Vendetta

„Verfluchte Scheiße“, schimpfte ich verärgert und setzte zum fünften Mal die Nadel neu an.
Von meiner Stirn rann eiskalter Schweiß, der in das Waschbecken unter mir tropfte. Ich stand im Badezimmer meiner Wohnung und versuchte vor dem Spiegel meine Schnittwunde am Arm provisorisch mit einer dicken Nadel und einem festen Faden selbst zu nähen. Beides hatte ich vorher mit Alkohol desinfiziert.
Meine Wunde am Oberschenkel, die eindeutig schlimmer war, hatte ich bereits versorgt.
Schon in Jerichos Büro, nach seinem Tod, hatte ich mit Hilfe meines Gürtels mein Bein oberhalb der Wunde abgebunden. Hier hatte ich dann zusätzlich eine Kompresse drauf gelegt und einen Verband um meinen Oberschenkel gewickelt.
Jetzt musste ich nur noch das mit dem Nähen hinbekommen, dann wäre ich gewappnet für die nächsten Kämpfe gegen die verbliebenen Killer. Dabei verdrängte ich die Gedanken an weitere Verletzungen, die ich dadurch mit Sicherheit davontragen würde. Ich konzentrierte mich lieber wieder auf meine Arbeit.
„So schwer kann das doch gar nicht sein“, meckerte ich und war wütend auf meine eigene Unfähigkeit. Ich nahm die Nadel zwischen Daumen und Zeigefinger und probierte es erneut. Dieses Mal stach ich in der richtigen Höhe durch die Hautschichten und fing an. Jeder einzelne Stich tat höllisch weh, doch ich machte weiter.
Nach einer geschlagenen Dreiviertelstunde hatte ich die Wunde mehr schlecht, als recht zusammengenäht. Ich pfefferte die Nadel ins Waschbecken und wusch mir das restliche Blut von meinem Arm.
Danach hinkte ich ins Schlafzimmer und legte mich aufs ungemachte Bett, nachdem ich mir ein sauberes, schwarzes Hemd angezogen hatte. Ich schloss die Augen und war froh, dass ich mich ausruhen konnte, auch wenn es nur für ein paar Minuten war.
Ich fühlte mich sicher in meiner Wohnung, obwohl ich hier schon einmal von meinen Ex-Kollegen angegriffen worden war. Trotz der Gefahr wieder in die Falle zu laufen, hatte ich nicht einen Moment lang gezögert nach Hause zurückzukehren. Wo hätte ich denn sonst hingehen sollen?
Im Krankenhaus hätte man mir sicherlich geholfen, aber dann hätte ich den Ärzten Frage und Antwort stehen müssen. Und bei Holly…
Gefrustet seufzte ich und massierte mir die Schläfen. Bei Holly konnte ich in meinem Zustand unmöglich auftauchen. Zumindest nicht jetzt.
Ich wusste, dass ich in den nächsten Stunden zu ihr gehen musste. Mickey, Brolin und Patton würden bald von Jerichos Tod erfahren und dann würden sie sich auf dem Weg zu Holly machen. Bevor das geschah, musste ich sie und ihre Familie in Sicherheit bringen. Wie ich das anstellen sollte, wusste ich nur noch nicht.

Als ich die Augen öffnete, wurde ich von der grellen Nachmittagssonne geblendet. Verdammt, ich bin eingeschlafen, dachte ich und setzte mich auf. Die Luft war heiß und drückend.  
Unter Ächzen und Stöhnen quälte ich mich aus dem Bett und schnappte mir das schnurlose Telefon, das auf dem Nachtisch lag. Ich wählte Hollys Nummer von Zuhause und wartete. Hoffentlich war sie da.
Ich musste unbedingt mit ihr reden. Nicht nur, weil sie sich bestimmt Sorgen um mich machte, sondern auch, um ihr meinen Plan mitzuteilen, den ich mir zurecht gelegt hatte. Ich…
„Dugan“, meldete sich plötzlich Hollys zarte Stimme. Ich wurde nervös.
„Ich bin´s.“ Am anderen Ende hörte ich lautes, aufgeregtes Schnappen.
„Wo bist du, James? Geht es dir gut?“ Sie sprach so schnell, dass ich sie kaum verstehen konnte.
