Verschollen

Gunnar erwachte mit steifen Gliedern. Er konnte sich nicht erinnern, dass er sich zum Schlafen hingelegt hatte. Verschwommen tauchten vor seinen Augen die Bilder der letzten Nacht auf. Es war ein Wunder, dass er bei diesem Sturm überhaupt hatte schlafen können. Doch offensichtlich hatte das Schiff die Rüttelei gut überstanden.
In den letzten Stunden hatte Gunnar die Entscheidung bereut auf diesem verdammten Kahn angeheuert zu haben. Er hatte um sein Leben gebangt, und alle ihm bekannten Götter abwechselnd angefleht und verflucht. Bei jeder Welle hatte er geglaubt, dass sein Leben hier in den eisigen Fluten ein Ende finden würde. Und das nur, weil er es nicht eilig genug hatte haben können sein dreimal verfluchtes Drecksnest von Heimat zu verlassen. Weil er sich nach der Wärme und den Abenteuern fremder Länder sehnte. Den Winter hätte er trotz allem noch überstanden und im Sommer hätte er eine sicherere Überfahrt nach Süden gefunden. Doch jetzt war er hier. Er lebte noch. Der Sturm war vorbei. Jetzt könnte sein neues Leben beginnen.
Langsam erwachten auch die anderen Besatzungsmitglieder. Manche von ihnen hatten sich noch im Schlaf an Balken und Tauen festgehalten. Die Nacht war unruhig und alles andere als erholsam gewesen, und das Unterdeck war erfüllt mit dem Murren, Stöhnen und Fluchen der Seeleute.
Gunnar rieb sich den Nacken und spähte durch eines der Löcher in der Bordwand, durch welche die Holme zum Rudern ins Wasser getaucht wurden. Verwundert rieb er sich die Augen. Er konnte nichts erkennen, als ein weißes, kontrastloses Nichts.
Er schüttelte den Kopf und ging dann zur Kajüte des Kapitäns. Alvaró hieß er. Er war ein kleiner, aber stämmiger Mann mit dunklem Haar und olivefarbener Haut. Ein Südländer wie aus dem Bilderbuch. Als er vor einigen Wochen in einer Taverne großspurig kundgetan hatte, dass er tüchtige Männer für eine Schiffsmannschaft brauchte, hatte Gunnar nicht gezögert sich auf seiner Galeere zu verpflichten. Alvaró war ein Angeber, aber Gunnar glaubte, dass er trotzdem ein guter Mann und ein fähiger Kapitän war. Andernfalls hätte er sich wohl doch zweimal überlegt sich an ihn zu verkaufen. Auch wenn er das Geld und die Chance seinen Schuldnern zu entkommen dringend nötig gehabt hatte.
Gunnar klopfte an die Tür, und nach einigen Augenblicken öffnete ein verschlafener Alvaró. Unter seinen braunen Augen lagen tiefe Augenringe.
"Herr, der Sturm ist vorbei und die Mannschaft so munter wie es nach dieser rauen Nacht nur geht. Wie geht es jetzt weiter?"
Alvaró rieb sich die Augen, und antwortete dann schlaftrunken:
"Gib ihnen noch einen Moment um sich zu erhohlen. Ich werde aufs Deck gehen und mir einen Überblick über die Lage verschaffen."
Gunnar nickte knapp und gesellte sich dann zurück zur übrigen Mannschaft.

