Verdammt, meinst du das ernst?

Warme, helle Sonnenstrahlen weckten mich, da ich vergessen hatte die Vorhänge zuzuziehen. Verschlafen öffnete ich vorsichtig meine Augen. Glücklich stellte ich fest, dass Holly noch immer bei mir lag.
Die Arme hatte sie an ihren Körper gepresst und die Haare lagen wie ein Fächer ausgebreitet auf dem Kissen. Leise und vorsichtig stand ich auf, zog mir das T-Shirt über, das ich gestern Abend getragen hatte und verließ das Schlafzimmer, damit ich sie nicht weckte.
Viel Schlaf war wichtig, vor allem, wenn man den Abend zuvor das Bewusstsein verloren hatte und umgekippt war. Nach einem letzten Blick auf Holly schloss ich die Tür.
Das Licht im Wohnraum war so grell, dass ich instinktiv die Augen zukniff. Alles strahlte überirdisch und dieser Ort verwandelte sich in den Himmel auf Erden. Meine Stimmung war ausgelassen und ich fühlte mich stark. Ich hätte glatt Bäume ausreißen können. Langsam schlurfte ich in die Küche und setzte erstmal Kaffee auf.
Während er laut vor sich hin köchelte, wobei ich schon befürchtete, dass das Brodeln Holly aus dem Schlaf riss, schnitt ich Äpfel, Apfelsinen und Birnen in mundgerechte Stücke und drapierte sie auf einem kleinen Teller. Dann haute ich mehrere Eier in eine Pfanne, um Rührei zu machen. Ich gab Schnittlauch, Pfeffer und Salz dazu. Fröhlich brutzelte die gesamte Pampe vor sich hin und nach etlichen Jahren pfiff ich ein Lied.
Ich war seit Langem nicht mehr so überglücklich, wie in diesem Augenblick. Als das Rührei fertig war, verteilte ich es auf zwei Teller und stellte sie auf den Küchentresen.
Gerade goss ich den heißen Kaffee in zwei große Tassen, als Holly mit müden Augen und zerknitterten Klamotten aus dem Schlafzimmer geschlurft kam. Ausgiebig gähnte sie und zeigte mir somit ihre weißen Zähne und ihren Rachenraum.
„Guten Morgen“, flötete ich.
„Morgen“, nuschelte sie verschlafen und setzte sich auf einen Barhocker.
„Ich habe Frühstück gemacht, also hau rein.“ Ich stellte ihr den Kaffee unmittelbar unter die Nase. Sofort griff sie nach der Tasse und nahm einen vorsichtigen Schluck.
„Der Kaffee ist gut.“
„Danke“, sagte ich und nahm neben ihr Platz. Holly spießte ein paar Stücke des Rühreis auf und schob es sich in den Mund.
„Geht es dir denn heute besser?“ Ich musterte sie. Ihre Gesichtfarbe war zumindest normal und nicht mehr kränklich, aber dass musste ja nicht viel heißen.
„Mir geht es super. Ich bin nur hundemüde.“
„Dass sieht man auch, wenn ich das sagen darf.“ Sie fuhr sich durch die ungekämmten und strubbligen Haare.
„Du geizt heute mal wieder nicht mit Komplimenten, James“, gab Holly mir missmutig zur Antwort. Ihr Blick hielt mich davon ab eine schnippische Antwort zu geben.
„Dass war nur eine Feststellung. Ich schätze, dass du dich besser fühlst, wenn du duschen warst.“ Wieder gähnte sie herzhaft.
„Ich glaube du hast Recht.“
„Dann iss erstmal und dann gehst du duschen. Du darfst sogar vor mir gehen.“ Ich schnappte mir ein Stück Birne und biss genüsslich hinein.
„Was für ein charmantes Angebot, ich glaube, da schlage ich sofort zu.“ Sie zwinkerte mir keck zu. Schnell aß sie noch etwas von dem Obst, bevor sie zum Badezimmer tänzelte.
„Handtücher sind im Schrank“, rief ich ihr hinterher.
Wenige Augenblicke später hörte ich, wie sich die Tür schloss. Mir blieb nichts anderes übrig, als den Rest des kurzen gemeinsamen Frühstücks zu beseitigen.
Nach zehn Minuten kam Holly zurück. Sie hatte ein cremefarbenes Handtuch um ihren Körper geschlungen. Die langen schwarzen Haare fielen ihr nass über die Schulter und hinterließen einige Tropfen auf dem Parkett. Sie sah viel frischer und aufgeweckter aus, als vorhin und dazu auch noch sehr verführerisch. Das kurze Handtuch schmeichelte ihrem schlanken Körper.
Mein Blick verklärte sich und ich konnte sie nur noch wie ein Wahnsinniger anstarren. Verlegen schaute sie zur Seite. Ich kniff meine Augen zu und drängte meine Gedanken in eine jugendfreie Richtung.
„Endlich bist du fertig“, meinte ich und verdrehte gespielt genervt die Augen. Als ich an ihr vorbeiging, zeigte sie mir den Mittelfinger. Ich konterte, indem ich ihr kräftig an den duftenden Haaren zog. Sie drehte sich zwar um, vermutlich um sich an mir zu rächen, doch ich huschte blitzschnell ins Bad.
Der große breite Spiegel war durch den Wasserdampf beschlagen und die Luft war schwül und schwer. Die Feuchtigkeit kroch meinen Rücken hinauf, bis hin zum Nacken. Ich konnte nur sehr schwer atmen.
Eilig zog ich mich aus und stellte mich unter die Dusche. Ich ließ eiskaltes Wasser über meinen Körper laufen, um mich nach Hollys Anblick abzukühlen. Sie zog mich in letzter Zeit auf eine Art an, die für die wenigen Wochen, die ich nun mit Holly zusammen verbracht hatte, nicht gut war. Ich konnte mich zusammenreißen, aber die Frage war wie lange noch.
Ich wollte sie auf keinen Fall zu etwas drängen, was sie nicht wollte und wozu sie noch nicht bereit war. Also musste ich meine Gedanken bloß in eine andere Richtung lenken, damit ich nicht in Versuchung kam.
