Vierzehntes Lied - Ein Wagnis


Ein harscher Wind wehte vom endlosen Ozean herüber und fegte über Osinys hinweg. Die Bäume, die es geschafft hatten, hier zuwachsen, waren derartige Winde gewohnt - was man ihrem schrägen und knorrigen Wuchs deutlich ansehen konnte. Auf Osinys gab es einige kleinere Dörfer. Nur zwei davon waren nicht an der Küste direkt gelegen - zu gering war der Ertrag der kargen Insel, zu groß im Vergleich der Lohn, den sich die Siedler von Fischerei und Seefahrt versprochen hatten. Nachdem die Schwarze Kompanie eines dieser Dörfer im Landesinneren zerstört hatte, blieb nur noch eines übrig. Aber obwohl das Landesinnere sich aus strategischen Gründen eigentlich als vorrangige Wahl für das Zentrum eines Gemeinwesens anbot, hatten die Siedler von Osinys stets das in den Küstenfels gebaute Dorf als Mittelpunkt ihrer Kultur angesehen, dessen Name im Laufe der Zeit schlicht auf die Insel übertragen worden war.

Das Dorf an sich war nichts wirklich besonderes - Ein großes Langhaus, das dem Ältestenrat als Versammlungsstätte und den Siedlern der Insel als Anlaufstelle für juristische oder sonstige Anliegen diente war das hervorstechendste Merkmal. Das altehrwürdige Gebäude thronte regelrecht über der Siedlung, da es auf dem hohen Fels errichtet worden war, der den höchsten Punkt in der Umgebung bildete. Von einem kleinen Handelskontor unten in dem natürlichen Hafen und einem Tempel für Navalos, dem Gott der Seefahrt abgesehen, gab es bis auf die Hütten und Werkstätten der Handwerker nichts Aufsehen erregendes.

Von der Insel selbst war das Dorf Osinys nur über einen Pfad zu erreichen, der über den schmalen Grat der Klippe führte, die die Halbinsel mit dem Land verband. Von oben betrachtet würde diese Halbinsel wohl am ehesten einem Ypsilon ähneln, da sich nach dem hohen Fels, der das Zentrum der Insel bildete, die Klippen gabelten und den natürlichen Hafen umschlossen. Die Hänge auf der Innenseite waren weit weniger steil als diejenigen, welche außen dem offenen Meer zugewandt waren. In diese Hänge war das Dorf gebaut, und gewundene Serpentinen führten vom Hafen zum Langhaus hinauf.

Fast zweitausend Menschen lebten hier, und zusammen mit dem Rest der Inselbewohner kam die Bevölkerung von Osinys wohl auf insgesamt etwas um die zehntausend. Bislang hatte es nie die Notwendigkeit gegeben, nachzuzählen. Einmal im Jahr war das Schiff vom Kontinent eingetroffen, das die Steuern des Kaisers eintrieb - Selbst die Beamten hatten sich nie die Mühe gemacht, ihrer Pflicht ernsthaft nachzukommen und einen festen Tribut verlangt, statt alle Bewohner einzeln zu prüfen. Der Rat hatte sich mit dieser Praxis schnell anfreunden können, denn so kamen sie deutlich billiger weg.

Oder - waren weggekommen. Denn Jeyla wusste, dass die kaiserlichen Schiffe nicht mehr kommen würden. Stattdessen würde sich auf Osinys schnell vieles ändern. Sie wusste, dass die Insulaner damit ihre Schwierigkeiten haben würden - Über viele Generationen hinweg hatte sich eine beständige und eingefahrene Lebensweise etabliert, die die Menschen hier prägte und letztendlich auch ausmachte. Sie wusste, dass einige mit den kommenden Veränderungen Schwierigkeiten haben würden. Was sie nicht wusste, war, ob sie deswegen Schwierigkeiten machen würden. Um so wichtiger war es, den Ältestenrat vollständig zu überzeugen. Wenn die neue Herrschaft des Blutkönigs von den Ältesten mitgetragen wurde, würde das vieles vereinfachen. Es würde einer Opposition den Wind aus den Segeln nehmen.

