Veritaserum

Der Raum war nieder und klein. An der Decke warf eine Glühbirne ihr Licht gegen die Düsternis. Sie war nicht in dem Maß erfolgreich wie es die ihr innewohnenden Wattwürmchen zugelassen hätten. Das Glas der Lampe war von einer dicken Staubwolke umhüllt.

Durch die Holztüre klang das Klirren von aneinandergestoßenen Biergläsern, Tische wurden verrückt, lautes Lachen und Gröhlen war zu hören- doch der Frequenzpegel in dem Gasthaus war so freundlich seine Spitzen in der Wirtstube draußen zu belassen, um ein einigermaßen ruhiges Gespräch in dem kleinen Raum zu ermöglichen.

Zwei runde Tische standen darin. Ein Kamin verbreitete prasselnd seine Wärme. Auf dem einen Tisch stand ein spitzer Hut. An dem anderen saß ein Zauberer, alt, mit langem Bart. Er unterhielt sich mit einer nicht mehr ganz jungen Frau ihm gegenüber, deren Haare in alle Himmelsrichtungen zu Berge standen. Sie trug eine rote randlose Brille, die etwas schief auf der Nase saß. Die beiden waren alleine im Raum.

„… also, Sie hätten wirklich Lust das Fach ´Verteidigung gegen die dunklen Künste´ zu unterrichten und sind sich bewußt, dass es sich hierbei um ein – nun sagen wir- nicht ungefährliches Aufgabengebiet handelt?”  

„ Ja.“,  antwortete die Frau bestimmt.

„... ich nehme alles, was ich kriegen kann, ich habe es satt, ständig herumzureisen, außerdem...“ Sie machte eine Pause und sah dem Schulleiter fest in die Augen:

„Ich habe mittlerweile das Gefühl, dass ich nach Hogwarts muss- warum, kann ich Ihnen auch nicht sagen!“ Dumbledore blickte vor sich auf den Tisch und meinte dann ruhig:

„Und Sie wissen, dass es einige gibt...“

„Denen eine reinblütige Kröte lieber ist als eine muggelige Künstlerin...”, ergänzte Bela mit einem schrägen Grinsen und Dumbledore schmunzelte.

„Leider“, sagte er leise. Bela schwieg eine Weile. Sie sah jedoch weniger danach aus, als würde sie die Konseqenzen einer Entscheidung abwägen, sondern beobachtete besonders genau eine Ameise, die verwirrt über den Holztisch lief.

„Für mich ist das natürlich kein Grund, Sie nicht in Hogwarts aufzunehmen“, fügte Dumbledore hinzu und betrachtete das kantige, auf seine Art schöne Gesicht der Frau ihm gegenüber. Bela hob ihre Augenbrauen und sah ihn an:

„Wie sind Sie eigentlich auf mich gekommen?“

„Oh... es war reine Vorsehung...!“ Der alte Zauberer zwinkerte.

„Aber es ist gut, wenn Sie sich alles noch einmal in Ruhe überlegen....!“, meinte er dann langsam. Bela verzog den Mund :

„Wann ist die nächste Konferenz, sagten Sie...?“

Als Dumbledore ihr den Termin nannte, zuckte sie mit den Schultern:

„Na gut, ich überlege es mir noch einmal tiefgründig...“

Die beiden Individuen sahen einander in die Augen, verabschiedeten sich und nur zwei Gläser verrieten ein paar Sekunden später, dass sich in dem Raum Gäste befunden haben mussten.

 

Prof. Flittwick war gerade dabei, Prof. Trelawney die Vor- und Nachteile eines hyperchromen Destillats im Verwandlungsmodus zu beschreiben. Er fuchtelte mit den Händen wild in der Luft herum. Prof. Bims schlief fast am Lehrertisch ein, während Firenze mit Prof. Raue Pritsche, die heuer das Fach Arithmantik übernommen hatte, eine eher gemäßigte Unterhaltung führte.

Prof. Marchbanks, der diesjährige Lehrer für Zaubereigeschichte, und Prof. Mc. Gonagall erörterten zusammen mit Prof. Snape ein sehr sachliches Thema, während Prof. Tofty, die gerade eine Geschlechtsumwandlung hinter sich hatte, wohlgeformt aus dem Fenster sah, als suche sie nach den Sternen an diesem etwas trüben Morgen des 1. September.

Gedämpftes Gemurmel erfüllte das Konferenzzimmer, das hin und wieder von einem sehr engagierten und energisch aufstampfenden Prof. Flittwick untermalt wurde.

Nach einer Weile öffnete sich die Türe und der Schulleiter betrat den Raum. Sein Hut zeichnete Zacken in die Luft, als er die Anwesenden herzlich begrüßte. Er blickte in die Runde, offensichtlich erfreut, alle bekannten Lehrer wieder zu treffen- doch dann stutzte er und sah mit fragendem Blick auf Prof. Mc. Gonagall.

In diesem Moment öffnete sich die Türe. Dumbledore entspannte seine Gesichtszüge als würde ihm ein nicht hörbareres Ausatmen der Erleichterung entweichen.

Eine kleine, zierliche Frau mit zerzausten Haaren betrat den Raum.

„Guten Morgen- oh- bitte vielmals um Entschuldigung für die Verspätung- aber ein kopfloser Geist hat sich einen Spaß erlaubt und mich in die Kerkerhalle geschickt, na ja, er war wahrscheinlich auch nicht gerade der geeignete Ansprechpartner zur Orientierungshilfe …“

Bela lächelte freundlich Dumbledore und ihre zukünftigen Kollegen an. Sie sah allen in die Augen, außer Prof. Bims, der inzwischen eingeschlafen war, und stockte einen Moment als ihr Blick auf Prof. Snape fiel, der aus dem Fenster sah, als beobachte er draußen etwas überaus Wichtiges.

„…zur Orientierungshilfe für eine muggelige Künstlerin...“

Bela sprach die letzten Worte langsam und distanziert, und wandte sich schließlich etwas verwirrt Dumbledore zu.

Der übersah galant den Moment der Verunsicherung mit einen gewinnenden Lächeln. Doch die Pause war etwas zu lang und zu still, um von jemand unbemerkt zu bleiben. Selbst der Mäusegroßvater Mero ergriff die Flucht aus seiner vertrauten Dokumentenschublade, als er zu seinem Schrecken plötzlich seinen Schwanz gegen eine Kartei hatte schlagen hören.

„Guten Morgen, Miss Petty - ich freue mich wirklich sehr, Sie zu sehen!“ Dumbledore ging mit großen Schritten auf Bela zu und gab ihr die Hand:

„Willkommen auf Hogwarts!“

„Danke“, sagte Bela und eine gewisse Auflockerung ging nun auch durch die Lehrerschaft, obwohl sich Prof. Mc. Gonagall und Prof. Marchbanks einen mehrdeutigen Blick zuwarfen.

Bela sah schnell zu Boden und ließ sich von dem Schulleiter zu ihren neuen Kollegen führen. Als erste wurde ihr Prof. Mc. Gonagall vorgestellt.

„Freut mich, Sie kennen zu lernen!“

Eine kräftige Frauenhand drückte Bela. Die stellvertretende Direktorin sah sie ernst und doch nicht ohne einen Ausdruck herzlicher Freundlichkeit an. Zumindest schien Prof. Mc. Gonagall zu den Menschen zu gehören, die meist genau das sagten, was sie dachten.

„Sie sind nicht unbekannt... ”

„... in der Muggelwelt...”, ergänzte Bela den Satz der Lehrhexe und hatte abermals kurz das Gefühl, als spräche ein anderer als sie selbst.

„Ich meine- ja, nein... na ja, ich bin viel gereist und hatte mal hier und dort ein Engagement... ” Bela war nicht unerfahren darin, sich im Zentrum der Aufmerksamkeit zu bewegen, doch selten zuvor war sie ihren Worten so schnell nachgelaufen. Sie versuchte sie irgendwo zwischen Haiti und Neuseeland einzufangen, doch erst in der Serengeti war sie sich wieder sicher, dass man Löwenmähne mit Umlaut  ‘a‘ schrieb.

Etwas Eigentümliches ging von den Menschen hier aus - oder zumindest von einem Menschen.

„Ich habe Sie in Liverpool bewundert- mit meiner Cousine Purplepudding- wir waren wirklich begeistert!”

Flittwick schüttelte Bela im Dreivierteltakt die Hand und als Trelawney ihr eine überaus glückliche, intensive, tiefgründige aber auch manchmal gefährliche, von Unheil bedrohte Lehrerlaufbahn prognostizierte, war es Marchbanks charmantes Lächeln, das Bela vor der vollständige Darlegung ihrer laut Trelawney einzigartigen Saturn- Jupiter Konfiguration bewahrte- die Wahrsagerin stockte nämlich einen Moment in ihren Ausführungen, wie um den Blickkontakt zwischen Mrs. Petty und Marchbanks einer interstellaren Koordinatenbestimmung zu unterziehen. Diesen Moment nutzte Dumbledore, um Bela aus Trelawneys hypnotischen Bannkreis zu befreien. Marchbanks lächelte noch immer unkompliziert.

Das Eigenartige an dieser Vorstellungsrunde bestand für Bela darin, dass sie sich von dem einzigen Lehrer, der nicht in ihre Richtung sah, am meisten beobachtet fühlte. Es gelang ihr zwar mittlerweile mühelos, sich nicht mehr ihrer Sicherheit berauben zu lassen, und die Wahl ihrer Worte der eigenen Großhirnrinde zuzuschreiben- doch durchfuhr sie ein schwer einzuordnender Schauer, als sie an Marchbanks vorbei zu der am Fenster lehnenden Gestalt lugte.

„Nett, dass Sie sich unserem Team anschließen!” Wieder wurde Belas Hand geschüttelt und ihre Aufmerksamkeit wandte sich ganz ihrem Gegenüber zu. Marchbanks personifizierte die perfekte Mischung aus lässiger Nonchalance eines unbeirrbaren Vertreters der ´Flower Powerbewegung‘ und der vornehmer Distanziertheit eines standesbewussten englischen Lords- die sorgfältig um seinen Pferdeschwanz gewickelte weiße Masche gab ihm hierfür die entsprechende Note.

„Ich hoffe, Sie werden sich bei uns wohlfühlen!”, meinte er. Es klang hoffnungsvoll. Bela hatte das Gefühl, dass ihre Brille wieder einmal sehr schief auf der Nase saß, begann jedoch ungeachtet dessen ein Gespräch mit Marchbanks über die Wichtigkeit der Zaubereigeschichte im Wandel der Zeiten.

„...nun, ich denke Sie werden im Laufe des Schuljahres noch öfters die Gelegenheit haben, sich über dieses besonders aufregende Thema zu unterhalten...”

Dumbledore lächelte Bela und Marchbanks freundlich zu und nahm die neue Lehrerin dann sanft aber bestimmt am Oberarm:

„Ich möchte es nicht verabsäumen, Ihnen eine weitere Kapazität unserer Schule vorzustellen...“

Belas propriorezeptive Brachialmuskelsensorik meldete ihrem Subkortex ein eindeutig erhöhtes Spannungsniveau, als sie kaum anders konnte, als der einladenden Geste Dumbledores zu folgen und zwei Schritte in Richtung Fenster zu gehen.

„Es freut mich, Ihnen Prof. Severus Snape vorstellen zu dürfen!“

Da Bela dem Schulleiter vertraute und bei ihm keinerlei verstecken Sadismus vermutete, fragte sie sich kurz wie sie die sehr leise gesprochenen Worte interpretierten sollte. Snape war keinen Zentimeter weit auf die neue Kollegin zugegangen. Er stand nach wie vor, eng in seinen schwarzen Mantel gehüllt, am Fenster. Bela fragte sich, ob er vielleicht taub wäre- da er auch auf Dumbledores Worte hin weiterhin ungerührt nach draußen starrte.

Zumindest konnte sie unauffällig Snapes Profil studieren. Am markantesten war die etwas zu große Hackennase und der nach unten gewölbte Mund, die dem Lehrer für Zaubertränke einen Ausdruck arroganter Überheblichkeit verliehen. Seine pechschwarzen langen Haare verdeckten fast die Augen.

„Guten Tag, willkommen auf Hogwarts...“

Unvermittelt, ohne sich von der Stelle zu rühren, sah Snape Bela an.

Der Ton seiner Stimme ließ einen Eiszapfen von der Decke wachsen, der jedoch auf Dumbledores Wink hin sofort wieder verschwand. Ein Frösteln huschte über Belas Rücken. Augen, schwarz wie die Nacht, sahen sie an, starr, unergründlich, bewegungslos, als wären sie erblindet. ``Wie ein Reptil``, ging es Bela durch den Kopf und sie war sich wie selten zuvor bewusst, wie schwierig es sein konnte die eigenen Mundwinkel in die Höhe zu ziehen.

„Guten Tag, freut mich sehr!“

Belas Stimme war plötzlich heiser. Prof. Snape wandte sein Gesicht ruckartig dem Fenster zu.

Es war wieder sehr still im Raum. Gottseinsdank war der Mäusegroßvater Mero schon über alle Berge, sonst hätte er sich abermals erschreckt.

„... nun, dann haben Sie ja jetzt die gesamte Lehrerschaft kennen gelernt - außer unserem Hagrid, der leider heute verhindert ist, da er auf Suckandpopjagdt ist...“ Bela wollte nicht wissen, was ein Suckandpop ist und auch nicht wer Hagrid war- sie war froh, als alle Lehrer sich nun nieder setzten. Sie selbst bekam einen Platz zu Prof. Mc Gonagalls linken zugewiesen, sechs Lehrertische von Prof. Snape entfernt.

Dumbledore hielt eine kleine Rede, Bela fühlte sich seltsam schwerelos.

„.... und da es auf Hogwarts üblich ist, auch die Lehrer den Häusern zuzuweisen, bitte ich Mrs. Petty nun, den sprechenden Hut aufzusetzen!“ Der weise Zauberer machte eine geschickte Handbewegung und vor der Tischreihe erschien ein kleiner Podest mit einem alten, zerbeulten Hut.

Bela fühlte sich aus etwas herausgerissen, stand jedoch schnell auf.

Als sie Snapes Blick auf sich ruhen wusste, hätte sie sich am liebsten wieder hingesetzt. Vielleicht drehte sie sich ein bisschen zu schnell in die von ihm abgewandte Richtung, um noch galant zu wirken. Während sie die Temperatur im Raum als zu heiß empfand, versuchte sie sich daran zu erinnern, von wo bis wo genau der Riss ihrer ausgewaschenen Jeans verlief. Sie hatte mit jedem Schritt mehr das Gefühl, als zöge dieser über die Gürtellinie weiter an ihrem T- Shirt um am linken Schülergürtel zu enden.

So schnell sie konnte verschwand sie kommentarlos unter dem sprechenden Hut. Der richtete seine verbeulten Seiten auf, als ginge es zu einer festlichen Gala:

„Oho, wen haben wir denn da!“

Er kicherte versonnen und machte eine Verbeugung, sodass er Bela fast vom Kopf gerutscht wäre.

„Olala... tja, wenn das so ist ...“ Dann hörte er mit dem Getuschel auf und sprach laut:

               

Gryffindor und Slytherin

                Ravenclaw und Hufflepuff

                einig letztendlich im wirklichem Gewinn

                steht jeder Name für eigenen Sinn:

 

                Wo bei Slytherin das reine Blut

                fehlt es keinem bei Gryffindor an Mut

                ist offen und herzlich das Haus der Hufflepuff

                führt es den Klugen zu den Reihen der Ravenclaw

 

                Eins zwei drei und vier

                nun zu dieser Frau in meiner Mitte hier:

 

                Ihr Blut im dunklen Mond heilt rein

                es wird ihr nahe ein Slytherin sein

                auch das Haus der Hufflepuff wäre kein Trug

                und wie ein Ravenclaw ist sie begeistert und klug

                doch was am Besten ihr tut gut

                ist Gryffindors überragender Mut!

 

 

Prof. Mc. Gonagall und die anderen Lehrer aus dem Haus der Gryffindor waren aufgestanden und klatschten.

Bela ging schnell zurück auf ihren Platz.

Da ihr die Schulgewohnheiten noch fremd waren, registrierte sie nur soviel, offensichtlich etwas nicht mit diesem sonderbaren Prof. Snape teilen zu müssen, da er zu denen gehörte, die es vermieden hatten aufzustehen.

Den Rest der Konferenz erlebte Bela fast als entspannend.

„Ach, zum Schluss möchte ich noch eine kleine Veränderung in verwaltungstechnischer Hinsicht bekannt geben. Wie sie ja alle wissen, werden heuer zwei Lehrer das Fach´´ Wahrsagen´´ unterrichten- da jedoch Prof. Trelawney sich strickt dagegen ausgesprochen hat, mit Firenze ein Büro zu teilen, da sie nicht auf vierzig Quadratmeter Wiese sitzen möchte, und Firenze ohne Wald und Wiesenatmosphäre zur Trübsinnigkeit neigt, habe ich daher die Kerkerräume frisch begrünt und...“

Dumbledore lugte über seine halbmondförmigen Brillengläser und fing Snapes Blick auf.

„… und, Severus, wärst du bitte so freundlich bis zur nächsten Dreharchitekturmonade in den westlichen Turm zu ziehen!“

Der Lehrer für Zaubertränke hob seine rechte Augenbraue, verzog jedoch sonst keine Miene und nickte schließlich.

„… und.... da es nun einmal das größte Büro ist und durchaus zu zweit benutzt werden kann- wäre es nett von dir, wenn du es mit unserer neuen Kollegin teilen würdest!“

Wäre der Mäusegroßvater Mero jetzt noch anwesend gewesen, hätte er seine peristaltischen Darmgeräusche für das Hereinbrechen der nächsten Sinnflut gehalten und wäre schon prophylaktisch ertrunken-

wie gut, dass Mero bereits früh genug geflohen war! Er hatte immerhin noch zehn Kinder und vierzig Ekelkinder zu versorgen!

Etwas fiel schließlich zu Boden. Ohne irgendeine mimische Bewegung zuckte der Professor für Zaubertränke mit dem kleinen Finger und sein Zauberstab lag wieder da wo er hingehörte.

Bela schoss das Blut ins Gesicht. Der Adrenalinstoß genügte, um sie kurz über ihre unglückliche Kindheit nachdenken zu lassen.

„Natürlich, Albus, das ist lässt sich arrangieren.“

Bela sah instinktiv zur Decke und als sie sich überzeugt hatte, dass keine stalagnitartigen Gebilde herabhingen, blickte sie mit einem nicht zu deutenden Gesichtsausdruck auf Dumbledore.

Dieser sah jedoch nur vor sich auf den Pult als entdeckte er etwas, was jeder wusste und keinem bekannt war. Dann wandte er sich mit dem Antlitz unendlicher Güte Bela zu und meinte:

„Nun, damit wäre ja alles besprochen für heute.“

Als Dumbledore kurz darauf dissapperierte, meinte Bela in seinen Augen ein eigenartiges Leuchten gesehen zu haben.

 

Der Zug tutete und fuhr los. Winkende Gestalten standen am Bahnsteig- eine Fahrt, eine neue, hinein in die dunkle Nacht.

Bahngleis dreiviertelneun blieb verlassen zurück, nachdem sich die Menge der aus Zauberern, Hexen und Muggeln bestehenden Sippschaften zerstreut hatte.

Der Hogwarts- Express stapfte durch die Dunkelheit, spuckte Rauch in die Luft, Kühlwasser über die Schienen und ein sich in der Mitte der Pubertät befindlicher Junge war eine Spur zu lange auf der Zugtoilette, um noch dem Eindruck gerecht werden zu können, es handle sich hierbei um die Erledigung eines privaten Geschäfts.

Harry saß auf dem geschlossenen Deckel der Toilette, stützte seine Ellbogen auf die Knie und hielt mit beiden Händen seine Ohren bedeckt. Durch die Fahrtbewegung hin und her geschüttelt stierte er auf den leicht verschmutzten Boden unter sich. Er hatte es nicht eilig diesen Raum zu verlassen, um abgeschieden von den anderen seinen Gedanken und Erinnerungen nachzuhängen. Vor allem die Ereignisse des letzten Schuljahres hatten sich in sein Gemüt eingegraben und eine Leere um sich verbreitet, die weit schlimmer war als die scheußlichen Ferien bei Tante Petunia und Onkel Vernon. Zum aller ersten Mal, seit er nach Hogwarts fuhr, war er nicht freudig gestimmt und neugierig auf das, was noch kommen sollte. Außerdem hatte Dumbledore ihm im August eine Eule geschickt, dass er auf alle Fälle Oklumentik weiter lernen müsse, ja dieses Fach sogar als das für ihn wichtigste betrachten solle- und das bei dem Lehrer, den er am meisten hasste!