Nachdem ich mir sicher war, dass ich mich nicht gleich auf sie stürzen würde, wenn ich sie sah, stieg ich aus der Dusche und trocknete mich ab. Ich ging mir zwei-dreimal durch die Haare. Das musste reichen, damit ich ordentlich aussah.
Als ich mir ein Handtuch um die Hüften schlang, fiel mein Blick auf die Klamotten, die ich getragen hatte, als ich den fremden Mann beinahe zu Tode geprügelt hatte. Ich nahm mein Hemd und betrachtete es.
Die Blutflecken waren zum Glück nicht zu sehen, da die Kleidungsstücke dunkel waren und das Rot sich in Braun verwandelt hatte. Ich fragte mich, ob Holly die Sachen in der Badewanne gesehen hatte. Hoffentlich nicht. Vorsichtshalber knüllte ich die Sachen zusammen und stopfte sie in die Tiefen meines Wäschekorbs.
Danach verließ ich das Bad, um mich umzuziehen. Die plötzliche Kälte erschlug mich. Meine Hände und Beine zitterten augenblicklich um die Wette und ich rieb mir über die Arme, um mich zu wärmen. Holly saß angezogen auf der Couch und schaute fern. Ich flitzte an ihr vorbei ins Schlafzimmer und zog mir eine graue Jeans und ein dunkelblaues Hemd an.
Dann ging ich ins Wohnzimmer und setzte mich neben Holly.
Sie drehte den Kopf zu mir und lächelte mich fröhlich an. Ich nutzte die Chance und küsste sie lange und innig.
„Das habe ich eben vergessen“, erklärte ich und strich ihr über den Unterarm.
„Gut, dass du es nachgeholt hast.“ Grinsend lehnte sie sich an mich und spielte verträumt mit den Fingern meiner rechten Hand.
„Wie lange kannst du noch bleiben?“ Fragend sah ich sie an.
„Heute ist Samstag, also kann ich ruhig länger bleiben.“ Holly strahlte über das ganze Gesicht und setzte sich rücklings auf mich. Zärtlich strich sie mir über die Haare.
„Du hättest dir ruhig mal die Haare kämmen können.“ Frech schnipste sie gegen mein Ohr.
„Vielleicht, aber ich hatte Lust auf was Neues.“ Holly prustete los.
„Hey, auslachen gilt nicht.“ Blitzschnell stand ich auf und ließ sie kopfüber in der Luft baumeln. Trotz ihrer Lage lachte sie noch immer schallend. Ihr Kopf war knallrot, weil das Blut nun nach unten schoss und sie durch ihren Lachanfall keine Luft bekam.
Auf einmal ertönte eine melancholische Melodie aus der Küche. Mein Handy. Behutsam legte ich Holly auf die Couch zurück. Aus dem Lachen war ein hohes Kichern geworden. Ich ging in die Küche. Noch ehe ich abgenommen hatte, wusste ich, dass der Anruf nichts Gutes zu bedeuten hatte. Irgendetwas sagte mir, dass etwas nicht stimmte; dass etwas Schlimmes passieren würde. Es war eine Vorahnung.
„Ja?“, fragte ich missmutig.
„Hier ist Jericho. Heute Nacht ist ein wichtiger Auftrag zu erledigen. Ich möchte, dass du kommst.“
„Muss das sein?“ Meine Stimmung sank in den Keller.
„Ja. Ophelia wird dich in einer Stunde zu Hause abholen“, meckerte er zornig und legte auf.
Entsetzt stierte ich auf mein Telefon. Nein, nein, nein, dass konnte doch nur ein verdammt schlechter Scherz sein. Wieso kam Ophelia und dann auch noch in einer Stunde, obwohl der Auftrag erst in der Nacht war? Dann fiel mir Holly ein.
Ich schaute zur Couch, wo sie bäuchlings lag und auf meine Rückkehr wartete. Sie musste so schnell wie möglich hier raus. Ich durfte es nicht zulassen, dass sie in Gefahr geriet; dass sie Ophelia begegnete. Ich musste sie beschützen. Ohne eine weitere Sekunde zu verschwenden, ging ich zu ihr.
„Du musst jetzt gehen“, sagte ich kurz angebunden. Meine Stimme zitterte leicht. Meine Unruhe entging ihr natürlich nicht.
„Was ist los, James? Wer war am Telefon?“ Ich hatte sie mit meiner Panik angesteckt. Nervös huschten Hollys Augen hin und her und ihr Mundwinkel zuckte.
„Es wird bald eine Person hier sein, die schrecklich und grausam ist. Darum will ich, dass du gehst.“
„Aber…“
„Sofort“, schrie ich so laut ich konnte. Ich war nicht wütend auf sie, sondern die drohende Gefahr versetzte mich in Angst und Verzweiflung. Ich hatte jetzt keine Zeit für Hollys Einwände. Egal, was sie sagte, sie würde gehen. Es gab keinen Grund, mit dem sie mich umstimmen konnte. Unsanft packte ich sie am Handgelenk und zerrte sie zur Tür.
„Du tust mir weh“, jammerte sie hinter mir. Böse funkelte ich sie an.
„Du scheinst den Ernst der Lage nicht zu verstehen, Holly. Diese Frau, die gleich hier sein wird, ist eine Killerin. Glaubst du etwa, dass ich dich dann hier lasse?“ Ängstlich schüttelte sie den Kopf. Ich nahm ihr Gesicht in meine Hände. Hollys Körper bebte.
„Bitte geh unverzüglich zu deinem Auto und fahr nach Hause. Dort bist du sicher.“
Ihre Miene war geprägt von Besorgnis und Furcht. Ich küsste sie auf die Stirn, die Nase und schließlich auf den Mund.
„James?“ Ihre Stimme war nicht mehr, als ein Flüstern.
„Versprich mir, dass du auf dich aufpassen wirst.“ Es war ein Flehen. Ihr Blick war intensiv und eindringlich. Ich nickte.
