Visionen

"Was... was habe ich getan? Wer seid ihr? Wer bin ich?", hauchte der, von in schwarzen Kampfanzügen steckenden Männern umzingelte, junge Mann.
Sein Kopf dröhnte und er wurde mit den halbautomatischen Waffen der Männer in einen nicht gerade bequemen Plastiksessel gedrückt.
"Mein Name!", schrie der einzige, in weiß gekleidete ältere Mann, in dem kleinen, steril wirkenden Zimmer, "Kennst du ihn, Junge?"
Der Junge starrte den Alten an. Sein Gesicht wirkte von bereits tiefen Falten zerfurcht. Sein kurzes Haar, wie auch der ordentlich frisierte Bart, waren dunkelgrau und er trug einen weißen Kittel. Er wirkte bedrohlich, selbst, wenn er schwieg. In seinen Augen schien etwas in der Tiefe verborgen zu sein, etwas Böses. Langsam ließ der Junge den schwer gewordenen Gegenstand in seiner Hand sinken, den er erst jetzt, als er seinen Blick von den unheimlichen grauen Augen des Alten losriss, wirklich wahrnahm.
"Was?", er blickte verdutzt hinunter auf die Flasche, die ihm nun langsam aus der Hand glitt "Suma?"
"Nein!", schrie ihn der Alte wieder an und forderte mit einer schallenden Ohrfeige seine Aufmerksamkeit ein, "Mein Name ist Dr. Jaseia. Wie kann dir dieser Name kein Begriff sein? Sie sind also … Suma?"
Dr. Jaseia durchbohrte den Jungen förmlich mit seinem Blick. Dieser aber fand in seinem Kopf nichts anderes als dieses Wort. Instinktiv beantwortete er die Frage daher mit "Ja" und sah sich genauer um. Er schien sich in einer Art Behandlungszimmer zu befinden. Wahrscheinlich auf einer kleinen Krankenstation.
"So, Suma, Sie wurden völlig betrunken auf der Straße gefunden. Wollen Sie sich dazu äußern?", fragte Dr. Jaseia, in seiner Stimme lag ein gewisses Lauern, der Fremde brachte schließlich sein Konzept ins Wanken.
Suma versuchte angestrengt in seinem Kopf auch nur eine einzige Erinnerung abzurufen, Schwindel überkam ihn.

Suma sah Spritzen, dunkle Gestalten die durch die Straßen einer verlassenen Stadt zogen. Große Katzen in einem Käfig.
Das Röntgenbild eines linken Unterarms. Seltsame Krallen waren statt der Nägel angebracht worden.
Unzählige gelbe Augen in der Dunkelheit und eine Gestalt mit einer Taschenuhr in der Hand.
"Wir wissen wer du bist! Wir wissen was du getan hast!"