Die Klinke an der Toilettentüre wurde nach unten gedrückt. Jemand schlug mit dem Fuß gegen das graue Metall. Kurz darauf schien eine weitere Person ein dringendes Bedürfnis zu haben.

„High! Da ist wieder mal einer von der ganz schnellen Sorte unterwegs, wahrscheinlich ein Schlammblütler!“

Harry kannte die Stimme leider nur zu gut und sie war ihm mindestens so verhasst wie die seines Oklumentiklehrers.

„Tja, die vermehren sich ja wie die Weaslys!“

Ein verächtliches Lachen war zu hören und Harry wäre am liebsten gleich rausgestürmt, um Malfoy und Goule zwei doppelte Schockzauber zu verpassen - doch zu seinem Bedauern musste er feststellen, dass er natürlich seinen Zauberstab im Abteil gelassen hatte. Resigniert blieb er sitzen. Aber das passte ja ohnehin zu seiner überragenden Gemütsverfassung!

„.Mein Dad sagt, jetzt haben sie sogar eine Muggelfrau in ´´Verteidigung´´ gewählt, die von der Hexen- und Zaubererwelt überhaupt keine Ahnung hat und nicht mal´´Du weißt schon wenn ich meine´´ kennt!“

Schritte waren am Gang zu hören und entfernten sich wieder. Eine kurze Gesprächspause entstand.

„Na ja, hat ja alles sein Gutes!“

 Goule kicherte hämisch. Abermals wurde die Türklinke fest nach unten gedrückt.

„Oh, Mann, da ist entweder ein Penner drin oder die Kacke steht schon bis zum Waschbecken- bis später!“

„.Warte, ich komm mit!“

Als die beiden außer Hörweite waren, schloss Harry vorsichtig die Türe auf- man konnte nie wissen, bei denen- und als die Luft rein war, ging er zurück zu seinen Freunden. Im Abteil war Hermine in den Tagespropheten vertieft und Ron, Ginny und Neville spielten ´´Hex im Sack ´´. Harry ließ sich lustlos auf seinen Platz am Fenster fallen. Nicht einmal das Zusammensein mit seinen Freunden konnte ihn aus dieser tiefsitzenden Leere reißen. Hermine lugte über den Zeitungsrand zu Harry:

„Fudge hat einen gewaltigen Rückzieher gemacht- er hat sich sogar offiziell bei Dumbledore für seine, ich zitiere, ´´Gutgläubigkeit´´- entschuldigt.....“

„Da hat er sich aber lange Zeit gelassen- über zwei Monate!“, warf Ginny ein.

„Na ja, er hatte wohl eine kleine Krise gehabt: Umbridge war allerdings sofort entlassen worden!“

„Entlassen! Das ist aber wohl keine gerechte Strafe für diese...“

Neville beendete seinen Satz nicht sondern steckte gerade zwei Hexen auf einmal in den Sack, während Ron den Würfel in die Luft warf, ihn wieder auffing und eine feuerrote ´´Fünf ´´aus seiner Faust entflattern ließ.

„Hm... die Zentauren waren aber auch nicht gerade zimperlich mit ihr!“ Ginny verlor schon wieder eine Hexe an Ron, wobei sie ihm umgehend schmollte. Die Unterhaltung plätscherte so dahin. Hermine las zwischendurch einige Zeilen aus der Zeitung vor und Luna Lovegod hielt den ´´Klitterer´´ wie meist verkehrt herum. Harry hörte nur mit halbem Sinn zu. Hermines Blick hing immer wieder mal sehr besorgt an ihm.

Als das Thema auf die zukünftige Besetzung der freien Lehrstelle kam meinte Harry -mehr um irgendetwas zu sagen:

„Eine Muggelfrau wird uns weiter in ´´´Verteidigung ´´unterrichten.“

Er versuchte interessiert zu wirken und lächelte Hermine freundlich zu.

„Was, keine Hexe- aber wieso?“, fragte Hermine erstaunt.

Viel unterhaltsamer als diesen schulspezifischen Umstand empfand Harry die Tatsache, dass sich Hermine bewusst wurde, einmal etwas nicht zu wissen- es verlieh ihr einen leicht rosa Teint und brachte sie einen Moment aus der Fassung.

„Na, welcher intelligente Zauberweltler bewirbt sich noch für dieses Fach nach den Ereignissen der letzten fünf Jahre!“ Rons Tonfall verriet eine heimliche Freude. Er blinzelte Harry zu. Hermine nahm seinen Einwand mit einer ohnehin schon etwas gereizten Nervenbahn auf und meinte spitz:

„Es gibt Muggel, die Fähigkeiten haben von denen manche Zauberer nur träumen können!“

„Nun streitet euch nicht schon wieder!“, unterbrach Ginny die beiden, doppelt genervt, da sie die letzte Hexe an Ron abgeben musste und somit das Spiel verloren hatte. Nevilles Kröte wurde es immer enger im Sack. Sie fing an nach den Spielhexen zu schnappen, die es sich dort als Mitbewohner gemütlich gemacht hatten.

„Vielleicht ist die neue Lehrerin wieder ein Reinfall, sodass Harry uns weiter unterrichten wird!“, versuchte Neville einzulenken, erntete von Hermine jedoch nur saure Miene:

„Ein Schüler ist niemals autorisiert einen Lehrauftrag zu übernehmen!“

Leider, dachte Harry - weitere DA´ s wären zumindest ein Lichtblick gewesen! Ron fing Hermines´´ Besserwisser und ihr seid alle Frösche Blick ´´ auf und rollte seine Augen entlang einer unsichtbaren Vertikalen nach oben, während Nevilles Kröte es nun endgültig zu bunt wurde und sie erbärmlich quakte.

„Lass sie doch raus!“ Ginny sah Neville besorgt an.

„Nee! Hector ist anders als meine letzte Kröte - er würde sich nur wirr im Kreis drehen bis er kollabiert, durch ein Froschquakfieber seinen Kehlkopfdeckel verlieren und somit seine Krötenalarmfunktion erheblich beeinträchtigen, was bedeuten würde...... “

„ Ist schon gut- war ja nur ein Vorschlag! “ Ginny winkte gequält ab.

„Hey, die Dementoren sind noch immer nicht eingefangen und keiner weiß wo sie sind!“ Hermine hatte sich wieder hinter der Zeitung verschanzt. Irgendwie- fand Harry- ähnelt das Leben manchmal einem mit Krötenmist bis zur Undurchsichtigkeit vermengten Zaubertrank und er fühlte sich in diesem Moment so, als würde derjenige, der es zusammenmixte ein genauso schadenfrohes Grinsen aufsetzten wie gewisse bekannte Größen des Lehrerkollegs von Hogwarts es zu tun pflegten.

 

 

Der sternenübersäte Nachthimmel bildete traditionsgemäß die Decke des großen Saals und die Tische waren zu langen Reihen geordnet an denen die Schüler laut schwatzend das Begrüßungsessen genossen.

Eine leicht erhöhte Tischreihe gegenüber den nach ihren Häusern platzierten Schülern war für das Lehrerkollegium reserviert.

Durch die frohe Stimmung des jährlichen Neubeginns angesteckt und durch die vielen bekannten und fremden Gesichter abgelenkt, begann Harrys Trübsinn zu verblassen und seine Leere füllte sich- nicht zuletzt mit einem saftigen Hähnchen. Außerdem machte sein Herz einen Sprung, als er Hagrids vertraute Gestalt am äußeren Rand der Lehrertischreihe emporragen sah.

Der Halbriese winkte ihm zu und das Huhn in Harrys Mund schien sich mitzufreuen, denn es beschloss gerade noch besser zu schmecken ehe es sich in Harrys Magen endgültig dematerialisierte.

„Isch zwar nischt mein Tschyp schieht aber nischt gerade schlecht ous!“, raunte Ron mit vollen Backen Harry zu, dem nicht genau klar war, wovon Ron eigentlich sprach, zumal Harry in Gedanken noch immer bei Hagrid war und sich mit einem leichten Unwohlsein an das vorjährige Begrüßungsessen erinnerte. Er sah Ron etwas verständnislos an.

„Na, ich finde sie hat was!“ Der Pfefferkuchen in Rons Mund war bereits absorbiert

„Sie ist irgendwie nicht übel!“ Ron hegte nicht den geringsten Zweifel, dass jeder sofort wusste von wem er sprach.

„Na ja, so langsam kommt ihr in das Alter wo gewisse chauvinistische

Denkmuster in verbal sexistischen Ausdrücken zur Sprache kommen!“

„Whow!“ Ron war zu perplex, um etwas anderes zu sagen- abgesehen davon, dass er kaum verstanden hatte, was Hermine eigentlich meinte.

„Sag mal, Hermine, was liest du eigentlich zur Zeit?“, fragte Harry. „Etwas, das jeder lesen sollte, um sich in der Postmoderne des Patriarchats zurechtzufinden!“ Hermine blickte Harry und Ron sehr kritisch an und meinte dann fast mit einem messianischen Timbre in der Stimme:

„´´Das Frabital´´ . Von Charlotte Marxi. Über Marktwert und Ethik als divergierende Konstanten des gesellschaftlichen Unterbaus und deren Auswirkungen auf das geschlechtspezifische Rollenverhalten- im antagonistischen Spannungsverhältnis progressiver Geschichtsbetrachtung.“

Die folgende Gesprächspause sprach für sich.

„Ähm, wen hast du eigentlich gemeint, Ron?“,  fragte Harry schließlich.

Ron schüttelte noch immer den Kopf und sagte in einem Ton, als hätte er soeben in ein antagonistisches Spannungsverhältnis gebissen:

„Hermine, ich finde wirklich, du übertreibst ein wenig in letzter Zeit. Ich meine, ich habe doch nur gesagt, dass ich sie nicht schlecht fi…“

Ron war viel zu geladen, um auf Harrys Frage zu reagieren, doch er kam nicht dazu weiterzureden, da ihm Hermine das Wort abschnitt:

„Deine Beurteilungskriterien entstehen aus einem vordergründigen, oberflächlichen Interesse und richten sich auf die reine Peripherie dieser Frau- du hast ja noch nicht einmal gehört, was rauskommt, wenn sie den Mund aufmacht!“, eiferte Hermine.

„Na, wenn sie nur halb so gescheit daherredet wie du, mach ich ihr sofort einen Heiratsantrag!“

„Oh, Mann bist du dämlich!“

Harry hatte schon wieder mit einem Ohr abgeschaltet. Es war wirklich schrecklich in letzter Zeit mit Ron und Hermine- sie lagen sich fast ständig in den Haaren und es schien immer schlimmer zu werden. Und wie geschwollen Hermine redete! Na ja, es war anscheinend wirklich kein leichtes Alter in dem sie jetzt waren!

 

Bela fühlte sich nicht gerade besonders wohl. Ständig schnellten Blicke aus den Tischreihen der Schüler zu ihr hoch und Köpfe wurden zusammengesteckt. Sie hätte einiges dafür gegeben, sich jetzt unter dem verbeulten Hut verstecken zu können.

Alles war so anders als in der Welt, die sie gewohnt war: dort hielt sie die Fäden in der Hand, um ein aufmerksames Publikum einzufangen- hier schienen sich tausend unsichtbare Fäden um sie zu legen. Sie fühlte sich wie eine Fliege im Netz. ´Mücke´´ ergänzte Bela in Gedanken mit einem Seitenblick auf Prof. Snape, der einige Tische von ihr entfernt saß und sich gerade mit Prof. Tofty unterhielt- die einen komischen Sternenblick aufgesetzt hatte, befand Bela.

„Noch etwas Zwiebelbutterpunsch?“, fragte eine raue, mütterliche Stimme neben ihr und ihre Tischnachbarin füllte ohne eine Antwort abzuwarten Belas Becher mit einer glasigen, hellbraunen Flüssigkeit. Prof. Mc. Gonagall hatte anscheinend beschlossen, die neue Kollegin und Hausgenossin etwas unter ihre Fittiche zu nehmen und Bela hatte dagegen absolut nichts einzuwenden.

„Wie lange, ähm, leben sie eigentlich schon hier zusammen?“, fragte Bela, um sich zumindest geistig ein bisschen von den Fäden zu befreien.

„Sie meinen, wie lange wir es schon miteinander aushalten? Wenn Sie mit ´sie´ unsere Lehrerschaft einschließlich der Geistkörper vormaliger Kollegen meinen, dann schon mehr als 500 Jahre!“, meinte Prof. Mc. Gonagall sachlich.

„Und nennen Sie mich bitte Minerva!“

„Danke, da haben sie ja wohl einige gruppentherapeutische Prozesse hinter sich gebracht!“

„Gruppeneolithische Prozesse?“ Prof. Bims war soeben erwacht und, um nicht mehr einzuschlafen, versuchte er sein Bestes, sich an der Konversation zu beteiligen. Er gähnte herzhaft und schien um Verständnis bemüht, schaffte es jedoch nicht länger als fünf Sekunden, der nächsten Remphase standzuhalten.

„Was meinen Sie genau?“ Prof. Mc. Gonagall errötete leicht und sah Bela etwas sonderbar an. Diese hatte das untrügliche Gefühl möglicherweise missverstanden worden zu sein.

„ Ich meine...“ beeilte sie sich zu erklären:

„ Sie sind eine aus beruflichen Gründen eng miteinander lebende Gruppe aus sehr unterschiedlichen Individuen- ich kann mir vorstellen, dass es da manchmal zu ziemlichen Spannungen kommen kann!“

„Tja, wenn Sie das meinen....natürlich!“ Ihre Gesprächspartnerin räusperte sich und meinte dann eher gelangweilt:

„Letztes Jahr zum Beispiel terrorisierte eine Lehrerin, die eigentlich gar keine war, das ganze Kollegium, drei Jahre zuvor hatten wir einen im Team, der jetzt auf der geschlossenen Abteilung von St. Mungo ´s liegt, ein weiterer Kollege wurde von´´ Sie wissen schon wen ich meine ´´verhext und umgebracht- übrigens alles Vertreter ihres Fachs...“

Prof. Mc. Gonagall schob sich ein undefinierbares rundes Etwas in den Mund.

„Aha- sehr informativ... Prof. Dumbledore erwähnte auf meine Nachfrage hin nur meine unmittelbare Vorgängerin und meinte, mein Fach hätte eine ziemlich hohe personelle Fluktuationsrate aufzuweisen gehabt bisher, aber- wen sollte ich ihrer Meinung nach kennen?“

Ein Gewicht legte sich auf Belas rechte Schulter und sie hätte fast ihre Nachbarin vom Sessel geschoben- diese bot jedoch eine harte Seite und meinte nur unbeeindruckt:

„Es ist immer dasselbe mit ihm!“ Prof. Bims schnarchte mit der Intensität einer trächtigen Blauwalkuh kurz vorm Kalben. Flittwick statuierte freundlicherweise seinen Tischnachbar wieder in der Vertikalen, lächelte Bela entschuldigend an und klappte dann Bims Kiefer ohne Zuhilfenahme magischer Zauberformeln einfach zu.

„Ein Fall unheilbarer Somnipermanenz“, erklärte er achselzuckend über den schlafenden Tischnachbarn hinweg. Bims rasselte jetzt leicht durch die Nase und erinnerte damit in seiner Intonation nur mehr an einen verschnupften Hamster. Bela wandte sich erneut Prof. Mc. Gonagall zu und wollte auf ihre Frage zurückkommen, als sie bemerkte, dass aus den Tischreihen der Schüler jemand besonders intensiv zu ihr herüber starrte. Bela stutze einen Moment verunsichert und der Junge senkt sofort den Blick.

„Tja, also- auf wen haben sie da vorhin angespielt, Minerva?“

In diesem Moment stand Dumbledore auf und sah die stellvertretende Direktorin an.

„Wir sehen uns später bei der Hauskonferenz! “ Prof. Mc. Gonagall schien es jetzt etwas eilig zu haben und ging auf Dumbledore zu, um anscheinend Wichtiges mit ihm zu besprechen. Bela folgte den beiden mit ihrem Blick, bis sie dissaperierten. Die meisten Lehrer waren schon verschwunden, auch Snapes Platz war leer.

„Hallo, äähm, Mrs. Petty?“

Bela drehte sich um, sah auf, sah noch immer auf und blickte in das runde, freundliche Gesicht eines Halbriesen.

„Darf ich mich vorstellen, ich bin Hagrid, war nicht dabei, beim ersten Lehrertreffen!“

Bela musste fast den Kopf in den Nacken legen, um ihrem neuen Kollegen in die Augen zu sehen.

„Freut mich riesig, dass Sie bei uns auf Hogwarts sind, sind mir echt sympathisch, ehrlich!“ Eine tellergroße Hand umfasste Belas Unterarm und schüttelte ihn vorsichtig.

„Ja, freut mich auch!“ Bela lächelte in das bärtige Gesicht und die unkomplizierte Offenheit Hagrids entlockte ihr einen Seufzer der Erleichterung:

„Es ist alles noch sehr fremd für mich hier!“

Hagrid setzte sich auf den Boden, sodass er mit Belas Gesicht auf gleicher Höhe war, und erheiterte die neue Kollegin mit Erzählungen über seine geliebten Haustierchen.

 

 „Na, Hagrid findet sie anscheinend auch nicht schlecht!“,  raunzte Ron gerade trotzig Hermine zu, während Harry, den Kopf in die Hand gestützt, die beiden unterschiedlichen Gestalten am Lehrertisch beobachtete. Die neue Lehrerin lachte gerade ziemlich ausgelassen.

´´Ron hat schon Recht ´´, dachte Harry- diese Frau war einfach sympathisch und sah auch nicht übel aus- obwohl sie kaum etwas an sich hatte, wovon ein 16jähriger Junge üblicherweise träumen konnte. Sie war eher klein und dünn, hatte wenig Kurven und ´´Vorbau´´, jedoch irgendwie anziehend und auf eine gewisse Art sehr attraktiv.

„Ach was, ist mir doch egal, ich geh jetzt, ich muss noch einen Brief schreiben!“ Hermine erhob sich brüsk. Sie verließ erhobenen Hauptes und wehenden Haares den Tisch.

„Frauen...“, seufzte Ron und seine Gesichtsfarbe begann allmählich zu ihrem natürlichen Teint zurückzufinden. Er sah Harry mit einem achselzuckenden Grinsen an. Dieser schmunzelte und wandte dann seine Aufmerksamkeit wieder dem Lehrertisch zu. Ein leiser Schatten huschte jedoch plötzlich über Harrys Gesicht. Er kräuselte die Lippen und rümpfte die Nase, als würde er am liebsten wie ein bockiges Einhorn schnauben.

„Oh, diese Schlange!“

Ron sah nun ebenfalls in Harrys Blickrichtung. Der Grund für das Unbehagen seines Freundes war soeben neben Mrs. Petty apperiert und hatte diese erschrocken zusammenzucken lassen. Ron spürte ein komisches Kribbeln in der Magengegend. Sein Adrenalinhaushalt begann sich abermals aufzuforsten. Am liebsten wäre er sofort zu Mrs. Petty hingestürmt um sie zu beschützen.

„Wenn Hagrid nicht sofort den Schwanz einziehen würde!“, meinte er unruhig. Auch Harry war unangenehm berührt, als sich der Riese mit einem Augenzwinkern von Mrs. Petty verabschiedete und den großen Saal verließ.

 

´´Jetzt werde ich wahrscheinlich nicht so schnell erfahren, ob ein Fribitiel zu den Reptilien oder Insekten gehört…´´, dachte Bela auf Snapes unverhofftes Erscheinen hin und sah in das schmale, blasse Gesicht des Zaubertranklehrers, in dem sie keine Spur von Freundlichkeit erkennen konnte.