Alvaró schaute seinem Schiffsoffizier Gunnar hinterher. Er war ein großgewachsener Mann mit sehr heller Haut und rotblonden Haaren. Er war sehr kräftig und hatte an Bord dieses Schiffes, natürlich mit Ausnahme von Alvaró selbst, wohl die meisten Erfahrung mit der Seefahrt. Gunnar war Marinesoldat bei der Flotte der nördlichen Königreiche gewesen und hatte in der Schlacht in der Meerenge mitgekämpft. Dort hatte er sich eine üble Narbe zugezogen, die sein gesamtes Gesicht entstellte. Von der linken Schläfe zum rechten Mundwinkel.
Als der König von Argos jedoch den Krieg gewonnen hatte und die Nordlande eine Provinz des Reiches wurden, wurde auch die alte Flotte aufgelöst und Gunnar wurde arbeitslos. Diese Geschichte hatte er Alvaró erzählt, nachdem er bei ihm angeheuert hatte. Doch was er in den Jahre zwischen jetzt und damals gemacht hatte, wusste Alvaró nicht.
Sicher war Gunnars nicht das einzige tragische Schicksal an Bord dieses Schiffes, doch seine Geschichte hatte Alvaró am meisten fasziniert, da er elbst in der Meerenge dabei gewesen war. Die königliche Flotte hatte sein Schiff requiriert um Truppen an das andere Ufer überzusetzen. Vom eigentlichen Kampfgeschehen war er zwar weit genug entfernt gewesen, aber die Schreie hatten weit über das Wasser getragen.
Gunnar verschwand zwischen den anderen Besatzungsmitgliedern, und Alvaró kletterte über die Leiter auf das Deck. Kaum hatte er den Kopf durch die Luke gesteckt bemerkte er, dass der Wind abgeflaut war. Schlimmer noch, es herrschte absolute Flaute. Nun würden sie doch nicht umhin kommen zu rudern.
Ansonsten schien an Deck aber alles in Ordnung zu sein. Der Mast war noch intakt, das Heckruder nicht verklemmt und sogar die Gallionsfigur, ein Wasserkönig mit Netz und Dreizack, war unbeschädigt geblieben.
Erst der Blick über die Reling machte Alvaró klar, dass die Situation ernster war als es zuerst den Anschein gehabt hatte. Zwar war das Schiff intakt, aber die Küste, der Horizont, ja selbst der Himmel waren verschwunden. Das ganze Meer war in dichte, weiße Nebelschwaden gehüllt und Alvaró konnte kaum vom Heck bis zum Bug sehen. Es gab absolut keinen Orientierungspunkt. Die Galeere trieb nun auf der offenen See. Ohne Wind und ohne Orientierungspunkt. Ein lahmer Blinder in einer fremden, feindlichen Umgebung.
Nach und nach füllte sich das Deck. Die Seeleute starrten Alvaró erwartungsvoll und ängstlich an. Sie wussten um den Ernst der Lage und klammerten sich an die Hoffnung, dass ihr Kapitän wüsste was zu tun sei. Alvarós Kehle war wie zugeschnürt. Schließlich befahl er knapp:
"Wir warten bis zum Einbruch der Dunkelheit. Wenn sich der Nevel bis dahin lichtet können wir uns nach den Sternen richten."

Gunnar saß mit zwei anderen Männern unter Deck und spielte Karten um eine Flasche Rum. Die Stunden flossen zäh dahin, seit sie am Morgen ihre missliche Lage entdeckt hatten. Unter der Besatzung machten sich Angst und Anspannung breit, und auch Gunnar blieb davon nicht verschont. Das letzte Mal hatte er sich so gefühlt, kurz bevor er zu seiner letzten Schlacht als Marinesoldat in See gestochen war. Der Abend dämmerte bereits, und der Nebel war noch immer da. Das Nichtstun zerrte an den Nerven.

Alvaró saß in seiner Kajüte und nahm einen kräftigen Schluck Branntwein aus seiner Flasche. Dann vergrub er das Gesicht in den Händen und fluchte ausgiebig. Als er den Kopf wieder hob, bemerkte er etwas zwischen den Fellen auf seinem Bett. Es sah aus wie... nein, unmöglich. Er verfluchte stumm den Teufel Alkohol und versuchte nicht mehr daran zu denken. Doch die Panik hatte ihn gepackt und so ging Alvaró schließlich zu seinem Nachtlager, um nachzusehen ob er sich getäuscht hatte. 
Er hatte sich nicht getäuscht.
Das schwarze Kästchen lag auf seinem Bett.

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