„Ich verspreche dir alles, was du willst.“ Sie brachte ein Schmunzeln zu Stande. Holly drückte zum Abschied fest meine rechte Hand. Dann ging sie endlich hinaus.
Ich hätte niemals geglaubt, dass ich mich einmal freuen würde, wenn sie mich verließ. Das Wichtigste war, dass sie nun in Sicherheit und aus Ophelias Reichweite war. Ich ließ mich auf die Couch plumpsen und massierte meine Schläfen. In meinem Kopf drehte sich alles.

Auf die Minute genau klingelte es an der Tür. Ophelia hatte exakt eine Stunde bis zu meiner Wohnung gebraucht. In mir brodelte der pure Hass. Alles in meinem Körper wehrte sich dagegen ihr die Tür zu öffnen und sie hereinzulassen, doch es musste sein, es war meine Pflicht. Holly hatte die Pflicht ihren Eltern zu sagen, wo sie sich aufhielt oder wo sie hinging. Meine Pflicht dagegen war es mit Menschen zu arbeiten, die ich auf den Tod nicht ausstehen konnte.
Zerknirscht grummelte ich vor mich hin, als ich die Tür mit dem Knopf öffnete. Bis hierher konnte ich bereits das Klacken von Ophelias High Heels hören, die ihre Ankunft ankündigten. Ich drehte mich um und stöhnte gequält auf.
„Ich freue mich auch dich zu sehen, Jimmy.“
Diese melodische Stimme war unverkennbar. Ich hatte nicht erwartet, dass sie so schnell hier oben sein würde. Blitzschnell wirbelte ich herum und da stand sie. Natürlich von oben bis unten durchgestylt.
Sie trug ein kurzes, schwarzes und schulterfreies Kleid, welches oben mit einer Korsage aus Spitze begann und in Falten von Tüll endete. Darüber trug sie einen lilafarbenen taillierten Blazer und passend dazu steckten ihre Füße in schwindelerregend hohen lilanen High Heels mit großen Schleifen an der Fersen, die ihre Beine noch länger und schlanker erscheinen ließen. Die braunen Haare hatte sie streng nach hinten gekämmt und zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Zwar lächelte sie, doch ihre Augen hatten nichts als Missbilligung für mich übrig.
„Können wir los?“ Ungeduldig wippte ich im Stehen.
„Nein, heute Nacht geht es erst los.“ Meine Mundwinkel zogen sich noch weiter nach unten und ich ballte die Hände zu Fäusten. Ich versuchte nicht auszuflippen und ihr an die Gurgel zu springen, was mir außerordentlich schwer fiel.
„Warum bist du dann schon hier?“, fragte ich hinter zusammengebissenen Zähnen.
„Jericho hat es mir befohlen. Glaub mir, Süßer, ich wäre auch viel lieber irgendwo anders, anstatt bei dir rumzuhängen.“ Wütend schnaubte ich.
„Seit wann machst du denn das, was Jericho dir sagt?“
Sie schlug die Tür zu und besiegelte somit mein schreckliches Schicksal für die nächsten Stunden. Ophelia zog die Schultern nach oben.
„Ich höre nicht immer auf den alten Sack, nur, wenn es ums Geld geht.“
„Das hätte ich mir ja auch denken können“, murmelte ich und setzte mich wieder auf die Couch.
Als ich meinen Blick zum Eingangsbereich richtete, musste ich schockiert feststellen, dass Ophelia nicht mehr da war. Mein Puls beschleunigte sich sofort und der Schweiß stand mir auf der Stirn. Wo war dieses Miststück bloß hingegangen? Es gab nur zwei Möglichkeiten, entweder war sie im Bad oder sie war in meinem Schlafzimmer. Mit ihr hatte man nur Ärger. Zuerst probierte ich im Badezimmer mein Glück. Fehlanzeige. Daraufhin stampfte ich ins Schlafzimmer.
Dort lag sie mit ihrem Bauch auf meinem nicht gemachten Bett und hatte die Beine in die Luft gehoben, welche sie überkreuzt hatte. Das Kleid war ein ganzes Stück nach oben gerutscht, wodurch ihre aufregenden Oberschenkel entblößt wurden. Ich konnte mir Millionen von Männern vorstellen, die jetzt liebend gern mit mir den Platz getauscht hätten.
Ich dagegen hätte alles getan, um von hier zu verschwinden. Ophelia legte den Kopf schief und grinste mich süffisant an. Ich war richtig wütend. Wenn Blicke töten könnten, dann wäre sie jetzt elendig zu Grunde gegangen.
„Was machst du hier?“ Mein Ton war schroff und alles andere als einladend.
„Ich wollte mich ein wenig bei dir umsehen, schließlich war ich lange nicht mehr hier.“ Sie strahlte über beide Ohren.
„Das erklärt zwar, warum du dich in meinem Schlafzimmer aufhältst, aber nicht, warum du ohne Erlaubnis in meinem Bett liegst.“ Leise vor sich hinsummend drehte sie sich galant auf den Rücken.
„Ich wollte mich ausruhen und da du auf der Couch keinen Platz mehr hattest, war ich dazu gezwungen mir eine andere Schlafmöglichkeit zu suchen.“ Sie klimperte mit ihren langen und schön geschwungenen Wimpern. Ich musste mir auf die Zunge beißen, damit mir all die schlimmen Wörter und Flüche, die mir gerade einfielen, nicht herausrutschten. Tief atmete ich ein und aus. Ganz ruhig. Ich lasse es nicht zu, dass sie mich zum Ausrasten bringt.
„Na schön, von mir aus kannst du dich hinlegen und schlafen, aber ich verschwinde wieder und du fasst hier nichts an, verstanden?“, fragte ich aufgebracht.
„Ja, Sir.“ Sie machte einen Militärgruß.
Ohne ein weiteres Wort ging ich hinaus. Etwas Gutes hatte es ja: wenn sie schlief, dann hätte ich zumindest meine Ruhe. Entnervt schlurfte ich in die Küche und machte mir erstmal einen Kaffee. Ich brauchte unbedingt Koffein. Unzufrieden setzte ich mich an den Küchentresen und legte den Kopf auf die glatte Oberfläche.