„Mir geht es gut, Holly“, log ich, wodurch ich ein schlechtes Gewissen bekam.
„Aber wo bist du? Seit gestern habe ich nichts mehr von dir gehört.“
„Ich bin in meiner Wohnung.“
„In deiner Wohnung“, wiederholte sie erstaunt. „Wieso?“
„Ich glaube ich fange ganz von vorne an, Holly. In den letzten Stunden ist viel passiert“, beichtete ich. Sie setzte an, um etwas zu erwidern, doch ich redete weiter.
„Es tut mir leid, dass ich abgehauen bin, aber ich musste es verhindern, dass Ophelia am nächsten Tag in deiner Schule auftaucht und einen weiteren Schüler umbringt. Deshalb bin ich zu ihr gegangen und habe sie getötet.“ Ich machte erstmal eine Pause, um Holly Zeit zu geben das Gehörte zu verarbeiten.
„Ophelia ist…ist…“ Meine Freundin schluchzte. Sie weinte vor Erleichterung. Was für eine Last musste ihr nun von den Schultern fallen. Nach allem, was Ophelia ihr angetan hatte; nach all den Ängsten, die Holly wegen ihr hatte durchleben müssen, war es endlich vorbei.
„Sie ist tot, Holly. Genau wie Jericho.“
„Ihn hast du auch…“
„Ja und darum rufe ich dich an“, offenbarte ich ihr. „Die anderen Killer wissen wahrscheinlich schon, dass Jericho tot ist und werden sich rächen wollen. Nicht nur, dass sie durch mich keine Arbeit mehr haben, sie müssen mich jetzt auch nicht mehr am Leben lassen, weil ihr Boss es ihnen befohlen hat.“
„Was willst du mir damit sagen, James?“, platzte es atemlos aus Holly heraus.
„Ich will, dass du sofort das Haus verlässt. Zusammen mit deinem Onkel und Olivia.“
„WAS?!“
„Du sollst mit deiner Familie verschwinden. Währenddessen kümmere ich mich um die Killer.“ Stille.
Zuerst glaubte ich, dass irgendetwas mit meinem Telefon nicht stimmte, aber dann vernahm ich hohe, krächzende Geräusche.
„Holly?“ Keine Antwort. „Ist alles in Ordnung?“
„Nein, James. Es ist nichts in Ordnung“, quietschte sie. „Du verlangst von mir dich im Stich zu lassen.“ Ich seufzte.
„Ich verlange von dir dein Leben zu retten.“
„Und was ist mit deinem Leben?“
„Meine Aufgabe ist es dich zu beschützen. Wenn ich dabei mein Leben verlieren sollte, dann…“ Mitten im Satz brach ich ab. Ich hatte mir vorgenommen Holly nicht weiter zu beunruhigen, aber ich war gerade dabei das gründlich zu versauen.
„Dann was?“, kreischte sie.
„Dann ist es eben so. Ich habe es nun mal verdient zu sterben, Holly.“ Diese Worte waren, ohne darüber nachzudenken, aus meinem Mund gekommen. Schlagartig brach meine Freundin in einen heftigen Heulkrampf aus. Egal, wie sehr mir ihr Gefühlsausbruch zu schaffen machte, ich musste einen klaren Kopf bewahren.
„Beruhige dich und hör mir zu“, bat ich, aber Holly regte sich weiter auf. Je mehr Minuten verstrichen, desto angespannter wurde ich. Wir verloren kostbare Zeit.
„HÖR MIR ZU, HOLLY!“, dröhnte ich lautstark. Sofort wurde das Weinen leiser.
„Es gibt keine Diskussion. Ich werde gleich auflegen, dann rufe ich Patton an und sage ihm, wo ich bin. Wie ich meine Ex-Kollegen kenne wird mindestens einer von ihnen zu deinem Haus gehen. Du wirst aber längst weg sein. Hast du mich verstanden?“
Ihr Schluchzen war wieder etwas lauter geworden. Ich hasste es, dass ich so hart mit ihr umgehen musste, doch ich hatte keine andere Wahl.
„Ich habe verstanden, James“, flüsterte sie.
„Okay.“ Langsam fuhr meine Aufregung herunter.
