VI

Riley schleppte sich zu den Unterkünften, schloss die Tür auf und musste sich drinnen erst einmal am Tisch abstützen. Sein Rücken fühlte sich an, als ob ihn jemand mit einem Messer bearbeiten würde. Der junge Mann stöhnte vor Schmerzen auf. Da es in der Hütte eiskalt war, musste er noch mal raus und Holz für den Ofen reinholen. Rye biss die Zähne zusammen und ging langsam wieder nach draußen. Vor dem Holzstapel stehend überlegte er, wie er das Ganze am besten bewerkstelligen sollte, ohne seinen Rücken zu sehr zu belasten.

„Was tust du da?“

„Na, wonach sieht es denn aus? Heizmaterial reinholen. Die Bude ist eiskalt“, gab Riley zurück und warf seinem Zimmergenossen, der wie aus dem Nichts neben ihm stand, einen gequälten Blick zu.

„Geh rein, ich mach das hier schon. Ist bestimmt nicht gut für deinen Rücken, wenn du Holz schleppst“, erwiderte Eric und schob seinen Arbeitskollegen vorsichtig zur Seite.

Brummelnd gehorchte der Dunkelhaarige und verschwand wieder Richtung Unterkunft, während sein Mitbewohner sich eine ordentliche Ladung Holz schnappte und ihm folgte.

In der Hütte angekommen, zog Riley seine Sachen aus und verschwand im Badezimmer, um erst einmal heiß zu duschen. Mit etwas Glück würde das einen Teil der Schmerzen zumindest lindern. Als er schließlich wieder in den Wohnraum zurückkam, brannte der Kaminofen und es war schon angenehm warm. Nur mit einem Handtuch um die Hüften, humpelte Riley zu dem schmalen Schrank, in dem seine sauberen Sachen waren, nahm eine Boxershorts heraus, ließ das Handtuch fallen und zog diese an.

Eric saß am Tisch und beobachtete seinen Mitbewohner grinsend. Der war so mit seinen Schmerzen beschäftigt, dass er den Blonden ganz vergessen hatte und zusammenzuckte, als der ihn ansprach.

„Auch ‘nen Tee?“

„Ehm … ja klar … gerne“, erwiderte Riley und merkte, wie er rot wurde.

Immer noch schmunzelnd stand Eric auf, ging in die Kochecke und holte eine weitere Tasse aus dem Schrank.

Er goss den Tee ein und schob seinem Mitbewohner die Tasse hin. „Und? Hat das Duschen was gebracht? Außer, dass du wieder sauber bist.“

„Danke“, nuschelte Rye und nahm Platz, „vielleicht ein wenig, aber ich denke nicht für lange. Johanna wollte ja den Arzt anrufen, damit der sich das mal anguckt. Ich vermute, dass es wirklich eine Prellung ist. Tut jedenfalls verflucht weh.“

„Nun, wenn der Doc da war, weißt du mehr“, erwiderte Eric, trank seinen Tee aus und stand auf, „ich werd dann mal weiterarbeiten. Du kommst klar oder brauchst du noch was?“ Riley schüttelte den Kopf: „Nein, ich brauch nix. Alles gut, danke.“

Sein Mitbewohner ging zur Tür, öffnete diese, doch er drehte sich noch einmal um und kehrte an den Tisch zurück: „Wenn irgendwas ist, dann … Moment.“ Er suchte nach einem Stück Papier und einem Stift, schrieb etwas darauf und gab den Zettel Rye: „Hier hast du meine Handynummer. Ruf mich an oder schick ‘ne SMS, wenn du was brauchst, die Schmerzen schlimmer werden oder weiß der Henker was. Renn bloß nicht in der Gegend rum, klar?! Am besten legst du dich hin.“

Nickend nahm Riley den Zettel mit der Nummer entgegen und sah Eric an. „Ich hoffe ja, dass das nicht nötig sein wird, aber danke.“

„Kein Ding. Fühl dich geehrt“, antwortete sein Kollege lächelnd, „die Nummer bekommt nicht jeder. Ich hasse diesen mobilen Nervtöter nämlich und steh nicht so auf dauerndes Gebimmel und Gepiepe. Aber es gibt halt Situationen, da muss es eben sein. Schon dich! Bis später.“

Mit einem letzten Blick auf seinen Mitbewohner, verschwand Eric nach draußen in die Kälte.