Am Liebsten wäre ich einfach abgehauen, ohne, dass Ophelia etwas mitbekam und wäre dann zu Holly gelaufen, doch ich hatte keine andere Wahl. Ich musste hier bis in die Nacht ausharren und darauf warten, dass Ophelia mich in den Auftrag einwies und wir losfuhren.
Der pure Gedanken daran, dass ich wieder einen Menschen töten würde, widerte mich an. Als ich diesen Typen in der Straße verprügelt hatte, hatte ich mich jedoch stark, überlegen und unbesiegbar gefühlt. Es hatte mir Vergnügen bereitet ihn blutend und geschwächt vor mir zu sehen.
Wieso hatte ich ohne Grund diesen Menschen geschlagen? Warum hatten mir seine Schmerzen Freude bereitet? Diese Gedanken und Gefühle hatte ich sogleich verdrängt, als Holly mich besucht hatte. Nun kehrten sie langsam, aber unverblümt zurück und quälten mich.
Ich hob den Kopf und haute diesen mehrmals hintereinander gegen die harte Platte. Ein stechender Schmerz zog durch meine Stirn direkt in den Nacken. Mir war es gleichgültig. Ich wollte die quälenden Gedanken aus meinem Kopf hämmern. Egal, um welchen Preis.
„Na, macht es Spaß?“ Ophelias Sopranstimme ertönte hinter mir. Ich hielt inne und verdrehte die Augen. Alles um mich herum drehte sich und mir war übel. Der dumpfe Schmerz pochte gegen die Innenseite meines Kopfes.
„Warum schläfst du nicht?“ Es war beinahe ein Knurren.
„Ich kann in deinem Bett nicht schlafen“, meinte sie gelassen und setzte sich zu meinem Unmut neben mich.
„Wie kannst du das denn wissen? Du hast nicht mal zehn Minuten im Bett gelegen.“
„Weibliche Intuition“, hauchte sie und belegte mich mit einem mysteriösen Blick. Sie reizte mich schon mit ihrer bloßen Anwesenheit. Wieso muss sie auch noch mit mir reden? Sie wusste doch ganz genau, dass ich sie bis aufs Blut hasste.
„Sei nicht so missmutig, Jimmy. Die nächsten Stunden werden mit Sicherheit lustig, vertrau mir.“ Ich konnte es nicht erklären, aber irgendwie machte mich der Ton ihrer Stimme nervös und verstärkte meine Befürchtung, dass etwas Schreckliches passieren würde.
„Wenn du das sagst“, grummelte ich und hockte mich auf die Ledercouch. Ich konnte sie in meiner Nähe nicht ertragen. Wieso verschwand sie nicht? Zum Glück blieb sie in der Küche sitzen, dennoch konnte ich ihr amüsiertes Grinsen sehen. Ich schnappte mir ein Kissen und drückte es mir aufs Gesicht. Zusätzlich schloss ich meine Augen und tatsächlich konnte ich ihre Anwesenheit verdrängen und das miese, drückende Gefühl in der Magengegend verschwand. Erfreut lächelte ich gegen das dicke Kissen und entspannte meine Muskeln. Die Ruhe war himmlisch und machte mich schläfrig.
Doch was war das? Ich hörte ein lautes Klacken, das sich mir langsam näherte. Verwirrt runzelte ich die Stirn. Wegen dieses Hintergrundgeräuschs konnte ich nicht einschlafen.
Verärgert riss ich das Kissen herunter und sah Ophelia, die mit einem perfekten Modelgang zu mir gestakst kam. Ihre blöden High Heels hatten meinen Verstand wieder auf sie aufmerksam gemacht. Grazil setzte sie sich auch auf die Couch und zog ihre langen Beine an.
„Verfolgst du mich?“, zischte ich gereizt. Mein Blut kochte.
„Ja, schließlich will ich mich mit dir unterhalten, aber du haust ständig ab.“ Beleidigt verschränkte sie die Arme vor der Brust.
„Warum willst du dich mit mir unterhalten? Ehrlich gesagt hab ich keine Lust dazu, weil ich dich hasse. Darum versuche ich die ganze Zeit vor dir zu flüchten, aber wie sich herausgestellt, ist das schwieriger, als gedacht.“
Mein Ton war zwar freundlich, aber natürlich war meine gute Laune bloß gespielt. Wenn sie verlogen sein konnte, dann konnte ich dass auch. Für Sekunden entgleisten ihre Gesichtszüge und verwandelten sie in einen grotesk aussehenden Engel.
„Was hast du denn gegen mich, Jimmy? Ich habe dir nie etwas getan.“ Sie klang wütend. Vermutlich war sie es nicht gewohnt, dass ein Mann Hass gegen sie hegte.
„Ich werde dieses Thema nicht mit dir ausdiskutieren, denn meine Meinung über dich steht fest. Ich hasse dich. Soll ich es dir noch einmal zum Mitschreiben diktieren?“ Ich wandte meinen Blick von ihr ab und schaltete den Fernseher ein. Neben mir verkrampfte sich Ophelia. Ich achtete nicht weiter auf sie. Stattdessen zappte ich durch die Kanäle, auf der Suche nach einer interessanten Sendung.

Stundenlang saßen wir stillschweigend auf der Couch und schauten in den Fernseher. Ich war überrascht, dass Ophelia keinen weiteren Versuch unternommen hatte, sich mit mir zu unterhalten.
Endlich hatte sie aufgegeben und erkannt, dass ich nicht von ihrer Schönheit verzaubert war und alles für sie tun würde. Die ganze Zeit hockte sie schmollend, wie ein kleines Kind, neben mir und starrte auf ihre Fingernägel. Heute waren sie schwarz lackiert.
Draußen wurde es derweil immer düsterer und ich fragte mich, wann Ophelia mich in den Auftrag einwies und wir losfuhren. Es war nicht so, dass ich unbedingt jemanden töten wollte, sondern ich mochte es nicht vollkommen ahnungslos losgeschickt zu werden.
