Sido, bei dem Künstlernamen verziehen die meisten schon einmal das Gesicht. Vor allem wenn man nach den älteren Alben fragt, jetzt ist er ja Radio tauglich und damit kein böser Junge mehr. Auch die Totenkopfmaske ist Geschichte. Gleich zu Anfang ein Geständnis. Wir haben alle mal Sido gehört, oder zumindest 99% der heutigen Mittzwanziger haben sich "Straßenjunge", "schlechtes Vorbild" und "Augen auf" heimlich reingezogen. Oder wie meine Schwester und ich lautstark im Auto, naja, nicht in unserer Teeniezeit, sondern letzte Woche. Egal, darum geht es nicht. Sido regt auch mit diversen Songtexten, aber hatte auch eine klare Botschaft zu vermitteln! 

 "Jetzt brauch ich ein Beat schreib ich ein Song war es ein guter Tag
Denn ich bin kein Dieb der klauen und geht in irgendeinem Supermarkt
Ich bin ein Superstar und für euch seh ich wie ein Gangster aus
Ich hab ein gutes Herz, hört ihr meinen Shit kriegt ihr ne Gänsehaut
Sie sind so überzeugt davon versuchen mir was vorzuschreiben
Wie gesagt ein Straßenjunge scheißt auf eure Vorurteile"

Sido, Straßenjunge

Wo er recht hat... Sidos Texte sind voller Schimpfwörter, aber ich denke nicht, dass die breite Masse sich daran gestört hat. Es ist die knallharte Ehrlichkeit, die viele verstört hat. Er war nie der Prinz am roten Teppich, und ist dem bösen "Straßenjunge" Image lange treu geblieben. Sein wohl bester Song ist für mich aber bleibt "Augen auf". Es geht um all die Eltern, die den Fokus verlieren und sich nicht ausreichend um ihre Kinder kümmern. Und um die Kinder, die einfach durch das System rutschen, für die sich im Grunde niemand interessiert. Wieder viel Wahrheit und klare Worte:

" Das war sowas wie ein Hilfeschrei den keiner hört,
bei jedem Schluck hat sie gedacht: Bitte Mama, sei empört!
Doch Mama war nur selten da, keiner hat aufgepasst,
Papa hat lieber mit Kollegen einen drauf gemacht."

"Er hat schnell gemerkt, dass das nicht sein Zuhause ist,
hier gibt man dir das Gefühl, dass du nicht zu gebrauchen bist.
Dass er jemals 18 wird kann man nur wenig hoffen,
denn er raucht mit 6, kifft mit 8 und ist mit 10 besoffen."

"Hey... Mama mach die Augen auf.
Treib mir meine Flausen aus.
Ich will so gern erwachsen werden und nicht schon mit 18 sterben.
Hey... Papa mach die Augen auf.
Noch bin ich nicht aus'm Haus.
Du musst trotz all der Schwierigkeiten Zuneigung und Liebe zeigen"

Sido - Augen auf

Natürlich könnte man das viel hochgestochener und besser ausdrücken, Fachbegriffe verwenden, eloquenter sein als Sido es war. Aber was würde das am Kern seiner Aussage ändern? Er hat recht, es gibt viel zu viele solcher Fälle. Und nicht nur "Mama" und "Papa" sollten die Augen aufmachen, sondern vor allem die Politik, die diese Situationen eher fördert als Hilfestellungen schafft. In Salzburg kämpft man um die Mittel für die örtliche Kinder- und Jugendpsychiatrie, leider zumeist vergeblich. Aber für jeden anderen Bullshit ist Geld da, und Gabi Burgstaller frohlockt in der Arbeiterkammer, anstatt für ihre Verschwendung gerade zu stehen. 
Natürlich bin ich gegen die Verherrlichung von Drogen und den Verfall der schönen deutschen Sprache, aber man kann sich manche alte Lieder von Sido durchaus anhören. 

Der zweite ausgeflippte Typ, den ich genauer unter die Lupe genommen habe, ist Lukas Strobel, besser bekannt als Alligatoah. Seine Lieder sind gewitzt und wirken auf den ersten Ton vielleicht sehr sexistisch. Aber wer kennt nicht zumindest eine Frau die so Geldgeil ist, dass sie sich dafür von ihrem asozialen Partner fast alles gefallen lässt? 

"Verzeih, dass an deinem großen Freudentage
An meinem Platz nur eine Vogelscheuche saß
Ich war einkaufen und hab jetzt einen privaten Jet
Du hast mich doch gefragt, wo deine Kreditkarte steckt
Jetzt weißt du's, hey, hey, hey! Guck mich an"

"Doch wenn du morgen wieder Diamanten kriegst
Und dem Glanz erliegst, dann hast du Amnesie!
Und wenn du morgen wieder Diamanten kriegst
Und dem Glanz erliegst, dann hast du Amnesie!"

Alligatoah - Amnesie

In "Fick ihn doch" geht es um Eifersucht, der Text ist hart und direkt und aus der Sicht eines Eifersüchtigen verfasst, der nur einen Grund sucht seine Verlobte zu verlassen und dabei völlig über die Stränge schlägt:

"Du hörst Iggy Pop - Dann fick ihn doch!
Durch zeugenlose Wald und Wiesen gehst du Gassi
Mit dem Hund in einem Minirock - Dann fick ihn doch!
An euphorieberaubten Tagen frequentierst du eine Kirche
Und du sprichst mit Gott - Dann fick ihn doch!
Alles tippitop, und das fickt mein' Kopf
Dann fick ihn doch, fick ihn doch!"

