemd und die Müdigkeit in seinem Gesicht erzählten eine lange Geschichte von übellaunigen Kunden und einer Arbeitszeit jenseits von Gut und Böse zu einem Lohn, dessen Attribut „gesetzlich“ der reine Hohn war.

Ich murmelte: „Eigentlich nicht. Ich warte nur auf meine Freundin.“

Unter seiner Hakennase und den Stoppeln des grauen Dreitagebartes machte sich ein wissendes Lächeln breit. „Kauft sie Schuhe oder Unterwäsche?“

Ich zog fragend die Augenbrauen hoch. Er feixte. „Wenn sie Schuhe kauft, bringe ich Ihnen besser gleich eine Thermoskanne. Zeitungen finden Sie zwanzig Schritte weiter im Kiosk rechts und die Toilette ist eine Etage tiefer.“

Ob er mit jedem Kunden so umsprang? Aber wahrscheinlich sah er mir meine Müdigkeit an und das machte uns zu Leidensgenossen. „Sie haben Erfahrung?“

Sein Lächeln wurde melancholisch. „Ich war verheiratet …“

Ein Kind schrie und für einen Moment blickten wir auf das Menschengewimmel um uns herum. Dem Vater rannen Schweißbäche über das Gesicht und die Mutter presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. Wie dunkler Rauch wehte ihr Stress zu uns herauf, abrupt drehte der Kellner sich um und verschwand hinter dem Tresen.

Fünf Minuten später verwöhnte der Duft von frisch gebrühtem Kaffee meine Nase und in Gedanken teleportierte ich wieder an den Strand des Schweriner Sees. Mitten zwischen entspannt lächelnde, sonnenüberflutete Bikinischönheiten und das leise Rauschen des Wassers. Gerade rollte die nächste Welle auf mich zu, da unterbrach das Stakkato metallener Absätze den monotonen Geräuschpegel der Hastenden und Gestressten im Center. Ich reckte den Kopf und mir stockte der Atem. Schwerin ist eine eher provinzielle Stadt und der Durchschnittsbewohner hier bevorzugt unauffällige Bekleidung. Natürlich verirren sich ab und an auch schon mal Punks oder Gothics hierher, aber das ist eine Ausnahme. Genau wie die Frau, die jetzt durch die Menschenmenge den Weg in meine Richtung nahm.

Fast alles an ihr war groß und schwarz. Ihre kräftigen Waden pressten sich gegen die Schäfte von Lackstiefeln und die Enge ihres knapp über den Knien endenden Lederrocks beleidigte den Freiheitsdrang ihrer muskulösen Pobacken. Eine weiße Seidenbluse saß straff über ihren hoch angesetzten Brüsten und eine Ponyfrisur umrahmte das ausdrucksstarke Gesicht mit blau blitzenden Augen und grellrot geschminkten, vollen Lippen unter einer etwas zu breiten Nase. Mit hoch erhobenem Kopf blickte sie über die Masse hinweg und strahlte dabei eine Mischung aus Arroganz und Selbstbewusstsein aus, die einer Maggie Thatcher würdig gewesen wäre. „Ich bin eine Frau!“, schrie jeder ihrer Schritte den Menschen zu. Den Frauen in der Menge schoss Missbilligung in die Gesichter und die Männer rangen nach Luft. Nichts davon schien sie zu interessieren, die Aufmerksamkeit perlte von ihr ab wie Wasser an eingecremter Haut.

Sie orientierte sich kurz und ließ sich zwei Tische weiter mit der Grazie eines Raubtiers nieder. Links am Nebentisch befeuchtete ein solariumgebräunter Armani-Anzug mit Goldkette und weißem Cashmereschal seine schmalen Lippen. Er wartete ab, bis sie bei dem müden Kellner ihre Bestellung aufgegeben hatte, und sprang dann auf.

Typen wie er lungerten auf der Jagd nach Beute in jeder Einkaufspassage und in jedem besseren Kaffee herum. Sie waren immer teuer angezogen, wohlriechend, weltgewandt und doch innerlich verfault. Es waren Seelenvampire, sie fühlten keinen Schmerz und merkten keinen Einschlag. Wenn sie bei der ersten Frau mit ihrem Gelaber keinen Erfolg hatten, suchten sie nach der nächsten, so lange, bis eine ihrem Jagdtrieb und ihrer Sucht nach Selbstbestätigung erlag. Sie krallten sich alles, was sie nur bekommen konnten - Geld, Sex, Würde und Selbstachtung. Und zurück ließen sie eine besudelte Seele.