Um 23.00 Uhr erhob sie sich.
Ich schaute zu ihr hoch und wartete darauf, dass sie etwas sagte. Sie richtete ihr Kleid und zog das Haargummi wieder stramm.
„Es ist soweit.“
„Gut“, entgegnete ich schroff, schaltete den Fernseher aus und erhob mich ebenfalls. Schnurstracks ging sie zur Eingangstür, öffnete sie und verließ meine Wohnung.
Zornig und aufgebracht blieb ich zurück. Warten war für sie wohl ein Fremdwort. Mir blieb nichts anderes übrig, als mir blitzschnell meine Schlüssel zu schnappen und ihr hinterher zu rasen. Mit einem lauten Knall schlug ich die Tür zu und eilte die wenigen Stufen hinab.
Ophelia stand gelangweilt im Eingangsbereich. Als sie mich hörte, sah sie über ihre Schulter zu mir und lächelte triumphierend.
„Da bist du ja endlich. Ich hätte nicht gedacht, dass du so langsam bist.“ Ihre Stimme klang überheblich und strotzte vor Hohn. Ich bedachte sie mit einem herablassenden Blick und ging hinaus. Jetzt musste sie mir nachlaufen. Mal sehen, wie ihr das gefiel.
Nach zwei Minuten kam sie nach draußen getrottet. Sie steuerte direkt ihre rote Corvette C5 Z06 an, die sie am Straßenrand gegenüber dem Haus geparkt hatte. Ich folgte ihr  sicherheitshalber, da ich ihr durchaus zutraute, dass sie ohne mich losfuhr. Mit dem Autoschlüssel öffnete sie per Zentralverriegelung die Türen.
„Beweg dich“, fauchte sie zornig und trat ungeduldig mit dem Fuß auf.
„Ja, ja.“ Ich riss die Beifahrertür auf, setzte mich und schnallte mich an. Dann stieg sie selbst ein und startete den Motor, der laut aufheulte. Bevor sie losfuhr, griff sie über mich und holte ein elegantes Zigarettenetui aus dem Handschubfach.
„Du rauchst doch jetzt nicht, oder?“ Mein Blick verriet ihr, dass ich nicht begeistert war.
„Das hier ist mein Auto und darum darf ich rauchen, wann und wie viel ich will“, raunte sie und funkelte mich an. Mit zitternder rechter Hand zog sie eine dünne Zigarette hervor. Durch den längeren Tabakentzug war sie nervös und hibbelig.
Nachdem Ophelia sich die Zigarette mit einem silbernen Feuerzeug angezündet hatte, trat sie aufs Gaspedal und raste los.
Geschmeidig führte sie das Auto über die Straßen und ich fragte mich, wie sie mit diesen Mörderabsätzen Auto fahren konnte, ohne einen Unfall zu bauen.
Die Lichtkegel der Scheinwerfer zeigten ruhige Wohngegenden, in denen Hundebesitzer ihre Hunde das letzte Mal ausführten und kein Auto mehr unterwegs war.
Steif saß ich auf dem Sitz und war aufgeregt, schließlich hatte ich keinen Schimmer, was mich erwartete. Ophelia zog hin und wieder an ihrer Zigarette, die dann knallrot leuchtete. Nach kurzer Zeit war der gesamte Innenraum voll gequalmt.
Bei jedem Atemzug sog ich den ungesunden und widerlichen Qualm ein, der sich in meinen Lungenflügeln sammelte. Ich bekam Atemnot und hustete mehrmals hintereinander. Genervt stöhnte sie und ließ das Fenster auf meiner Seite herunter. Frische Luft drang zu mir durch.
„Stell dich nicht immer so an, Jimmy.“ Böse verengte ich meine Augen zu Schlitzen.
„Wenn du dich mit deiner Sucht ins Grab bringst, ist mir das scheißegal, aber zieh mich nicht mit hinein, indem du mich zum Passivrauchen zwingst.“ Demonstrativ hielt ich den Kopf aus dem Fenster und gönnte meiner Lunge saubere, gesunde Luft.
„Bla, bla, bla. Ständig bin ich von Gesundheitsfanatikern umgeben, die sich beschweren und alles besser wissen.“ Um mir zu zeigen, wie egal ihr meine Meinung war, schmiss sie die Zigarette, die sie nur bis zur Hälfte geraucht hatte, aus dem Fenster und steckte sich eine Neue an. Ich konnte nur den Kopf schütteln.
„Willst du mich nicht langsam in unseren Auftrag einweisen?“ Ich fixierte sie mit meinen grauen Augen. Das Blitzen in ihren Augen entging mir nicht. Amüsiert grinste sie.
„Hab noch ein bisschen Geduld. Ich verspreche dir, dass du diesen Abend nie wieder vergessen wirst.“ Verzückt klatschte Ophelia kurz in die Hände, ehe sie sie wieder aufs Lenkrad legte. Mir gefielen diese Geheimniskrämerei und ihre fröhliche und begeisterte Miene ganz und gar nicht.
Der Auftrag musste etwas besonderes sein, wenn sie nicht mit der Sprache herausrücken wollte.
In dem Blick, den sie mir zuwarf, lag etwas, dass ich nicht deuten konnte. Aber irgendetwas sagte mir, dass mir Gefahr drohte und ich in den kommenden Stunden aufpassen musste.
Die restliche Fahrt redeten wir kein Wort mehr und ich genoss das Schweigen. Ich fand sogar Zeit meine Augen zu schließen und ein wenig zu dösen. Als ich jedoch merkte, wie das Auto zum Stillstand kam, öffnete ich sie wieder und schaute nach draußen.
Wir standen in einer Straße, die von kleinen Häusern und einzelnen dürren Bäumen gesäumt war. Die Laternen spendeten gedämmtes Licht, was den Bürgersteig und einen kleinen Teil der Fahrbahn beleuchtete. Es fiel mir schwer meine Umgebung richtig zu sehen und wahrzunehmen. Es schien, als ob sich ein Schmutzfilm auf meine Augen gelegt hätte. Ophelia schnallte sich ab, blieb jedoch im Wagen sitzen.