"Mach den einen falschen Step und ich bleibe im Recht
Bau das Drama, das mich in die Freiheit entlässt
Und das ohne Abschied zu nehmen von meiner weißen Weste
"Baby gib mir nur 'nen Grund zu tun wofür ich sonst keine Eier hätte""

Alligatoah - Fick ihn doch

Die Ausdrücke sind wieder sehr klar und hart, aber der Text ist wie fast alle Songs eine kleine Geschichte, die irgendwo zum denken anregen kann. Mein Favorit ist und bleibt aber:

"Fremde nicht mögen ist hier Mannschaftssport
Wenn ich meine Verwandten call, kommt das ganze Dorf
Nur meine Schwester sollte ich im Wohnhaus lassen
Denn sie muss auf ihren Sohn aufpassen
An diesem herrlichen Ort steht ein Häuschen in Flammen
Wenn die Ernte verdorrt und ein Säugling erkrankt
Ja, dann werf ich dir vor, deine teuflische Hand
Ist Schuld und nicht dass hier jeder säuft und nix kann"

"Hier wird genauer getrennt
Halt deine Augen gesenkt
Denn was der Bauer nicht kennt
Das frisst er nicht
Hier ist die Mauer im Trend
Die Sicht ist dauerbeschränkt
Denn was der Bauer nicht kennt
Das frisst er nicht"

Alligatoah - Was der Bauer nicht kennt

Natürlich muss ich erst einmal kritisieren, das alle Bauern über einen Kamm geschert werden. Aber die Behandlung des Themas "Rassismus in ländlichen Gebieten" finde ich sehr gut, und leider hat er in vielen Punkten verdammt recht. Ich hatte selbst vor kurzem die Ehre an einem Tisch voller Dorfbewohner zu sitzen, wo man laut "Adolf Hitler" ruft und sich nicht von einem Kellner mit Migrationshintergrund bedienen lassen möchte. So viel Dummheit an einem Tisch habe ich selten erlebt, und ich habe mich nie wirklich hin gesetzt, weil mir diese Menschen mehr als nur peinlich waren, da rede ich lieber mit den Flüchtlingen bei mir im Haus. Die haben wenigstens Anstand und ein Moralempfinden, was diesen Menschen völlig fremd war. Gut, aber wenigstens weiß ich jetzt wo die FPÖ Wähler her kommen...

Was können wir also von Sido, Alligatoah und Co. lernen? Ich denke, dass man ab und zu besser zuhören muss. Und das die Probleme in unserer Gesellschaft nicht einfach verschwinden, nur weil wir Scheuklappen aufsetzen und Angela Merkel sagt, dass es kein deutsches Ghetto gibt (danke an dieser Stelle an K.I.Z.).
Wir können nur versuchen etwas gegen die Intoleranz, Armut, Drogenkriminalität und den Sexismus unternehmen, wenn wir anfangen diese Menschen ernst zu nehmen. Irgendwo waren und bleiben sie das Sprachrohr von den Kindern, Jugendlichen und gescheiterten Existenzen, an denen wir sonst achtlos vorüber gehen würden.

Comments

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    Es ist wichtig nicht gleich auf Abwehr zu gehen, nur weil einem die Sprache des anderen nicht gefällt. Den Inhalt zu Hinterfragen und die Wahrheit rauszufiltern und dann dementsprechend richtig handeln, sollte eigentlich das Standardverfahren sein. Nur so kann es eine Verbesserung geben. 5/5 Sterne :)

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    Um mal Chakuza zu zitieren: (ein verdammt guter Rapper übrigens) "Ich laber Dreck, wenn ich den ganzen Tag Dreck fressen muss" (Chakuza feat. Bushido - Eure Kinder). Die sozialen Probleme, die in Raptexten thematisiert werden, müssen ja irgendwo herkommen. Die Texter dafür, dass sie das offen ansprechen, als Asoziale zu bezeichnen führt am eigentlichen Problem vorbei. Ich fand die alten Sachen von Sido immer cooler als seinen neuen Kram. Früher hat er offen und direkt gesagt was er sagen wollte, heute kommt es mir vor als ob die Botschaft zwischen viel zu vielen gut klingenden Phrasen steckt. Andererseits wäre es wohl auch nicht mehr wirklich authentisch, wenn Sido heute als über dreißigjähriger, erfolgreicher Musiker noch harte Texte über das Leben auf der Straße schreiben würde.

  • Author Portrait

    Ja, es gibt viele Texte, die als "verstörend" gelten, aber so viel wahren Inhalt haben und gerade deshalb wohl ihren schlechten Ruf haben. Wer möchte schon die Wahrheit hören oder gar sehen in unserer modernen Welt? Wir tragen alle nur Masken, hinter denen wir uns verstecken, weil unser wahres Selbst, ist nicht erwünscht. Nur wenige, denen wir Vertrauen, erfahren, wie wir wirklich sind und ehrlich denken. Du hast mir mal gesagt, dass ich immer sage, was ich denke. Ja, das tue ich oft, aber genauso oft schluck ich es runter, weil ich genau weiß, dass man mich dafür hassen würde. Es wird mir nur mit jedem Tag mehr und mehr egal, was andere davon halten.

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