Nach vier gezierten Schritten stand er neben ihrem Tisch, beugte sich vor und sagte leise mit einem gewinnenden Lächeln etwas zu ihr. Sie drehte den Kopf, musterte ihn aufreizend lange, ohne dass sich auch nur ein Muskel dabei in ihrem blassen Gesicht bewegt hätte. Dann fiel ihre volle, rauchige Stimme von weit oben auf ihn herab, und laut genug, dass wir alle sie hören konnten, antwortete sie: „Danke nein. Ich will weder, dass Sie jetzt an meinem Tisch Platz nehmen, noch später zwischen meinen Beinen. Ich ficke nur Männer.“

In der brüllenden Stille danach tat er mir fast ein bisschen leid, aber nur fast. Goldkette drückte den Rücken durch, kehrte zu seinem Tisch zurück und jeden unserer hämischen Blicke musste er wie einen Peitschenhieb auf seinem Rücken fühlen. Geschlagen nahm er Platz und versteckte sein gerötetes Gesicht hinter einem Männermagazin. Kurze Zeit später zahlte er und verschwand.

Etwas in mir wollte, dass ich es ihm gleich tat, aufstand und sie ansprach. Doch selbst wenn ich nicht auf Sabrina gewartet hätte, so wäre die Angst vor der Eiseskälte ihres Blicks und das zu erwartende, vernichtende Gefühl des Nichtbeachtetwerdens Grund genug gewesen, mich keinen Millimeter zu rühren. Ich versuchte, an meinen See zu denken, aber es gelang mir nicht. Wie von einem Magneten angezogen, schaute ich immer wieder verstohlen zu ihr hinüber.

War ich ihr aufgefallen? Ich hatte gerade erneut unter gesenkten Wimpern nach ihr geschaut, da schlug sie langsam die kräftigen Beine übereinander. Das Schimmern von weißer Haut über dem seidigen Schwarz von Nylonstrümpfen ließ Testosteron in meine Adern und einen Hitzeschwall in mein Gesicht schießen. Als würde sie es fühlen, hob sie den Kopf und blickte mich an. In ihren Augen loderte die Höllenglut eines ausbrechenden Vulkans und sie brachte dunkle Phantasien in mir ans Licht, die jeder normale Mann tief in sich weggesperrt hat. Ihre Lippen bewegten sich, vielleicht sagte sie auch etwas, doch ihre Worte erreichten mich nicht mehr. Sie lächelte, streckte eine Hand aus und führte mich in die Nacht meiner Träume.

Darin erschaffen nur zwei flackernde Kerzen in Haltern aus geschmiedetem Eisen eine winzige Glocke aus Licht. Ich liege darunter, kalt und hart presst sich Metall gegen meinen Rücken, irgendwo tropft Wasser auf Stein und dunkle Schatten bewegen sich an rissigen Wänden.

Ich will mich erheben, aber die Fesseln an meinen Armen und Beinen verhindern es. Etwas trifft meine Schulter und heißer Schmerz treibt mir Tränen in die Augen. Ich blicke nach oben und wie in Zeitlupe fällt der nächste Tropfen heißes Wachs. Panisch zerre ich an den dünnen Ketten, aber mit jeder Bewegung schneiden die Fesseln nur tiefer in mein nacktes Fleisch.

Ein eiskalter Hauch streift mich, die Kerzen flackern, ein einsamer Schatten erwacht an der Wand zum Leben und etwas atmet in der Dunkelheit. Der nächste Tropfen aus heißem Wachs explodiert auf meiner Schulter und ich klammere mich an den Schmerz.

Klack - Metall trifft auf Stein. Noch einmal. Jemand nähert sich und mein Herz hämmert in der Brust.

Die Schritte verstummen, statt ihrer wiederholen sich die Atemgeräusche. Eine schlanke Hand dreht die Kerzenhalter zur Seite, so dass mich das Wachs nicht mehr treffen kann. Wieder ertönt das Geräusch von Metall auf Stein, Leder raschelt über Nylon und dann tritt SIE ins Licht.

Unstillbarer Hunger brennt in ihren Augen, blasses Zungenrosa befeuchtet rote Lippen und es sind die Gleichen, nach denen Leonardo da Vinci das Lächeln Mona Lisas gemalt hat.