„Sind wir da?“ Sie wandte ihren Kopf in meine Richtung, doch sie schaute an mir vorbei.
„Ja, aber wir warten noch auf die Anderen.“
„Wer kommt denn noch?“ Mich machte die Tatsache, dass noch weitere meiner verhassten Kollegen zu uns stoßen würden, wütend. Jericho versuchte also noch immer mit allen Mitteln uns zur Zusammenarbeit zu zwingen.
„Mickey, Navarro, Patton und Emilia.“ Beim letzten Namen verzog sie das Gesicht.
„Super. Ich wette, dass sie alle wissen, was heute Abend zu tun ist“ sagte ich zynisch und ballte die Hände zu Fäusten. Keck lächelte sie.
„Ja.“
„Und warum sind so viele dabei?“ Es war ungewöhnlich, dass Jericho mehr, als zwei Killer auf eine Zielperson ansetzte, da eine große Menschenmenge Aufmerksamkeit erregte und dass hieß wiederum Gefahr für uns alle.
„Diesmal müssen drei Menschen getötet werden. Heute Abend kommt also viel Arbeit auf uns zu.“ Ich wusste, dass sie es liebte, wenn sie mehr als ein Opfer töten durfte.
Alle dachten wie Ophelia. Früher war ich genauso gewesen, doch schon seit Wochen dachte ich ganz anders über dieses Thema. Ich wollte nicht noch mehr Menschen töten. Einer war bereits zu viel, aber gleich drei auf einmal? Alles um mich herum begann sich zu drehen und am Liebsten hätte ich mich an Ort und Stelle übergeben.
„Da kommen sie ja schon.“ Gut gelaunt und ausgelassen stieg sie aus und ließ mich allein im Auto zurück.
Durch die Windschutzscheibe sah ich, wie Ophelia sich auf die Motorhaube setzte und wartete. Von rechts, aus einer Nebenstraße, kamen vier Gestalten auf uns zu. Die drei hoch gewachsenen waren unverkennbar Mickey, Patton und Navarro. Ihnen folgte mit einigem Abstand eine kleine zierliche Gestalt: Emilia. Mein Körper verweigerte mir derweil seinen Dienst. Meine Muskeln waren angespannt und hart. Ich konnte mich nicht bewegen, nicht einmal die kleinste Bewegung war möglich.
Draußen trafen die drei Männer auf Ophelia, die ihre Kollegen fröhlich begrüßte. Ich konnte die gaffenden Blicke und die geöffneten Münder von ihnen bis hierher sehen. Emilia war natürlich alles andere, als begeistert und achtete gar nicht weiter auf Ophelia. Sie blieb fünf Meter vom Auto entfernt stehen und blickte nachdenklich in den Himmel. Ihr schien es wie mir zu gehen.
Emilia wirkte unglücklich und tief in ihre Gedanken versunken. Ich wollte wissen, was mit ihr los war. Ihre gedrückte Stimmung schien über die Rivalität zu Ophelia hinauszugehen.
Die Hoffnung, auf eine Mitleidende zu treffen, ließ meinen Köper wieder in Gang bringen. Durch die Verkrampfung meiner Muskeln schmerzte jeder kleinste Schritt, den ich vom Auto bis zu Emilia machte. Die Anderen schenkten mir nicht mal ein Fünkchen Beachtung. Ich stellte mich neben Emilia und beobachtete sie. Ihre Stirn hatte sie in Falten gelegt.
„Alles in Ordnung?“ Sie zuckte zusammen und wirbelte herum.
„Ja.“ Ihre Stimme klang nervös und beunruhigt. Sie schaute betreten zu Boden und scharrte mit dem rechten Fuß.
„Ich sehe doch, dass dich etwas bedrückt. Mir kannst du alles anvertrauen, Emilia“, entgegnete ich aufmunternd und fasste sie an der Schulter.
„James, ich muss dir etwas beichten.“ Ein gequälter Blick traf mich. Ich war perplex.
„Was denn?“
„Ich…ich habe mein Ver…Versprechen gebrochen“, druckste sie herum. Ängstlich musterte sie mich.
„Ich verstehe nicht.“
„Ich habe dich verraten, James. Ich habe Jericho von dir und Holly erzählt.“ Auf einen Schlag hörte und sah ich nichts mehr. Die Luft blieb mir weg und das Herz blieb mir von einer Sekunde auf die Anderen stehen. Mir war schwindlig, übel und heiß und das alles auf einmal. In meinem Körper und in meinem Verstand brach alles zusammen und endete in einem heillosen Chaos. Emilia, meine einzige Vertrauensperson, hatte mich verraten und somit sowohl meinen, als auch Hollys Tod besiegelt.
Am Liebsten hätte ich vor Schmerz geschrieen. Ich war kurz davor zusammenzubrechen. Es war alles meine Schuld, denn ich hatte Emilia alles anvertraut, obwohl ich genau gewusst hatte, dass es gefährlich war.
Nun stellte sich heraus, dass meine Vermutung, dass sie mich im Cafè ausgefragt und Informationen über Holly gesammelt hatte, richtig gewesen war.
Wie konnte man sich bloß so in einen Menschen täuschen? Durch meinen Leichtsinn musste Holly sterben. Ich hatte den Tod verdient. Schon für all meine Untaten, die ich die letzten Jahre begangen hatte, aber nicht sie. Ein engelgleiches, herzensgutes Mädchen, das nie einer Fliege etwas zu Leide tun konnte. Ich hatte sie ins Verderben gestürzt und sie ahnte nichts von der kommenden Bedrohung.
Vor ein paar Stunden waren wir noch glücklich und unbeschwert gewesen und nun war alles dahin. Ich machte mir schwere Vorwürfe, weil ich sie nach Hause geschickt hatte, denn dort lauerte der sichere Tod.
Meine Hände zitterten derweil heftig und unkontrolliert. Meine Haut war leichenblass.
