Was sind die wichtigsten Dinge, die man zum Überleben braucht?

Cover: http://ifritnox.deviantart.com/art/S1790001-573993034?ga_submit_new=10%253A1448290276 (Danke an Ifrit van Nox!)
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Was sind die wichtigsten Dinge, die man zum Überleben braucht?
Sue stand in ihrem Zimmer und stellte sich diese Frage nicht zum ersten Mal. Nachdenklich fuhr sie sich durch die dunklen Haare und warf einen Blick auf den erschreckend kleinen Stapel, der sich auf ihrer hellblauen Bettwäsche auftürmte.
Ersatzkleidung, natürlich. Zwei Jacken, Pullover, Hosen, Unterhosen, BHs, Socken, T-Shirts. Alles war dunkelblau oder schwarz, nichts im Vergleich zu ihrer sonst so bunten Kleidung. Sie hatte alles neu gekauft, damit ihr Kleidungsstil nicht mit dem übereinstimmte, was ihre Eltern der Polizei erzählen würden.
Daneben lagen Pakete mit Essen. Butterbrote, Wurst, Trockenfleisch, Konserven. Hauptsächlich Dinge, die sich lange hielten, aber auch eine Handvoll Obst. Ein Taschenmesser hatte sie bereit gelegt, Fernrohr, Taschenlampe, Feuerzeug, Kerzen, Streichhölzer, nur für den Fall. Ein paar Medikamente und Verbände in einem kleinen Erste Hilfe Koffer.
Daneben lag ein nagelneuer Schlafsack. Sues ganzes Leben passte in eine dunkelblaue Sporttasche und die linke Hand. Nachdem sie die Tasche fertig gepackt hatte und den Reißverschluss zugezogen, warf sie einen Blick auf dem Fenster auf die dunkle und verregnete Straße.
In ihrem Zimmer brannte kein Licht, damit die Nachbarn sie nicht bei ihren Vorbereitungen beobachten konnten. Damit Niemand die dunkelblaue Kapuzenjacke sah, die sie heute zum ersten Mal trug. Damit Niemand ihren neuen Haarschnitt bemerkt. Die Plastiktüte mit den ehemals langen, schwarzen Haaren lag ebenfalls in der Tasche. Sie würde damit warten, sie wegzuwerfen. Eine schwarze Mütze verbarg den neuen Kurzhaarschnitt.
Sue atmete ein letztes Mal tief durch.
Bald war es soweit. In fünf Minuten würde sie die Haustür verlassen. Dann in elf Minuten den Bus nehmen, Linie 9 in Richtung Hauptbahnhof. Dort würde sie sich die Tickets kaufen, die sie sich im Internet rausgesucht hatte, bevor sie ihren Verlauf vollständig gelöscht hatte. Und dann in den Zug steigen, um niemals zurück zu kehren.
Sie hatte diese Tat seit vier Jahren geplant. Damals hatte sich ihr Herz endgültig in ein schwarzes, gefühlloses Loch verwandelt, aus dem nur noch Wut und Bitternis zu kommen schienen.
In den vergangen vier Jahren hatte nichts und niemand es vermocht, sie umzustimmen. Sue hatte sich in Vorbereitung auf ihre Flucht verstellt. Sie hatte bunte Kleidung getragen und das fröhliche Mädchen gemimt. Sie hatte sich in ihrem Hassfächern angestrengt und in ihren Lieblingskursen absichtlich dumm gestellt. Sie hatte eine Energie aufgebracht, die anderen Mädchen in ihrem Alter abging, um ihre wahren Schwächen und Fähigkeiten zu vertuschen, um die ganze Welt auf eine falsche Fährte zu locken.
Obwohl sie wusste, dass er nicht zu ihrer Überlebenschance beitragen würde, packte sie auch ihren MP3-Player ein. Ob sie Strom haben würde, stand noch in den Sternen.
Sie hatte keine Zuneigung mehr, die sie mit ihrer verkommenen Familie verband, doch was sie als Erinnerungsstück mitnahm war ein Medaillon. Das Bild in seinem goldenen Versteck zeigte ein fünf Jahre jüngeres Mädchen mit langen, glatten, schwarzen Haaren und leuchtenden Augen, das offenherzig in die Kamera lächelte.
Erinnerungen an eine Tote. Denn wer pünktlich um sieben nach neun das verlassene Haus verließ, hatte nichts mehr mit der Sue von damals gemein.
Ab jetzt war sie Phoebe.

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