„Prof. Dumbledore hat mich gebete, Ihnen heute Abend noch das Büro und den Weg dorthin zu zeigen.“

„Sehr aufmerksam von ihm, aber hoffentlich erwartet er von uns nicht, dass wir Überstunden machen!“ entgegnete Bela. In Snapes eisiger Miene zeigte sich nicht die klitzekleinste Lachfalte. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, machte er eine ausgreifende, richtungsweisende Armbewegung- der nicht Folge zu leisten vermutlich den Ausbruch einer antiphatischen Eruption bewirkt hätte- und Bela wollte es nicht erleben, dass der Steinboden des Schlosses aufriss und sie in ein schwarzes Loch hinabstürzen ließ. Also stand sie auf, ebenfalls ohne etwas zu sagen. Snape zog seinen flatternden Mantel enger um die Schultern, als er hinter seiner neuen Kollegin schnellen Schritts den großen Saal verließ.

Bela fühlte sich, als hätte ihr jemand eine kalte Hand in den Nacken gelegt. Selbst die Erinnerung an Hagrids aufmunternde Mimik konnte nichts dazu beitragen, dass sie sich augenblicklich wie eine auf frischer Tat Ertappte fühlte. Sie war sich zwar keiner Schuld bewusst, doch irgendetwas würde Snape sicher finden, um sie zu verurteilen, obwohl ihr schien, als könne sie Hagrids unausgesprochene Worte hören:

„Der ist gar nicht so schlimm, Miss, der tut nur so! “

Resolut drückte sie den eisernen Nasenring des verbeulten Moschusochsenkopfes aus Bronze gegen die Türe des großen Saals.

´´…. und einer wurde von - Sie wissen schon wen ich meine- verhext und umgebracht.´´ Wie eine unheilschwangere Melodie schob sich in Belas Gedanken dieser von Minerva ausgesprochene Satz zwischen Hagrids nicht formulierte Worte und bildete zu ihnen eine schräge Fugenformation - aus vielen Septimen, Nonien und Sekunden - sodass Bela abermals ein Schauer über den Rücken lief und sich ihr Magen zusammenzog. Sie trat Snape voran auf den mit schwarzen Steinplatten belegten Gang, der zu den sich drehenden Treppen führte. Ihre Schritte hallten laut, als würden sie rufen, während ihr Begleiter fast lautlos hinter ihr her schlich. Bela spürte einen Druck auf der Brust. Obwohl ihnen der kopflose Nick entgegenkam und freundlich grüßte, fühlte sie sich von allen guten Geistern verlassen.

„Das Büro liegt im fünften Stock und ist nur über die Tentakeltreppe zu erreichen!“, durchschnitt Snapes kühle Stimme das Schweigen.

´´Na, zumindest liegt es nicht im unterirdischen Höhlensystem und ist nur über die Schlangenrutschen erreichbar! ´´ Bela versuchte sich mental etwas zu beruhigen und grinste schwach. Sie hatte diese Worte nicht ausgesprochen, doch Snape, der jetzt neben ihr ging, warf ihr einen Seitenblick zu, und Bela wäre fast mit Prof. Mc. Gonagall zusammengestoßen, die gerade um die runde Ecke gebogen kam.

„Ach, Bela, gut Sie zu treffen, das Hausmeeting ist vorverlegt und findet in 30 Minuten statt!“ Der rettende Engel lächelte die arme Sünderin an, um ihr mitzuteilen, dass jedes Fegefeuer einmal ein Ende habe. Die Aussicht nicht länger als eine halbe Stunde allein mit ihrem Begleiter verbringen zu müssen, war für Bela in diesem Moment wie ein Geschenk des Himmels.

„Na ja, dann bis bald, freu mich schon!“ Bela verabschiedete ihre Hausgenossin fast euphorisch. Prof. Mc. Gonagall presste ihre Lippen fest aneinander, zog ihre Mundwinkel dabei in die Länge und war verschwunden.

´´Alles ein bisschen eigenartig hier´´, fuhr es Bela durch den Kopf.

„Ja,  bitte bleiben Sie jetzt stehen und warten Sie auf die Treppe!“

Bela zuckte zusammen. ´´ Liest er meine Gedanken? ``

Snape blieb stehen und starrte unbeirrt auf die sich ständig drehenden und ineinander verschiebenden Räumlichkeiten vor ihnen. Es dauerte nicht lange, bis ein mit Spinnenfüßchen versehenes Treppchen auf sie zugekrochen kam.

Snape bedeutete Bela voranzugehen. Sie wollte gerade fragen, ob es denn hier keinen Lift gäbe, als sich ein zwirn dicker Faden um ihre Hüften legte und Bela auf die Treppe zog. Als sie zu schreien aufhörte, waren sie bereits im fünften Stock.

„Alleine kommen Sie ins Büro übrigens nur dann, wenn Sie dorthin kommen wollen! An der runden Ecke müssen Sie vorher immer vorbei.“ Snapes Informationen wurden, ungerührt von Belas Gemütszustand, geäußert.

Eine schwarze Tür ging lautlos auf.

„Bitte einzutreten!“

Bela waren in den letzten 20 Sekunden die ordinärsten und gemeinsten Flüche in den Sinn gekommen, die sie in ihrem Leben bis jetzt gehört hatte. Wütend blickte sie Snape an, doch Bela konnte keine Reaktion auf ihre mentale Provokation erkennen.

´´Vielleicht hat er sein limbisches System gerade zur Generalsanierung in Eiswasser gelegt! ``, dachte Bela noch immer zornig und wollte nur zu gerne wissen, was sich hinter Snapes emotionsloser Miene eigentlich verbarg. Doch ihrerseits zu legastenieren lehnte sie für sich im Moment ab- da Bela lieber noch nicht zu viel wissen wollte.

Das Büro sah zumindest so aus, wie sie es sich erwartet hatte:

Es war sehr geräumig und unzählige Zauberfläschchen füllten die an der Wand stehenden Regale bis zur Decke hin an. Einige nicht mehr identifizierbare Reptilien in Spiritus schwammen in leuchtend grün- blauen Reagenzgläsern und schwarze Vorhänge aus Seide verdeckten ein kleines Turmfenster.

In der Mitte des Raums stand ein Schreibtisch, der mit einem Stapel Bücher belegt war. Lange, kurze, dicke, dünne Formeln quetschten sich zwischen den Buchleisten hervor und veränderten sich permanent, indem sie Zahlen untereinander austauschten. Eine Feder kreiste über einem altmodischen Tintenfass.

Hinter dem Schreibtisch stand ein abgewetzter Drehsessel mit breiten Armlehnen. Snape flüsterte etwas und ein zweiter Drehstuhl erschien mit genauso rissigem, schwarzem Cordstoff und etwas übergroßen Seitenteilen.

„Setzen Sie sich bitte!“

Noch bevor Bela es sich anders überlegen konnte, saß sie.

Snape durchschritt das Büro und ging in eine, vom matten Licht der Schreibtischlampe spärlich beleuchtete Ecke. Er drehte Bela den Rücken zu und beugte sich leicht vor. Sie konnte nicht erkennen, was er tat.

Bela schloss die Augen um sich zu konzentrieren und vorsichtshalber zu oklumentieren. Als sie wieder aufsah, saß Snape neben ihr, ohne dass sie ihn hatte kommen hören, und ohne dass es ihr gelungen war ihren Geist vollständig zu verschließen. Sein Sessel war Bela zugewandt. Ihr Stuhl begann sich langsam zu drehen, bis sie so zu sitzen kam, dass sie Snape direkt ansehen musste.

Sein Blick war genauso starr und kalt wie bei ihrem ersten Augenkontakt.

Er sah Bela an ohne ein Wort zu sagen. Sie hatte Mühe seinem Blick standzuhalten. Ihr erster Impuls war es gewesen aufzustehen, doch dann spürte sie, dass sie etwas anderes als fauler Zauber zurückhielt. Wegsehen konnte sie auch nicht - damit hätte sie dem Phantom ihrer Angst erlaubt von ihr Besitz zu ergreifen und dieses hätte sie möglicherweise in der personifizierten Form ihres Gegenübers für den Rest ihrer Lehrtätigkeit verfolgt. Also sah sie in diese tiefschwarzen Augen, in denen kein Fünkchen Angst, Unsicherheit oder gar Verlegenheit zu erkennen war.

Ein Nachtaugenfeuerlurch fiel ihr ein, den sie einmal in einem Märchenbuch gezeichnet gesehen hatte, damals als sie noch klein war.

Dann:

...........weite Fläche ohne Spuren in Schnee.....Rauch, der aufsteigt....Stille, fast, nur hin und wieder der Aufschrei eines Tieres... sieht man das Ende... dort wo der Frühling beginnt... bis zum Horizont und weiter in der Zeit....

Einen Augenlidschlag später dachte Bela an Situationen, an die zu erinnern sie lange Zeit keine Gelegenheit mehr gehabt hatte.

Snape und Bela sahen sich weiter unentwegt an.

Bela wollte etwas sagen, doch die Sprache schien in diesem Moment einer anderen Zeit anzugehören. Snapes Augen blieben starr und ungerührt. Wieder hatte sie kurz den Eindruck, als blicke sie in die toten Augen eines Erblindeten. Jetzt erst fielen ihr die tanzenden Lichtflecke rechts hinter Snape auf- in jener Ecke, zu welcher der Zaubertranklehrer sofort gegangen war, nachdem er den Raum betreten hatte. Für einen Augenblick unterbrach Bela den Blickkontakt, um besser sehen zu können, woher die Lichtflecke kamen. Dieser Augenblick genügte, um sie die Sprache wiederfinden zu lassen.

„Prof. Snape, ich weiß nicht, worauf Sie eigentlich warten. Hätten Sie die Freundlichkeit mir mitzuteilen, warum Sie mich die ganze Zeit anstarren?“

Snape verzog keine Miene, schwieg und sah sie weiter an. Allmählich spürte Bela, wie Hitze in ihr hochstieg- sie hätte nicht genau zu sagen vermocht, woher diese Hitze eigentlich kam. Doch als Snape weiter schwieg, wurde die Situation für sie sehr unangenehm und sie beschloss den Hitzestau ihrem überforderten Solar Plexus zuzuschreiben. Oder war es ganz einfach Wut, die in ihr aufstieg?

„Was soll das Ganze, Prof. Snape, was gibt Ihnen überhaupt das Recht in meinen Gedanken zu lesen und wozu?“

 „Ihre Oklumentik funktioniert nicht, weil Sie ihre Gedanken und Gefühle nicht wirklich loslassen!“ Snapes Stimme klang provokativ, doch zumindest erklang sie jetzt.

„Und Ihre funktioniert, weil Sie Ihre Gedanken und Gefühle bereits präventiv loslassen!“ Bela sah abermals an Snape vorbei zur hinteren Wand des Büros.

„Und außerdem- was geht Sie meine Oklumentik eigentlich an- hat Prof. Dumbledore Ihnen aufgetragen, Sie mögen meine fachlichen Fähigkeiten überprüfen?“

Bela war nun so richtig wütend. Eigentlich wusste sie selbst nicht genau, warum sie sich aus dieser misslichen Lage nicht mit einem Zauber befreite- gekonnt hätte sie es. Vielleicht weil sie auf keinem Fall- trotz ihrer Wut- auf Snapes Provokation eingehen wollte.

„Nein“, sagte Snape schließlich unvermittelt, nachdem Bela den Blick gesenkt hatte und zu Boden stierte.

„Prof. Dumbledore hat mir nichts aufgetragen, das ist sozusagen, mein rein privates Interesse…“

Zu Belas maßlosem Erstaunen war in Snapes Stimme zum ersten mal für sie ein anderer Ton zu hören, der subtil war, schwer zuzuordnen, doch der eindeutig jenseits des Wellenbereiches eines kalten, arroganten Ausdrucks lag. Sie sah nicht auf und ihre Wut sank zu einem Häufchen Elend zusammen, das in einer geheimen Kammer ihres Herzens hockte. Am liebsten hätte sie losgeheult, einfach so. Sie wusste nicht wirklich warum, sie fühlte sich mit einem Mal nur allein- unendlich allein.

„…ja“,  sagte Snape leise. Bela stand erschöpft auf. Wortlos ging sie auf die Türe zu und sah ihre Hand die kalte Türklinke umfassen. Während sie stehen blieb, liefen ihre Finger von den  Mittelhandknochen bis zu den Spitzen hin weiß an. Sie lauschte der Stille hinter ihr, dann drehte sie sich um und sah auf Snape herab. Er kauerte in sich zusammengesunken auf seinem Drehsessel, den Blick zu Boden gesenkt. Die Haare hingen in Strähnen herab und verdeckten sein Profil. Er schwieg wieder.

Bela atmete tief ein. Während ihr Atem langsam ausströmte, durchquerte sie den Raum. Doch bevor sie das Denkarium erreicht hatte, spürte sie, wie eine unsichtbare Macht sie zurückhielt.

„Noch nicht...“ sagte Snape leise. Als sie sich umdrehte, stand Snape hinter ihr und ein kaum wahrnehmbares Lächeln umspielte seine von Natur aus stark gewölbten Lippen. Sein Blick war jedoch genauso starr wie zuerst.

„Tja, ich muss sowieso jetzt gehen, ich komme sonst zu spät zum Haustreffen!“

Als Bela im Konferenzzimmer von Gryffindor apperierte, waren schon alle anderen Lehrer anwesend.

„Somit möchte ich diese zweistündige Sitzung für heute beenden und...“ Prof. Mc. Gonagall sah Bela vorwurfsvoll an:

„… hoffe, dass nächste Woche das Lehrerteam von Gryffindor vollständig erscheint!“

 

„Wahrsagen, Arithmantik, Verwandlung, Zaubertränke, Verteidigung, Sternenkunde theoretisch, Zaubereigeschichte........ “

Ron ächzte, als er auf den Stundenplan sah. Hermine notierte sich dagegen eifrig ein paar Dinge und nahm gut gelaunt einen Schluck Hibiscuscaucau, während sie über der Bücherliste brütete. Die Frühstückshalle war gefüllt mit frischer Nachferienenergie und vor allem die Erstklässler machten einen sehr geschäftigen und leistungsbereiten Eindruck.

Harry mampfte an seinem Butterzwieback und war froh, dass nun wieder der geregelte Schulalltag begann, an dem zwischen den Unterrichtsfächern wenig Zeit bleiben würde, gewisse Dinge zu bedenken. Er hatte die ganzen Ferien nichts über Voldemort gehört, es wurde nichts in den Nachrichten gesendet, was auf eine mögliche Tätigkeit des Schwarzmagiers hingedeutet hätte- doch gerade dieser Rückzug hatte etwas sehr Verdächtiges. Und Harry litt immer wieder unter Angstzuständen, wenn er über den Inhalt der Prophezeiung nachdachte.

„Hallo, ihr Süßen! “ Angela, die Quidditch- Trainerin von Gryffidors Mannschaft war an ihren Tisch gekommen und lächelte Harry und Ron zu:

„Freitagabend ist das erste Training, 19 Uhr, alles klar?“ Sie eilte weiter.

Ron, der vorher etwas betreten da gesessen hatte, grinste nun breit und es war ihm anzumerken, dass sich seine Laune besserte.

„Mensch, Harry, das ist unser erstes gemeinsames Spiel- toll!“ Er gab seinem Kompagnon einen Stoß in die Rippen. Harry grinste zurück und stopfte sich noch ein Stück Butterzwieback in den Mund, während Hermine einen letzen Schluck aus ihrer Muscheltasse trank, die Bücherliste einpackte und meinte:

„Ich muss jetzt los, Prof. Raue Pritsche ist überpünktlich!“ Sie lächelte den beiden zu- diesmal ausnahmsweise auch Ron. Der ´´smilte´´ mit breitem Mundwinkel zurück, während Harry es sich nicht verkneifen konnte, einen raschen Seitenblick auf seinen Freund zu werfen.

„Und viel Spaß bei Wahrsagen- Trelawney oder Firenze?“

„Trelawney««Firenze «««“, sagten Harry und Ron gleichzeitig.

„Na, ihr seid ja bereits bestens informiert! Wirklich toll, wie ihr die Stundenpläne studiert!“ Hermine segelte aus dem Saal, die Bücherliste fest unter die Achsel geklemmt und  Ron und Harry schlossen eine Wette ab, wer von den beiden Lehrern sie wohl heute unterrichten würde. Es gewann jedoch keiner, da die Stunde schlichtweg entfiel:

Trelawney war felsenfest überzeugt, dass Firenze die Stunde halten würde, da am Schulbeginn noch wenig Stoff zu unterrichten war, und Firenze dachte, die Begrüßung der Schüler und die Übersicht über den Lehrinhalt des kommenden Jahres könne getrost Trelawney überlassen werden. Keiner der beiden hatte auf die Notiz am Stundenplan gesehen. Nachdem die Schüler eine Weile gewartet hatten und sich niemand wirklich dafür verantwortlich gefühlt hatte, die unterrichtsfreie Stunde zu melden( die einzige disziplinierte Schülerin besuchte ja gerade ein anderes Unterrichtsfach), zogen sich die Sechsklässler möglichst unauffällig in die Gemeinschaftsräume ihrer jeweiligen Häuser zurück.

„Spielen wir Zauberschach?“, fragte Ron Harry. Er war jetzt wirklich guter Dinge, nachdem sich der Stundenplan von selbst dezimiert hatte. Auch Harry war ein Grinsowanowitsch ins Gesicht gemalt- er fand Trelawney sowieso total daneben und Firenze vermisste er auch nicht gerade. Außerdem hatte er eben erst mit Ron zusammen eine Wette verloren- was auch nicht sooft vorkam, wenn sie gegeneinander wetteten.

Harry nickte übermütig und folgte Ron zum Porträt der dicken Dame.

„Passwort!“ Die dicke Dame schien heute eher kurz angebunden zu sein.

„Ähm, Harry, wie heißt das doch noch mal? “

„Oh, nicht die geringste Ahnung wie es heuer heißt.“

„Mist, Hermine weiß es natürlich! “

„Tja…“

„.Meinst du Harry, sie nimmt das alte?“

„Keine Ahnung- probier es halt mal aus! “

„Mach du das bitte, ist doch schon zwei Monate her… “

„.Wart mal, also, so genau weiß ich es auch nicht mehr, irgendetwas wie geringeltes Schweinsäugelchen oder so ähnlich.“

„Also, ich glaub es hieß eher Schweinsmündchen.“

„Na, dann bitte sag ihr´ s doch du!“

Die dicke Dame sah schon ziemlich ungeduldig aus.

„.Ähm, geringeltes Schweinsmündchen!“

„Quadschkopfsalat - wollt ihr mich etwa beleidigen?“

Die dicke Dame sah nicht so aus, als wäre sie heute zum Scherzen aufgelegt.

Da alle anderen Gryffidors der 6. Klasse schon im Gemeinschaftsraum drinnen und die übrigen bei ihrem jeweiligen Unterricht waren, meinte Harry:

„Na, dann vergiss es Ron, die lässt uns heute nicht rein! Hey, ich schau mal rauf zur Eulerei, wie es Hedwig geht! Wir müssen halt aufpassen, dass wir Filch nicht in die Quere kommen. Kommst du mit?“

Da Ron natürlich keine Lust hatte, alleine vor dem Porträtloch zu sitzen und dem vorwurfsvollen Blick der dicken Dame standzuhalten, zuckte er leicht resigniert mit den Schultern und folgte Harry, der schon die Eulentreppe eingefangen hatte.

Oben angekommen drückte Harry den Griff der hölzernen Tür nach unten. Ein Knarren und Ächzen war zu hören, doch die Tür ging keinen zentimeterweit auf.

„Komisch, seit wann ist die Eulerei versperrt?“

Harry drehte sich verdutzt zu Ron um.

„Scheint nicht gerade unsere Sternstunde zu sein heut morgen- kein Zauberschach- kein Besuch bei Hedwig- na ja, aber die Stunde ist sowieso bald um!“ Ron kratzte seinen Rotschopf, stemmte die Hände in die Hüften und lehnte sich an die Wand:

„Eigenartig ist das schon, aber was soll’s, wahrscheinlich steckt Filch dahinter, hat heute Morgen vergess….“

Harry sah, wie sein Freund die Gesichtsfarbe wechselte, als er mitten im Wort plötzlich verstummte. Noch bevor er sich umdrehte, wusste er Bescheid.