War Emilias Verrat Gottes Strafe für mich? Konnte er einen verliebten Auftragskiller nicht akzeptieren; ihm die große Liebe gönnen? Wohl nicht, sonst würde er mir nicht Holly, mein Ein und Alles, nehmen.
„James?“ Emilias Stimme drang aus weiter Ferne zu mir. Langsam tauchte die Straße wieder vor meinen Augen auf. Meine Kollegin stand unsicher vor mir.
„Verdammt, meinst du das ernst?“
Bei jedem gesprochenen Wort mit ihr, der Verräterin, bohrte sich ein stechender Schmerz durch mein Herz.
„Es tut mir leid, James.“ Tränen sammelten sich in ihren Augen, doch ich verspürte kein Mitleid und auch keine Vergebung.
„Wieso hast du das getan?“ Ich spuckte ihr die Worte regelrecht entgegen.
„Ich habe mich für dich gefreut, weil du einen geliebten Menschen gefunden hast, doch sie ist eine Gefahr für uns alle, auch für dich. Wenn sie jemandem von deiner Tätigkeit erzählt, dann kommst du in den Knast. Hast du schon mal darüber nachgedacht?“
Plötzlich versuchte sie sich zu rechtfertigen.
„Danke, dass du mich vor dem Gefängnis bewahrt hast, aber dort werde ich nie hinkommen, denn ich werde sterben. Du hast mich zum Tode verurteilt und nicht nur mich, sondern auch sie. Das werde ich dir niemals verzeihen, Emilia McDermott.“ Mein Körper bebte. Ich war vollkommen überfordert.
Was sollte ich tun? Auf einer Seite wäre ich gerne geflohen und hätte mich wie eine dreckige Ratte verkrochen, doch auf der anderen Seite musste ich Holly vor meinen Kollegen und dem kommenden Tod mit all meiner Macht beschützen. Und diese Seite war eindeutig stärker, als die Andere.
Aber wie sollte ich sie retten? Jeder von ihnen wusste, dass ich dieses Mädchen, das getötet werden sollte, liebte. Sie wussten es schon seit Stunden. Kein Wunder, dass Ophelia so dämlich und schadenfroh gegrinst hatte.
Meine Intuition hatte mich mal wieder nicht getäuscht, heute würde etwas Schreckliches geschehen. Sie hatten mir nichts verraten, damit ich Holly nicht warnen konnte und nun wollten sie, dass ich Zeuge ihres Todes wurde. Jericho wollte mich bestrafen und quälen und dass würde ihm auch gelingen. Moment, hatte Ophelia nicht von drei Menschen gesprochen?
Hart schluckte ich. Hollys Eltern sollten also auch sterben und dabei wussten sie nicht einmal von mir, geschweige denn, dass ich ein Killer war. Der Tod ihrer Eltern würde Holly tief im Herzen treffen und ihr unendliche Schmerzen bereiten. Ich wusste genau, wie man sich fühlte, schließlich hatte ich selbst den Verlust meiner Eltern verkraften müssen. Ich wollte ihr dieselbe Erfahrung ersparen. Ich würde für Hollys Leben und das ihrer Eltern kämpfen, um jeden Preis.
Emilia hatte derweil kein Mitleid mehr für mich übrig, sondern betrachtete mich mit einem verächtlichen Blick. Was hatte sie denn erwartet? Dass ich ihr verzeihen und die Beweggründe für ihren Verrat verstehen würde? Alle waren nun gegen mich und galten somit als Feinde.
Natürlich würden die fünf einen Gegenschlag von mir erwarten, also musste ich äußerst vorsichtig und geschickt vorgehen. Während ich mir weiter Gedanken über die nächsten Stunden machte, kamen Mickey und Ophelia, gefolgt von Navarro und Patton, zu uns herüber. Sie alle grinsten wie Honigkuchenpferde.
Diese miesen, heuchlerischen Bastarde. Mein gesamter Körper brannte wie Feuer.
„Nach deiner Wut zu urteilen, schätze ich, dass Emilia dir von unseren heutigen Zielpersonen berichtet hat.“ Ophelia musterte mich mit einer Mischung aus Vergnügen und Heimtücke. Sie kicherte.
Dann fielen die Anderen in ihr Lachen ein. Ich fühlte mich hilflos und allein, aber ich wusste, dass es mir bald noch schlimmer gehen würde. Ich konnte jedoch rein gar nichts gegen die kommende Gefahr tun. Wenn die fünf erstmal losgelegten, dann waren sie nicht mehr aufzuhalten. Dann könnte ich bloß zusehen, wie alles den Bach herunterging und die Liebe meines Lebens brutal ermordet wurde.
Ihr grausames Lachen schrillte in meinen Ohren und wollte nicht mehr aufhören. Ich befand mich eindeutig in einem Albtraum, aber dieser würde nicht aufhören, sondern in der Realität weiterlaufen.
Mickey, der heute mal wieder eins seiner grässlichen Hawaiihemden trug, schaute auf seine Uhr und nickte den Anderen der Reihe nach zu.
„Es ist soweit. Der Spaß kann beginnen.“
Er lächelte, doch mich bedachte er mit einem hasserfüllten Blick. Natürlich, schließlich war ich hier der Verräter und nicht Emilia. Ich riskierte für ein Mädchen einfach alles und dabei zog ich sowohl Jericho, als auch die Anderen mit hinein. Das konnten sie gar nicht leiden und nun bestraften sie mich dafür. Es war wohl überflüssig zu sagen, dass sie es genossen.
Sie gingen die Straße hinab, aber Mickey blieb neben mir stehen. Grimmig musterte ich ihn.
„Geh“, raunte er und schubste mich.
„Fass mich nie wieder an. Du weißt nicht, mit wem du dich anlegst.“ Aufgebracht schnaubte ich und funkelte ihn zornig an.
„Halt dein Maul, Roddick. Du bist nicht in der Position mir zu drohen. Eher sollten du und deine Tussi sich in Acht nehmen und glaube mir, ich warne dich nicht umsonst.“ In seinen Augen flammte unbändige Wut. Ich entgegnete nichts, sondern folgte den Anderen. Mickey ging hinter mir her. Er fungierte wohl als mein Aufpasser, der darauf achtete, dass ich nicht die Flucht ergriff oder Holly womöglich anrief. Ich ging sehr langsam und versuchte Zeit zu schinden, um mir Gedanken darüber zu machen, wie ich gleich vorgehen sollte.
