V

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis der junge Mann sich wieder aus der Umarmung des anderen löste.

»Ich würde gerne noch eine Runde schwimmen. Da hinten braut sich was zusammen und das gefällt mir gar nicht. Das sieht ganz so aus, als ob wir später noch ein Gewitter bekommen werden«, sagte Luca und beobachtete einen Moment den Himmel, an dem sich einige kleine, dunkle Wolkenberge zu bilden begannen, die nichts Gutes verhießen.

Viktor schaute in dieselbe Richtung und nickte dann. »Da könntest du recht haben. Das wird aber noch ‘ne Weile dauern, bis das hier ist und vielleicht verzieht es sich ja auch wieder. Geh deine Runde schwimmen. Ich bleib hier und schau dir zu.«

Langsam drehte der junge Mann sich zu dem Vampir um und verzog das Gesicht. »Eigentlich ... Na ja, ich würd’s toll finden, wenn du mitkommen würdest ... wenn du schon hier bist«
Der Adlige überlegte einen Augenblick schweigend, schüttelte dann aber den Kopf. »Besser nicht.«

Eine Augenbraue hebend musterte Luca sein Gegenüber und fragte dann: »Und darf man auch erfahren warum? Kannst du nicht schwimmen oder verweigerst du dich mir etwa?« Es fiel dem jungen Mann schwer, sich ein Grinsen zu verkneifen, während er Viktor in die Augen sah. Dieser schmunzelte.

»Weder das eine noch das andere. Mir ist einfach nicht danach.«

Die Hand des Vampirs ergreifend, erwiderte Luca: »So so, dir ist also nicht danach?!« Er machte einen Schritt rückwärts und fuhr fort: »Aber mir ist danach und du ... kommst mit.«

Und bevor Viktor eine Chance hatte zu reagieren, sprang der Andere in der nächsten Sekunde von dem kleinen Steg ins Wasser und zog den Adligen mit sich.


Als sie kurz darauf wieder aus den Fluten auftauchten, hustete der Vampir erst einmal heftig aufgrund des Wassers, das er bei der unfreiwilligen Aktion geschluckt hatte. Dann fluchte er los.

»Verdammt noch mal, Luca, was soll der Mist? Jetzt sind meine Klamotten klatschnass und ich hab nichts Trockenes hier.«
Der Blonde strich sich die nassen Haare aus dem Gesicht und fing dann an zu lachen.
»Sehr lustig, wirklich«, knurrte Viktor ungehalten.
»Awwww, meine kleine Diva ist nass geworden. Das ist ein Weltuntergang, da muss ich dir recht geben«, langsam schwamm Luca näher an den Vampir heran und strich ihm über die Wange.
Doch dieser schnaubte nur genervt. »Übertreib es nicht. Auch meine Geduld ist irgendwann einmal zu Ende.« Damit bewegte er sich in Richtung der Leiter an der Seite des Stegs, um aus dem Wasser zu kommen.

Luca verdrehte die Augen. »Jetzt zick hier nicht so rum. Ich habe trockene Sachen in der Hütte. Es sei denn, Eure Lordschaft verschmäht diese, weil eine einfache Jogginghose nebst T-Shirt unter Eurer Würde sind.«

Viktor schaute ihn einen Moment lang an, dann stieg er aus dem See und setzte sich tropfnass wie er war, an den Rand des Stegs. »Darum geht es gar nicht. Natürlich sind mir deine Klamotten gut genug. Glaubst du wirklich, ich bin so ... oberflächlich? Aber ist dir mal in den Sinn gekommen, dass ich irgendwas in der Tasche hätte haben können, was Wasser nicht so gut verträgt? Wie ein Mobiltelefon zum Beispiel ...«

Jetzt schaute Luca ein bisschen verlegen drein. »Fuck ... Ja, daran habe ich ehrlich gesagt nicht gedacht, weil du es ja nicht so mit Handys und ähnlichem hast und ich meins eigentlich immer aus der Tasche nehme, wenn ich schwimmen gehe. Ich gehöre ja auch nicht zu diesen Süchtigen, die das Teil überall griffbereit haben müssen.«

»Na, es hätte auch ein Portemonnaie sein können. Und nasses Geld ist nicht wirklich prickelnd. Aber ... Es ist ja nichts passiert. Ich wollte es halt nur mal erwähnen, weil du mich als verzickte, verwöhnte Diva darstellst. Nichts gegen Spontanität, aber man muss dann auch damit rechnen, dass das Gegenüber es nicht so klasse findet, was man tut. Es hätte auch sein können, dass ich gar nicht schwimmen kann oder eine Phobie habe, was das angeht. Weißt du das? Bisher haben wir über so etwas nicht geredet. Du weißt noch lange nicht alles über mich, so wie ich nicht über dich, denn so lange kennen wir uns ja noch nicht.«
»Hmmm ...« Peinlich berührt stieg der junge Mann ebenfalls aus dem Wasser. »Tut mir leid. Das war unüberlegt, da hast du Recht.«

Langsam erhob der Vampir sich und strich Luca durch die Haare. »Lass gut sein. Ist ja nichts weiter passiert, außer, dass ich bis auf die Haut nass bin. Ich geh mal davon aus, dass du etwas da hast, womit ich mich abtrocknen kann.«
»Ja ... ja klar. Warte, ich hol dir was«, erwiderte Luca und nahm im Vorbeigehen das Bettzeug, das immer noch zum Auslüften über dem Geländer des Stegs hing, herunter. »Ich leg das drüben auf die Bank, dann kannst du hier deine Sachen zum Trocknen hinhängen.«


Während der junge Mann in dem Gebäude verschwand, zog Viktor seine triefend nasse Kleidung aus und legte diese über das Geländer des Stegs. Dann ging er hinüber zu der Hütte, betrat diese und hielt Ausschau nach Luca.