„Potter, Weasley!“ Die Stimme war nur allzu bekannt und der Tonfall verriet, dass es ihrem Besitzer ziemlich unangenehm zu sein schien, gestört zu werden.

„Was haben Sie um diese Zeit bei der Eulerei zu suchen, warum sind Sie nicht in ihrem Unterricht?“ Snape fuhr die beiden barsch an und zog seinen Mantel fest um die Schulter.

„Ähm, wir hatten eine Freistunde und… wollten in die Eulerei, eine Eule besuchen!“, stotterte  Ron kleinlaut.

„Das ist doch nicht verboten!“setzte Harry hinzu, als er die eingeschüchterte Stimme seines Freundes hörte.

Snapes Augen verengten sich kurz zu Schlitzen, als er Harry fixierte - doch dann sah er unvermittelt zu Boden. In diesem Moment fiel Harry wieder die Szene ein, als er letztes Jahr in das Denkarium geschaut hatte, das in Snapes Büro stand, und wie er hatte miterleben müssen, als sein Vater, Sirius und noch ein paar Jungs einen blassen, hilflosen Schüler gedemütigt hatten.

Harry sah ebenfalls zu Boden.

„Verschwindet jetzt von hier!“ Zum ersten Mal seit Harry Snape kannte, klang die Stimme des Zaubertranklehrers irgendwie anders, vielleicht nicht so schneidend. Am liebsten hätte Harry laut geschrien:

„Aber ich kann doch nichts dafür!“ Doch sein Mund war wie zugepickt.

Bevor Harry und Ron noch einen Schritt taten, hatte die Eulentreppe sie wieder mitgenommen und sie segelten abwärts.

Ron schnaubte, als sie unten ankamen:

„Zuerst kein Zauberschach, dann keine Hedwig, aber dafür Snape- na, das fängt ja gut an!“

Hätte Ron geahnt, was später noch alles passieren würde, wäre er an diesem Tag nicht mehr unter seinem Bettzeugschrank hervorgekrochen und hätte Harry eigenhändig ans nächste Tischbein gekettet. Und das wäre vielleicht auch das Beste gewesen. So ahnte keiner, was dieser erste Schultag noch bieten würde.

Ein gutgelaunter Neville kam ihnen am Gang entgegen und schleppte sie euphorisch mit sich ins Klassenzimmer von Prof. Flittwick.  

 

„Prof. Raue Pritsche gibt ein Tempo vor, ich habe geschrieben wie die funkelnagelneue Triebfeder eines Turbo Feuerwischs!“ Hermine lächelte glücklich, als sich Harry und Ron neben sie erschöpft auf ihre Plätze fallen ließen. Als ihr von der nicht stattgefundenen Stunde berichtet wurde, schüttelte Hermine den Kopf:

„Pragmatisierte Beamte, typisch!“

„ Schweinszüngelnchen, natürlich! “, unterbrach sie dann lachend die Schilderung ihrer beiden Freunde, als sie davon hörte, dass keiner der Beiden das diesjährige Codewort gewusst hatte.

„ Oh, Mann, so nah dran, na, da hätten wir uns Snape ersparen können!“, seufzte Ron froschmaulend. Harry blickte jedoch ernst zu Boden.

„ Prof. Snape war bei der Eulerei, und die Tür ... abgeschlossen ... eigenartig...“ meinte Hermine nachdenklich, nachdem Harry weitererzählt hatte.

„Na ja, er hat doch sein neues Büro im Turm, vielleicht hat er uns gehört!“, riet Ron.

„Sein Büro liegt im westlichen Turm und die Eulerei ist im südlichen.“, entgegnete Hermine.

„Vielleicht wollte er eine Eule abschicken!“ Ron ließ nicht locker.

„Snape braucht keine Eulen, um seine Post zu befördern - er wirft sie einfach in die Luft und sie landet im Briefkasten des Empfängers!“

„Wie gut, dass wir Hermine haben. Ich geb´s auf. Es ist also... EiGeNaRtiG!“

Ron schleuderte seine Unterrichtsmappe etwas sehr heftig auf den Tisch und Harry war froh, als er den kleinen Prof. Flittwick hereinrauschen sah. Das Gemurmel der Schüler ebbte langsam ab, nachdem es wirklich allen nach weiteren drei Minuten klar war, dass es sich eindeutig um Prof. Flittwick handelte, der vorne am Pult saß- er war nun einmal sehr klein!

„Guten Tag, freut mich, Sie zu sehen- sehen mich auch alle...? “

Er streckte sich so gut er konnte und machte eine weit ausladende Winkbewegung mit dem rechten Arm. Als eine vorwiegend positive Reaktion aus den Reihen der Schüler auszumachen war, fuhr Flittwick fort:

„Nun, ich möchte mich nicht lange mit der Einführung in den Lehrplan des heurigen Jahres aufhalten und gleich medias Res gehen, da wir heuer ein sehr umfangreiches Stoffgebiet zu bewältigen haben: es beinhaltet nämlich ´´Nichts´´ und das ist, wie sie im Laufe der Zeit feststellen werden, sehr viel!“

Er warf ein koboldartiges Grinsen in die Menge und zuckte zweimal kurz mit den Schultern. Ron stierte zur Decke und als Hermine ihn ansah, wusste sie sofort, dass sein Blick ebenfalls ´´nichts ´´bedeutete.

„Aber schauen wir gleich mal, was Sie sich vom vorjährigen Unterricht alles gemerkt haben.“

Im nächsten Moment hielt er eine Papierkugel in der Größe einer wohltemperierten Weintraube in der Hand, die sich in nichts von einer Papierkugel unterschied und eine Papierkugel zu sein schien. Flittwick umfasste sie mit der ganzen Hand so, dass es aussah, als hielte er einen Tennisball in die Höhe.

„Nun, meine Herrschaften- hier haben wir es wohl mit einer einfachen anorganischen Form zu tun- ich möchte nun wissen, ob es Ihnen gelingt, diese anorganische Masse in eine organische Grundsubstanz zu verwandeln- es dürfte Ihnen nicht allzu schwer fallen, da wir das ja alles schon einmal durchgesprochen haben!“ Flittwick warf die Papierkugel in die Luft, zuckte mit seinem Zauberstab, murmelte etwas und eine Hühnerfeder segelte von der Decke herab.

Der Versuch seiner Schüler brachte jedoch ganz unterschiedliche Resultate. Ron schaffte es beim dritten Mal, immerhin seine Papierkugel in den Zehennagel eines Hippogreifs zu verwandeln, Luna kreierte beim zweiten Versuch ein Straußenei, Hermine war natürlich sofort erfolgreich und die gewünschte Feder segelte herab- Neville jedoch hatte seine gute Laune eingebüßt. Ein eindeutig zu identifizierender Geruch breitet sich unter seinem Tisch aus.

„Ähm... na, immerhin eine organische Substanz, Longbottom“, meinte Flittwick tröstend und ließ den Geruchsherd sofort verschwinden. Harry schien mit seinen Gedanken ebenfalls nicht ganz bei der Sache zu sein, schaffte es jedoch die Papierkugel in eine Spieldose mit einem Eulenkopf zu verwandeln.

„Vorsicht, Malfoy, dontgointhisdirectinosum!“

Draco wollte gerade eine abfällige Bemerkung zu Harrys Spieldose machen, als er sich, von Flittwick aufgeschreckt, umdrehte und einer hinter ihm aufragenden Ritterrüstung gegenübersah, die ihn zweifellos erschlagen hätte, wäre sie nicht im nächsten Augenblick verschwunden gewesen.

„Nein, Miss Parkinson, das war nicht die richtige Betonung!“

Flittwick wischte sich die paar auf seiner Stirn erschienene Schweißperlen in seinen Ärmel, und erachtete es für das Beste, für den Rest der Stunde noch einige theoretische Stoffgrundlagen zu wiederholen.

 

In der Pause war Harry besonders still. Die nächste Stunde hatten sie das Fach ´´Zaubertränke´´.

Snape erschien verspätet zum Unterricht-, was in den letzten fünf Jahren nicht ein Mal vorgekommen war und so gar nicht zu der strengen, disziplinierten Person des Lehrers passte.

Er rauschte, in seinen schwarzen Umhang gehüllt, ins Klassenzimmer, während schon alle Schüler auf ihren Plätzen saßen. Als er das Lehrerpult erreicht hatte und seine schwere Mappe darauf fallen ließ, erschienen hinter ihm an der Tafel die Ingredienzien zu einer ellenlangen Rezeptur.

„Wir nehmen heute die Zutaten für das ´´Veritaserum ´´durch “, sagte er knapp, zuckte mit seinem Zauberstab und ein Kessel, bunte Fläschchen und eine Waage erschienen vor jedem Schüler.

„Bitte beginnen Sie! “

Er setzte sich an seinen Pult und vertiefte sich in die Mappe. Snape ging weder durch die Tischreihen, wie er es sonst meist sofort tat, noch reagierte er auf Dracos erhobenen Arm, bis sich der Junge räusperte und schüchtern:

„Verzeihung, Sir!“, rief. Snape sah auf und sagte forsch:

„Was gibt es, Malfoy?“

„Im Rezept ist von 40dkg behaarten Spinnenfüßchen die Rede- in meinem Fläschchen sind aber nur unbehaarte Spinnenbeine!“

„Das Gewichtsverhältnis beträgt 9:1, also rechnen Sie nach!“, entgegnete Snape kühl.

Harry bekam fast eine angenehme Art von Adrenalinstoß, als er Dracos heruntergeklappte Kinnlade sah. Snapes Liebling schien etwas aus dem Konzept geworfen, spitzte umständlich seinen Bleistift und machte sich ans multiplizieren.

Die nächste halbe Stunde verlief weitgehend ereignislos. Die Schüler mischten eifrig ihre Mixturen und Prof. Snape saß noch immer, in seine Unterlagen vertieft, am Lehrerpult. Wahrscheinlich war Harry der einzige, dem es auffiel, dass Snape nicht wie sonst aufstand, um herumzuwandern und den Schülern über die Schultern und auf die Finger zu gucken- da kein anderer außer Harry über die Jahre hinweg so viel Angst vor diesem Lehrer gehabt hatte. Er wusste, dass Snape niemanden so hasste wie ihn. Meist wartete Harry schon in jeder Zaubertrankstunde auf Snapes provokative Gemeinheiten und versuchte sich, so gut es ging, davor zu schützen. Umso unruhiger wurde er nun, da der Zaubertranklehrer heute gar keine Notiz von ihm zu nehmen schien. Harry traute dem Frieden nicht. Obwohl er die Ingredienzien dreimal nachprüfte und die Mengenangaben peinlichst genau befolgte, konnte er es nicht verhindern, dass vor seinem geistigen Auge Erinnerungen auftauchten, die ihn von seiner Tätigkeit ablenkten- oder tat vielleicht der Duft des Veritaserums seine Wirkung?

Wieso fiel Harry jetzt gerade das Streitgespräch zwischen seinem Paten Sirirus und Snape ein, das die beiden letztes Jahr in Sirius Haus geführt hatten? Harry sah die seit Jahren zerstrittenen Männer in Gedanken vor sich, als er in der dunkelgrünen Flüssigkeit rührte- sah klar wie lange nicht mehr in das Erinnerungsbild seines verstorbenen Paten- und ein heftiger Schmerz über den jähen Verlust ließ ihn fast übel werden.

„Die Stunde ist beinahe zu Ende! Bringen Sie bitte ihre Fläschchen - mit Inhalt wenn möglich - nach vorne.“ Snapes Stimme klang für Harry nun ganz eigenartig: Sie schien von weither zu kommen, war zwar schneidend wie immer und doch schien sich Snape einen kleinen Scherz erlaubt zu haben, als ob es ein Schüler wagen könnte sein Fläschchen ohne Inhalt nach vorne zu bringen!

In Harry begann auch etwas zu brodeln. Der Schmerz über den Tod seines Verwandten (Snape lebte- er, der Sirius bei dem Streitgespräch einen Feigling genannt hatte und ihn somit vielleicht provoziert hatte, Dinge zu tun, die Sirius vielleicht letztendlich das Leben gekostet hatten!) und das alte, abgrundtiefe Hassgefühl auf diesen Lehrer, vermischten sich zu einer unglücksseligen Paarung, der kein vernünftiger Gedanke mehr zugänglich war. Harry ging auf Snape zu. Das Fläschchen in seiner Hand zitterte leicht.

„Danke Potter!“

Harry wusste nachher nicht mehr genau, was in diesem Moment mit ihm geschehen war: er schleuderte einfach das Fläschchen gegen Snapes Stirn!

Der Zaubertranklehrer wich zurück und schrie auf- doch kein Zauber konnte ihn mehr schützen- Veritaserum rann über Snapes Gesicht, er stöhnte laut und schlug sich schnell die Hände vor die Augen.

„........ BIST DU WAAAHHHNSINNNIGGGG!“ Ron war auf Harry zugestürmt und riss ihn herum. Draco, Patty Parkinson und Ronda Wilkinson, eine Ravenclaw, stürzten sofort zu Snape, um ihm zu helfen- wussten jedoch nicht, wie.

„Prof. Snape!“, schrie Draco hysterisch. „ Prof. Snape!“

Hermine war bereits losgerannt, um Mrs. Pomfey vom Krankenflügel zu holen.

Snape krümmte sich über seinen Schreibtisch. Er presste beide Hände gegen die Stirn, rollte sich dann mit einem Ruck zur Seite, verschob den Tisch dabei und sackte zu Boden- wo er wie ein Embryo zusammengekauert auf seiner linken Seite liegen blieb.

Ron hatte Harry aus dem Klassenzimmer gezerrt.

„Mensch, Harry, verdammt noch mal- weißt du, dass das jetzt deinen endgültigen Rauschmiss aus Hogwarts bedeuten kann?“ Ron schrie Harry mitten ins Gesicht, seine Stimme bebte und er schüttelte seinen Freund an beiden Schultern.

Harry war bleich geworden und musste sich fast übergeben. Schritte hallten über den Gang. Hermine hatte Tränen in den Augen, Prof. Mc. Gonagall war rot vor Wut und Mrs. Pomfey blickte sehr ernst.

Als sie das Klassenzimmer betraten, lag Snape noch immer zusammengekrümmt am Boden und hielt sich die Hände vors Gesicht. Er stöhnte vor Schmerz.

Mrs. Pomfey kniete sich zu ihm nieder. Mit einer Hand befühlte sie Snapes Puls, die andere legte sie auf seinen Kopf. Besorgt, mit einem Blick zur Tafel an der noch immer die Ingredienzien für den Zaubertrank standen, meinte sie leise:

„In dem Fläschchen war Veritaserum! Ich fürchte, Prof. Snape ist sehr schwer verletzt und muss sofort in den Krankenflügel!“

Der Unterricht der 6. Klasse entfiel für den Rest des Tages.

Das Stundenglas des Hauses Gryffindor erreichte bereits am ersten Schultag den denkwürdigen Stand von 1000 Minuspunkten.

 

Bela beabsichtigte gerade zum Unterricht gehen, als ihr von Prof. Mc. Gonagall knapp mitgeteilt wurde, dass ihre Stunde heute entfiele. Bela wollte den Grund wissen und spürte, wie die stellvertretende Direktorin mit sich rang:

„Ein Schüler der 6. Klasse hat Prof. Snape einen …stark ätzenden Trank ins Gesicht geschüttet…“ sagte diese dann stockend, leise und war aufgewühlt wie ein Korallenbeet, über das gerade ein El Ninjo sauste.

Bela wurde heiß und sie spürte ihr Herz klopfen.

„Prof. Snape liegt im Krankenflügel?!“ Prof. Mc. Gonagall holte tief Luft und schien sich ihrer in der Tiefe unversehrten Seeanemonen zu erinnern. Sie sah Bela mit festem Blick an und versuchte zu lächeln.

„Wie ist das passiert, war es ein Unfall, hat Prof. Snape starke Schmerzen?“ fragte Bela schnell.

Die Angesprochene sah zu Boden und es schien abermals gerade ein Wellenbrecher über ihre Gefühlslandschaft hinwegzusausen.

„Ein Unfall, der besonderen Art, wohl…!“

Minerva biss die Lippen aufeinander, sodass sich ihr ohnehin schon schmaler Mund fast gänzlich zu einer strengen Linie verformte.

„ Hat er starke Schmerzen?“ wiederholte Bela nun etwas ungeduldig.

„Ja, ich fürchte, das hat er! Sein Gesicht und seine Augen... “ Minerva sprach nicht weiter. Von irgendwoher schien kalter Wind zu kommen. Es war kein Fenster offen. Bela fröstelte. Und außerdem wurde ihr schlecht.

„ Kind, was ist mit Ihnen, Sie sind ja ganz blass!“

 Prof. Mc. Gonagall drängte Bela, sich auf einen Stuhl zu setzen und flößte ihr fast das Glas Wasser ein, das sie plötzlich in der Hand hielt. Bela trank mit einem langen Zug. Dann stand sie unvermittelt auf:

„Kann ich ihn sehen?“

Prof. Mc. Gonagall sah sie verwirrt an.

„Ähm... nun ich weiß nicht, da fragen Sie am besten Mrs. Pomfey!“ Nach einem kurzen Zögern und einem buchstäblich langen Augenblick setzte sie bestimmt hinzu:

„Kommen Sie, ich führe Sie in den Krankenflügel!“

 

 

Bela klopfte noch immer das Herz spürbar, als sie neben ihrer Kollegin die Treppe hochstieg. Etwas Schweres hatte sich auf ihre Brust gelegt. Nachdem sie mit Mc. Gonagall den Krankenflügel betreten hatte, sah sie an der hinteren Wand des großen Raumes Mrs. Pomfey über ein Bett gebeugt.

Die Heilerhexe drehte sich abrupt um, als sie die Hereinkommenden hörte und schüttelte vehement den Kopf. Minerva nahm Belas Arm und wollte sie zurückziehen. Bela entwand sich jedoch dem Griff, schluckte und ging auf das Krankenlager zu.

„Ich habe Ihnen doch bedeutet zu gehen!“ Mrs. Pomfey winkte enerviert ab.

„Ich kann nicht. Ist er bewusstlos?“

Die Heilerhexe wirkte plötzlich sehr erschöpft.

„Nein, er schläft nur. Ich habe ihm ein starkes Schmerz -und Beruhigungsmittel gegeben.“

Bela lugte an Mrs. Pomfey vorbei. Das Gesicht von Prof. Snape war mit einer weißen Mullbinde umwickelt, nur Nase und Mund waren zu sehen.

„Was ist mit seinem Gesicht?“ Belas Stimme klang so fordernd und ängstlich zugleich, dass sich Mrs. Pomfey einer Antwort kaum entziehen konnte.

„Seine Haut ist verätzt, über der Stirn und den Wangen- und seine Augen sind .... verletzt. “

Mrs. Pomfey sah Bela nicht an. Ein Moment des Schweigens zog sich in schier unendliche Länge. Dann presste Mrs. Pomfey die Lippen fest aneinander, gab sich einen Ruck und sah Bela an:

„Prof. Snape ist erblindet!“

Einen kurzen Augenblick hatte Bela das Gefühl, etwas unter ihr gab nach, um sie in eine schwarze Tiefe fallen zu lassen.

„Oh, Mrs. Petty, bitte setzen Sie sich!“

Die Heilerhexe zog einen Stuhl herbei.

„Soll ich Ihnen auch etwas Psalmolin - Geist geben? Beruhigt sofort!“

 Hilflos blickte Mrs. Pomfey zu Minerva.

Bela schüttelte nur langsam den Kopf und sah zu Boden.

„Bela, bitte kommen Sie jetzt! “Mrs. Pomfey hatte Prof. Mc. Gonagall selten so angespannt und besorgt gesehen.

„Aber, können Sie ihm nicht helfen, gibt es da keinen Zauber?“

Bela blickte mit den Augen eines Kindes zu der erfahrenen Heilerhexe auf.

