Vier Jahre später

Michael hatte nach der Erholungszeit in Kroatien wieder zu leben begonnen. Er hatte Branka noch am selben Tag einen Mercedes 230 SLK gekauft und einen Dauerauftrag auf der Bank gemacht, der Branka ein gutes Auskommen während des restlichen Studiums und die Erhaltung ihres Autos und ihrer Unterkunft ermöglichte. Es war ihm ein Bedürfnis gewesen, der Familie Juvanovich auf diese Art seine Dankbarkeit zu zeigen. Er hatte sie auch gebeten, sich an ihn zu wenden, sollten sie oder Branka je in finanzielle Schwierigkeiten kommen, aber dazu war es nie gekommen. Er besuchte sie hin und wieder und machte sogar manchmal kurze Urlaube dort, mal mit Bertie, auch mal mit Gerd und Bertie. Nie mehr aber, wurde er mit einer Frau gesehen. Gerd hatte für Michael recherchiert, da die Polizei durch Staatsanwalt Fischer von Michaels Fall abgezogen worden war. Fischer verhängte eine Nachrichtensperre wegen angeblicher Gefährdung der nationalen Sicherheit und ließ gegen Michaels Attentäter gar nicht weiter ermitteln! Michael, der sich genau an die beiden Männer erinnern konnte, genauso wie an den Namen Viktor, bat Gerd, in dieser Richtung zu recherchieren, was dazu führte, dass er nun die Namen der beiden Attentäter kannte. Viktor Lejbosz und Dimitri Janko. Sie waren international bekannte Securityleute, die oft bei Staatsbesuchen gesehen wurden. Selbst im Fernsehen. Niemand wäre je auf die Idee gekommen, das von ihnen eine potetielle Gefahr ausging, zumal sie oft für die Sicherheit von Promis, ja selbst von Staatspräsidenten verantwortlich waren. Dadurch waren sie wohl über jeden Verdacht erhaben. Michael war von der Justiz kläglich im Stich gelassen worden und er brannte darauf, irgendwann Staatsanwalt Fischer und die restlichen Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, doch es sah nicht so aus, als würde sich das jemals ergeben. Er bat Gerd, alle Ergebnisse seiner Arbeit zu dokumentieren und zu archivieren, denn er würde das, was ihm widerfahren war, irgendwann in die Öffentlichkeit tragen. Und wenn er dazu ein Buch schreiben musste. Ansonsten lebte er das Leben eines erfolgreichen Produktentwicklers, der seine Position am Markt wieder gefestigt hatte. Sein Privatleben allerdings gab nichts mehr her. Oft entwickelte er am Wochenende Geräte, von deren Vermarktung man hätte leben können, aber er vertrieb sich damit nur die Zeit. Er atmete um nicht zu ersticken, er aß um nicht zu verhungern, aber Höhepunkte, menschliche Gefühlshöhepunkte, waren ihm fremd geworden. Silvies Entscheidung hatte ihn puncto Liebe zu einem seelenlosen Roboter verkommen lassen... und trotzdem dachte er oft liebevoll an die Zeit mit den beiden, die seine glücklichste Erinnerung darstellte...

Silvia hingegen war krank geworden. sie hatte ihre Wohnung vermietet und war wieder zu Oma gezogen. Sie war nie darüber hinweg gekommen das Glück, welches sie mit Michael erleben hatten dürfen, aus Angst um die Sicherheit ihres Sohnes weggworfen zu haben. Silvia, die immer so diszipliniert gewesen war, hatte keine Freude mehr am Leben, hatte ihren Job verloren und lebte mehr oder weniger von den Mieteinkünften aus ihrer Wohnung Sie hatte gut zwanzig Kilo zugenommen und legte lange keinen großen Wert mehr auf ihr Äußeres. Tommy war inzwischen neun Jahre alt und hatte bei weitem nicht mehr dieses innige Verhältnis zu seiner Mutter, was nicht heißen soll, er hätte sie nicht geliebt... 