Dieser suchte im Schlafzimmer, im hinteren Teil des Häuschens, nach den Handtüchern, von denen er ja zum Glück gleich mehrere eingepackt hatte.

»Da soll sich noch mal einer lustig machen und fragen, ob ich ausziehe, weil ich so viel Zeug mitnehme. Wie man sieht, kann das hilfreich sein«, murmelte er.

»Das sehe ich genauso. Äußerst nützlich, dein Spleen.«

Luca drehte sich grinsend um und blieb dann wie vom Donner gerührt stehen. Er starrte Viktor ungläubig an und fragte dann, während sein Blick über den nackten Körper des Vampirs glitt: »Was zum Teufel soll das werden?«
»Was soll was werden? Keine Ahnung, was du meinst. Ich hole mir meine Handtücher und etwas zum Anziehen.« Schmunzelnd beobachtete der Adlige den jungen Mann, der nicht in der Lage zu sein schien, den Blick abzuwenden.

»Alles in Ordnung bei dir?«, fragte Viktor und machte einen Schritt auf Luca zu, der, wie in einem Reflex, zurückwich.

»J-ja ... ich ... bin okay«, erwiderte er und spürte, wie ihm die Hitze ins Gesicht stieg, »ich kann nur gerade mit deiner Nacktheit nicht so wirklich umgehen.«
Der Vampir lachte leise und nahm dem Anderen die Handtücher aus den Händen. »Na, dann werde ich diesen Zustand mal schnellstens beheben. Nicht, dass du noch auf dumme Gedanken kommst. Das kann ich nicht verantworten. Sei so lieb und such mir doch schon mal was zum Anziehen raus.«
Auf das Bett deutend, wo er ein T-Shirt, eine Boxershorts und eine Jogginghose hingelegt hatte, erwiderte Luca: »Das hab ich schon. Ich denke, die Sachen sollten einigermaßen passen.« Dann schob er sich an dem Vampir vorbei und verließ die Hütte. Draußen ging er hinüber zu dem Holzsteg, lehnte sich an das Geländer und atmete erst einmal tief durch. Er war sich sicher, dass der Adlige keine Hintergedanken gehabt hatte, als er komplett unbekleidet zu ihm gekommen war, aber ihn, Luca, ließ das natürlich nicht kalt. Darum hatte er die Flucht ergriffen, bevor er tatsächlich noch auf dumme Gedanken gekommen wäre. Denn dafür war er nicht hier ... eigentlich. Er hatte doch nur nach ein wenig Ruhe gesucht, hatte alleine sein wollen. Und nun? Fühlte es sich an, als sei das Chaos über ihm herein gebrochen. Der junge Mann seufzte leise. Er wusste, dass er im Endeffekt, wenn der Vampir es darauf anlegen würde, keine Chance hatte zu widerstehen. Und wenn Luca ehrlich war, wollte er das auch gar nicht. Insgeheim hoffte er, dass Viktor sich nicht auf Dauer von ihm würde abweisen lassen, aber er war sich auch sicher, dass der Adlige sich nicht einfach über ihn hinwegsetzen würde. Nicht, nachdem Luca ihm so klar gesagt und auch gezeigt hatte, was er auf keinen Fall wollte.

»Das kann ja noch lustig werden«, murmelte der junge Mann vor sich hin, während er den Blick erneut über den Himmel schweifen ließ, der sich immer mehr mit dunklen Wolken zuzog. Das passte ihm überhaupt nicht in den Kram. Wenn es tatsächlich ein Unwetter geben würde, und es sah verdammt danach aus, dann waren sie an die Hütte gefesselt, würden auf engstem Raum zusammen hocken. Solange das Wetter einigermaßen mitspielte, konnten sie sich hier draußen aufhalten und hatten genügend Platz, würden nicht aufeinander kleben. Es würde noch kompliziert genug werden, wenn sie später irgendwann schlafen gehen würden. Wieder seufzte der junge Mann.


Warum zum Teufel war Viktor raus nach Reading gekommen? Warum war er nicht in London geblieben? Die Sache mit dem Ausritt nahm der Blonde dem Vampir nicht ab. Das war doch nur ein Vorwand gewesen, dessen war der junge Mann sich sicher. Insgeheim schmeichelte es ihm, dass Viktor seine Nähe suchte. Aber ...

Luca zuckte leicht zusammen, als ein leises Grollen die Stille zerriss. Noch schien das Ganze weit entfernt und vielleicht würde es wirklich einfach an ihnen vorüber ziehen, das hoffte der junge Mann jedenfalls. Aber vielleicht würde es sie auch mit voller Wucht treffen und dann … 

Das würde bestimmt interessant werden.








Comments

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media