Verderbnis

Es regnete, das war das Erste, was Sassy negativ auffiel.
Dazu kam die völlige Verwirrung und absurde Frage, wo sie sich befand. Schleier hatten sich über ihre Gedanken gelegt, ein dunkler Schatten schien sie in ihrem Bett verschlungen zu haben. Um sie an diesem unheilvollen Ort wieder auszuspeien.
Die eigenartigen Spitzbögen und vielen Verzierungen der steinernen Gebäude deuteten auf eine frühe Zeit in Elensar hin.
Dichter, unnatürlicher Nebel schob sich durch die gepflasterten Gassen, er Himmel war von dunklen Regenwolken überzogen, Russ und Asche schienen durch die Luft zu wirbeln.
Hinter der Stadt, die mit ihren überwucherten Gärten und Bögen nichts Böses erahnen lies, ragte ein gewaltiger Berg in die Höhe, massiver, schwarzer Stein.
Der kalte, nasse Wind zerzauste ihr braunschwarzes Haar und lies sie frösteln, wie auch der Blick auf den schwarzen Berg.
Die Stadt am Fuße des schwarzen Throns, bloß noch eine Legende, ein Flüstern aus alten, dunklen Zeiten.
Als der Dunkle seinen Vater gestürzt hatte war dieser Ort verschwunden, als hätte er nie existiert.
Der schwarze Thron war nichts mehr als eine zerklüftete leere Landschaft.
Ohne Pflanzen, kein Vöglein würde hier zwitschern, nichts war mehr dort.
Und doch stand Sassy mitten in der vergessenen Stadt, auch wenn sie leer war, so schien sie wieder an Ort und Stelle zurück gekehrt zu sein.
"Hier wird sich alles entscheiden", plötzlich war Finn neben ihr aufgetaucht, "die Stadt der Toten ist zurückgekehrt, und sie wird wieder im Feuer der Unterlande brennen wenn Elensar nicht handelt! Aber zuerst wird der Limbus brennen..."
Sassy blickte sich verwirrt um und versuchte sich zu erinnern wie sie her gekommen war.
Das Anwesen der Androliens hatte sie, zumindest bewusst, nicht verlassen.
"Du versteckst dich schon viel zu lange!", Finn legte ihr die Hand auf die Schulter, "Sie brauchen dich! Ich brauche dich! Du hast deine Fesseln schon lange abgelegt. Aber du bist scheu geworden und hast deinen alten Schwur vergessen. Erneuere dein Versprechen, komm zurück zu uns!"
Sassy starrte ihn nun fassungslos an, sie fühlte sich noch nicht bereit wieder nach Elensar, Zöne oder irgendeine andere Welt zu reisen.
"Du darfst nicht zögern, schon bald werden wir kämpfen müssen, Shanora wird dich brauchen!", Finn deutete auf den schwarzen Thron, "Die Dunkelheit hat sich wieder über alle Welten gelegt, verborgen, verderbend und blutgierig fordert er dieses Land zurück. Elensar wird brennen wenn wir ihn nicht aufhalten! Du musst aus den Schatten unserer Vergangenheit treten und Shanora helfen zu führen! Sie ist jetzt der oberste Jäger..."
Mit diesen düsteren Worten verschwand Finn, löste sich im dichten Nebel auf.
Der penetrante Geruch nach Schwefel wurde stärker, Rauch schien vom schwarzen Thron aufzusteigen.
Sassy versuchte sich in dieser eigenartigen Stadt zu orientieren, aber es war ihr nicht möglich, der schwarze Thron und seine Dunkelheit schienen alles zu verschlingen.