„Ich möchte, dass du mir etwas versprichst.“
„Und was?“
„Versprich mir, dass du mir nicht zur Hilfe kommst. Versprich mir, dass du bei deinem Onkel und bei Olivia bleibst.“
„Ich kann nicht.“
„Bitte, Holly“, flehte ich sie an. Sie wimmerte und weinte, was mir das Herz zerriss.
„Ich verspreche es.“ Holly war mit den Nerven am Ende. Für sie war die Grenze des Ertragbaren erreicht.
„Es wird alles gut. Mir wird nichts passieren“, redete ich sanft auf sie ein. Dabei war ich mir selbst nicht mal sicher, ob ich diesen Tag überleben würde. Kurz schaute ich auf meine Armbanduhr. Es war bereits halb sechs.
„Ich muss auflegen, Holly.“ Ich versuchte meiner Stimme einen beiläufigen Klang zu geben.
„Nein, dass darfst du nicht“, kreischte sie. Natürlich wollte sie das nicht. Sie wollte mich aufhalten und verhindern, dass ich mein Leben riskierte.
„Denk daran, was ich dir gesagt habe“, erinnerte ich sie.
„Ich liebe dich.“
Ohne weitere Verzögerung unterbrach ich das Telefon. Mir war noch nie etwas so schwer gefallen, wie dieses Gespräch. Vermutlich lag es daran, dass es möglicherweise das letzte Mal gewesen war, dass ich ihre Stimme gehört und mit ihr geredet hatte. Ich schüttelte wild den Kopf, um den Wust an negativen Gedanken zu verscheuchen.
Anschließend atmete ich tief durch, ehe ich erneut zum Telefon griff. Und auch das zweite Gespräch würde kein Vergnügen werden.

Das gleißende Mondlicht fiel durch das große Fenster und warf schaurige Schatten an die hohen Wände.
Ich saß regungslos auf meiner Ledercouch und behielt unablässig die Eingangstür im Blick.
Schon seit Stunden hockte ich im Dunkeln und wartete auf die Killer; auf den letzten Kampf, der alles entscheiden und sicherlich nicht leicht werden würde.
Denn den ersten Vorgeschmack ihres Zornes hatte ich während meines Telefonates mit Patton bekommen. Wie erwartet, wusste er bereits von Jerichos Tod, der für ihn und die Anderen einer Katastrophe nahe kam.
In den nächsten Wochen würden sie weder einen Auftrag ausführen, noch Geld verdienen. Ich hatte mich von seinen Drohungen und seinem Gebrüll nicht beeindrucken lassen.
Als Patton die Unterhaltung aber auf Holly gelenkt hatte, war ich vor Angst wie gelähmt gewesen. Leidenschaftlich hatte er mir vorgeschwärmt, wie er meine Freundin von oben bis unten küssen und ablecken würde, bevor er ihr die Kehle durchschnitt.
Dann war er in höhnisches Gelächter ausgebrochen, was mich zur Weißglut gebracht hatte. Schäumend vor Wut hatte ich ihn aufgefordert zu mir zu kommen, damit wir das ein für alle mal klären konnten.
Großspurig, wie er war, hatte Patton mir ohne zu Zögern sein Kommen versichert.
Natürlich würde er Mickey und Brolin mitbringen, da hatte ich keinen Zweifel. Es würde drei gegen eins stehen.
Zwar wäre es nicht das erste Mal, dass ich mich gegen mehrere Killer behaupten musste, aber ich war ziemlich angeschlagen. Mein rechter Arm hatte eine tiefe Schnittwunde und dazu humpelte ich. Keine guten Vorraussetzungen für einen anstrengenden, kräftezehrenden Kampf, doch ich…
Ein leises Klicken drang an meine Ohren, das ich nur allzu gut kannte. Meine Muskeln verhärteten sich. Patton nutzte seine beste Fähigkeit, um sich Zugang zu meiner Wohnung zu verschaffen. Vor Hass und Abscheu verzog ich das Gesicht.
Lautlos erhob ich mich und schlich, so gut es mit einem verletzten Bein ging, hinter die Tür. Ich musste blitzschnell agieren, wenn ich mir einen Vorteil verschaffen wollte. In diesem Augenblick wünschte ich mir eine Waffe in meiner Hand, aber Ophelia war Schuld, dass sich dieser Wunsch nicht erfüllen ließ.