Eines Morgens erfühlte sie beim Duschen einen Knoten in ihrer linken Brust.  Sie wusste sofort, dass es ernst war und gab sich keiner Hoffnung hin, es könnte harmlos sein. Sie fasste den Entschluss, noch einiges klarzustellen, bevor oder aber zumindest nachdem ihr verwirktes Leben zu  Ende gehen würde. Nach den üblichen Untersuchungen stand fest, dass es sich um Brustkrebs handelte und zwar in aggressiver Form. Ihr behandelnder Arzt im Krankenhaus verwies sie an einen sehr erfolgreichen alternativ therapierenden Krebsspezialisten, der beinahe zum Selbstkostenpreis therapierte. Dr. Martin Bücker. Bücker war ein erfolgreicher Chemiker mit Weltruf, der sich lange mit Alchemie und Naturheilkunde beschäftigt hatte und nach dem Krebs-Tod seiner geliebten Frau die Bücker-Stiftung ins Leben gerufen hatte. Dies war eine Klinik, in der Krebspatienten ohne Chemotherapie, mit alternativen Mitteln behandelt wurden und das mit zunehmendem Erfolg. Außerdem wurden die Patienten hier zu minimalen Preisen behandelt.
Martins Tochter Selina war dort Silvias behandelnde Ärztin. Silvia und Selina wurden in dem halben Jahr, in dem Silvia dort in Behandlung war zu Freundinnen.
Doch Silvia war einfach zu spät in Behandlung gekommen und auch Bückers Methode konnte keine Wunder erwirken... Es zeigte sich schließlich, dass man Silvia nicht mehr retten würde können, während sich viele Todgeweihte in dieser Klinik wieder ins Leben zurückkämpfen konnten.
  Als Silvias Ende begann, sich abzuzeichnen, war es ihr ein Anliegen, noch einiges zu berichtigen! Dass sie Michael verlassen hatte und nicht umgekehrt, war ihr größtes Problem! Sie wollte, dass ihr Sohn erfuhr, dass Michael in Wirklichkeit keine Schuld trug. Aber der Junge war ohnehin durch den Wind, war er doch gerade dabei, seine geliebte Mutter zu verlieren... Also verfügte sie, das Tommy erst mit Erlangen der Volljährigkeit einen Brief erhalten sollte, oder aber im Falle des Ablebens seiner Oma, bei der er aufwuchs und nach Silvias Tod verbleiben würde.
 Eines Tages, Selina war zwischen den Visiten  zu ihrer Freundin gegangen, war Silvia sehr mitteilsam. "Selina, ich mach mir Sorgen um deinen Vater!" - "Aber Silvia! Mein Vater ist völlig gesund! Ich selbst habe ihn noch vorgestern untersucht. Alles ok!" - "Das meine ich nicht, Selina! Dein Vater ist sehr erfolgreich! Zu erfolgreich!" - "Na und? Das ist doch gut so!" - "Für seine Patienten ja, aber für die Wirtschaft..." - "Silvia, die Behandlung hier kommt nicht teurer als anderswo! Im Gegenteil, durch Papas Methoden wird zum Teil auf sehr teure Medikamente verzichtet!" - "Eben! Selina, Ich hab dir meine Lebensgeschichte erzählt, von meinem Michael, den ich in unbegründeter Angst um Tommy verlassen habe. Michael hatte einen Weg gefunden, Energie billig zu gewinnen und zu speichern. Als er sie patentieren wollte, bildeten die Öl- und KohleIndustrie, die ganze Energiewirtschaft ein Konsortium, das beschloss, seinen Konkurrenten einfach auszuschalten. Mein geliebter Michael ist nicht von irgendwelchen Kriminellen so zugerichtet worden! Es waren Profikiller, die die Weltwirtschaft auf ihn angesetzt hatte!