 

Drei Stunden später klopfte es an der Tür der Hütte.

Riley, der sich auf seinem Bett hingelegt hatte und schließlich eingeschlafen war, schreckte aus dem Schlaf hoch und setzte sich auf … natürlich viel zu schnell.

„Verdammt“, fluchte er, als der Schmerz in seinen Rücken fuhr und schnappte nach Luft. Es klopfte noch einmal und der junge Mann quittierte es mit einem gepressten „Herein“.

Seine Chefin betrat den Raum, im Schlepptau einen älteren Mann, den sie als Doktor Johansson vorstellte.

Dieser ließ sich von Riley erst einmal erzählen, was genau passiert war und untersuchte ihn im Anschluss gründlich.

„Nun“, sagte der Arzt, als die Begutachtung abgeschlossen war, „Ihr Rücken ist geprellt. Zum Glück ist es nur eine leichte Verletzung, aber ein paar Tage werden Sie sich schon schonen müssen. Bewegung ist erlaubt, aber bitte nicht überstrapazieren - kein schweres Heben und Tragen. Was das Reiten angeht: Das müssen Sie ausprobieren, aber ich würde es nicht übertreiben. Ich werde Ihnen jetzt ein Schmerzmittel spritzen, damit Sie über Nacht Ruhe haben. Ein paar Schmerztabletten lasse ich Ihnen dann auch noch da.“

Riley nickte zerknirscht und biss die Zähne zusammen, als der Arzt ihm die Spritze setzte.

„Gut, das wäre es für den Moment. In einer Woche sollte das Ganze schon wesentlich besser sein. Ansonsten kommen Sie bitte in der Praxis vorbei“, sagte Dr. Johansson, gab seinem Patienten zum Abschied die Hand und verließ dann mit Johanna die Hütte wieder. Riley seufzte und legte sich wieder auf sein Bett. Das konnte ja lustig werden, wenn er so gut wie nichts machen durfte …

 

Die nächsten Tage plätscherten vor sich hin, aber da er sich schonte, waren die Schmerzen am Ende der Woche fast vollständig verschwunden. Nur wenn er sich zu schnell bewegte, spürte er noch einen leichten Stich im Rücken.

Am Freitag nach seinem kleinen Unfall ging Riley am gegen Mittag hinüber zum Stall, um sich Flame zu holen. Er wollte, er musste sich wieder in den Sattel schwingen und das Pferd weiterarbeiten. Als er das Gebäude betrat, sahen Johanna und Eric erstaunt auf. Sie waren gerade dabei das Heu für die Abendfütterung in den Boxen zu verteilen. So war das schon erledigt und sie mussten am späten Nachmittag nur noch die Pferde hereinholen.

„Was machst du hier? Alles gut?“

Riley sah seinen Mitbewohner an: „Ja, alles in Ordnung.“

Dann wandte er sich an seine Chefin: „Ich werd mir gleich Flame holen und mit ihr ein wenig arbeiten. Mein Rücken hatte genug Urlaub, denke ich.“

Seine Chefin musterte ihn skeptisch: „Bist du sicher?“

Der Angesprochene nickte: „Ja, bin ich. Außerdem hat Dr. Johansson es mir nicht verboten. Ich hätte es schon viel früher probiert, aber die Schmerzen waren zu extrem. Wenn es nicht geht, dann lass ich Flame nur ein wenig laufen. Sie muss ja irgendwie mal ‘ne Beziehung zu mir aufbauen können.“ Seine Chefin nickte: „Gut, du wirst schon wissen, was geht und was nicht. Aber sei vorsichtig.“

 

Eric hatte inzwischen die letzte Box mit Futter versorgt und kam zu Riley herüber. „Klar, irgendwann musst du ja mit dem Training anfangen. Dann lass uns mal runter zu den Paddocks gehen. Ich hol Wintersong rein. Der kann auch mal wieder was tun.“

Der Zweiundzwanzigjährige nickte und gemeinsam verließen sie den Stall in Richtung der Ausläufe.