Ich würde also ohne Hilfsmittel kämpfen müssen. Ich würde mich auf meine Fähigkeiten; meine Erfahrung verlassen müssen. Gerade starrte ich konzentriert auf den Türknauf, als dieser wie in Zeitlupe gedreht wurde.
Die Tür öffnete sich und drei hochgewachsene Gestalten betraten den Raum. Ihre Blicke schweiften hin und her.  
Während sich meine Ex-Kollegen ein paar Schritte vorwagten, machte ich mich bereit. Ich fixierte meine Gegner genau, bevor ich angriff. Vergessen waren meine Schmerzen, die durch die Menge an Adrenalin übertüncht wurden.
Den Ersten ließ ich in Rekordzeit hinter mir. Im Vorbeigehen haute ich ihm meinen Ellbogen gegen den Kehlkopf. Durch das Röcheln wurden die anderen Beiden alarmiert.
Gleichzeitig drehte sie sich in meine Richtung, sodass ich ihre Gesichter im weißen, mysteriösen Licht erkennen konnte. Es waren Patton und Mickey.
Noch ehe sie reagieren konnten, schoss ich auf Mickey zu, ballte meine rechte Hand zu einer Faust und boxte ihm so heftig gegen die Rippen, dass die Haut an meinen Fingerknöcheln aufplatzte.
Ein gedämpfter Schrei durchbrach die Stille, als Mickey in die Knie ging und sich an den Brustkorb fasste. Jetzt stand nur noch Patton vor mir, der ein heimtückisches Grinsen für mich übrig hatte. Seine blauen Augen blitzten unheilvoll.
Ich wirbelte herum und sprintete in die Küche, wo ich mich hinter die Kücheninsel warf. Mein Bein bedankte sich für diese Aktion mit einem unerträglichen Pochen.
„Verstecken gilt nicht, Kleiner“, grollte Patton mit seiner gewaltigen Stimme.
„Hol dir deine gerechte Strafe ab, du Feigling.“ Es folgten Schritte, die mir immer näher kamen.
„Mist“, fluchte ich. Überstürzt hatte ich die Killer hierher gelockt. Nun saß ich in der Falle. Aber mir blieb keine Zeit, mir weiterhin Vorwürfe wegen meines unüberlegten Handelns zu machen, denn Patton tauchte auf.
Schleunigst wollte ich aus seiner Reichweite fliehen, doch er umfasste meinen linken Fußknöchel und zerrte mich brutal in die Mitte des Raumes, wo bereits Mickey und Brolin warteten. Beide wirkten etwas angeschlagen, aber auch unvorstellbar wütend.
„Hier ist unser lieber Freund“, verkündete Patton spöttisch und spuckte mich an. Trotz meiner prekären Lage ließ ich mich nicht von ihm erniedrigen.
„Wenn du mich noch einmal anspuckst, dann mache ich dich fertig“, keifte ich aggressiv und drückte meinen Oberkörper nach oben.
„Ach ja?“ Der blonde Killer hob seinen Fuß und trat ausgerechnet auf meinen rechten Arm.
Ich war vom Schmerz wie betäubt, als die obersten Nähte aufplatzten. Daher bekam ich bloß am Rande mit, wie Patton sich neben mich hockte und zu mir herunterbeugte.
„Vielleicht ist es dir ja noch nicht aufgefallen, Kleiner, aber du bist nicht in der Position mir zu drohen“, raunte er mir ins Ohr. Ich schnaubte verächtlich.
„Ich zeige dir, wer…“ Mitten im Satz brach ich ab. Mir wurde speiübel und die Farbe wich mir aus dem Gesicht, denn Patton versenkte seine Finger in meiner offenen Wunde. Eisern drückte er in mein Fleisch und ergötzte sich an meinen Höllenqualen.
Ich biss die Zähne aufeinander, damit ich nicht zu Schreien anfing. Diese Genugtuung wollte ich ihm nicht geben. Ich wollte keinesfalls Schwäche zeigen.
„Meine Hochachtung, Kleiner. Du hälst mehr aus, als ich gedacht hatte“, stellte er bewundernd fest.