"Und was jetzt?", fragte Vanessa gestresst und sah sich nach einem Fluchtweg um.
Die Massen von toten Körpern schoben sich immer weiter zu ihnen herauf, der Strom schien nicht abzureisen. 
Allister kämpfte verbissen, aber sie wurden immer mehr eingekreist, der Gestank der verwesten Körper trieb ihnen die Tränen in die Augen.
Ein helles Licht lenkte ihre Aufmerksamkeit auf sich, es schien die Angreifer zurück zu treiben, das Plateau von ihnen zu befreien. Körperteile flogen an ihnen vorbei, durchtrennt von der strahlenden Klinge ihres Besuchers.
Der schwarze Mantel verhüllte diesen, er wich blitzschnell einem weiteren Untoten aus und stieß zwei mit dem langen Stab, den er in der anderen Hand trug, zurück in die Tiefe. 
Allister kniff die Augen zusammen: "Das kann doch nicht..."
Das laute Donnern am Fuße des Plateaus lies ihn seine Theorie aber für den Moment außer Acht lassen.
Shanora zuckte zusammen und machte einen Satz zurück. 
Ein riesiger Arm voller pulsierender Pusteln war das Erste, was das Plateau erreichte, dann folgte ein Zweiter, ein Dritter und Vierter. Schließlich auch der Kopf dieser Monstrosität, mit Stacheldraht umwickelt und einem hölzernen Pfahl durchbohrt.
Anscheinend hatten schon mehr Menschen versucht es zurück ins Grab zu befördern, ohne Erfolg.
Shanora starrte es kurz weiter verängstigt an, dann aber schien ein warmer Rückenwind über ihr Fell zu streicheln, süßer Erinnerungen an ihre Kindheit kamen in ihre Gedanken.
"Du trägst es in dir, schon dein Leben lang, ich kann dein Licht sehen, du musst es nur selbst erforschen", der Wind schien ein Flüstern mit sich zu tragen.
Diese Worte hatte ihr Bruder zu ihr gesagt.
Finn hatte sie wütend und weinend im Garten angetroffen, weil sie, trotz des ständigen Lernens, nicht einmal einen Funken Magie zusammen gebracht hatte.
Shanora hatte das Gefühl größer zu werden, sie fühlte sich aufrechter, ihr Rücken schien wieder gerade zu sein.
Ein Blick auf ihre nackten Füße verriet ihr, dass das Gefühl begründet war. Sie fasste sich mit ihren Händen an den Kopf, in ihre ungleichmäßig geschnittenen schwarzen Haare. Sie war wieder eine junge Frau, keine Katze mehr.
Das Monster hatte sich vor Shanora aufgebaut, es schnupperte an ihr, der beißende Gestank trieb ihr die Tränen in die Augen und lies sie kurz würgen.
"Fang", die Worte einer Frau ließen sie herum fahren, die Gestalt im schwarzen Mantel warf ihr einen kleinen Gegenstand zu. Überrascht fing sie diesen auf, ein Schwertgriff mit alten Runen verziert. Shanora hatte schon früh gelernt die alte Sprache von Elensar zu entziffern.
"Möge das Licht des weißen Throns die Welten beschützen", flüsterte sie die eingravierten Worte.
Eine Klinge aus strahlendem Licht schoss aus dem alten Griff, Shanora, hielt ihn nun mit beiden Händen.
Das Monster zeigte sich unbeeindruckt und brüllte sie an, aber Shanora lächelte, sie hörte eine sanfte Melodie aus der Klinge kommen, sie wusste nicht woher, aber sie kannte diese.
"Geh zurück zu deinem Meister!", brüllte sie das Monster an, "Du hast hier keine Macht!"
Der riesige Kopf des Monsters fletschte die Zähne, es schien nicht viel von Shanoras Ansage zu halten.
Es stürzte auf sie zu, sie lies sich aber von der Energie der Waffe leiten und wich aus, sodass es vorn über kippte und auf den Bauch landete. Das Gewicht der Abscheulichkeit lies beim Aufprall den Boden vibrieren, Shanora stieß ihm blitzschnell das Schwert in den Rücken.
Der Aufschrei des Monsters lies endlich die Flut aus Zombies abreißen, die flohen zurück in die Tiefe.
Shanora zog das Schwert zurück, ein weiterer warmer Windstoß trug Schicht für Schicht ab und lies die Asche, zu der das Monster geworden war, in die Tiefe wirbeln. Als Vorbote für all die anderen Untoten, sodass keiner sich mehr zu ihnen Wagen würde.  

„Was hast du da gerade getan?“, Allister packte Shanora an den Schultern, „Du hättest verletzt werden können!“ 

Shanora starrte das Plateau hinab, die Untoten schienen sich zurück zu ziehen, doch spürte sie etwas noch schlimmeres in ihrer Mitte. 