Ihr Vater starrte sie mit unentwegt mahlenden Kiefern an. Manch einer mochte das für ein Zeichen von Wut halten, aber sie kannte dieses Verhalten nur zu gut. Sie wusste, dass ihr Vater angestrengt nachdachte. Schließlich - endlich - stoppten die unwillkürlichen Bewegungen und der stolze doch sichtlich gealterte Mann seufzte.

“Du hast natürlich Recht, mein Kind. Wenn wir den kommenden Bürgerkrieg unbeschadet überleben wollen, wenn wir unsere Kultur und unsere Lebensart behaupten wollen - dann bleibt uns nichts anderes übrig, als Fyorr anzuerkennen.”

Sie atmete erleichtert auf. Die Zustimmung ihres Vaters, der ihr zugleich Lehrer und Mentor war, bedeutete ihr viel.

“Und doch - ich muss mich schon wundern, Jeyla. Ich hätte mit allem gerechnet, aber das!” Er schüttelte den Kopf. “Man schickt dich, um Frieden zu verhandeln, vielleicht einen Tribut - und zurück kommst du mit einem König! Das ist ziemlich verwegen - aus einem Feind auf diese Art nicht nur einen Verbündeten, sondern einen Garant für die eigene Sicherheit zu machen.”

Ein verhaltenes Lächeln huschte über seine Züge, bevor ein ernster Ausdruck auf das wettergegerbte und faltige Gesicht trat. Bedächtig strich sich der Mann über den krausen, angegrauten Bart. “Das wird schwer, die anderen davon zu überzeugen. Nicht jeder wird die Weisheit besitzen, unsere Betrachtungsweise zu teilen. Schließlich sieht es obberflächlich nach einer Kapitulation, wenn nicht sogar einer Eroberung durch einen fremden Feind aus. Die Ältesten auf meine Linie zu bringen war nie einfach - Aber das hier wird eine echte Herausforderung. Und das auch noch in so kurzer Zeit.”

Stumm nickte sie und wandte den Blick den Hang hinauf. Gegen den grauen Himmel hob sich deutlich das Langhaus ab. “Wie sollen wir vorgehen?” stellte sie die Frage, die sie den ganzen Weg vom Lager der Schwarzen bis ins Dorf begleitet und umtrieben hatte. Eine Frage, auf die sie keine zufriedenstellende Antwort hatte finden können. Fyorr erwartete viel von ihr. Und wenn sie versagte, könnte das schlimme Folgen haben. Dass die schwarze Kompanie abziehen und ihrer eigenen Wege gehen würde, und somit Osinys seinem Schicksal überlassen würde, wäre nur der glimpflichste Ausgang. Was, wenn Fyorr seine Herrschaft mit dem Schwert einfordern würde? Schließlich war der Plan, ihre Idee von einem Königreich mit Fyorr und seiner Kompanie an der Spitze, die solideste Option, die der Kommandant und seine Männer hatten. Was, wenn sie ihre Heimat mit ihren Plänen zu Feuer und Tod verdammt hatte, statt Osinys unter die schützende Hand einer ganzen Armee von kampferprobten Veteranen zu stellen?

“Wir werden alles in die Waagschale werfen müssen, was wir aufbieten können. Es ist riskant, aber ein Scheitern kommt nicht infrage. Zu viel steht auf dem Spiel. Und ich sehe die Weisheit in deinem Plan. Das politische Kapital zu opfern, das wir uns so mühsam erarbeitet haben, ist ein großes Wagnis. Aber für irgendetwas muss es schließlich auch mal gut sein, oder?”

Er klopfte ihr ermutigend auf die Schulter. “Na Komm. Wir haben zu tun.”

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