Suma schreckte hoch.
Die Sonne schien durch das vergitterte Fenster seines Zimmers. Er setzte sich in seinem Bett auf und strich sich das lange blonde Haar aus dem Gesicht.
"Aufstehen!", vernahm er eine genervte Stimme neben seinem Ohr, "Es ist 7:45!"
Ein dicker Mann mit ungepflegt wirkendem, braunen Haar starrte ihn mit seinen kleinen, viel zu nah beisammenstehenden grauen Augen eindringlich an. Suma versuchte verwirrt dem Gesicht einen Namen zuzuordnen. Es dauerte einen Moment, bis es ihm gelang. "Ja, Mr. Angelus!", da war der Name, "Ich bin sofort fertig!"
"Das Zimmer sieht aus ...", beschwerte dieser sich noch und zog sich zurück.
Suma schleppte seinen müden Körper durch die Räume der namenlosen Firma, in welche er nach seinem Blackout bei Dr. Jaseia gebracht worden war. Er versuchte seit Wochen vergebens sich an irgendetwas zu erinnern, aber es gelang ihm nicht. Er schien auch, laut dem eigenartigen Doktor, nicht existiert zu haben, bis man ihn offensichtlich betrunken und verwirrt aufgegriffen hatte. Oft stand er abends allein im Gemeinschaftsbad der Firma vor dem Spiegel und fragte sich, wer er war und warum ihn niemand zu kennen schien. Immer wieder hatte ihm derselbe junge Mann entgegen gestarrt: schulterlanges blondes Haar, ausgezerrter dünner Körper, eigenartige eisblaue Augen und einigen Narben im Gesicht. Alles schien hier bekannt zu sein. Frei war nur der eigene Gedanke, aber selbst den schien Dr. Jaseia den Insassen der Firma nicht zu gönnen. Sie wurden für alle möglichen Arbeiten eingeteilt und es blieb kaum Zeit mit den anderen zu sprechen. Es schien auch niemand Wert daraufzulegen mit ihm zu reden. Er fühlte sich völlig isoliert und fehl am Platz, allein gelassen in diesen kalten und tristen Hallen.
"Willst du hier Wurzeln schlagen? Los, nimm dein Tablett und iss!", das Fauchen der unsympathischen alten Frau an der Essensausgabe, die ihm ungeduldig sein Tablett mit farblosem Haferschleim entgegenhielt, riss ihn aus seinen Gedanken. Jeden Tag dasselbe: morgens Haferschleim, dann die Arbeiten des Tages, mittags undefinierbaren Eintopf, weiterarbeiten, abends Brot und Suppe, dann waschen und jeder zurück in sein Zimmer. Kein Sinn, keine Erklärungen, kein Gedächtnis.
Lustlos schlang Suma seine Mahlzeit hinunter. Seine Versuche, die anderen Mitarbeiter in ein Gespräch, welches über "Guten Morgen" hinausging, zu verwickeln scheiterte wie immer. Wie jeden Tag begann sein Morgen auch heute mit derselben Frage. Der Frage wo seine Erinnerungen waren.
Es folgte die übliche Morgenbesprechung, bei welcher Mr. Angelus die Aufgaben für den Tag verteilte. "Suma, Treplew und Lumen, heute seid ihr für die Zusammenstellung eines Schulbuchs für die Kinder von Zöne zuständig!", erklärte der dicke Mann genervt, "Kein Satz darin soll die Schüler zum Denken anregen. Alles für die Firma, denn die Firma gibt uns alles! Sie ernährt uns und schenkt uns Arbeit! Die Firma bedeutet Zukunft und Überleben in Zöne!"
Suma stand auf, um sich mit den beiden anderen Mitarbeitern sofort an die Arbeit zu machen, aber wie auch bei seiner Ankunft überkam ihn dieser Schwindel. Das Gefühl den Boden unter den Füßen zu verlieren ...

Er stand plötzlich in einem dunklen, kellerartigen Raum. Vor ihm saß eine große Katze, deren Fell halb abgezogen war. Die pergamentartige Haut spannte sich über die Knochen und an manchen Stellen aufgerissen. Ein Auge fehlte.
Der Wirbelsäule entlang bis zu den Hinterläufen des Tiers verliefen Beschläge aus Metall, an denen scharfe Klingen montiert waren. Einfach durch die Haut in den Knochen gefestigt.
An den Wänden klebte eine Menge trockenes Blut und auch der Boden war voll davon.
Das Tier blickte mit seinem gelben Auge zu ihm auf und öffnete sein Maul. Einige der Zähne waren durch selbige Metallklingen wie am Rücken ersetzt worden.
Es krächzte leise, Suma glaubte ein Wort zu verstehen: "Finn"
Dann wurde es lauter, immer lauter, statisch surrend.
"Finn"
"Finn"
"Finde Finn"
"Nirgendwo!"