Die Frau im schwarzen Mantel hatte einstweilen ihre Kapuze abgenommen und offenbarte ihr langes schwarzbraunes Haar. Shanora und Vanessa brauchten einen Moment um zu begreifen wer da vor ihnen stand.

„Du hast lange gebraucht!“, Allister nahm Sassy in den Arm und klopfte ihr auf die Schulter. 

„Ich dachte du kriegst das hin, ich hatte einen Alptraum, erst dann war mir klar das etwas nicht stimmen kann“, Sassy erwiderte die Umarmung und lächelte. 

Shanora starrte Vanessa verwirrt an: „Wusstest du das die beiden sich kennen?“ 

Vanessa zuckte mit den Schultern, sie schien sichtlich ungehalten über die Anwesenheit der schönen Vampirin mit den wasserblauen Augen. 

„Mir hat er nie etwas darüber erzählt“, zischte sie Shanora zu, „nur von einer Frau die er Beschützen muss! Und Sassy hat jetzt über Jahre niemand gesehen!“ 

Sassy wandte sich nun Shanora zu und strich ihr eine Strähne des  schwarzen Haars aus dem Gesicht. 

„Was machst du hier?“, fragte Shanora, sie und klammerte sich an ihre Hand, „Du gehst doch jetzt nicht weg oder?“ 

Vanessa fühlte sich nun verpflichtet einzugreifen, sie beendete das Händchen halten der beiden indem sie Sassy packte und zurück riss. 

Diese rollte sich ab und landete geschickt wieder auf den Beinen, sie löste einen der beiden schwarz glänzenden Dolche aus ihrem Gürtel und funkelte Vanessa bedrohlich an.

„Was soll das?“, Allister mischte sich nun auch ein, „Mädels, warum die Feindseligkeit?“ 

Shanora war ebenso erstaunt über den Hass, der greifbar zwischen den beiden Frauen herrschte. 

„Allister, du solltest wissen was hier passiert ist! Ich kann es förmlich riechen!“, Sassy lies Vanessa keinen Moment aus den Augen und löste den zweiten Dolch, „Shanora, geh da weg, geh zu Allister!“

Shanora schlich neben den beiden Frauen vorbei und stellte sich hinter Allister, verschreckt klammerte sie sich an seinen Arm: „Was passiert hier?“ 

Allister lies nun selbst Vanessa nicht mehr aus den Augen, vor allem weil ihr eigenartig leerer Blick sich eher auf Shanora konzentrierte und nicht auf Sassy. 

„Ich weiß nicht“, er schob Shanora weiter hinter sich, „aber Sassy ist eine Jägerin, sie erkennt jede Art von Verderbnis! Finn hat sie und Church darauf abgerichtet!“ 

Das Wort Jägerin weckte eigenartige Erinnerungen bei Shanora, ein Gespräch mit ihrem Bruder, lange bevor der ganze Ärger mit ihm anfing. 

Es war als sie aus der Außenwelt, in die sie abgehauen war um ihrer Ziehmutter Ladira zu helfen, nach Hause zurückgekehrt war. Finn hatte ihr gesagt, dass er dafür sorgen würde, das nun immer genug Leute auf sie aufpassen würden. 

Sie sollte sich immer sicher fühlen, seine Jäger, seine Elite, würde sie beschützen und ihren Weg zum Thron ebnen. 

Sassy musste zu diesen Leuten gehören, die für Finn arbeiteten, aber woher kannte sie Allister? 

Ein eigenartiges Lachen riss sie aus ihren Gedanken, es klang abgrundtief böse und jagte ihr einen Schauer über den Rücken.

Zwischen Sassy und Vanessa war jemand erschienen, sein gehörnter Kopf warf einen bedrohlichen Schatten auf Shanora. Die extrem langen blondgrauen Haare hingen glatt über seinen Rücken, er trug einen langen schwarzen Mantel, schwarze Handschuhe und Stiefel. Seine gelben Augen wanderten lauernd zwischen Allister, Sassy und Shanora hin und her. 

Shanora erwiderte seinen Blick trotzig, daraufhin schien der Unbekannte sie zu fixieren. 

