VI. Tor

Sie keuchte, hechelte und stürzte in ihre Wohnung. Anschließend knallte sie mit voller Kraft die hölzerne Eingangstür zu, sodass sie fast wieder aufsprang.
Voller Erschöpfung ließ sie sich auf den beinahe ausgeblichenen Teppich im Flur fallen. Er fühlte sich so rau an, so kratzend. Anouk wimmerte voller Angst und Unbehagen. Was hatte sie eben nur erlebt? Vor etwas mehr als einer halben Stunde wurde sie im Park von einem Kommilitonen attackiert. Hätte sie nicht sofort reagiert, wäre noch etwas viel Schlimmeres geschehen, dachte sie sich. Wer wusste schon, wozu Moritz imstande gewesen wäre.
Doch was sie am Meisten erschrak, war seine Erscheinung kurz vor dem Treppenaufgang am Bahnhof. Das irre Verziehen des Mundes, das Drehen des Kopfes als wäre er ein Kauz, der mit weit aufgerissenen Augen nachts durch die Dunkelheit spähte. Unnatürlich hatte es ausgesehen, aber ebenso real.
Anouk wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Ein Gemisch aus Schweiß und Dreck klebte an ihr und der modrige Geruch nasser Erde stieg in ihre Nase.
Sollte es eine Mahnung gewesen sein? Eine Drohung vor allem, dem sie normalerweise stets vertraute? Denn so fühlte es sich für die junge Frau an.
Sie setzte sich auf, ging anschließend in die Hocke und fuhr sich durch die braunen Haare. Dabei rieselten immer wieder lehmige Erdbröckchen auf den weiß-schwarzen Kunstfaserteppich.
Wie gebannt starrte sie auf diese, ohne dabei nachzudenken. Sie war wie gelähmt, konnte sich kaum bewegen und auch ihr Atem ging unregelmäßiger.
Plötzlich hob sie ein Stückchen Dreck auf, wusste nicht wieso sie es tat, und zerrieb es zwischen ihrem Zeigefinger und Daumen. Nach einigen Sekunden stockte sie, schaute ihre Fingerspitzen an und merkte, dass die Erde verschwunden war.
Keine Rückstände, nicht einmal irgendwelche Reste hingen an ihrer Hand.
Also fühlte sie mit ihren Handflächen über ihr Gesicht, ihre Haare, ihren Mantel. Nichts.
Als hätte sie sich niemals im Dreck gesuhlt.
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"Hallo, AnoukSinclair"

Sie verharrte in einer unnatürlichen Pose vor ihrem Monitor, nachdem sie ihn an dem kleinen blauen Knopf angeschaltet hatte. Mit einem Handtuch auf ihrem Kopf und nur in Unterwäsche gekleidet, hockte sie sich schließlich auf ihren Schreibtischstuhl.

