Viktors letzter Weg

Als ich Selinas Tränen auf meinem Gesicht spürte, kam ich wieder zu mir. Ich hatte noch nie einen solchen Blutrausch erlebt und es war still geworden in der Küche. Ich hielt Selina fest. "Oh Gott, Selina! Ich hatte solche Angst um dich! Ich wusste nicht, dass du Judo kannst." Sie hielt mich nur fest und verbarg ihr Gesicht an meiner Schulter. "Ist sonst jemand verletzt worden?" fragte ich. "Einer unserer Kollegen. Draußen. Man kümmert sich bereits darum. Ist alles in Ordnung Herr Montar?" - " Wie man's nimmt! Was ist mit ihm?" mit einer Kopfbewegung hatte ich auf Viktor gedeutet. "Dem kann keiner mehr helfen!" Ich war geschockt. "Sie haben den Kerl mit der bloßen Hand erschlagen. Und das ist auch gut so. Machen sie sich keine Gedanken, wir alle haben gesehen, dass es Notwehr war. Schließlich hat das Arschloch die Knarre noch in der Hand." Georg schaute mich an. "Junge, Junge! In ihre Rechte möchte ich auch nicht laufen, Chef. Kommen sie und setzen sie sich, wir müssen uns ihre Hand ansehen." Selina löste die Umarmung, hakte sich aber unter und ging mit mir zu einem Stuhl am Küchentisch. Meine Handknöchel waren zerschunden und aus einer Wunde sickerte Blut. Georg hatte Verbandzeug geholt und Selina sah sich die Verletzungen an. Sie schaute mir ins Gesicht. "Du hast rot gesehen als er mich bedroht hat. Ich  hab dir gesagt, dass du gut auf mich aufpassen musst und das hast du auch getan! Es ist vorbei Michael! Jetzt musst du keine Angst mehr haben um mich!"  - "Ich hab ihn erschlagen..." faselte ich. "Er hat bekommen, was er verdient hat!" meldete sich Maria nun zu Wort. "Wenn es nach mir ginge, hätte er noch länger leiden dürfen, dieses Schwein." Ich war sehr still geworden. Selina hatte meine Hand verbunden! "Wenn du überleben willst, musst du dein Gewissen stecken lassen, Michael. Du hast gesiegt und du hast nicht einmal eine Waffe dazu gebraucht, also komm jetzt bitte wieder runter und freu dich darüber, das wir überlebt haben." - "Ich kann es noch gar nicht glauben, Liebes. Uns steht nichts mehr im Weg." Selina setzte sich auf meinen gesunden Schenkel. "Ja Liebling! Jetzt können wir Papas Traum weiterträumen!" 
Einer der Beamten war von Viktor angeschossen worden und wurde vom Rettungshubschrauber abgeholt. Alle Anderen waren unverletzt geblieben. Der Kommandant regelte mit der angeforderten Kripo die Formalitäten. Viktor wurde nach der Spurensicherung in einen Zinksarg gelegt und verließ das Palais als toter Mann. Zwar hatte ich einen Moment lang gezaudert, doch nachdem Selina mich zitiert hatte, (Wenn du überleben willst, musst du dein Gewissen stecken lassen!) besann ich mich, wie sehr ich mir Viktors Tod all die Jahre gewünscht hatte. Mich hatte nur irritiert, dass ich, der ich absolut kein gewalttätiger Mensch war, noch bin, dazu fähig gewesen war, einen Anderen ohne Waffe, mit der bloßen Hand zu erschlagen. Die Angst um Selina hatte wohl für Sekunden das Tier in mir geweckt...

Comments

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media