„Du!“, seine düstere Stimme lies Shanora zusammenzucken, der Fremde zeigte auf sie, „Du bist das! Du bist also der Grund für den ganzen Aufstand!“ 

Sassy stellte sich zwischen die beiden um den Blickkontakt zu unterbrechen: „Lass sie in Ruhe, Treplew, was willst du hier?“ Allister packte Shanora an den Schultern: „Du musst hier verschwinden, verstecke dich irgendwo!“ 

Treplew hatte das natürlich bemerkt, er schüttelte entsetzt den Kopf: „Kein Grund gleich abzuhauen, sie steht nicht auf meiner Liste für heute! Ich werde gehen, aber wir sehen uns sicher bald wieder, Prinzessin. Ich würde die kleine Thronerbin doch nie in Abwesenheit ihres liebenden Bruders töten, wo bleibe da der Spaß? Und fangen kann ich euch später auch, ich finde euch! Der Meister hat noch so viel Spaß für euch vorbereitet! Ein kleines Geschenk hinterlasse ich euch aber trotzdem, um der alten Zeiten willen!“ 

Treplew strich blitzschnell über den Boden und verschwand darin, eisige Stille war alles, was von seinem kurzen Besuch übrig geblieben war.

„Das war die Stimme die wir hörten, Allister!“, Shanora kam hinter ihm hervor, „Dieser Typ, oder was auch immer er ist, hat uns die Monster auf den Hals gesetzt!“ 

Sassy kam zu den beiden: „Dieser Typ, Treplew, war einst ein Elf so wie Allister, bevor der Dunkle das aus ihm gemacht hat was du gesehen hast!“ 

Shanora zog eine ziemlich böse Miene und verschränkte die Arme: „Ich wünschte er hätte das nicht überlebt! Dieser Verrückte weiß bestimmt wo Finn ist!“ 

Sassy gab ihr einen Schubs: „Shanora, wie kannst du so etwas sagen? Auch Treplew war einmal etwas anderes, es ist nicht seine Schuld!“ 

Shanora kniff die Augen zusammen: „Er hat meinen Bruder entführt oder? Er hat ihn vielleicht sogar getötet! Wenn das der Fall ist, dann werde ich ihn töten!“ 

„Wie süß, es wird erst einmal Zeit dem Meister seinen Wunsch zu erfüllen“, Vanessas Stimme klang mechanisch, ferngesteuert, sie hatte einen Zettel in der Hand, welchen Treplew ihr wohl heimlich zugesteckt hatte. 

„Der dunkle Wanderer...“, Allister grübelte kurz ohne Vanessa aus den Augen zu lassen, „das war Treplew, oder einer seiner Diener... er hat uns eine Falle...“ 

Sassy lies ihn nicht ausreden und schubste ihn und Shanora zur Seite: „Haut hier ab! Bring sie in Sicherheit! Sie ist verdorben, ich muss sie aufhalten! Sie soll mich töten, ich weiß es, Treplew und ich haben noch einige Rechnungen offen!“

Shanora stemmte sich gegen Allisters Griff, sie wollte nicht schon wieder weg geschoben werden wie Ballast. 

„Nein“, sie wollte mutig sein, wie ihr Bruder, „ich werde nicht ohne dich gehen!“

Hinter Vanessa begann sich ein riesiger Wirbelsturm zu bilden, Sassy warf Allister den Schlüssel zu, mit dem sie die beiden gefunden hatte.

 „Ein Portschlüssel“, Shanora wusste genau worum es sich handelte, „ich kenne die Dinger, macht schnell und lasst ihn nicht stecken!“ 

Allister starrte sie verwirrt für einen Moment an, es gab nur noch wenige dieser Relikte, und noch weniger Leute die von ihnen wusste. Dann drehte er den Schlüssel in der Luft und stieß die Türe auf. 

„Shanora, lauf durch, ich hole Sassy, versprochen!“, er deutete in Richtung der Türe, Shanora beschloss ihm zu vertrauen und stieg durch die Türe.

„Vanessa“, Sassy hab die Hände vors Gesicht um sich vor den umfliegenden Steinen und Ästen zu schützen, „bitte ergib dich nicht dieser Verderbnis, kämpfe dagegen an!“ 

Vanessa aber lachte bloß: „Du wirst untergehen, der Wille des Meisters geschehe, Schlampe!“ 

Allister packte Sassy an den Schultern: „Wir müssen jetzt gehen, du kannst gerade nichts für sie tun!“



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