 

Nachdem sie die beiden Pferde von den Paddocks geholt hatten, band Riley die kleine dunkelbraune Stute in der Stallgasse an und machte sie für die geplante Reitstunde fertig, während Eric seinen Kaltblutwallach in der Box vom Dreck im Fell befreite.

„Mann, mann, musst du dich immer so einsauen?“, brummelte der Blonde, als auch er endlich fertig und sein Pferd wieder sauber war. Er ging zu Riley und Flame hinüber, lehnte sich an die Boxenwand neben ihnen und beobachtete seinen Mitbewohner. „Was hältst du davon, wenn wir ‘nen kleinen Ausritt machen? Es schneit grad nicht, die Sonne ist mal draußen und der Kleinen würde es bestimmt gut tun. Jedenfalls besser, als die stickige, staubige Halle.“ Damit strich er der Stute durch die weiße, lange Mähne.

Sein Kollege hob den Blick: „Meinst du? Ich kenn Flame ja kaum. Ich hab keinen Nerv, dass sie mir draußen rumzappelt. Das wäre für meinen Rücken nicht so toll.“

„Wintersong und ich sind doch dabei. Der wird sie schon mit seiner Ruhe anstecken und falls nicht, dann tauschen wir die Pferde eben. Auch kein Problem“, Eric strich sich eine Strähne aus den grünen Augen. „Also, kommst du mit?“

Riley überlegte noch einen Moment, dann nickte er: „Ja, ich komm mit.“

 

Kurz darauf verließen sie auf dem Rücken ihrer Pferde den Hof. Flame war natürlich nervös und tänzelte unter ihrem Reiter, aber Riley nahm es gelassen. Seinem Rücken schien es nichts auszumachen und dass die Stute sich an Erics Nordschwedisches Kaltblut drängte, störte Rye auch nicht im Geringsten.

Im Gegenteil. Wintersong schien tatsächlich eine beruhigende Wirkung auf Flame zu haben, wie sein Besitzer es vorausgesagt hatte. Sie drehten eine Runde um Jarlaheim und ließen die Pferde sich austoben. Nach einem flotten Galopp über eine der großen Wiesen vor der Stadt, war auch Flame ganz ruhig und gelöst.

„Meinst du, wir können durch die City zurückreiten?“, fragte Eric mit einem Seitenblick auf seinen Mitbewohner, „ich würde nämlich gerne etwas erledigen, wo wir einmal hier sind. Dann muss ich nachher nicht noch mal los, sondern kann weiterarbeiten.“

Der Angesprochene strich seinem Pferd über den Mähnenkamm und überlegte einen Moment, dann erwiderte er: „Ich denke schon. Flame ist ruhig und es ist für sie ja nur eine weitere Erfahrung. Lieber jetzt, wenn Wintersong dabei ist, der ihr Sicherheit gibt. Ja, lass uns durch die Stadt reiten.“

Eric nickte und trieb sein Pferd den asphaltierten Weg hinunter, der nach Jarlaheim führte – Riley folgte ihm.

Sie ritten durch den östlichen Torbogen in die mittelalterliche Stadt und hielten auf dem Marktplatz an.

„Ich werde mich schnell mal erkundigen, ob ich auf dem Weihnachtsmarkt noch einen Stand für meine Sachen anmieten kann, wenn du einen Moment mit den Pferden hier wartest. Dauert nicht lange. Ich hab mich schon telefonisch schlau gemacht und Herman hat auch ein gutes Wort eingelegt, sagt er. Es ist nur ‘ne Formalität, denk ich“, sagte Eric und sah seinen Kollegen an.

