Verwirrung

Als Nia am nächsten Tag ihre Flöte wieder hervorholte, spürte sie ein leichtes Vibrieren. Ob es von ihren Händen ausging oder gar von ihrem Instrument? Sie wusste es nicht. Sie begann zu spielen, folgte ohne nachzudenken ihren Fingern, liess  die Melodie die Form annehmen, welche sie in ihrem Inneren spürte.
Es dauerte nicht lange, stieg vor ihrem inneren Auge wieder die Waldlichtung auf. Der Mann mit dem grossen Hut sass auf seiner Bank und schien sehr beschäftigt zu sein mit seiner Arbeit. Nia spielte weiter und sah ihm dabei zu.
Auf einmal hob der Mann den Kopf und Nia hatte den Eindruck, er blicke ihr genau in die Augen, mehr noch, direkt in ihr Herz. Erschrocken vergass sie weiterzuspielen - das Bild war sogleich weg. Nia rieb sich die Augen. Dass ihr die Flöte am Vortag gezeigt hatte, wo sie herkam, hatte sie verstanden. Doch dieser Blick soeben ging weit über das hinaus, was Nia je erlebt oder für möglich gehalten hatte.
Sie zog sich eine Jacke über und machte einen Spaziergang. Sie wollte versuchen, sich Klarheit zu verschaffen, denn sie spürte, dass sich in ihrem Leben gerade etwas sehr Grundlegendes änderte. Während sie ging, stiegen die unterschiedlichsten Gefühle in ihr auf. Da war die Freude an ihrem neuen Instrument. Die Lust, es zu spielen. Die Entdeckung, dass sie beim Spielen offenbar in die Weite sehen konnte. Am meisten verwirrten sie aber die Gefühle der Anziehung, wenn sie an diesen Mann dachte, von dem sie ja eigentlich nur den überdimensionalen Hut gesehen hatte.
Lange lief sie dem See entlang auf der Suche nach einer Antwort. Doch weder von innen noch von aussen erreichte sie eine Botschaft, die ihr weitergeholfen hätte.

"Gib dir Zeit!" riet ihr Thea, ihre Freundin, die Nia ins Vertrauen gezogen hatte. "Was kann dir schon passieren? Vertraue deinem Gefühl, es wird dir deinen Weg zeigen!"
Während die beiden Freundinnen noch weiter über die seltsamen Vorkommnisse sprachen, erinnerte sich Nia an das freudige Hüpfen ihres Herzens, als sie im Laden die Flöte das erste Mal gesehen hatte.
"Stimmt! Eigentlich weiss ich ja genau, dass ich mir vertrauen kann!"
Erleichtert lachte Nia. Sie freute sich auf die nächste Begegnung mit dem Mann mit dem grossen Hut.

Comments

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    Das ist ja eine geniale Idee - eine Traumflöte! Sowas passt wunderbar zu einem indianischen Instrument - Träume sind den indigenen Völkern ja in vielerlei Hinsicht wichtig, vor allem als Visionen. Das scheint auch Nia zu passieren ... Bin sehr gespannt, wie es weitergehen wird und ob die Flöte wirklich Einflauss auf Nias "real life" haben wird. Sehr schön geschreiben! Ich mag Autoren, die ihre Geschichten so in Bilder fassen, dass ich sie mir richtig vorstellen kann. Außerdem habe ich was dazugelernt. Ich dachte immer, Sumach ist giftig - aber das betrifft wohl nur einzelne Sorten! Ich bin dabei, wenn Deine Geschichte fortgesetzt wird!!! UND ich hätte da noch ein Dankeschön - wenn wir beim Thema Flöten sind ... schau mal bei mir vorbei - Du entdeckst es garantiert!

  • Author Portrait

    Eine wunderschöne, bewegende Geschichte! Gibt es noch mehr Kapitel?

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