Mrs. Pomfey atmete hörbar ein, dann meinte sie traurig:

„Bei jedem anderen Zaubertrank wäre wohl eine Heilung möglich- bei Veritaserum allerdings... dieser Trank hat, wie Sie wissen, die Eigenschaft, dass er die Wahrheit ans Licht bringt- dass derjenige, der damit in Berührung kommt seine eigene Wahrheit ausdrücken muss. Normalerweise wird Veritaserum getrunken, dadurch kommt es zu wahrer Rede. Wenn jemand jedoch mit dem Trank äußerlich in Berührung kommt, hinterlässt er andere Spuren... was wiederum sehr stark von der Situation abhängt, in welcher der Kontakt mit dem Veritaserum geschehen ist und nicht zuletzt ist auch die Beziehung zu demjenigen wesentlich... der den Trank in äußerlicher Form... verabreicht hat. “

 „Aber dieser Junge, wusste er, dass... “

„Nein!“ fiel Minerva Bela sofort ins Wort:

„Ich glaube nicht, dass -der gewisse Schüler- so eine Tat vorausgesehen oder beabsichtigt hat!“ Ihre Stimme war jetzt scharf und hart und es war ihr anzumerken, dass dieses Geschehen für sie in mehrerer Hinsicht ein sehr schmerzlicher Umstand war.

„Aber kann man nicht...“, stotterte Bela.

„Gegen die Wahrheit gibt es kein Mittel!“, unterbrach sie die Heilerhexe ungestüm:

„Und Prof. Snapes Wahrheit ist in gewisser Weise- seine Blindheit.“

Mrs. Pomfey wirkte nun sehr erschöpft und müde.

Minerva biss sich auf die Lippen und Bela starrte vor sich auf den Boden.

„Ich bin hilflos, Mrs. Petty, ich habe nicht die Macht, ihm die Augen zu öffnen.“,  sagte Mrs. Pomfey dann leise und resigniert.

„Kommen Sie Bela!“ Minerva berührte die noch immer vor sich Hinstarrende sacht am Oberarm.

„Kommen Sie, wir können nichts tun!“

Die Angesprochene rührte sich nicht und starrte weiter auf einen imaginären Fleck am Boden.

Nach einem schweigenden, doch vielsagenden Blickwechsel zwischen Minerva und Mrs. Pomfey, wurde Bela eine etwas übel riechende Flüssigkeit unter die Nase gehalten.

„Bitte trinken Sie, Mrs. Petty!“ Mrs. Pomfey legte Bela behutsam ihren Arm um die Schulter:

„Es scheint für Sie ein kleiner Schock zu sein!“

Bela schob den Becher mit einer bestimmten Geste von sich, ohne jedoch den Blick von den braunen Holzlatten des Krankenzimmerbodens zu wenden.

Minerva seufzte.

Nach zwanzig weiteren sprachlosen Sekunden hob Bela plötzlich den Kopf und sah Mrs. Pomfey fest die Augen:

„Bitte lassen Sie mich hier bleiben- alleine!“

Wieder wurden laute Blicke zwischen den beiden Hexen ausgetauscht. Schließlich zuckte Mrs. Pomfey schicksalsergeben mit den Schultern:

„Wenn Sie meinen. Darf ich Ihnen aber etwas Tee richten?“ Bela nickte und sah wieder nach unten, um einen scheinbar ihre ganze Aufmerksamkeit verschlingenden Punkt zu fixieren.

„Gut, dann werde ich dafür sorgen, dass ihr Unterricht heute subliert wird.“

„Danke.“ Belas Stimme klang seltsam tonlos.

Minerva war unsicher, ob es die richtige Entscheidung war, ihre neue Kollegin bei dem Verwundeten bleiben zu lassen.

„Bitte haben Sie ein Auge auf Mrs. Petty!“, bat sie die Heilerhexe, als sie zu dieser in die kleine Kräuterküche ging. Mrs. Pomfey nickte und hatte sogar vorerst ein sehr wachsames Auge auf Mrs. Petty. Bis zum Abend beobachtete sie die reglose Gestalt der kleinen Frau von ihrem bequemen Platz in der Teeküche aus. Bela saß die ganze Zeit beim Krankenbett und starrte zu Boden. Kurz bevor die letzten Sonnenstrahlen den Tag verabschiedeten, ging Mrs. Pomfey auf leisen Sohlen durch den Raum, um die Fenster für die Nacht zu öffnen. Dann setzte sie sich wieder in ihren breiten Lehnstuhl mit dem festen Vorsatz kein Auge zu zutun. Doch bald wurden ihr die Lider schwer, die Gestalt von Mrs. Petty verschwamm mit den Schatten des Abends und die Hexe sank in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Die Dunkelheit einer mondlosen Nacht drang durch das Fenster. Da heute der erste Schultag gewesen war, befanden sich keine Personen außer Prof. Snape und Bela im Krankensaal.

Die Dunkelheit umhüllte alles.

Eine kleine Fledermaus, mit Namen Hu, deren Ahnen seit Generationen ein Plätzchen von der jeweiligen Heilerhexe zugewiesen bekommen hatten, fühlte sich mit einem Mal in die Märchen ihrer Großeltern versetzt. Sie erinnerte sich, dass diese Geschichten erzählt hatten, von einem vergessenen Land, gerade jetzt, als die kleinen Fledermaus ihre Ultraschallwellen ausschickte, um die zwei Figuren unter sich auszuloten.

„Die eine ist wohl so etwas wie eine Mumie, und die andere?

                Hu sang ein Lied- da klang- ein Name.

Eine Eule schrie---–---------- oben------------ in den Türmen von Hogwarts.

 

Harry aß nichts. Er starrte vor sich hin. Hermine hatte rote Augen und Ron sah zerknittert drein.

Niemand von den dreien sprach ein Wort. Schadenfrohe, höhnische Blicke von den Tischreihen der Slytherins trafen wie Wurfgeschosse auf die Schüler des Hauses Gryffindor, und diese versuchten sich so gut es ging durch Nichtbeachtung zu schützen. Die meisten Schüler der anderen  Hausgruppen ignorierten Harry bewusst oder steckten die Köpfe zusammen und tuschelten über ihn.

Diese Situation kannte Harry ja zu gut- doch früher war sie ihm meist ungerechterweise passiert- jetzt hingegen hatte er ein so schlechtes Gewissen wie nie zuvor: er hatte etwas Gemeines und Boshaftes getan- obwohl er sich nicht daran erinnern konnte, Snape willentlich verletzt zu haben, fühlte er sich schuldig und verdammte sich selbst für das, was geschehen war. Dementsprechend motiviert hielt er vor sich selbst Gericht und seine Gedanken begannen immer trüber und konfuser zu werden:

´´Es wäre schon gerecht, wenn sie ihn rauswürfen, er war im Grunde ein Einzelgänger wie Sirius, doch im Gegensatz zu ihm war er schlecht.... Er würde sich schon irgendwie durchschlagen... Er hatte sich das Recht verspielt auf dieser Schule ausgebildet zu werden, er hatte einen Lehrer schwer verletzt und geblendet! Doch warum hatte Snape eigentlich so starke Reaktionen auf einen Saft, den man normalerweise trinkt- was, wenn er sich irgendwann die Bandage vom Gesicht reißen würde und darunter die toten Augen Lord Voldemorts zum Vorschein kämen?´´

„Die Disziplinarkonferenz findet heute Nachmittag um 15 Uhr im Kerker statt.“

Prof. Mc. Gonagall war an den Tisch ihrer Schüler gekommen. Sie sah mitgenommen aus und ihre Stimme klang heiser. Dunkle Ringe unter ihren Augen ließen eine durchwachte Nacht vermuten und in ihrem traurigen Blick lag die Resignation von jemand, der wusste, dass eine Situation ausweglos war.

Harry nickte und stierte weiter vor sich auf den Tisch. Niemand sagte etwas und Prof. Mc. Gonagall war im Nu wieder verschwunden. Das beinah Schlimmste an allem war, dass er seinen Freunden nicht mehr in die Augen sehen konnte. Er hatte den schwer zu ignorierenden Verdacht, dass Ron und Hermine mit sich rangen, ob sie nach so einer Tat noch zu Harry stehen konnten.

„Du wolltest Snape doch nicht so verletzen?“, brach Hermine schließlich das bedrohliche Schweigen.

„Du konntest doch nicht wissen, dass du ihm so wehtun würdest!“

Doch Harry wusste, dass er Snape mit dieser Flasche auch die Wut der letzten fünf Jahre hingeschleudert hatte - ob er das wollte oder nicht- und das in dem Augenblick, in dem Snape zum ersten Mal ein nettes Wort zu ihm gesagt hatte- ja, in dem Snape sich bedankt hatte- ohne Zynismus und Hass in seiner Stimme!

Und wieder sah Harry den schmächtigen Jungen vor sich, der verkehrt in der Luft hing und Angst haben musste auch noch entkleidet zu werden, umringt und ausgelacht von .... gewissen Schülern.

„Lasst mich doch in Ruhe!“, fuhr Harry seine Freunde barsch an und verließ so schnell er konnte den Frühstückstisch.

Harry verkroch sich den ganzen Vormittag im leeren Gemeinschaftsraum. Er ging nicht zum Unterricht- wozu denn auch.

5 Minuten vor 15 Uhr sah er Hermine und Ron vor dem Kerker auf ihn warten. Harry wollte sich schon schweigend an ihnen vorbei drängen, um die Kerkertür zu öffnen, als Hermine leise sagte:

„Harry, es war vielleicht nicht o. key, was du getan hast, aber...“ Es war ihr anzumerken, dass sie ziemlich durcheinander war.

„Aber mein Freund bleibst du trotzdem!“

Und noch bevor Harry die schwere Metalltüre aufdrücken konnte, war ihm Hermine schluchzend um den Hals gefallen. Hinter ihr stand Ron und nickte und er schien etwas verschnupft zu sein:

„Ja, Harry, das gilt auch für mich.“ Er legte Harry die Hand auf die Schulter.

Mit feuchten Augen betrat Harry den Kerkerraum, in dem bereits Lehrer anwesend waren und auf zusammengestellten Sesseln Platz genommen hatten. Das künstliche Licht der Neonröhren an der Decke war ziemlich grell, fand Harry.

Ein trauriger Dumbledore saß in der Mitte der Sesselreihe und bedeutete dem Eintretenden ohne aufzusehen, sich ihm gegenüber zu setzen. Hagrid versuchte Harry Mut zu machen, wirkte jedoch genauso hilflos wie Ron.

„Sind alle Lehrer versammelt?“ Dumbledore wandte nur leicht den Kopf in Richtung von Prof. Mc. Gonagall ohne seinen Blick vom Boden zu wenden.

„Alle, außer Miss Petty.“ Und auf Dumbledores unausgesprochene Frage hin fügte die stellvertretende Direktorin hinzu:

„Miss Petty ist heute Morgen noch nicht erschienen. Mrs. Pomfey tele-mentierte mir, sie befände sich noch bei Prof. Snape im Krankenflügel.“

Bildete Harry sich das ein, oder schloss der alte Zauberer daraufhin wirklich kurz erleichtert seine Augen?

Harry hatte keine Zeit nachzudenken, denn Dumbledore hob abrupt den Kopf und sah an Harry vorbei, während er leise meinte:

„Ein ungeschriebenes Gesetz unserer Schule besagt, dass ein Schüler, welcher eine Lehrperson mutwillig verletzt, unverzüglich mit dem Ausschluss zu rechnen hat. Hat jemand Einwände?“

So, das war es jetzt. Kurz und bündig. Das Aus und Amen. Zerstört, alles.

Dumbledore konnte Harry nun nicht mehr helfen, obwohl er ihn liebte, obwohl die Situation für ihn vielleicht genauso schmerzlich war wie für seinen Schüler, dem er ein geistiger Vater geworden war. Er musste ihn jetzt mit eigenen Worten der Schule verweisen. Wie banal. Wie grausam. Und Harry hatte ihn in diese Situation gebracht- Harry hasste sich dafür, er verdiente es wirklich nicht anders, dachte der Junge bei sich, er war eine Schande.

„Ja!“

Harry hatte gar nicht gehört, wie sich hinter ihm die Tür geöffnet hatte.

Eine Überraschungswelle ging über die Gesichter der Lehrer, Tofty schrie sogar auf, hielt sich jedoch sofort die Hand vor den Mund.

Als Harry sich umwandte, glaubte er vorerst seinen Augen nicht zu trauen:

Prof. Snape stand in der Tür. Sein Gesicht----war ---UNVERLETZT--- außer einer kleinen Narbe, die sich dezent über seine Stirn zog. Snape---sah - seine Kollegen und Dumbledore an.

„Severus!“

Harry hatte die stellvertretende Direktorin noch nie so glücklich Prof. Snapes Namen aussprechen hören und obwohl sie ständig mit dem Hauslehrer von Slytherin im Klimsch gelegen hatte- jetzt wäre sie ihm am liebsten um den Hals gefallen! Auch Dumbledore wirkte einigermaßen verblüfft und hocherfreut. Prof. Tofty hielt sich an Firenze fest und Bims beschloss in diesem Moment aufzuwachen. Snape war nie sonderlich beliebt bei seinen Kollegen gewesen, doch jetzt lächelten ihn alle an und waren sich wohl einig, dass ein kleines Wunder passiert war- und das auf Hogwarts, wo fast niemanden mehr etwas wunderte! Mrs. Pomfey war eine sehr erfahrene Hexe und ihre Worte hatten fast genauso viel Gewicht wie die Dumbledores- und sie hatte prognostiziert, Snape nicht helfen zu können!

Snape ging ein paar Schritte vor und zu Harry gewandt bemerkte er nur:

„Nun haben wir beide eine Narbe, nicht?“

Harry blieb der Mund offen stehen und er brachte kein Wort heraus. Snape hatte ihn nur kurz angesehen, aber in seinem Blick war keine Spur von Hass oder Zorn gewesen. Sape blieb etwas abseits von seinen Kollegen stehen.

„Severus, es freut mich wirklich sehr, Dich zu sehen und vor allem  freut es mich, wie ich dich sehe!“ Dumbledore schien in den letzen zwei Minuten etwas gewachsen zu sein und er strahlte den Lehrer für Zaubertränke an wie ein Weihnachtsmann im Bescherungsfieber.

„Ähm, hättest du eventuell etwas zu sagen?“

Snape sah Harry nicht an, doch es waren Worte, die der Junge nie vergessen würde:

„Wie bereits erwähnt, Albus, habe ich etwas dagegen, dass Potter von der Schule verwiesen wird.“, sagte der Lehrer kurz und bündig in einem Ton, als würde er gerade berichten, was er zum Frühstück gegessen hätte.

„Und warum?“, fragte Dumbledore leise nach.

„Wenn es ein ungeschriebenes Gesetz unsrer Schule ist, dass ein Schüler, der einen Lehrer mutwillig verletzt, der Schule verwiesen wird, dann müsste dieses Gesetz gerechterweise auch umkehrbar sein- und somit müsste ein Lehrer, der einen Schüler mutwillig verletzt, ebenso der Schule verwiesen werden- also sähe ich mich gezwungen, meinen Rücktritt einzureichen, sollte Potter verwiesen werden- desshalb bin ich dagegen, Albus!“

Ein Geraune ging durch die Sesselreihen.

Dumbledore senkte seinen Kopf und es war nicht deutlich zu erkennen, was für einen Gesichtsausdruck er zeigte, doch Harry meinte, ein leichtes Lächeln seine Mundwinkeln umspielen zu sehen.

Harry, der fest überzeugt gewesen war, von der Schule verwiesen zu werden, meinte zu träumen. In der folgenden Gesprächspause wiederholte er den Satz, den Snape gesagt hatte im Geiste nochmals für sich und nach einem Moment, in dem er überhaupt nichts mehr verstand, durchflutete ihn eine ungeahnte Freude, die jedoch sofort durch sein angestammtes Misstrauen dem Zaubertranklehrer gegenüber eingedämmt wurde. Harry hatte Snape zu lange gehasst, um ihm so eine joviale Reaktion zuzutrauen und er war zu lange von diesem Lehrer schikaniert worden, um nicht eine gemeine Taktik hinter dessen selbstkritischer Aussage zu vermuten. Oder hatte ihn vielleicht irgendjemand verzaubert? Harry war so verwirrt, dass es ihm schwer fiel, sich zu orientieren und er stand sicherheitshalber auf.

„Nun“, sagte Dumbledore leise und betont, wie es seine Art war:

„… wenn es ein ungeschriebenes Gesetz unsrer Schule ist, dass ein Schüler, der einen Lehrer mutwillig verletzt, der Schule verwiesen wird, dann muss es natürlich gerechterweise auch ein ungeschriebenes Gesetz sein, dass ein Lehrer, der einen Schüler mutwillig verletzt, der Schule verwiesen wird. Und wenn ich deinen Rücktritt annehme, Severus, dann sehe ich mich gezwungen, meine Position des Schulleiters ebenso in Frage zu stellen!“

Harry bekam wackelige Füße. Er begann allmählich überhaupt nichts mehr zu verstehen.

„Nun...“, meldete sich jetzt Prof. Mc. Gonagall forsch zu Wort:

„Da ich glaube, dass wir in Hogwarts auf keinen Fall auf unseren Schulleiter verzichten können...“ Sie blickte in die Runde und erntete heftiges Kopfnicken von allen Seiten.

„... Würde ich Prof. Snape bitten, seine Lehrtätigkeit weiterzuführen!“ ergänzte Dumbledore und meinte mit einem äußerst bedauerlichen Tonfall und einer leicht zu durchschauenden Strenge:

„Somit kann ich den Schüler Harry Potter leider nicht von der Schule verweisen!“

Vielleicht war es die durchwachte Nacht, der leere Magen, die Aufregung oder alles zusammen, glücklich aber sicher gaben Harrys Knie nach und er versank in eine weiche ohnmächtige Schwärze.

 

Angesichts dieser nicht gerade ereignislosen ersten Schultage waren die darauf folgenden Wochen die reinste Entspannung für gewisse Lehrer und Schüler von Hogwarts. Zwar war der Vorfall von Harrys Aktion und Snapes wundersamer Heilung in aller Munde, die Hauptakteure wurden jedoch maximal ein bisschen genauer angesehen und niemand trug Harry etwas nach, da jeder wusste, wie gemein Snape Harry in den letzten Schuljahren behandelt hatte. Am Interessantesten war jedoch Snapes wundersame Heilung. Da niemand genau Bescheid wusste, wie es dazu gekommen war, brütete und dampfte es natürlich in der Gerüchteküche auf Überhitze:

Jeder wusste, dass Mrs. Pomfey Snape eine scharfe Verätzung und Erblindung diagnostiziert hatte (in Hogwarts gibt es wirklich Wände mit Ohren und Prof. Mc. Gonagall soll eine Bestellung von dreißig Kisten Mureopax in Auftrag gegeben haben) und jeder wusste, dass Mrs. Pomfey Snapes verwundetes Gesicht nicht heilen hatte können und jeder wusste, dass die neue Lehrerin Mrs. Bela Petty die Nacht an Snapes Krankenlager gewacht hatte. Letztere Tatsache war die heißeste Kohle im Feuer.

Jede Altersgruppe der Schüler hatte hierfür eigene Erklärungsmodelle. Da die meisten Erstklässler ohnehin vor dem schwarzhaarigen Zaubertranklehrer Angst hatten, meinten sie, dass Snape Mrs. Petty im Schlaf verzaubert hätte, um sie dann zu abenteuerlichen occulären Reanimationen zu bewegen, deren genaue Beschreibungen den Umfang dieses Buches bei weitem sprengen würde, da alle nur erdenklichen magischen und nichtmagischen Utensilien hierbei zur Anwendung kamen um in die Operation miteinbezogen zu werden.

Der Lehrer für Zaubertränke wurde dadurch natürlich noch unheimlicher.

Die älteren Semester waren etwas pragmatischer.

Ron, Harry und Hermine gingen gerade über die Wiese zu Hagrids Hütte. Hermine zuckte auf Rons Frage nur gelangweilt mit den Schultern.

„Weiß nicht.“ So etwas aus Hermines Mund zu hören war eine Premiere.