"Silvia! Glaubst du das?" - "Selina! Das hat mein Leben zerstört! Ich weiß wovon ich rede! Dabei habe ich Michael so geliebt und liebe ihn noch heute, aber ich glaubte meinen Sohn in Gefahr und nahm uns allen Dreien dadurch das Glück! Ich bin nicht ein einziges Mal mehr glücklich gewesen seither, Selina und ich glaube sogar, dass es das war, was mich krank gemacht hat. Sie haben Michael damals fast umgebracht, aber ich weiß, dass es ihm heute gut geht." Sie hob eine Zeitung vom Nachttisch. In einer medizinischen Fachzeitschrift war ein Bild von ihm und einem Sanitätshausinhaber. Darunter stand: "Michael Montar entwickelt den intelligenten Rollstuhl, dessen Steuerung jeden Millimeter einer Wohnung kennt, seinen Fahrer zu Bett bringt und anschließend selbst zum Aufladen fährt. Da der international erfolgreiche Produktentwickler für seine Erfindung zu Gunsten der Behinderten kein Honorar nahm, verpflichtet sich der Hersteller, einen dementsprechend guten Preis an den Endverbraucher weiterzugeben. Die Entwicklungskosten, so berichtet uns der Hersteller, machen einen Großteil des Preises von Sanitätsgeräten aus!" 
"Das ist er, mein Michael. Großzügig und immer darauf bedacht, auch Andere an seinem Erfolg teilhaben zu lassen! Und ich dummes Luder habe diesen großartigen Mann verlassen und Tommy damit einen unheimlich lieben Papi genommen!" Silvia schluchzte hetzt hemmungslos. "Selina, lass es nicht soweit kommen! Warne deinen Vater! Die Industrie lässt sich nicht einfach die Butter vom Brot stehlen! Natürlich ist es zum Wohle der Menschheit, was Martin Bücker macht, aber Michaels Erfindung war das auch. Wenn die Konkurrenz durch deinen Vater zu stark wird, bildet die Industrie ein Konsortium. Egal ob Pharma- oder Erdöl! Hier geht es nur um Zahlen. Wenn er sich den Auflagen des Konsortiums widersetzt, ist sein Leben verwirkt!" - "Silvia, du solltest dich ein Wenig ausruhen!" - "Und du, Selina, du solltest mich ernst nehmen! Das ist kein Märchen, was ich dir da erzähle. Wenn du mir nicht glaubst, frag Michael Montar. Er ist wahrscheinlich der einzige, der einen Mordanschlag des Konsortiums überlebt hat! Und dann möchte ich dich noch um etwas bitten! Ich weiß, es ist unverschämt, aber bitte schau hie und da nach meiner Mutter. Sie wird es nicht leicht haben, alleine mit Tommy. Ich möchte meine Wohnung weiter vermietet lassen, damit die beiden etwas Geld hereinbringen und die Wohnung für Tommy als Erbe bleibt. Meine Mutter ist in solchen Dingen nicht sehr geschickt..." - "Ich werde mir das ansehen Silvia, ich lass deinen Jungen nicht im Stich!" - "Da ist noch was Selina. Ich habe meinen Sohn belogen! Ich habe ihm erzählt, Michael sei ohne uns ins Ausland gegangen und würde nie mehr zurückkehren. Ich hab das nicht getan, um gut dazustehen! Ich konnte Tommy einfach nicht sagen, wie diese Schweine Michael gequält und misshandelt, und fast getötet hatten. Aber Michael hat uns in Tommys Augen verraten und das hat er nicht verdient! Im Gegenteil. Es tut mir unsäglich leid, dass ich ihn auch noch zum Sündenbock gemacht habe, nachdem ich ihn so schäbig im Koma verlassen habe. Es war nicht leicht mit dieser Schuld bis heute zu leben, Selina, bitte glaube mir! Ich habe hier einen Brief für meinen Sohn, in dem die ganze Wahrheit steht. Ich möchte, dass er ihn bekommt, wenn er volljährig ist, oder aber, wenn meine Mutter vorher sterben sollte. Darin befinden sich auch ein paar Bilder aus dem glücklichsten Wochenende unseres Lebens... Und dazu mein handgeschriebenes Testament. Würdest du bitte dafür sorgen, das diese Umschläge bei einem Notar hinterlegt und termingerecht ausgehändigt werden? Ich weiß, dass ich nicht mehr lange habe, Selina! Ich danke dir dafür, dass ich für kurze Zeit deine Freundin sein durfte und dass du mir immer zugehört hast. Und bitte vergiss nicht, was ich dir über Michael und das Konsortium sagte..."

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