Ich kenne diese Frau. Jeder kennt sie. Sie ist Hure und Heilige, Sünde und Unschuld, Katharina die Große und Jean d‘ Arc, Hera und Aphrodite, aber auch Medusa, Persephone und Pandora. Sie ist Gaija, unser aller Mutter.

Ihre Augen sind zwei dunkle Teiche und ihr Blick schweift über meinen nackten Körper, geht mir unter die Haut und berührt meine Seele. Dann lässt sie ihn abwärts wandern, bis sie schließlich auf das steif aufgerichtete Opfer ihrer Magie schaut. Das Feuer einer Leben spendenden Sonne leuchtet in ihren Augen auf, sie beugt sich zu mir herab, in ihren Händen erscheint ein schwarzes Tuch und einen Moment später bin ich blind. „Nein!“, schreie ich.

Ein Finger streicht zart über meine Lippen und plötzlich wird Zeit zu einem Wort ohne Sinn, nur noch diese Frau, ihr Moschusgeruch und die Berührung ihrer Hand existieren in meiner Welt. Und diese warme Hand, die umhüllt, was eben noch nackt und schutzlos war. Dann nimmt sie mich in sich auf und unaufhaltsam und unerbittlich rollt eine riesige Welle vom Horizont meines Seins auf uns zu. Schneller wird sie, keine Macht der Welt könnte sie jetzt noch aufhalten, und als sie mich endlich mit all ihrer gewaltigen Kraft trifft, ist sie so liebevoll sanft, dass ich schreien muss.

Die Erlösung lässt mich in Millionen und Abermillionen von Tropfen explodieren, und jeder von ihnen ist gefüllt mit dem Samen eines neuen Lebens, mit all seinen Sehnsüchten, Hoffnungen und Träumen. Ich bin Lust und Schmerz, bin Freude und Trauer und ich bin Glück. Zusammengerollt wie ein Baby im Mutterleib, können mich nichts und niemand in dieser Welt und auch nicht in der nächsten erreichen, denn Gaija beschützt mich. Wie alle ihre Kinder.

„Hey, bist du noch in dieser Welt?“

Ich zuckte zusammen. Sabrina saß neben mir und ich hatte nicht bemerkt, wie sie zurückgekehrt war. Was war das denn eben? Verdammte Müdigkeit. Mein Traum war unglaublich real gewesen. Als Jugendlicher war mir das einige Male passiert, nachts, im Bett. Ich schaute auf die Frau zwei Tische weiter, die gerade zahlte. Ihre Magie war verflogen und sie war nur noch eine Frau unter vielen. Vielleicht ein bisschen zu auffällig gekleidet, ein bisschen zu stolz, ein bisschen...

„Du hast dich bekleckert!“

Ich blickte auf mein linkes Hosenbein. Der feuchte Fleck auf der Jeans in Höhe des Oberschenkels sprach Bände und mir schoss die Schamröte ins Gesicht, denn meinen Kaffee hatte ich vorhin schon ausgetrunken. Ohne einen Tropfen zu verschütten.

Sabrina blickte zu der fremden Frau hinüber, beide schauten sich für eine unendlich lange Sekunde in die Augen und mir war, als fände zwischen ihnen ein lautloses Gespräch statt. Dann erhob sich die andere Frau und ging. Die steile Falte auf Sabrinas sonst makellos glatter Stirn war mir neu. Sie zischte: „So ist das also!“

Abrupt stand sie auf und ich blickte beschämt zu Boden.

Sie fasste nach meinem Kinn, bog es nach oben und fuhr mir mit einem Fingernagel langsam über die Wange, dass es schmerzte. „Keine Sorge, mein Liebster. Ich habe nur etwas vergessen. Du kannst schon zahlen, ich bin sofort wieder da!“

Tatsächlich brauchte sie noch zwanzig Minuten, bevor sie mit einem nagelneuen schwarzen Lederrock um die Hüften und dem gleichen kalten Lächeln im Gesicht zurückkehrte, dass ich erst vor kurzem gesehen hatte, doch nicht bei ihr.

Sie packte meine Hand, zog mich ganz dicht zu sich heran und sagte mit einer Stimme, die tief aus ihrer Kehle kam: „An die heutige Nacht wirst du noch lange denken, das verspreche ich dir!“

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