Harry freute sich riesig auf den Halbriesen, da er bis jetzt kaum Gelegenheit gehabt hatte, ihn zu sehen und er ersehnte heiß die erste Stunde ´´Magische Geschöpfe´´. Außerdem ging ihm das Thema ´´Snape ´´schon ziemlich auf die Nerven, so steckte er die Hände in die Hosentaschen und ging seinen Freunden ein paar Schritte voraus, zwischen denen sich ein kurzer Dialog entspann:

„Und du willst es auch gar nicht wissen?“

„Das hab ich nicht gesagt!“

„Hast du irgendeine Vermutung?“

„Natürlich, aber dazu brauch ich ein paar Tage, um es zu überprüfen.“

„Was überprüfen? “

„Na, meine Vermutung.“

„Na, was ist denn deine Vermutung? “

„Sag ich nicht.“

„Sehr spannend...“

„Vielleicht…“ Hermine murmelte wie zu sich selbst:

„…könnte Tofty mir hierbei auch helfen!“

Ron runzelte die Stirn. Das Herumgerätsel und das Gefühl, so überhaupt keine Vermutung zu haben, machte ihn allmählich gereizt, er steckte ebenfalls seine Hände in die Hosentaschen und ging etwas schneller um Harry einzuholen.

 

„Das, ähm, ist ein Suckandpop!“

„IIIIIIhhhhhhhh“ Patty Parkinson kreischte auf. Sie stand zu ihrem Pech genau unter dem Ast, an dem der der Suckandpop hing. Etwas Flüssiges tropfte der Schülerin auf die Haare.

„Ist aber nicht giftig!“, bemühte Hagrid sie zu beruhigen.

„Hat sich schon wieder so eine Brut herangezüchtet“, hörte man Draco hinter einer, drei Riesenschritte ins Abseits gesprungenen, Patty Parkinson schimpfen.

„Nun traut euch doch näher!“ Hagrid bückte sich leicht, um seine in alle Richtungen auseinandergestobenen Schüler wieder anzulocken. Langsam kamen diese näher, hielten jedoch um den gewissen Ast einen ehrfürchtigen Sicherheitsabstand.

Der Suckandpop war ein in seiner Form und seinem momentanen Zustand undefinierbares Etwas. Patty Parkinsons Mund lag ihr noch immer ziemlich schief im Gesicht, als Hagrid auf das Unding zustapfte.

„Man muss freundlich sein und mit ihm reden, dann hängt er auch nicht so desinteressiert vom Ast herab- und tropft auch nicht!“

Hagrid stand nun fast direkt vor dem zumindest in seiner Biologie, eindeutig als mehrzellig zu beschreibenden Lebewesen und begann leise mit ihm zu reden:

„Sucky, schau so viele Leute sind hier, komm, beweg dich ein bisschen!“ Das vorerst regungslose Geschöpf zeigte Rührung und veränderte langsam seine Länge und Dicke, so dass es schließlich aussah wie ein Riesenschnuller. Hagrid lächelte zufrieden.

„So ein Süßer, nicht?“

„Ähm, und was frisst so ein... Süßer?“ Neville stand vorsichtshalber hinter dem hintersten Schüler und lugte über eine hochgezogene Schulter.

„Oh, er ist ganz einfach zu füttern!“, meinte Hagrid stolz:

„Er frisst…!“ Hagrid stemmte die Hände in die Leisten:

„Lärm!“

Einige Schüler sahen sich verdutzt an.

„Und wenn es ganz leise ist, kann man das Ding aushungern?!?“

Dracos Stimme höhnte hoffnungsvoll hinter einem Ligurenstrauch hervor. Hagrid warf einen unfreundlichen Blick in Richtung des gelb- orangen Gewächses und brummte:

„Was in deiner Gegenwart sicher unmöglich wäre, du Schnattermaul!“

Eine Hand schoss in die Höhe und als Hagrid Hermine liebevoll das Wort erteilte, fragte sie:

„Du meinst also, er ernährt sich von Luft?“

„Nicht von Luft- sondern von Frequenzen! Deshalb ist er ja so lang, wellenförmig und anpassungsfähig!“

„Whow, ein biologischer Lärmschutzdämpfer!“, meinte Pat Swift, ein Schüler von Ravenclaw, beeindruckt.

„Nun, nicht ganz!“ gab Hagrid vorsichtig zu bedenken:

„Er muss das Ganze ja verdauen und wieder .... ausscheiden.“

„Und wie macht er das??“

„Nun... er...“

Hagrid brauchte nicht weiterzureden- in diesem Moment explodierte der Suckandpop mit einem ohrenbetäubenden Knall. Die Schüler stoben auseinander, einige stolperten und ließen sich mit  Händen über den Ohren ins Gras fallen. Rauch und der Gestank von Schimpfwörtern breitete sich aus. Seit dieser Schulstunde wusste jeder von Hagrids Schülern, wie Schimpfwörter stinken können.

„Na ja…“ Hagrid steckte einen Finger ins Ohr und schüttelte ihn hin und her:

„... ihr müsst bedenken - all die Frequenzen, die er schluckt!“ Und entschuldigend fügte er hinzu:

„…und außerdem hat Sucky seit Tagen Verstopfung gehabt!!!“

 

Im Gemeinschaftsraum von Gryffindor prasselte gemütlich ein Feuer im Kamin und ein paar von den Zweitklässlern saßen neben Ron, Hermine und Harry bei ihren Hausaufgaben.

„Ist ja noch mal gut gegangen, heute bei Hagrid, als das Suckandpop explodierte!“, sagte Ron zu seinen Freunden und einer der Zweitklässler hob neugierig den Kopf.

„Und Draco, die Qualle, rennt jetzt sicher zu seinem Pappi petzen: ``Pappi, der hat so ein gefährliches Tier.... Ich hab so einen Schreck gekriegt``!“

Hermine würdigte Rons ausladender Gestik keines Blickes. Sie ordnete ohne eine Miene zu verziehen ihre Bücher. Ron sah ihr zu, dann stützte er sein Kinn in die Hand, was ihm einen sehr in sich vertieften Ausdruck verlieh und meinte:

„Hermine, vielleicht hat sie es mit dem Suckandpop bewerkstelligt!“

„Wer hat was mit dem Suckandpop bewerkstelligt?“, fragte Hermine betont gelangweilt, während sie all ihre Sachen in der Schultasche verstaute.

„Na ja, Mrs. Petty natürlich. Vielleicht hat sie Snape so ein Tier in den Mund gesteckt, der Suckandpop ist explodiert und der Frequenzpegel hat ausgereicht, um Snapes Haut wieder zu glätten, während seine Netzhaut sich augenblicklich regenerierte!“

Ron sah Hermine derartig treuherzig an, sodass Harry sich hinter ihrem Rücken die Hand vor dem Mund halten musste, um nicht loszuprusten.

Nach einer Zehntelsekundenpause, in der die Sechzehnjährige nun wirklich nicht zu wissen schien, was sie von dieser Aussage halten sollte, meinte Hermine spitz:

„Ha, Ha, Ha, seeeehr witzig!“ Ihr Gesicht bekam jedoch einen leicht rosa Touch, was Ron befriedigt feststellte und Hermine ging an diesem Abend ziemlich energisch schlafen.

 

Doch wie geschah die wundersame Heilung nun wirklich? In den Chroniken von Hogwarts befindet sich kein detaillierter Bericht, nur ein paar Seiten erzählen darüber, wie sich der nächste Morgen für die Beteiligten dargestellt hatte, was wie folgt wiedergegeben wird:

Als das erste Tageslicht in den Krankenflügel schien, erwachte Snape. Er schlug seine Augen auf, wie jeden Morgen. Als er jedoch, anders als jeden Morgen, nicht von der innigen Umarmung seiner Phytonschlange geweckt wurde, richtete er seinen Oberkörper blitzschnell und kerzengerade vom Bett auf, wobei ein stechender Kopfschmerz ihn wieder umgehend zurück in die Horizontale zwang. Es dauerte eine Weile, bis er sich an die Ereignisse des ersten Schultages zu erinnern begann. Snape tastete an seine Stirn und registrierte dort einen dicken Verband, und es dämmerte ihm langsam, dass er sich im Krankenflügel befinden musste. Trotzdem ihm war, als hämmerten tausend Kobolde unter seinem Schädelknochen als wollten sie einen verborgene Schatz aus einem Bergwerk ausgraben. Er richtete  sich nochmals stöhnend auf und drückte seine Unterarme gegen die Matratze.

Am Kopfende des Krankenlagers lag die neue Lehrerin für Verteidigung gegen die schwarzen Künste zusammengerollt in einem unbequemen Lehnstuhl und schlief. Sie lag da wie ein Embryo, umhüllt von einer dicken Wolldecke. Snape tastete nach seinem Zauberstab, doch der war nicht da.

Die Schlafende rekelte sich leicht. Belas Haare waren zerzauster denn je und ein paar Strähnen bedeckten ihr Gesicht.

Trotzdem die Kobolde noch heftiger nach dem Schatz zu graben schienen, als hätten sie ihn schon gesichtet, richtete sich Snape mühsam hoch und stellte seine Füße auf den Boden. Bela blinzelte leicht, während sich sich dann verschlafen im Halbschlaf die Decke übers Gesicht zog. Stöhnend stand Snape auf, ging zum Spiegel, riss sich den Verband vom Gesicht und besah die rosa Narbe, die über seine Stirn lief. Er sah auf die wieder eingeschlafene Frau, dann auf den Boden und wankte aus dem Krankenzimmer. Mrs. Pomfey wäre beinahe in Ohnmacht gefallen, als sie, aufgeschreckt aus ihrem Schlummer, Snape an ihrer Türe stehen sah.

„Prof. Snape! Wie ist es möglich??????????????????????????????????“

„Wie ist was möglich?“

„Ihr Gesicht... ihre Augen waren...“ Mrs. Pomfey stand auf, zwickte ihre Lider zusammen und stierte in Snapes Pupillen, als wolle sie überprüfen, ob sie ein paar Glasaugen vor sich hätte.

„Sie... waren.... blind und veräzt!“

„Tja, muss ein fürchterlicher Anblick gewesen sein, tut mir leid... danke, dass Sie mir geholfen haben!“

„Aber, das konnte ich doch nicht, Sie wissen doch... Veritaserum! “

Mrs. Pomfey sah zu Boden, als wolle sie niemanden beschämen und am allerwenigsten den Zauber er vor ihr. Durch Snapes Gestalt ging ein kleiner Ruck, er schien sich an etwas zu erinnern. Leise sagte er:

„Können Sie mich bitte darüber informieren wie mir dann geholfen wurde?“

„Das ... kann ich auch nicht, Prof. Snape, als ich Sie das letzte Mal sah, hatten sie noch eine Mullbinde über ihrem Gesicht!“ Und etwas verstört fügte sie hinzu:

„Mrs Petty war, glaube ich, die ganze Nacht bei Ihnen!“ Sie lugte aus ihrer Kräuterküche und sah die Lehrerin noch immer zusammengerollt auf dem Lehnstuhl schlafen. Snapes linkes Augenlid zuckte ein paar Mal schnell hintereinander, als wäre er irritiert oder hätte ein Haar im Auge. Dann schloss er es und fuhr sich sacht mit dem Zeigefinger über den Wimpernrand.

„Sie meinen... Ich muss jetzt gehen ... Trotzdem danke für alles... Mrs. Pomfey!“, sagte er dann forsch und war verschwunden.

Bela wurde sofort von der Heilerhexe geweckt.

„Kindchen, kommen Sie, Sie liegen ja ganz schlecht! Ich mache Ihnen einen guten Tee!“

Auch Bela brauchte eine Weile, um sich zu orientieren. Dann jedoch genoss sie die mütterliche Fürsorge, die ihr Mrs. Pomfey zukommen ließ. Sie schlürfte ihren Tee und stierte vor sich hin. Die Heilerhexe platzte zwar vor Neugier, war jedoch dezent genug, um Bela nicht mit Fragen zu durchlöchern. Als Bela längere Zeit kein Wort gesagt hatte, wurde Mrs. Pomfey klar, dass Mrs. Petty nichts verraten würde, das sagte ihr untrüglicher Instinkt. Wieder einmal seufzte die Hexe resigniert.

Bela war froh, jetzt nicht allein zu sein. Und sie war froh, dass eine Frau in ihrer Nähe war. Bela nahm einen weiteren Schluck Tee. Das heiße Wasser benetzte ihre Lippen und es rann angenehm ihre trockenen Kehle hinab.

„Kann ich hier noch eine kleine Weile sitzen bleiben? Und hätten Sie vielleicht noch eine zweite Decke?“ Mrs. Pomfey lächelte liebenswürdig:

„Natürlich, mein Kind, bleiben Sie, solange Sie wollen! Es scheint Ihnen einiges an Kraft gekostet zu haben, heute Nacht! Sie haben wahrscheinlich die ganze Zeit gewacht!“, fügte sie schnell hinzu und war schon verschwunden, um eine Decke zu holen.

´´Ja, es stimmt´´, dachte Bela für sich, ´ ´Es hat mir ziemlich viel Kraft gekostet``.Und sie wusste mit einem Mal mehr, warum der sprechende Hut sie Gryffindor zugewiesen hatte.

Sie stellte die Teetasse ab und stand auf. Ihre Beine fühlten sich schwer an, als würden Gewichte sie am Boden festhalten.

„Danke, Mrs. Pomfey, ich gehe jetzt!“

Mrs. Pomfey stand mit der Decke in der Hand da:

„Wolten Sie nicht noch…?“

„Nein danke, ich habe es mir anders überlegt, ich will jetzt alleine sein. Danke für alles und einen schönen Tag noch!“

Bela ging mit bleiernen Schritten die Treppe abwärts, die sich mit ihr im Quartakkord der I. Hilfe-Sirene leicht auf und ab bewegte. Auf dem Weg zu ihrem Zimmer begegneten ihr einige Schüler, und neugierige Augenpaare schienen ihren Rücken mit fragenden Blicken zu massieren, doch Gott sei dank wurde sie nicht angesprochen.

 

Bela wusste nicht, wie lange sie geschlafen hatte. Ewig schlafen, versinken, in ein schwarzes Loch sinken, dem Nichts begegnen.

Doch Bela hatte Träume- schreckliche Träume. Sie sah in Snapes Gesicht, wie es ausgesehen hatte, nachdem sie die Bandage entfernt hatte : die Augen waren verdreht, nur das Weiße war sichtbar, verätzte Haut an Wangen und Stirn...

Bela schrie auf. Durch ihren Schrei erwachte sie. Sie spürte eine Hitze auf der Haut, das Hemd klebte an ihr, etwas zog im Bauch und ihr Nacken schmerzte. Gleichzeitig spürte sie Tränen kommen, sie wusste nicht genau warum und kurz darauf wurde sie von einem heftigen Weinen geschüttelt. Es war schon dunkel draußen. Sie musste den ganzen Tag geschlafen haben. Als ihr Weinen schwächer wurde, hörte sie ein leises Klopfen an der Türe. Bela putzte sich die Nase. Sie wollte so nicht gesehen werden- jedoch hatte sie plötzlich das unbändige Gefühl nicht allein sein zu wollen. Mit irgendjemanden reden…über irgendetwas!

„Wer ist da?“ `` Hoffentlich nicht Snape-!`` Sie spürte einen Adrenalinstoß eine weitere Hitzewallung durch ihren Körper treiben.

„Dumbledore!“

Erleichtert atmete Bela auf.

„Einen Moment bitte!“ Vor Dumbledore war es ihr egal wie sie aussah, da sie ohnehin ahnte, dass er wohl von ihrem Geheimnis wusste, wahrscheinlich als Einziger.

Sie öffnete die Türe.

„Guten Abend, Miss Petty, darf ich eintreten?“

„Guten Abend, natürlich!“ Bela schaltete noch eine zusätzliche Lampe an.

„Ich will Sie nicht lange stören. Ich wollte mich nur persönlich davon überzeugen, dass es Ihnen gut geht. Es geht Ihnen doch gut?“, setzte der Schulleiter etwas besorgt hinzu.

„Ja, doch, danke!“

Dumbledore schaute kurz zu Boden, dann sagte er:

„Ich wollte mich für Prof. Snape bei Ihnen bedanken. Ich weiß nicht, ob er jemals dazu bereit sein wird verstehen zu wollen, was Sie für ihn getan haben.“

Bela sah in die hellen blauen Augen Dumbledores, dessen Blick über die halbmondförmigen Brillengläsern hinweg einen Augenblick der Ruhe für Belas aufgewühlte Seele bedeutete. Die neue Lehrerin schniefte fast unmerklich und sah dann hinter Dumbledore auf das kitschige Portrait von Leonora, der Waghalsigen, die daraufhin schnell hinter einem rosa Plüschvorhang verschwand.

„Danke, Prof. Dumbledore, ich bin im Moment noch etwas… ich weiß nicht so recht...“

„Nun, ich denke, Sie werden bald wieder zu Ihrer alten Verfassung zurückgefunden haben!“ Dumbledore sah zu Boden und bevor er mit einem freundlichen Gruß dissaperierte, meinte er noch leise:

„Ich wünsche Ihnen beiden viel Glück!”

Bela war wieder allein und wäre Eleonora nicht zu Higot, dem Traurigen, ins Bild gesprungen, um unter seine zehnmeterlange Tränendecke zu kriechen indem sie immer wieder rief:

„Hey, Higot, Dumbledore war da, hör auf zu Heulen!“- wäre sich Bela nicht sicher gewesen, ob sie nicht kurz einem Wachtraum nachgehangen wäre. Die alte Verfassung ließ dennoch auf sich warten und Bela fühlte sich bald verwirrter und verlassener als vor Dumbledores Besuch.

Warum war er gekommen? Um sich um Sie zu kümmern? Da er wusste, was sie hinter sich hatte. Und vielleicht noch vor sich?

Doch sie hatte keine Lust sich allzu viel Gedanken darüber zu machen. Bela schlenderte zu ihrem Bett zurück, drehte das Licht ab, ließ sich in den zerwühlten Lacken fallen und beschloss, einzuschlafen. Der Zauber wirkte sofort.

Sie schlief traumlos bis zum nächsten Tag, als Agpar, der Morgenterrorist zum dritten Mal:

HEXILEIN, EINS ZWEI DREI

HEUTE GIBT ES HAFERBREI

ZAUBERLEIN, STEH AUF AUCH DU,

SONST BIST DU IM NU NE KUH-

rief, war Bela erst nach dem darauffolgenden hämischen Lachen soweit, dass sie den Wecker wie jeden Morgen gegen die Wand schmiss. Zum Glück war Agpar unzerbrechlich, da er aus unmaterialisierten Sinus- Kosinusfunktionen bestand und hatte schon ein Training darin, sich blitzschnell nach seinem vermeintlichen Aufprall wieder auf die nächste Weckfunktion vorzubereiten.

Bela duschte und schlüpfte in ihre Klamotten. Dann überlegte sie kurz, zog sich nochmals um und betrachtet sich kritisch in einem von einer mittelalterlichen Staubschicht überzogenen mannshohen Spiegel. Sie sah genug, um sich über Sinn oder Unsinn zeitlich determinierter Erscheinungsformen einen Moment lang den Kopf zu zerbrechen. Dann seufzte sie tief und wechselte nochmals die Beinbekleidung.

 

„Gut geschlafen?” Prof. Mc. Gonagall steckte sich gerade ein dickes Flachsdinohaarzauberhonigbrötchen in den Mund, das auf das Haar terrestrischen Überbleibseln aus dem Mesozoikum ähnelte.

„Ja, danke. Sehr gut. Und Sie?”, fragte Bela so beiläufig wie möglich als wäre es die natürlichste Sache der Welt die letzten Tage damit verbracht zu haben, einen unheilbar Erblindeten wieder das Licht seiner Augen zu schenken. Doch ihre Tischnachbarin war dezent genug, um ihr nun Länge mal Breite die Vorzüge einer aus Fledermaushaaren gefüllten Matratze zu erklären, die, wie Bela nun erfuhr, auf die Ultraschallsensorik modernster High- Tech Wecker reagierte, sodass es möglich war, ohne ein akustisches Signal geweckt zu werden.

„Sie fängt einfach an, vor sich hin zu vibrieren und davon wacht man früher oder später auf- sehr angenehm und ohne zu erschrecken- diese trembelische Weckfunktion hat übrigens Newtonius, der Mechanistische, wie er genannt wurde, erfunden, - ein wichtiger Zauberer der Moderne und unter seinem Zauberhut trug er immer eine Eieruhr!“

„Eine Eieruhr? Wozu denn das?” Bela war Minerva dankbar, dass sie ein so belangloses Thema wie Fledermausmatratzen so interessant darbieten konnte und das vor allem jetzt.