Der nickte: „Sicher, mach ruhig. Ich tränk die Pferde solange am Brunnen. Ist ja noch ruhig hier, sodass wir niemanden stören.“

Eric sprang vom Rücken seines Kaltblutes und drückte Riley die Zügel in die Hand: „Super, danke. Ich beeil mich.“ Damit lief er quer über den Marktplatz und verschwand in einem großen Gebäude am Rand des kleinen Stadtparks.

Rye sah ihm einen Moment nach, dann lenkte er die Pferde über den Platz und hielt sie an dem Brunnen in der Mitte an. Der Dunkelhaarige ließ sich vom Rücken der Stute gleiten und lehnte sich an den Brunnenrand, während die beiden Tiere ihren Durst stillten. Riley strich sich die braunen Haare aus den Augen und schaute über den Platz, auf dem sich zu dieser Zeit des Jahres viele kleine Häuschen aneinander reihten. Typisch Weihnachtsmarkt eben.

Und Eric wollte sich hier auch einen Stand anmieten. Keine schlechte Idee, fand Riley. Mit etwas Glück konnte sein Kollege sich hier auf Jorvik eine Existenz aufbauen und als Sprungbrett war der Weihnachtsmarkt bestimmt gut geeignet. Während Rye mit den Pferden dort stand und wartete, füllte der Platz sich langsam, aber stetig. Flame zuckte zusammen, als ein paar Kinder kreischend an ihnen vorbei liefen.

Beruhigend auf sie einredend, kraulte er der Stute die Nase. „Alles gut, Mädchen. Ich glaub, wir müssen öfter hierher kommen, damit du dich an die ganzen Geräusche gewöhnst.“ Damit lehnte er seine Stirn für einen Augenblick an ihre und kraulte sie hinter den Ohren. Er nahm sich vor, ab jetzt mit Flame jeden Tag nach Jarlaheim reiten, soweit es sich einrichten ließ, damit sie so viele Umweltreize wie möglich kennenlernte.

Eine sanfte, dunkle Stimme riss Riley aus seinen Gedanken: „Sie wird sich daran gewöhnen. Sie ist noch ziemlich jung, oder?“

Erstaunt trat der Angesprochene ein Stück zurück, wandte seinen Blick in die Richtung aus der die Stimme kam und schaute in das Gesicht eines jungen Mannes. Der Fremde lächelte ihn an und machte dann einen Schritt auf die Stute zu, strich ihr über den Hals und redete leise mit ihr.

„Ja, noch sehr jung“, erwiderte Riley und musterte den Mann genauer.

Dieser schien nicht älter als höchstens fünfundzwanzig zu sein. Die Haare des Fremden, die ihm bis auf die Mitte des Rückens fielen waren weißblond und schimmerten im Sonnenschein silbern. Riley fragte sich, ob diese gefärbt waren, wie es heutzutage ja modern war, aber irgendwie sah es nicht danach aus.

Als hätte der junge Mann die Gedanken seines Gegenübers erraten, sagte er lächelnd: „Nein, sie sind nicht gefärbt.“ Dabei sah er Riley in die Augen und dieser stellte erstaunt fest, dass die seines Gegenübers verschiedene Farben hatten - eins grün und eins goldbraun.

Fasziniert und zugleich ein wenig verwirrt starrte er den Fremden an.

„Und auch meine Augenfarben sind echt“, schmunzelte dieser, „das ist lediglich eine Pigmentstörung. Nennt sich Heterochromie. Nichts Weltbewegendes, aber zugegebenermaßen selten und bestimmt etwas verwirrend, wenn man so was noch nie gesehen hat.“

Riley merkte, dass er rot wurde. „Tut mir leid. Ich wollte nicht …“ Er brach ab und schaute verlegen auf den Boden. Warum musste er auch immer so unverhohlen starren?

„Neugier ist keine Schande“, gab der Fremde zurück und streichelte Flame noch einmal über den Hals, „ich muss mich  nun leider verabschieden. Vielleicht sieht man sich mal wieder. Pass gut auf dein Pferd auf.“ Damit lächelte er Riley noch einmal an, drehte sich um und verschwand im, mittlerweile ziemlich dichten, Getümmel auf dem Marktplatz.


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