Er war es wieder. Oder sie.
Bis dato kannte Anouk gerade einmal den Tarnnamen der Person, die ihr gestern Abend einige sonderbare Nachrichten geschickt hatte.
"Hallo, Internal Realism", antwortete sie.
Dann eine lange Zeit nichts. Nur der Strich im Textprogramm, der immer wieder kurz aufblinkte und verschwand, wenn man vorhatte etwas einzutippen.
"Bist du bereit?"
'Wozu?' fragte sich Anouk hingegen kopfschüttelnd und legte den linken Daumen an ihre Lippe, schaute dabei angestrengt auf den Monitor. Der Computer surrte laut.
"Wofür bereit?"
Das nagende Gefühl von Beklommenheit füllte Anouks Empfinden.
Würde sie mehr über diesen mysteriösen Jemand erfahren?
Würde sie dadurch schlauer werden? Wollte er oder sie ihr etwas näher bringen?
Oder...
wollte er oder sie Anouk bloß an der Nase herumführen und sie veräppeln?
So absonderlich, wie sich diese Person aufführte, konnte Anouk das schlecht beurteilen. Nur was hatte sie schon zu verlieren?
"https://www.torproject.org/download/download"
"Bitte? Ein Link?", flüsterte Anouk sich selbst zu, während sie in ihrem düsteren Zimmer saß. Das Licht des Computer-Monitors war das einzig Erkennbare und es war ihr eigentlich schon mulmig gewesen, weshalb sie nun kurzerhand entschloss das Zimmerlicht anzuschalten.
Etwas kindisch, wie ein Angsthase, aber irgendwo berechtigt, wenn man bedachte, was sie an diesem Abend durchgemacht hatte.
Sie war sich noch nicht allzu sicher, ob sie auf den Link klicken sollte, den ihr Internal Realism gesendet hatte. Immerhin war er oder sie völlig fremd.
Jedoch kam ihr der Name im Link irgendwoher bekannt vor.
torproject. Das war es. Sie konnte sich daran erinnern.
Vor etwas mehr als drei Jahren hatte sie den Namen im Zusammenhang mit dem NSA-Skandal in den Nachrichten gehört. Im Juni 2013 stellte sich heraus, dass der amerikanische Geheimdienst in eine globale Überwachungs- und Spionageaffäre verwickelt war. Offenbar wurde eine riesige Anzahl an Menschen nicht nur auf telekommunikativem Wege, sondern auch über das Internet bespitzelt. Ursprünglich sei dies aus Gründen der Sicherheit geschehen, aber die Allgemeinbevölkerung glaubte diesem Vorwand nur marginal. Genauso, wie sie es überhaupt glaubte oder eher nicht glaubte. Nach wenigen Monaten war der Skandal vergessen, man zweifelte am Wahrheitsgehalt, weil keine eindeutigen Unterlagen vorzuliegen schienen. Dabei wurde eines der Überwachungsprogramme, namens PRISM, von einer deutschen Firma entwickelt. Alles lief unter dem Codenamen Stellar Wind, mit welchem, ganz offensichtlich, sowieso niemand etwas anfangen konnte.
Was torproject damit zu tun hatte, war ganz einfach. Anonymität.
torproject war das, was man im Alltag als Trenchcoat, Filzhut und Sonnenbrille bezeichnen konnte. Ja, ganz genau so, wie man sich einen Spion in Verkleidung vorstellte.
Durch torproject hatte man die Möglichkeit anonym im Internet zu surfen. Das war eigentlich der besondere Reiz, den dieser Browser ausmachte.
Anouk hatte ihn noch nie genutzt, geschweige denn hatte sie darüber nachgedacht ihn nutzen zu wollen, aber anscheinend war dieser- oder diese - Internal Realism eine ganz verhaltene Persönlichkeit, die auf anonymem Wege mit ihr Kontakt aufnehmen wollte.
Nachher wollte sie ihr womöglich noch Waffen verkaufen. Wer wusste das schon.
Und doch war die Neugierde zu groß für Anouk. Sie konnte sich nicht halten, fuhr also mit dem Mauscursor über den Link, öffnete ihn, landete auf der torproject eigenen Download-Seite und wählte die für ihr Betriebssystem stimmige Option aus. Was konnte schon passieren, wenn sie sich den Browser von der offiziellen Webseite herunterlud?
"Ich habe den Browser. Und jetzt?", sie tippte eine Nachricht für Internal Realism. Er (oder sie) antwortete nicht.
Stattdessen lief im Hintergrund der Installationsprozess und nach gut fünf Minuten konnte sie den Browser auch starten. Es dauerte ein Weilchen. Immerhin hatte sie eine ungefähre Ahnung davon, was in diesem Netzwerk für Prozesse ablaufen mussten, um eine völlige Anonymisierung der Verbindungsdaten zu garantieren.
"Hallo?", nach zehn Minuten schickte sie eine weitere Nachricht an Internal Realism. Er (oder sie) antwortete nicht.
Ohne etwas auf dem Desktop zu aktivieren, öffnete sich nach der Installation der Browser von selbst, was Anouk einen kurzen Schreck einjagte. Sie blickte auf den Bildschirm und erkannte die Startseite des Programms. Es war alles andere als gruselig, aber es war dennoch unheimlich gewesen, wie es sich aus dem Nichts geöffnet hatte...

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