„Das ist Jericho und Ophelia auch aufgefallen, bevor ich sie zur Strecke gebracht habe“, konterte ich souverän und lächelte triumphal.
„Was hast du getan?“ Mickeys fipsige Stimme erfüllte plötzlich den Raum. Patton verdrehte entnervt die Augen und drehte den Kopf zu seinem Kollegen. Dieser war schon zur Stelle, um ihn mit roher Gewalt zur Seite zu schieben und mich am Kragen zu packen.
„Was hast du mit Ophelia gemacht?“, knurrte er und kam meinem Gesicht so nahe, dass ich sein widerliches Aftershave riechen konnte. Furchtlos hielt ich seinen bösen Blicken Stand, mit denen er mich traktierte.
„Ich habe dieses niederträchtige Miststück getötet“, wiederholte ich genüsslich. Fassungslos schüttelte er den Kopf. Er wollte nicht wahrhaben, dass er Ophelia nie wiedersehen würde.
„Oh, armer Mickey“, provozierte ich ihn noch zusätzlich, wofür ich gleich die Quittung bekam. Mickey ballte seine dürren Hände zu Fäusten und schlug zu.
Die vielen Schläge, die in Sekundenschnelle auf mich einprasselten, fühlten sich an wie hundert Autos, die in mich hinein krachten. In jedem einzelnen Schlag steckte sein grenzenloser Hass gegen mich.
Nach wenigen Minuten schwebte ich bereits in einer Welt aus unsagbarer Hitze, spritzendem Blut und Schmerzen, die mir den Verstand raubten. Meine Versuche, mich zu wehren, blieben aussichtslos, weil meine Kraftreserven endgültig verbraucht waren.
Drei Kämpfe auf Leben und Tod; drei Kämpfe gegen erfahrene Auftragskiller innerhalb eines Tages waren einfach zu viel. Dabei wollte ich stark sein und kämpfen, aber nicht, um mein Leben zu retten oder mir selbst etwas zu beweisen. Nein.
Ich wollte für Holly stark sein. Ich wollte für Holly kämpfen, doch ich konnte einfach nicht mehr. Mein Körper streikte und weigerte sich seine letzten Kräfte herzugeben.
Meine Zeit war gekommen. Ich würde sterben, damit musste ich mich abfinden. Rückblickend gesehen konnte man mein Leben als kompliziert und ungewöhnlich bezeichnen. Ich hatte kurz gelebt, aber durch die Monate mit Holly war es ein intensives Leben gewesen. Das…
Unerwartet hörten die Schläge auf und Mickey verschwand aus meinem Sichtfeld. Ich war verwirrt. Was war los?
Ich drehte mich zur Seite und spuckte erstmal das Blut aus, das sich in meinem Mund gesammelt hatte. Dann atmete ich tief durch und rappelte mich auf. Dabei rutschte ich beinahe in der Lache meines eigenen Blutes aus.
Meine Beine fühlten sich an wie Wackelpudding, aber ich wollte mich nicht beschweren. Für mich grenzte es an ein Wunder, dass ich überhaupt noch stehen konnte.
Ich seufzte erschöpft. Mit müden Augen schaute ich zu den Killern, die sich stritten. Im ersten Moment konnte ich mir ihr Verhalten nicht erklären, aber das änderte sich schlagartig, als ich die Person erkannte, die sie in die Enge getrieben hatten.
Holly.
Nein, dass konnte nicht sein; dass durfte nicht sein. Mein Kinn begann zu zittern. Hollys Anwesenheit versetzte mich in Panik. Wieso war sie hier? Wieso hatte sie sich meiner Bitte widersetzt?
Während ich mir weiter den Kopf zerbrach, artete der Streit, der sich nur zwischen Mickey und Patton abzulaufen schien, aus.
„Halt dein Maul, Massey. Du hast mir gar nichts zu sagen“, blaffte Mickey seinen Kollegen an, ehe er meiner Freundin rücksichtslos ins Gesicht schlug. Durch die Wucht des Schlages taumelte Holly nach hinten.
„Fass sie nicht an, Suffert! Sie gehört mir“, wies Patton Mickey unwirsch zurecht. „Mir ist scheißegal, dass du mit Jimmy noch eine Rechnung offen hast.“ Besitzergreifend zog er Holly an sich heran und schnupperte an ihren langen, schwarzen Haaren.