„Na, Newtonius war davon überzeugt, dass im Grunde genommen alles messbar sei- also ließ er regelmäßig seine Eieruhr zu Boden fallen, um zu sehen bei wie viel Zentimeter Höhe das Eieruhrengetriebe seinen Geist aufgibt. Allerdings ging er davon aus, dass sich ein ernst zunehmendes Ergebnis erst durch das Gleichbleiben der Resultate nach mehreren Testversuchen auszeichnet- darum ersetzte er schließlich die Eieruhr durch ein weiches Ei, das durch die Fallgeschwindigkeit erhärtet und unzerstörbar auf dem Boden auftrifft- dadurch ersparte sich Newtonius eine Unzahl aufgegebener Eieruhrengeister!”

Bela fing gerade einen Blick auf, der vermutlich, wäre er nicht in einer ungefähren Horizontalen auf sie geworfen worden, auch auf dem Boden zerschellt wäre und ein aufgegebener Eieruhrengeist hätte sich dann wahrscheinlich dadurch in die Sichtbarkeit zurückversetzt gefühlt. So jedoch konnte Bela ihre Mundwinkel schnell nach oben ziehen, um einen bedrohlichen Atompilz zu verhindern.

„Tja, es ist leider immer dasselbe! Wunder zu vollbringen wird nicht mehr wirklich geschätzt und schon gar nicht, wenn es eine Frau tut! Es ist doch immer dasselbe!”, wiederholte Minerva:

„Und schon gar´ gar ´nicht an einem Zauberer, der zufällig keine Frau ist! ”

Sie schüttelte nachdenklich den Kopf, grinste jedoch schließlich ziemlich demonstrativ den Hauslehrer der gegnerischen Quidditch Mannschaft an, der jedoch plötzlich etwas sehr Wichtiges mit seinem Tischnachbarn besprechen zu haben schien.

Bela blickte auf die vor ihr stehende Zauberhonigdose und schaute dem darauf gemalten Dinosaurier zu, der mit bedächtigem Flügelschlag über ein Meer aus lachsroten Flachsgewächsen flog. Ihre Wangen fühlten sich auch leicht lachsrot an, und es wurde ihr zur unleugbaren Gewissheit, dass vermehrte Kontinentalplattenverschiebungen in nächster Zukunft nicht zu vermeiden sein würden. Sie hoffte, keinen Vulkanausbruch miterleben zu müssen.

Snape würde sicher wissen wollen, wie sie ihn geheilt hatte. Was sollte Bela da sagen???

„Ähm, Minerva, haben Sie zufällig einen weiteren Mentidetector?” Belas Oklumentik war zwar ´´eins a ´´- doch andrerseits auch nur eine Frage der Konzentration -und schon einmal war diese bei Snape ein wenig ´´verwackelt ´´gewesen.

„Hier, Sie können meinen haben- ich habe im Moment keine Nachprüfungen in den oberen Klassen mehr und wenn die Schüler meine Gedanken lesen ist mir das eh am liebsten! Und sicher ist

sicher! ” Minerva bedachte Bela mit einem Blick, der alles zu wissen schien und der ihr gleichzeitig mitzuteilen versuchte, dass Bela in der stellvertretenden Direktorin eine verschwiegene Seele gefunden hatte.

Die neue Lehrerin steckte das silbern glänzende Metall in ihre Hosentasche.

„Danke, Minerva!” Doch ihre Tischnachbarin sah gedankenverloren zu den Tischreihen der Schüler, die unter dem Löwenbanner saßen und herzhaft frühstückten. Bela folgte ihrem Blick und ein etwa sechzehnjähriger Junge mit einer runden Brille fiel ihr auf.

„Ist das der Junge, der...?”

„Ja, Bela, das ist... Harry Potter.”

„Sieht aber so aus, als könnte er keiner Fliege etwas zuleide tun!”

„Harry kann auch keiner Fliege etwas zuleide tun, außer…”, entgegnete Mc. Gonagall scharf, unterbrach sich jedoch und fuhr nach einer Pause fast feierlich fort:

„Ich hätte Prof. Snape nie zugetraut, dass er so reagiert! Es war ein wunderbarer Zug von ihm. ” Es klang für Bela so, als wäre Snapes Aussage auf der Disziplinarkonferenz für Mc. Gonagall fast ein so großes Wunder gewesen wie seine Heilung. Sie fragte sich allerdings auch, wie er wohl sonst zu dem Jungen gewesen sein mochte und es wurde ihr dabei etwas mulmig zumute.

„Wieso- hat Prof. Snape etwas gegen Harry?”

„Nun, in gewissem Sinn- das  sind aber private Gründe,  und sie haben mit Prof. Snapes Beziehung zu Harrys Vater zu tun!”, antwortete Mc. Gonagall sehr schnell.

„Aber da kann doch Harry nichts dafür!”, entgegnete Bela vehement. Minerva lächelte leicht zerknittert und reichte Bela unaufgefordert ein Stück Kuchen, in das Bela gedankenverloren hineinbiss.

„Sie kennen Prof. Snape...“ Minerva zögerte

„... in gewissen Punkten... noch nicht...” Belas Tischnachbarin sah wieder in Richtung des schwarzhaarigen Lehrers für Zaubertränke.

„Prof. Snape glaubt an die Bindungen des Blutes. Oh, Bela- was ist?“

Bela rief purpurrot an. Sie hatte sich verschluckt. Mc. Gonagall klopfte ihr kräftig auf den Rücken.

„Wasser!”,  krächzte die Lehrerin für Verteidigung gegen die schwarzen Künste und erst als Bela das Glas an die Lippen setzte schien der Hustenanfall abzuklingen.

„Also, das war ganz normaler, biederer Muggelkuchen, Bela...!”

Bela prustete noch in einer leichten Nachwehe in das Wasserglas und verspritzte das lebensspendende Nass über ihrer Nase. Minerva reichte ihr mit besorgtem Blick ein Taschentuch.

„Oh, Miss Petty, ich möchte Ihnen noch herzlich gratulieren, Sie scheinen ganz spezielle heilerische Fähigkeiten zu haben! ” Trelawney war auf Bela zugeeilt und interpretierte deren konvulsive Atemgeräusche wohl als Darlegung einer besonderen Quelle exordinärer Heilkunst.

„Ich sehe!“ Die Wahrsagerin nahm wieder einmal ihre theatralische ´´ÍCH SEHE ALLES UND ZIEHE DIE ZUKUNFT MIT BEIDEN HÄNDEN AUS MEINEN SCHLÄFEN´´ Pose ein und erklärte Bela eine wundervolle, leidenschaftliche, doch gleichsam von Gefahren überflutete Zukunft. Minervas Ellenbogen grub sich in Belas Rippen und die stellvertretende Direktorin verdrehte die Augen himmelwärts. Ein mitfühlender Stern weit oben verlor eine Schuppe und Bela erhob sich bestimmt:

„Ähm, danke, ich glaube ich muss jetzt zum Unterricht, Prof. Trelawney!“ Doch es kam anders.

„Dürfte ich Sie noch eine kurzen Moment vorher in meinem .... Verzeihung... unserem Büro sprechen?”

Bela griff instinktiv in die Hosentasche. Ein Knopf wurde gedrückt. Trelawney machte Platz und verabschiedete sich von Bela so förmlich, als hätte sie ihr das Wetter prognostiziert.

„Tja, ähm, ja natürlich. Dann bis später, Minerva!”

 

„Er hat sie auf alle Fälle die ganze Zeit beobachtet und versucht möglichst unauffällig zu wirken.”, kommentierte Harry die Szene am Lehrertisch, dessen altes Misstrauen Snape gegenüber ungebrochen war.

„Und jetzt führt er sie ab, als hätte er eine Leibeigenschaft auf sie abgeschlossen!” Er blickte wütend auf Snapes wehenden schwarzen Mantel und auf die zierliche Frau, die vor dem Zaubertranklehrer zur Saaltüre ging. Harry hatte Mrs. Petty schon irgendwie ins Herz geschlossen - ohne sie säße er jetzt wohl kaum noch hier.

Hermine sah die ganze Szenerie jedoch etwas anders.

„Na ja, er wird sich wahrscheinlich bei ihr bedanken wollen ... und vielleicht ist er einfach etwas unsicher.”

„Unsicher?!”

Harry und Ron warfen sich einen Blick zu, der, würden die hierbei in Umlauf geratenen Quantenteilchen durch einen richtungsweisenden Transformator in eine Bodenwelle verwandelt, einen Riss von Hogwarts bis nach Hogsmeade zur Folge gehabt hätte.

„Snape und unsicher- Pah!” Harry und Ron waren sich einig wie selten zuvor. Doch je länger Hermine nachdachte, desto sicherer wurde sie sich:

„Ja, unsicher…” sagte sie dann nochmals leise und sah verträumt auf die große Saaltür, die ächzend hinter den beiden Lehrern in das Schloß fiel.

 

Der Mann neben Bela sagte nichts.

Er geleitete sie, wie schon am ersten Schultag, hinauf ins Büro. Bela hielt den Mentidetector umklammert. Das Metall in ihrer Hand erwärmte sich schnell. Sie war froh, dass niemand ihnen entgegenkam. Es musste schon etwas eigenartig ausgesehen haben, wie ein Teenager die Hand in der Hosentasche zu vergraben! Snape beachtete diese Tatsache jedoch nicht weiter.

„Bitte! ”

Er öffnete die Bürotüre und ließ Bela vor sich in den Raum treten.

„Setzen Sie sich.” Bela ließ sich in einen Drehstuhl fallen.

Snape ging diesmal nicht zum Denkarium, sondern öffnete einen Wandschrank, der mit verschiedenen Flaschen giftig schimmernden Inhalts gefüllt war.

„Wollen Sie etwas trinken?”

„Nein danke. Oder vielleicht etwas Wasser!”

Ein Glas Wasser stand im Handumdrehen vor Bela auf dem Schreibtisch.

Snape setzte sich diesmal nicht neben seine Kollegin. Er blieb beim Schrank stehen und lehnte sich an die schwarze Wand.

„Miss Petty… zuerst möchte ich mich natürlich bei Ihnen bedanken...“ sagte er förmlich und kühl:

„...den Berichten zufolge haben Sie mir ja wieder das Licht des Lebens geschenkt!” Ein gewisser Sarkasmus war unüberhörbar und es wunderte Bela, dass sie kein knirschendes Eis von der Decke sprießen sah.

Snapes Mund zuckte leicht bevor er weitersprach:

„Sie haben etwas getan, was eigentlich niemanden hier auf Hogwarts so ganz verständlich zu sein scheint. Nach Mrs. Pomfeys Aussage war ich unheilbar erblindet.” Snape verschränkte die Hände vor der Brust und sah Bela mit ausdrucksloser Miene an:

„...und ich glaube, ich habe ein Recht zu erfahren wie Sie mich geheilt haben!”

Der Mentidetector glühte in Belas Hand.

„Miss Petty. Ich habe Sie etwas gefragt!”

„Das habe ich gehört, Prof. Snape. Aber ich bin nicht verpflichtet Ihnen eine Antwort auf Ihre Frage zu geben!”

Bela stand auf. In Snapes Miene veränderte sich nichts- außer, dass er die rechte Augenbraue hochzog.

„Nun, Sie wollen mir nicht sagen, was Sie gemacht haben! Das habe ich mir gedacht...” Snape ließ den Blick nicht von Bela als wolle er sie auf den Drehstuhl fesseln.

„Prof. Snape, es war nett von Ihnen, dass Sie sich bei mir bedankt haben, ich habe es zur Kenntnis genommen, und muss nun leider zum Unterricht!“

Bela stand auf, riss sich von Snapes Blick los und ging zur Tür.

„Prof. Snape. Was soll das?“ Sie kam kaum zwei Schritte weit. Wie gegen eine unsichtbare Barriere geprallt blieb sie stehen, ohne die Bürotüre erreicht zu haben. Bela drehte sich abrupt um und funkelte in die schwarzen Augen des noch immer unbeweglich an der Wand lehnenden Zauberers. Die beiden mit magischen Fähigkeiten ausgestatteten Kreaturen hielten sich schweigend im Blick gefangen.

Elvira, eine einsame hogwartsche Fliege, prallte gegen eine schwarze Wand als sie verzweifelt das Weite suchte. Kurz darauf öffnete sich jedoch das Turmfenster emphatisch hinter den bodenlangen Vorhängen und Elvira entfloh. Sonst geschah eine Weile nichts nach außen hin Sichtbares. Zum ersten Mal in ihrem Leben bedauerte es Bela, keine Fliege zu sein.

Schließlich seufzte sie hörbar:

„Prof. Snape... es ist doch beinahe egal, womit ich Sie geheilt habe... Hauptsache, Sie sind wieder gesund und... ”

„Es ist nicht beinahe egal, womit Sie mich geheilt haben, Miss Petty...!”

Snapes Stimme klirrte durch den Raum und riss einen weißen Zacken ins Mauerwerk, der jedoch augenblicklich wieder verschwand. Bela fühlte sich wie eine Mücke im Netz. Die Spinne kam langsam auf sie zu.

„... denn... sollten Sie... Mittel ... für meine Heilung verwendet haben, die ich  strickt und in jeder Situation ablehne.... wäre ich sogar bereit, meine Dankesworte zu widerrufen!”

„…und es wäre Ihnen lieber, geblendet und verätzt zu sein?!”

„WAS HABEN SIE GETAN???!!!” Snape stürzte auf Bela zu, bremste sich jedoch einen halben Meter vor ihr ein.

Das Glas, das am Schreibtisch gestanden hatte, zersprang klirrend. Nach einer kurzen Pause, in der sich Bela und Snape fixierten, sagte Bela ruhig:

„Ich habe Sie nicht mit Einsatz schwarzer Magie geheilt, wenn Sie das meinen, Prof. Snape!”

„Und das können Sie beschwören?” Snapes Atem ging etwas schneller und Bela spürte, dass hinter seiner eisigen Miene ein Vulkan tobte.

„Ja, das kann ich.”

„Dann schwören Sie es beim Herz Ihrer Mutter!”

„Sie haben zwar kein Recht, das von mir zu verlangen. Aber wenn es Sie beruhigt... ich schwöre beim Herz meiner Mutter, Sie nicht unter Einsatz schwarzer Magie geheilt zu haben!”

Bela sah in Snapes rechtes Auge, da eine Haarsträhne sein Linkes verdeckte. Obwohl er nun groß vor ihr stand, wich die Anspannung aus Bela und auch der Zaubertranklehrer schien etwas ruhiger zu werden. Er strich sich die Strähne aus der Stirn und sein Blick wanderte über Belas Gesicht, als suche er etwas. Leise und nachdrücklich, indem er jedes Wort dabei betonte, meinte er:

„Und was haben Sie dann gemacht?” Snape ging noch einen Schritt auf Bela zu. Er rollte sich vor ihr auf wie eine liebenswürdige Anakonda, wobei er langsam, ohne eine Miene zu verziehen den Kopf zuerst zur rechten und dann zur linken Schulter neigte, als würde er sich überlegen, wie lange diese Mahlzeit einen Schlangenkörper deformieren würde, bis sie endlich verdaut wäre. Bela wollte instinktiv einen Schritt zurückgehen, doch die unsichtbare Barriere bot Widerstand.

„Prof. Snape...” Etwas Süßes, Frisches und zugleich Schweres, das Bela entfernt an den Geruch von Opium erinnerte, umgab den Zauberer. Sie senkte den Blick und fixierte das Wappen von Slytherin, das Snapes schwarzen Umhang in Brusthöhe zusammenhielt.

„Prof. Snape, ich glaube, wir müssen zum Unterricht!” Bela sprach leise mit der Intonation einer Schlangenbeschwörerin, die gerade vergessen zu haben schien, dass Kobras taub sind.

„Nun gut, Miss Petty, Sie haben recht, es ist schon spät...” Snapes Augen verengten sich zu Schlitzen:

„Aber irgendwann werde ich es erfahren…” Er verzog den ohnehin in seiner natürlichen Form stark gewölbte Mund und sah Bela einen Augenblick so an, als wolle er sie an die imaginäre Wand nageln.

Dann wich er zurück.

„Demurire!“

Mit einer betont galanten Armbewegung geleitete er seine neue Kollegin zur Bürotüre. Das Schloss sprang vor ihnen auf, um hinter ihnen mit einem lauten Klacken einzuschnappen.

 

Hermine traf auf Ron und Harry im Gemeinschaftsraum der Gryffindor, nachdem sie noch ziemlich müde die Treppe vom Mädchenschlafsaal herab gekommen war. Das „Guten Morgen“ streckte und dehnte sich und klang nach Sir Tiredus Gähnowanowitsch höchstpersönlich, als Hermine ihre Freunde begrüßte.

„Guten Morgen!“ Die beiden Jungs hatten gerade die Köpfe zusammengesteckt und Ron richtete sich blitzschnell kerzengerade auf. Seine Begrüßung kippte stimmbruchartig in Unter-, mittel- und Obertöne, die Hermine unwillkürlich an den Schleudergang einer auszurangierenden Waschmaschine denken ließ.

„Na, dann mal auf zum Frühstück!” Harry übernahm den sonst Hermine eigenen Tonfall höchster Motivation, um die beiden vor sich zum Gang hinauszuschieben. Hermine hielt ihre Schulmappe fest unter die Achsel gepresst.

„Sag mal, Hermine, nimmst du deine Skripten jetzt auch schon zum Frühstück mit?”,  Ron wieherte leise, doch die Angesprochene rümpfte nur die Nase, ohne sich zu einer Antwort herabzulassen.

„Heute haben wir zum ersten Mal Miss Petty“, meinte Harry, um irgendetwas zu sagen und vom ´´Thema´´ abzulenken. Keiner seiner Freunde erwiderte darauf etwas und als sie an den Damentoiletten vorbeikamen blieb Hermine stehen:

„Tschüß, bis später.....”

„Ähm, wir warten auf dich...”

„Nicht nötig, danke........”

 

Harry und Ron saßen schon eine ganze Weile am Frühstückstisch und waren schon fast mit dem Essen fertig, als sie Hermine den großen Saal betreten sahen. Sie ging jedoch nicht auf ihren Platz, sondern flüsterte Angelina etwas ins Ohr und verließ gemeinsam mit der Quittichtrainerin wieder den Saal.

„Fängt Hermine jetzt mit Quittich an?”, fragte Ron amüsiert und stopfte sich noch einen letzten Bissen Butterzwieback in den Mund.

„Hm“, meinte Harry:

„Weiß nicht.”

Als ihre Freundin dann endlich kam, war der Kaffe schon kalt und fast der ganze Butterzwieback weg.

„Nett, dass ihr mir soviel übrig gelassen habt, wirklich!”

Als die Drei dann später zum Unterricht gingen, schwiegen sie und jeder hing seinen eigenen Gedanken und Launen nach. Ron fragt sich, was mit Hermine los war, Hermine fühlte sich von ihren Begleitern restlos unverstanden und Harry verspürte ein eigenartiges Ziehen im Bauch, als er an die bevorstehende Schulstunde dachte. Sie bogen gerade um eine Ecke und standen plötzlich in einem Raum, den sie noch nie zuvor betreten hatten. Was sie sahen, hatten sie auch noch nie gesehen- das heißt, eigentlich sahen sie zuerst gar nichts, da es ziemlich dunkel war. Doch dann, mit einem Schlag, wurde der Raum von Lichtquellen erhellt.

„Whow, das gibt's doch nicht!” Ron blieb der Mund offen stehen und auch die anderen glaubten ihren Augen nicht zu trauen.

Mitten im Raum stand ein Podest auf dem unzählige Musikinstrumente platziert waren. Ein jedes von ihnen- ob Cello oder Klavier, ob Gitarre oder Tamburin, ob Harfe oder Flöte, ob Tarabuka oder Nei, ob Sitar oder Xylophon- ein jedes von ihnen war von einem eigenen Licht umhüllt, dessen Farben von Smaragdgrün bis Indigoblau, von Rubinrot bis Papageiengelb reichten, ja, die sogar in Farbtönen erstrahlten, um die sie selbst der schönste Regenbogen beneidet hätte. Viele der Instrumente schienen aus fernen Ländern zu kommen und sie hatten die eigenartigsten Formen und Verzierungen. Das seltsamste an dieser- durch die auf ihr stehenden Gegenstände erhellten- Bühne war jedoch die Tatsache, dass sich die Instrumente im Hintergrund ähnlich einer vorchristlichen Arena tribünenartig übereinander ordneten, soweit das Auge reichte. Es war kein Ende abzusehen. Der Raum schien sich ohne Wand in die Weite zu erstrecken. Die Decke dieses Raumes war etwas, das sich in der Horizontalen auflöste, als schüfe eine Leinwand die räumliche Illusion unendlicher Weite. Und doch war der Raum der Raum, der er war.

