Verschwinden

Menschen glaubten, wenn sie erst einmal reich wären, wären sie glücklicher. Aber das war ein Irrglauben. Mit der Grundsicherung und ein wenig Luxus wie Urlaub, Haus und Auto gingen vielen die Vorstellung aus, was sie sich noch kaufen könnten.

»Maximilian meint, du machst dich selbst kaputt. Er macht sich echt Sorgen um dich«, sagte Jonas plötzlich ganz nah neben ihm und er widerstand der Frage, wann er in hierein gekommen war und warum er nie anklopfte, denn das wäre nur verschwendeter Atem gewesen. Jonas lehnte sich von hinten an seinen Hocker und schaute ihm über die Schulter, als könnte er irgendetwas mit diesen Daten anfangen. Er glaubte seinen Atem im Nacken zu spüren.

»Hat er das gesagt?«

Menschen glaubten, wenn sie erst einmal reich wären, würden sich all ihre Träume erfüllen. Sie glaubten, sie würden dann nichts mehr in ihrem Leben bereuen müssen.

»Naja, eher so etwas wie: Ich befürchte, mein Bruder ist in einer akuten Phase, in der er –«

»Lass es, Welling.«

»Du willst es echt nicht hören, ne?«

»Du könntest mir nichts mitteilen, was ich nicht schon wüsste.«

»Du bist ein Idiot «, erwiderte Welling und ein Grinsen breitete sich auf seinen Lippen aus.

Silas verdrehte die Augen, blinzelte. Um ihn herum surrten Computer. Seine Finger schwebten über der Tastatur und hackten dann darauf ein. Das regelmäßige Ticken der Uhr erfüllte das Zimmer. Er hielt inne, überflog die Daten, die er mühselig eingegeben hatte und löschte sie. Schon wieder. Mit einem Schnauben wandte er sich der Maschine zu. Er verfluchte sie, als sie schon wieder eine Sicherheitsabschaltung durchführte und er auf einen schwarzen Bildschirm starrte. Er fand den Fehler nicht.

»Weißt du noch, als ich in den Urlaub wollte?«

Natürlich, doch er selbst hatte sich geweigert. Und als Welling alleine weggeflogen war mit seinen Freunden und Maximilian, hatte er die komplette Woche im Büro verbracht.

»Wenn du so weitermachst, dann wirst du es wieder bereuen.«

Die Akten stapelten sich auf seinem Schreibtisch. Morgen erwartete der Vize-Beistandsvorsitzende in der Besprechung Informationen bezüglich der nächsten Vertragspartner. Am Vormittag käme ein potenzieller Großkunde, am Mittag stand die Präsentation der neuen Generation des Virtual Reality Games an, am Nachmittag sollte der Bereichsleiter Design und der Bereichsleiter Marketing bei ihm vorsprechen, am Abend musste er die Verträge fertig haben. Vor seinen Augen verschwammen die Bildschirme und er fuhr sich über die Augen, als brächte es Ordnung in seinen Kopf, aber er wusste es besser.

»Ich habe es nie bereut. Was willst du hier, Welling?«, fragte er, ohne sich umzusehen.

Er hörte ihn schnauben und dann seufzen. Sein Duft stieg ihm in die Nase und Silas schloss kurz die Augen, um sich zu besinnen.

»Du arbeitest wieder viel zu lang.«

Er antwortete nicht, er wollte es nicht hören, er konnte sich denken, wie Welling dreinschaute, denn die Vorwürfe wiederholten sich immer in verlässlichen Abständen.

»Hör auf, mich zu ignorieren, Geldsack.«

Doch das hatte Welling noch nie davon abgehalten, ihn mit Belanglosigkeiten zu nerven und Silas kniff die Augen zusammen, weil sich die ersten Kopfschmerzen in seine Schläfen gruben. Er zog den Blister aus seiner Hemdtasche und nahm sich eine Tablette.

»Ich muss arbeiten. Ich muss bis –«

»Ich weiß«, unterbrach Jonas ihn und er glaubte Resignation zwischen den Worten zu hören. »Und du weißt, wo du mich findest.«

Vielleicht war es das, was seinen Blick von den Bildschirmen löste und sich zu ihm umdrehen ließ, aber er war verschwunden. Sein Büro leer, nur die Computer und er. Silas fuhr sich mi den Händen über das Gesicht und starrte an die Decke. Fünf Minuten oder fünf Stunden. Er wusste es nicht.

Menschen waren Idioten.

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