"Suma?", die Stimme von Dr. Jaseia holte ihn aus dieser so echt wirkenden Vision zurück, auf den Boden der Firma, auf dem er lag. Die anderen Mitarbeiter schienen bereits ihrem Tagwerk nachzugehen. Es war Suma unmöglich zu sagen, wie lange er weggetreten war.
"Mr. Angelus sagt, du hast dich selbst verletzt?", surrte die wie immer lauernde Stimme des Doktors, "Und das in unserer Firma? In der Firma die Leben spendet? Was hat das zu bedeuten?"
Suma setzte sich auf. Er hatte sich nie selbst verletzt, wann sollte das passiert sein. "Aber ...", er starrte auf seinen linken Unterarm, das Wort "Nirgendwo" war oberflächlich in seine Hand geritzt worden.
"Sollen wir dich einweisen lassen, Suma?", fragte Dr. Jaseia gespielt verständnisvoll, "Du bist in der Firma, nicht nirgendwo!"
Suma zog seinen Ärmel über die oberflächliche Wunde: "Wer ist Finn?"
Dr. Jaseia schluckte. Er brauchte einen Moment um die Fassung wiederzufinden, dann setzte er ein freundliches Lächeln auf: "Es gibt keinen Finn, Junge! Hat es hier nie gegeben und wird es auch nicht geben. Dieser Name, dieser verfluchte Name, ist in der Firma und in Zöne verboten! Du bist verwirrt und solltest dich hinlegen. Mr. Angelus wird dir jetzt ein leichtes Beruhigungsmittel spritzen, und wenn du wieder aufwachst, dann wirst du nie wieder diesen verdammten Namen sagen. Nie wieder! Du wirst nicht einmal mehr an den verbotenen Namen denken. Hast du mich verstanden?"
Noch bevor Suma protestieren konnte, spürte er einen Stich im Rücken, der ihn in einen tiefen Schlaf sinken ließ.

"Nirgendwo!"
"Was?"
"Der Ort Nirgendwo!"
"Ich verstehe nicht?"
"Hör mir zu, Junge, du musst wissen was in Katzus passiert ist!"
"Wer sind Sie? Wem gehört diese Stimme?"
"Mein Name ist Ladira."
"Ich kenne diesen Namen nicht!"
"Aber du wirst ihn kennen, wenn du Finn gefunden hast!"
"Dieser Name ist verboten!"
"Finn ist der Retter von Katzus!"
"Ich kenne keinen Finn. Wie soll ich einen finden?"
"Du musst zum Ort Nirgendwo."
"Ich verstehe nicht ..."
"Hallo?"
"Hallo?"
"Ladira?"

