Viertes Lied - Diplomatie

Der Wind zerrte an seinem Zelt und ließ die Laterne am Stützpfosten unregelmäßig wackeln. Fyorr zog den Schleifstein langsam über die Klinge seines Schwertes. Dieses verdammte Gefühl in ihm ließ ihn nicht zur Ruhe kommen, und irgendwann hatte er es aufgegeben, schlafen zu wollen. Fetzen von laut in den Wind gebrüllten Befehlen drangen an sein Ohr. Der Sturm hatte bereits einige der Zelte mit sich gerissen, und die Offiziere versuchten, die Männer anzutreiben, um die anderen zu sichern.

Erneut nahm der Wind an Kraft zu. Besorgt steckte der Kommandant seine Waffe weg und erhob sich, um nach dem Rechten zu sehen. Gerade in diesem Moment schlüpfte Menélos unter der festgezurrten Plane des Eingangs hindurch. Beim Anblick seines tropfnassen Stellvertreters hob Fyorr eine Augenbraue. "Was ist?"

"Wir haben Besuch."

Erneut krabbelte eine Gestalt unter der Plane hindurch und richtete sich ächzend auf. Ganze Sturzbäche von Regenwasser platschten auf den noch einigermaßen trockenen Boden, als der Fremde seine Kapuze herunternahm. Erstaunt warf der gefürchtete Berserker Menélos einen Blick zu. "Ein Weib? Was soll das?"

Die rostroten Haare der Frau waren in einem elegant geflochtenen Zopf zusammengebunden und nur einige widerspenstige Strähnen fielen in das erschöpft wirkende, aber erstaunlich hübsche Gesicht. In dem Zwielicht der kleinen Laterne konnte Fyorr keine weiteren Details erkennen, aber ihm gefiel, was er sah. Lachend schlug er seinem obersten Offizier auf die Schulter. "Na, das nenn ich mal eine gelungene Überraschung! Wo hast du die denn aufgetrieben?"

Menélos räusperte sich. "Äh... Die ist von allein gekommen. Will mit dir sprechen."

Automatisch wanderte Fyorrs Hand zu seinem Schwert, und in einer einzigen Bewegung zog er die scharfe Waffe und hielt sie der Frau an die Kehle. "Keine Hure also? Was willst du, Weib?"

Verachtung spiegelte sich in dem hübschen Gesicht wider, als die Frau vor ihm ausspuckte und anklagend auf ihn zeigte. "Ihr brecht den Frieden des Kaisers! Ihr und Eure Männer habt unschuldige Männer, Frauen und Kinder abgeschlachtet, und werdet Euch dafür vor dem Gesetz verantworten müssen!"

Erstaunt hob Fyorr die Augenbrauen, damit hatte er nun überhaupt nicht gerechnet. "Was ist das für ein Spiel, das du da treibst, Weib?" Er spuckte seinerseits aus und nahm das Schwert quer, drückte die Fremde mit der Klinge an ihrer Kehle gegen den Pfosten. "Dreckige Rebellenschlampe, wagst es, uns vorzuwerfen, den Frieden zu brechen!"

In ihren irritierend grünen Augen las er ehrliche Verwirrung. "Rebellen? Wir sind keine Rebellen!"

Genervt schnalzte der Kommandant mit der Zunge. "Ich habe keine Zeit, diese Scharade mitzuspielen. Die Befehle sind eindeutig. Das Volk von Osinys ist des Hochverrats und der offenen Rebellion angeklagt, und was auch immer ihr dämlichen Fischer und Bauern euch in eure Köpfe habt scheißen lassen, dass ihr glaubt, im Recht zu sein, ist mir vollkommen egal. Menélos!"

Gehorsam sprang der wuchtige Krieger heran, überwältigte die Fremde innerhalb eines Sekundenbruchteils und klickend rasteten die Eisenschellen an den zierlichen Handgelenken der Gesandten ein. Als er sich anschickte, die Frau, deren Arme nun auf ihrem Rücken gefesselt waren, aus dem Zelt zu führen, knurrte Fyorr: "Nein. Die bleibt bei mir, sie gefällt mir."

In den angewiderten, widerspenstigen Blick der Gefangenen mischte sich Angst.

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Fairy Dust

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