„Trödel nicht rum.“ Ich knurrte und ging etwas schneller weiter. Die übrigen Killer waren vor einem Haus stehen geblieben. Ich brauchte das Gebäude nicht einmal anzusehen, um zu wissen, dass es Hollys Haus war. Mich überkam ein trauriges und bedrückendes Gefühl. Sie und ihre Eltern lagen in ihren Betten und dachten an nichts Schlimmes.
Würden sie früh mitbekommen, dass Fremde in ihr Haus eindrangen? Würden sie sich verstecken oder sofort fliehen? Ich hoffte, dass sie verschwinden und sich in Sicherheit bringen würden, aber wenn ich realistisch blieb, dann würde auch eine Flucht sie nicht retten.
„Nettes Häuschen“, meinte Navarro mit seiner rauen Stimme, als Mickey und ich zu ihnen stießen. Er klemmte sich seine pechschwarzen schulterlangen Haare hinter die Ohren. Ich wagte es nicht einmal einen Blick auf das kleine Einfamilienhaus zu werfen, das für eine heile Welt und ein glückliches Familienleben stand.
„Lasst uns reingehen.“ Ophelia war voller Vorfreude. Pattons riesige, muskelbepackte Gestalt kam auf mich zu.
„Wehe, du machst uns Ärger.“ Drohend hob er den Zeigefinger. Dann fuhr er sich gelassen durchs borstenähnliche Haar und machte sich an der Haustür zu schaffen. Einbrüche waren sein Steckenpferd.
Verzweifelt stand ich auf der Straße, meine Kollegen bildeten einen Kreis um mich, aber nicht um mich zu beschützen, sondern um mich zu kontrollieren und wie in einem Käfig einzusperren. Meine Knie zitterten und waren weich wie Pudding. Mir war schwindlig und schlecht. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis ich ohnmächtig werden würde. Ein leises Knacken verriet mir, dass die Tür offen und somit der Startschuss zum Töten gegeben war.
Patton kam zurück.
„Wir können rein, aber seid verdammt noch mal leise. Wir wissen nicht, ob noch jemand wach ist.“
„Roddick weiß es vielleicht.“ Mickey fasste mich am Kragen, aber ich wehrte mich nicht. Ich war sowohl körperlich, als auch mental nicht dazu in der Lage.
„Schlafen die schon?“ Ich zuckte apathisch mit den Achseln.
„Das weiß ich nicht, so oft war ich nicht hier.“ Meine Stimme war dünn und schwach.
„Dann hat deine Tussi dich wohl nicht rangelassen.“
Mickeys Hyänenlachen ertönte. Seine unverschämten Worte erfüllten mich mit neuem Hass und verdrängten meine Schwäche. Wie konnte er es wagen so von Holly zu reden?
„Was fällt dir ein, du Bastard? Sie ist nicht wie deine Ophelia, eine billige Schlampe, die mit jedem ins Bett springt. Okay, bei einem rothaarigen winzigen Kobold, wie di,r macht sogar sie eine Ausnahme.“
Schadenfroh grinste ich ihn an. Das Lachen blieb ihm im Hals stecken und sein Gesicht erstarrte zu Eis. Das hatte gesessen. Ich hatte ihn an seiner empfindlichsten Stelle getroffen: seine Schwärmerei für Ophelia Monroe.
„Na schön, vielleicht habe ich keine Chancen bei ihr, aber zumindest lebt das Objekt meiner Begierde nach der heutigen Nacht weiter, im Gegensatz zu deiner Tussi.“ Genüsslich leckte er sich über die Lippen und lächelte überheblich. Das reichte. Er hatte definitiv eine Grenze überschritten.
Ich stürzte mich auf ihn und riss ihn zu Boden. Hart schlugen wir auf dem Asphalt auf. Sogleich traktierte ich ihn mit Schlägen und würgte ihn. Mickey teilte auch Schläge aus, doch ich spürte sie kaum und steckte sie weg. Ich befand mich in einem Blutrausch, in dem ich nichts und niemanden sah, außer den blutenden Mickey.
Immer und immer wieder schlug ich auf ihn ein, bis ich zwei kräftige Arme um mich spürte, die mich von ihm wegzogen. Wie wild versuchte ich mich aus dem festen Griff zu befreien, aber es war aussichtslos.
„Beruhig dich, Kleiner“, meinte Patton lachend und umklammerte mich, sodass ich mich nicht mehr bewegen konnte. Langsam beruhigte ich mich und das Adrenalin in meinem Körper sank rapide ab.
Dadurch spürte ich auf einen Schlag die Schmerzen, die Mickey mir bereitet hatte. Ich konnte nur unter einem schmerzhaften Ziehen atmen. Als ich mir auf die linke Seite meiner Brust fasste, merkte ich, dass sich dort der Auslöser des Schmerzes befand. Ich vermutete, dass Mickey mir eine Rippe gebrochen hatte.
Dieser Mistkerl. Erneut überkam mich eine Welle des Zorns und ich wollte ihn erneut angreifen und verletzen. Patton hielt mich aber mit seinen stahlharten Armen in seinem Griff fest und so konnte ich nur zusehen, wie Mickey aufstand und zufrieden lächelte, obwohl aus seiner Nase Blut floss und sein linkes Auge  geschwollen war.
„Lass mich los. Ich will ihn umbringen“, zischte ich.
„Das lässt du mal schön bleiben, Kleiner.“ Er wuschelte mir über den Kopf und brachte meine Haare durcheinander, dann schleifte er mich hinter sich her. Emilia schüttelte bloß unverständlich den Kopf und ging leise ins Haus.
Die Anderen folgten ihr, so auch Patton und ich. Ich hatte schließlich keine andere Wahl und so stolperte ich in die Katastrophe hinein.

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