Suma konnte sich bei dir Morgenbesprechung des nächsten Tages nur schwer konzentrieren. Der finstere Traum, in welchem er die Stimme der fremden Frau, die sich ihm als Ladira vorgestellt hatte, vernommen hatte, verfolgte ihn.
"Suma?", Mr. Angelus schien nicht entgangen zu sein, dass er nicht bei der Sache war, "Wie haben Sie geschlafen?"
Suma versuchte seinem bohrenden Blick auszuweichen: "Gut. Ich fühle mich wieder wie ich selbst!" Er war sich nicht sicher, ob Mr. Angelus ihm diese Lüge abkaufte. Im Grunde glaubte er das nicht einmal selbst. Er hatte keine Ahnung, wer er war. Schließlich war alles, was er hatte, sein Spiegelbild und der Name, den er auf der Flasche Schnaps in seiner Hand gelesen hatte. Sonst nichts. Nur eigenartige Visionen und der Name eines anderen Mannes, welcher verboten war und diese Frau, Ladira, die er nicht einmal sehen konnte. Dazu noch ein Ort, der Nirgendwo hieß. Auch das klang alles andere als vielversprechend. Er überlegte kurz, ob es nicht das Beste wäre, das Angebot der Einweisung in eine Psychiatrie von Dr. Jaseia anzunehmen. Er schien gerade dabei zu sein den Verstand zu verlieren, aber irgendetwas in ihm wehrte sich erfolgreich dagegen und so ließ er sich für die Überwachung der Verpackungsstation der Firma einteilen, zusammen mit denselben Leuten, die gestern ohne ihn die Arbeit für drei Personen erfüllen mussten. Ihm war dieser Gedanke mehr als unangenehm, aber er wollte nach dem Vorfall nicht noch um einen Wechsel zu anderen Kollegen bitten. Schweigend standen sie am Rande des Raums. So hatte er Gelegenheit, sich Treplew und Lumen genauer anzusehen. Treplew hatte langes, beinah grau wirkendes Haar und stechende grüne Augen. In ihnen lag nicht die gleiche Leere, wie man sie bei den meisten Mitarbeitern sehen konnte. Es schien ein letzter Widerstand in ihnen zu stecken. Sein ernstes Gesicht wirke jung und Suma schätzte ihn auf gute 30 Jahre.
Lumen hatte langes, braungewelltes Haar, sehr blasse Haut mit vereinzelten Sommersprossen und schöne, kastanienbraune große Augen. Eine gewisse Trauer schien in ihnen zu liegen, gepaart mit einer Menge Zorn.
Bei ihrem Alter konnte er nur schwer schätzen, denn sie wirkte noch sehr jung und unbeholfen bei allem, was sie tat. Treplew schien da mehr Ruhe und Geduld zu haben und auch eine gewisse Gleichgültigkeit.
"Warum leben wir so?", die heisere Stimme von Lumen erschreckte ihn. Er hatte sie noch nie zuvor etwas sagen hören.
"Sei still, dummes Ding", wies Treplew sie harsch zurecht und sah sich mit Adleraugen nach Mr. Angelus um, "Wir üben eine schweigende Tätigkeit aus!"
"Unter den Trümmern unserer selbst.", flüsterte Lumen unbeirrt weiter, "Sinnlose Sachen ausarbeitend, nicht denkend oder gar fühlend?"
Treplew verpasste ihr eine schallende Ohrfeige und Suma wich erschrocken zurück. Er wusste nicht woher dieses Gefühl kam, aber er fand es falsch, die Hand gegen eine Frau zu erheben. Lumen rieb sich mit Tränen in den Augen die Wange und zischte: "Du schlägst nur zu, weil du keine Argumente gegen das, was ich sage, hast! Weil du weißt, dass es stimmt und du bereits resigniert hast!"
Suma fiel ihre gewählte und eloquente Art zu sprechen auf. Er fragte sich, wie sie vor der Firma gelebt hatte.
Treplews Blick wurde unterdessen noch finsterer. Er holte erneut aus, um sie mit einer weiteren Ohrfeige endgültig zum Schweigen zu bringen, allerdings gelang es ihm nicht. Suma hatte ihn binnen eines Augenblicks gegen die Wand gedrückt, den Ellbogen an seiner Kehle liegend: "Mach das nie wieder, hast du mich verstanden? Oder ich werde dich zurechtweisen!"
Treplews Blick veränderte sich. Es lag nun eine Mischung aus Panik und Verwirrung in ihnen: "Deine Augen. was ist mit deinen Augen los?" Auch Lumen starrte wie gebannt auf sein Gesicht: "So etwas habe ich noch nie gesehen!" Verstört ließ Suma von ihm ab und sank zitternd auf die Knie. Er hatte keine Ahnung, wie er Treplew so schnell fixieren konnte und seine Augen brannten wie Feuer. Er blinzelte ein paar Mal, bis das Brennen endlich nachließ. "Was ist mit meinen Augen?", flüsterte er verängstigt.
Lumen reichte ihm die Hand und half ihm wieder auf die Beine: "Jetzt nichts mehr. Eine Täuschung des Lichts vielleicht. Sie schienen die Farbe zu verändern, total eigenartig!"

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