Das vorderste Instrument war eine kleine Trommel, unscheinbar eher und von einfacher Form. Ihr Licht strahlte in sattem Weiß, das alle anderen Farben zu reflektieren schien. Mit einem Schlag war es wieder dunkel- stockdunkel, sodass die Kinder die Hand nicht mehr vor Augen sehen konnten.

„Hey, Mann…”

„Pscht, sei still Ron!”

Von weither schien es zu kommen und war vorerst undefinierbar:

Ein Geräusch dem Wind ähnlich, der durch hohle Ritzen bläst. Allmählich wurden die Töne lauter und es klang wie das Seufzen eines liebeshungrigen Tieres, fordernd, fragend, dann wieder hungrig und wild, doch zu leise noch, um zu erschrecken. Schließlich schwoll es an zu dem Crescendo eines brünstigen Urlautes, der, bevor er in unerträgliche Frequenzbereiche zu kippen drohte, zu einem- seinem Klang immanenten-, Rhythmus fand. Dieser Rhythmus dauerte an und gebar eine Melodie, die versöhnlich, satt und zufrieden war.

Sie erklang wie ein Kinderlied, gesungen von einer Frauenstimme. Als das Lied endete, hörte man lautes weibliches Gelächter. Ein Gelächter, dem sich Ron, Hermine und Harry nicht entziehen konnten, so überzeugend war es. Ein Lachkrampf bemächtigte sich ihrer. Erst als die drei, ihre Bäuche haltend, bereits über den Boden rollten, wurde es mit einem Schlag wieder hell und das Lachen verstummte.

Die Beleuchtung kam jedoch nicht mehr von den Instrumenten- diese waren verschwunden. An einer ganz normalen Decke über ihnen drehten sich bunten Scheinwerfer, um Lichtkreise auf den schwarzen Parkettboden zu werfen.

Ein lautstarker Bass ließ den Untergrund vibrieren. Als die Freunde sich aufrichteten, sahen sie einen Mann, der mit, in den Takt eingebauten Spasmen, über eine Bühne hopste. Als er sah, dass er Publikum hatte, verstärkten sich seine Verrenkungen. In ausladender Gestik fuhr er sich dabei über seine mit glänzender Schmiere überzogenen Haare. Die Musik kam von einer im Raum aufgestellten Musikbox. Als das Lied zu ende war, vollführte der Tänzer noch einmal eine anschauliche Beckenkippung und ging dann mit Pomade in den Händen auf Hermine, Ron und Harry zu.

„Hallo, ich bin John Travolta. Seid ihr die neuen Starlets?”

„Ähm, guten Tag, nein, wir... wir sind nur auf dem Weg in unser Klassenzimmer.”, sagte Harry schroff, um dem Mann nicht die Hand geben zu müssen.

„Klassenzimmer? Wir sind hier bei Warner Bros... und außerdem schreiben wir das Jahr 1979, falls ihr euch auch in der Zeit verlaufen habt!” John Travolta drehte sich um und war mit einem beachtlich gekonnten Sprung wieder auf seiner Probebühne.

Hermine zog Harry und Ron Richtung Tür.

„Ich glaub, wir sind hier im falschen Film“, flüsterte sie.

„Na, solange nicht Tyrannosaurus Rex aus Juresic Park auftaucht!”, meinte Ron und verzog seinen Mund breitmaulartig. Noch bevor sich die Freunde verabschieden konnten, standen sie wieder im Gang ihrer Schule. Keine Türe war zu sehen, weit und breit.

„Mein Gott, Hermine, was war das? Hast du etwa deinen Zeitumkehrer aktiviert?”, fragte Harry  und kratzte sich am Schopf.

„Blödsinn, 1979 waren wir doch noch gar nicht auf der Welt! Da hätten wir niemals mit dem Zeitumkehrer hingekonnt...”, meinte Hermine aufgeregt und nachdenklich fügte sie hinzu:

„…und außerdem glaub ich, dass dieser ... Tänzer... nichts mit dem zu tun hatte, was wir vorher sahen und hörten. Das war nämlich irgendwie ``zeitlos.``!”

„Ich habe noch nie von einem Raum auf Hogwarts gehört, der Zeitlosigkeit beinhaltet!“ meinte Ron sachlich.

„Den kann´ s auch nicht geben, sonst wäre er kein Raum mehr...”, konterte Hermine:

„Raum und Zeit bedingen einander und sind voneinander abhängig- wenn es keine Zeit mehr gibt, dann gibt es auch keinen Raum mehr... ist doch logisch, oder?”

„Wo hast du denn das schon wieder her?”

„Ist doch egal! Aber ich frage mich, ob das, was wir gesehen haben vielleicht auch ... mit dem Zustand zu tun hatte, in dem wir uns vorher befanden!” unterbrach Hermine Ron.

„Also, ich war in keinem besonderen Zustand, ich hab mir nur überlegt, was mit dir los ist!”, gab Ron etwas kleinlaut zu.

„Na, immerhin ein emphatischer Geisteszustand. Ron, Du erstaunst mich! Und vielleicht hast du von meinem Zusatand ja auch etwas mitbekommen! Woran hast du gedacht, Harry?”, setze sie schnell hinzu. Harry überlegte kurz:

„Ähm, ich war schon neugierig auf Mrs. Pettys Unterricht!”

„Hm... das ist irgendwie rund...” murmelte Hermine.

„Na, der Typ sah ja aus wie Percy Weasley, nachdem er sich die Haare mit einem Kilo Pilzbutter beschmiert hat ...”, schnatterte Ron, der es einfach nicht ertragen konnte, dass für Hermine schon wieder etwas rund sein sollte, was für ihn zehn Ecken hatte.

„Du meinst also, es war so etwas wie eine kollektive Trance?”, fragte Harry unbeirrt die Freundin.

„Na ja, also Ron hat über mich nachgedacht... und ich bin... in einem ... na ja, also, für magische Momente offenen Zustand...” Ron und Harry sahen sich verständnislos an.

„Na, ist ja egal, glaubt es mir halt! Und Harry hat an Mrs. Petty gedacht und  Mrs. Petty hat gewisse Fähigkeiten--- Jedenfalls glaube ich, dass wir in eine Art Zeitmaschine geraten sind, die uns dann in einer x-beliebigen Zeit wieder ausgespuckt hat!”

„Na, da haben wir ja Glück gehabt, dass wir noch in unserem Jahrhundert gelandet sind und nicht bei den Steinzeitmenschen! So gesehen ist mir dieser Typ im Nachhinein echt sympathisch!“, murrte Ron, der Hermines Ausführungen trotzdem etwas weit her geholt fand.

„Haben wir überhaupt das Gleiche gesehen?”, fragte Harry und nachdem sie sich gegenseitig ihre Wahrnehmungen bestätigt hatten, wussten sie, dass dem so war.

„Aber dann war es doch keine Trance, sondern Wirklichkeit!”, bemerkte Ron trotzig.

„Was ist Wirklichkeit? Wenn sich mehrere Leute dasselbe einbilden, muss es deshalb noch lange nicht wirklich sein! ”, konterte Hermine.

„Aber diese Musik... war wie... eine Symphonie vom Anbeginn der Zeit!”,  schwärmte Harry.

„Was ist Wirklichkeit?”, wiederholte Hermine gedankenverloren.

Der, der sich nun nicht mehr am Gespräch beteiligte, war Ron. Er war froh, als sie dann endlich das Klassenzimmer erreichten und er sich kopfschüttelnd auf seinen hoffentlich wirklichen Sessel fallen ließ.

 

Die gesamte Klasse hatte sich schon eingefunden. Patty Parkinson und Draco saßen in der letzten Reihe, Neville  eine Bank vor Hermine, Ron und Harry. Luna Lovegod hatte sich gleich hinter das Lehrerpult plaziert. Draco tuschelte etwas zu seiner Nachbarin und sagte dann ziemlich laut:

„Bin ja gespannt auf diese Schlammbluttussi!”

„Halt die Klappe, Malfoy, Du bist ja nur eifersüchtig, weil eine ´´unreine Muggelfrau ´´es geschafft hat, Deinen Lieblingslehrer zu heilen!”, konterte Ron gereizt, der die Situation nutzte, um nach seinem aufwühlenden, unwirklichen oder wirklichen Erlebnis etwas Dampf abzulassen.

„Mal-y-foy, der ist nicht dumm, machts la< la< la >la >la ... rum!‘’

Neville machte noch einige anzügliche Bewegungen, um seinen Song zu untermalen. In letzter Zeit konnte er nicht genügend Gelegenheiten, finden seine Reife zu demonstrieren.

Draco wurde weiß im Gesicht. Er sprang auf und stürzte auf Neville zu, der sich über die vorderen Tische hinweg, an Luna vorbeihechelnd, auf den Lehrerpult rettete.

„Was ist hier los? Malfoy, Longbottom- auf eure Plätze!”

Es wurde ganz still im Raum. Snape stand an der Tür.

„Ja, Sir“, sagte Draco kleinlaut. Neville sah aus wie eine geplatzte Tomate. Entzetzt starrte er auf den Zaubertranklehrer, der vor ein paar Jahren das Sinnbild seiner größten Angst dargestellt hatte. Das Sinnbild sah ihn mit durchbohrender Strenge an und war kein Irrwicht. Dann blickte Snape mit dem vertrauten, alten Hass wieder auf Harry, als wäre dieser allen Übels einziger Grund.

„Ich habe nichts getan oder gesagt Sir!”, verteidigte sich Harry ruhig.

„10 Punkte Abzug für Gryffindor!”

„Und zehn Punkte Abzug für Slytherin!”

Bela schob sich neben Snape am Türrahmen vorbei und ging ans Lehrerpult.

„Danke, dass Sie die ersten fünf Minuten meines Unterrichts subliiert haben, Prof. Snape!” Bela sah Snape freundlich in die Augen, der einen Moment nicht zu wissen schien, was er sagen sollte. Er starrte Bela über die Köpfe der Schüler hinweg an. Selbst diejenigen, die an den äußeren Tischen saßen, wurden noch von den peripheren Schwingungen eines nicht genau zu verifizierenden Zaubers gestreift. Schließlich riss sich Snape los und schloss kommentarlos die Türe von außen. Bela sah einige Sekunden zu Boden und hob dann ihren Blick, um die Klasse zu begrüßen.

„Guten Tag, es freut mich, Sie in Verteidigung gegen die dunklen Künste unterrichten zu dürfen. Ich möchte mich nicht in langen Vorreden aufhalten-Theorieunterricht hatten Sie im letzten Jahr ja genug!” Die meisten Schüler lachten.

„Lassen Sie uns gleich beginnen. Wenn Sie angegriffen werden, wie reagieren Sie? Und sagen Sie bitte alle Ihren Namen, wenn ich Sie aufrufe!”

„Draco Malfoy! Ich kämpfe natürlich!”, sagte eine trotzige Stimme, ohne dazu aufgefordert zu sein. Bela sah in das blasse Gesicht Dracos, das ihr wie eine undurchdringliche Wand entgegensah.

„Ich sagte, wenn Sie dazu aufgefordert werden!“, bemerkte sie streng.

„Und Sie?”Sie wandte sich einem Schüler der vorderen Reihen zu.

„Ich lauf meistens weg, ähm, Neville Longbottom...” Die meisten Schüler lachten, doch Bela meinte nur:

„Eine ehrliche Antwort und oft das Beste, was man tun kann!”

„Und Sie?”

„Luna Lovegod. Ich küsse den Angreifer!” Noch mehr Gelächter, und Bela schmunzelte:

„Tja, wie Sie sehen gibt es bereits ohne viel Zauberei verschiedene Formen, sich zu schützen. Noch bevor Sie sich einen für die spezifische Situation adäquaten Zauberspruch überlegen, ist es wichtig, alles zu tun, um wieder in ihre Mitte zu kommen! Denn meistens erscheinen die größten Gegner dann, wenn man sich selbst fremd geworden ist!”

Harry musste unwillkürlich an Lord Voldemort denken und fragte sich, ob er dem dunklen Lord immer dann begegnet war, wenn er sich selbst gegenüber fremd gefühlt hatte. Er konnte jedoch mit dieser These nicht wirklich etwas anfangen- obwohl, wenn er zweimal darüber nachdachte…

„Bitte notieren Sie sich dazu folgenden Satz als Hausaufgabenthema:

´´Narren kämpfen ewig, doch nur der Weise siegt ´´ Schreiben Sie eine kurze Stellungsnahme dazu. Wir werden ihn in der Stunde noch überdenken.”, meinte Bela knapp und fügte sehr ernst hinzu:

„Wenn Sie gewinnen wollen, müssen Sie erst lernen, aufzuhören zu kämpfen! Bitte denken Sie über diese Worte nach, bevor Sie so geistreich grinsen!” Sie sah einigen Schüler in den hinteren Reihen fest in die Augen. Harry wollte Mrs. Petty auf keinen Fall in Verlegenheit bringen, aber irgendwie kam auch er nicht ganz mit:

„Ähm, entschuldigen Sie, Mrs. Petty,... Potter... mein Name... Aber es gibt doch Situationen in denen man sich unbedingt wehren muss!”

„Ich habe nicht gesagt, dass Sie sich nicht wehren sollen, wenn Sie angegriffen werden, im Gegenteil. Aber sie können sich manchmal am Besten verteidigen, wenn Sie nicht kämpfen!”

„…sagt das nicht auch dieser komische Hausgeist von Gryffindor immer, wenn er von seinen mutigen Heldentaten berichtet, bei denen ihm leider der Kopf abgeschlagen wurde?” Patty Parkinson und die meisten Slytherins lachten.

Draco punktete.

„…und worin besteht denn der Unterschied zwischen Verteidigung und Kampf?”, fügte er siegessicher hinzu.

„Der Unterschied besteht darin...” Bela sah in die Augen:

„.... dass ich mich jetzt zum Beispiel über Ihre herablassende Bemerkung ärgern und Sie zurechtweisen könnte, da ich es zulasse, dass Sie mich verletzen - oder dass ich erkenne, dass die Abwertung, die Sie mir entgegenbringen, nichts anderes ist als die Abwertung eines Teils Ihrer selbst, da es zu schmerzvoll für Sie wäre, sich gewisse Dinge einzugestehen.

Letzteres gibt mir eine Möglichkeit der Verteidigung, die mir zu einem Sieg verhilft noch bevor der Kampf begonnen hat-  und es mir erlaubt, Sie trotzdem noch als liebenswertes Wesen zu sehen.”

Draco schwieg. Er senkte den Blick. Auch keiner der anderen Schüler sagte etwas. Es war für einige Augenblicke sehr still im Klassenraum.

„Es hat einmal einen weisen Mann gegeben, der hat gesagt, man sollte seine Feinde lieben...” fuhr Bela leise fort und lächelte in die großen zu ihr aufblickenden Augen Lunas. Es wurde noch stiller.

Voldemort lieben... Harry lief bei diesem Gedanken ein Schauer über den Rücken.

„Aber... dann müsste man bereit sein zu sterben...”, sagte er halblaut in die Stille hinein, indem er einzelne Wort sehr langsam aussprach und dabei vor sich auf den Tisch starrte.

„Vor allem mühte man die Angst vor dem Tod verlieren, die einer der größten Feinde in unserem Inneren ist…”

So still war es bisher nicht einmal in Snapes Unterricht gewesen.

Ein jeder Schüler tauchte in einen Bereich seiner selbst ein, der wohl kaum und schwerlich je einem anderen Wesen vermittelt werden konnte - und doch fühlten sich darin alle mit allen und allem verbunden. In einem Schweigen, das an die Atempause eines großen Orchesters erinnerte, in der die Instrumente gerade ruhten und in einem lautlosen Ton um ihre Einheit wussten. Dieser Moment dauerte vielleicht eine Hundertstelsekunde, doch ee war allen bewusst.

„Trotzdem hab ich keine Lust wie der kopflose Nick zu enden!”, schnatterte Draco schließlich drauf los.

„Die Angst vor dem Tod zu verlieren heißt nicht gleich, dass man sich dem Nächstbesten ans Messer liefert... im Gegenteil... ss gibt einen Feind weniger... Und die Chance zu überleben erhöht sich dabei.”

Draco schüttelte jedoch nur den Kopf und verdrehte die Augen zur Decke.

„Ich denke, wir machen hierzu eine kleine Übung. Schließen Sie bitte alle ihre Augen!” Die meisten Schüler taten dies sofort bereitwillig, außer Neville, der bei geschlossenen Augen am helllichten Tag sofort Angstzustände bekam, und Draco, der den Stuck im Klasszimmer besonders interessant zu finden schien.

Gegen Ende der Stunde hatten jedoch einige Schüler einiges begriffen. Nachdem sich Bela für den heutigen Tag verabschiedet hatte, blieben die meisten noch auf ihren Tischen sitzen, ohne wie üblich sofort nach dem Unterricht aus dem Klassenraum zu stürzen.

Tische waren im Laufe der hogwartschen Schulzeit in Tintenfässer verwandelt worden, Zaubertränke ließen Haare im Gesicht wachsen, Hippogreifs haben sich in die Luft geschwungen, manch einer hat sich in Luft aufgelöst, jedoch selten zuvor war für Momente während eines Unterrichts eine so große Ehrfurcht entstanden, von der die ganze Klasse gepackt wurde. Selbst Draco hielt schließlich seinen Schnabel und Grabbe und Goyle überkam die dumpfe Ahnung, dass es vielleicht doch Dinge im Leben geben könnte, über die es Wert wäre, nachzudenken. Sie wären daher ehrlich bereit gewesen, den Versuch zu wagen, die Funktionen ihrer Großhirnrinde in Einsatz zu bringen- doch die hierfür notwendigen Synopsenverbindungen hatten leider in den letzten Schuljahren ein zu mangelndes Training erfahren! So scheiterte dieser Versuch kläglich und die beiden verfielen bald wieder in  ahnungslose Dumpfheit.

Hermine hatte den ganzen Unterricht über nichts gesagt.

„Ich muss noch einen Sprung in die Bibliothek- bis später...”, meinte sie dann zu Ron und Harry und verließ als eine der ersten hinter Mrs. Petty den Raum.

„Hm, aber ich könnte trotzdem nicht genau sagen, was wir heute gelernt haben.“, stellte Ron fest.

„Das kommt wieder, wenn Du´ s brauchst…”, beruhigte ihn Harry

„... komm, lass uns ein bisschen frische Luft schnappen!”

Als die beiden vors Schloss gingen, empfing sie ein angenehmer lauer Herbstwind.

„Sag mal, weißt du eigentlich woher Mrs. Petty kommt?”, fragte Harry seinen Freund.

„Nee, keine Ahnung... ich weiß nur, dass Sie als Kind keine echten Eltern mehr gehabt hat.“

„Woher weißt Du denn das?”

„Von Ginny- deren neuer Freund, beziehungsweise dessen Großvater kannte ihren Adoptivvater, da er mit ihm als Clown in einem Zirkus herumgetourt ist.”

„In einem Zirkus?“

„Ja, und angeblich ist dort auch Mrs. Petty früher aufgetreten“

„Aufgetreten... als was?”

„Na, als Mädchen für alles... als Markierlinie für Messerwerfer, als Trapez -und Zauberkünstlerin, Sängerin und

Schlangenbeschwörerin…”

„Schlangenbeschwörerin...? Wo hat sie ihre Ausbildung zur Hexe absolviert?”

„Keine Ahnung, aber ich glaube, Mrs. Petty liegt einiges im Blut!”

Während die beiden sich noch unterhielten und schließlich wieder zum Schloss zurückgingen, verfolgte ein aufmerksames Augenpaar jede ihrer Bewegungen- oben, in den Türmen von Hogwarts.

 


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