„Sie gehört nicht dir, nur, weil du scharf auf sie bist.“
„Und ob, schließlich habe ich sie zuerst gesehen…“  
Ich hörte nicht länger zu. Ich konnte es nicht ertragen, wie die Beiden sich um Holly stritten, wie um ein Spielzeug. Meine Aufgabe war es jetzt sie rauszuschaffen und ihr Leben zu retten.
Mein verletztes Bein nachziehend, näherte ich mich Meter für Meter. Patton und Mickey brüllten sich immer noch an. Auch, als ich mich an Brolin heranschlich, der etwas Abseits stand und das Schauspiel gelangweilt beobachtete.
Blitzschnell brachte ich ihn mit einem gezielten Tritt gegen sein rechtes Knie zu Fall. Brolin krachte ungebremst auf den Parkettboden. Trotz des harten Aufpralls und einer verrutschten Kniescheibe gab er kaum einen Laut von sich.
Seine beiden Kollegen verstummten augenblicklich und wirbelten herum. Mickey war der Erste, der reagierte. Unter zornigem Knurren stürzte er auf mich zu und riss mich mit sich. Gemeinsam knallten wir auf den niedrigen Couchtisch, bevor wir auf dem Boden aufkamen.
Mir blieb die Luft weg. Neben mir lag Mickey, dem es schlecht zu gehen schien.
Sein Gesicht war kreidebleich, während er sich die linke Seite seines Brustkorbes hielt. Als ich genauer hinschaute, entdeckte ich zwischen seinen blutüberströmten Händen den Grund seiner Schmerzen: eine Rippe hatte die Haut durchstoßen. Nun ragte der Knochen wenige Zentimeter aus seinem Körper heraus.
Das war meine Chance. Wie von der Tarantel gestochen sprang ich auf und hastete zu Patton.
Dieser hielt zu meinem Entsetzen Hollys Kehle umfasst und drückte zu. Verzweifelt vergrub sie ihre Fingernägel in Pattons Hände und trat nach ihm. Ihr Gegenüber amüsierten ihre Verteidigungsversuche, denn er strahlte über das ganze Gesicht.
Automatisch beschleunigte ich meinen Schritt, was meinem Bein alles andere, als gut tat. Kurz bevor ich bei den Beiden ankam, traf mich Pattons Blick, der gleichermaßen gierig und bedrohlich war. Mir lief ein Schauer über den Rücken.
Plötzlich fror Pattons Lächeln ein und seine Miene verwandelte sich in pures Eis, bevor er seine Lippen brutal auf Hollys Mund presste. Tränen schossen ihr in die Augen und flossen über ihre Wangen. Dieser Anblick machte mich rasend vor Wut.
Ohne auch nur einen Gedanken an meine eigene beschissene Gesundheit zu verschwenden, attackierte ich meinen Ex-Kollegen.
Zuerst boxte ich ihm in den Magen, ehe ich meinen Handballen gegen seine Nase stieß, die daraufhin ein abscheuliches Knacken verlauten ließ. Pattons Griff um Hollys Hals löste sich.
Sogleich knickten ihr die Beine weg. Zum Glück war ich noch rechtzeitig zur Stelle, um Holly aufzufangen.
„Holly?“ Ich nahm ihr Gesicht in meine Hände.
„Geht es dir gut?“ Ihre glasigen Augen starrten mich direkt an, als sie kraftlos nickte.
„Okay, ich bringe dich erstmal hier raus.“
„Du tust gar nichts, Kleiner“, zischte Patton und baute sich auf einmal vor uns auf. Eine beträchtliche Menge Blut floss aus seiner Nase und tropfte auf sein helles T-Shirt.
„Ich werde dich töten und dann nehme ich mir deine süße Freundin vor. Das wird mir besonderen Spaß machen.“
Anrüchig leckte er sich über die Lippen. Gerne wäre ich ihm für diese unverschämte Äußerung an die Gurgel gesprungen, aber Holly in Sicherheit zu bringen hatte jetzt Vorrang. Also schnappte ich mir ihre linke Hand, zog sie nach oben und rannte los.

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beta
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