Weiße Haarsträhnen

Es war dunkel geworden in Aspura und als wäre es ein Zeichen für alle, waren die Straßen wie ausgestorben. Nur der Nachtwächter zog seine Runden und entzündete die Öllampen, welche die Aufgabe hatten wenigstens die  Hauptstraßen etwas zu erhellen. Die Fenster von Killians und Jaroths Haus waren weit geöffnet um den Geruch oder Gestank, je nach Interpretation, des Essens heraus-, und die laue Spätsommerluft hineinzulassen. Es war nichts von seinem Lieblingsessen übrig geblieben und das obwohl er fast allein davon gegessen hatte. Jaroth mochte es zwar für ihn kochen, doch davon essen nur mit viel Überwindung. Seine Großmutter schwor auf den Eintopf, der nie einen richtigen Namen bekommen hatte. Ursprünglich war es ein Essen der armen Leute gewesen. Alles was man in die Finger bekam wurde kleingeschnitten, gekocht und gewürzt. Sie hatte es irgendwann weiterentwickelt und eine Art Tradition im Dorf geschaffen. Im Grunde war es noch heute ein wilder Mix aus den Innereien verschiedener Tiere, was eben zu kriegen war und einem Wurzelgemüse, das es nur am Fuß der Berge gab und den Geruch nach Schweißfüßen verbreitete. Kochte man es wurde der Geschmack allerdings fast süßlich. Mit ein paar Kräutern abgerundet, war er etwas besonderes und leckeres. Manche packten es auch in einen Tiermagen und kochten es mehrere Stunden. Jede Familie hatte da wohl ihr eigenes Rezept entwickelt über die Jahre.

Der Himmel war klar und Killian verlor sich beim Anblick etwas in den Gedanken, bevor er sich wieder dem Hausinneren zuwandte. Jaroth lag auf dem Sofa und war eingenickt. Seine Haare hingen fast bis auf den Boden, seine Weste war leicht geöffnet und lies helle Haut frei. Schweigsam lies Killian sich vor dem Sofa auf den Boden sinken und begann den Kopf hin und her zu wiegen. Ein Tick der sich immer meldete wenn er begann zu grübeln. Menschen mit hellen Haaren waren eine Seltenheit, meistens kamen sie nur bei Halbelfen oder Elfen vor. Doch Jaroth war beides nicht, jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Seine verstorbene Ziehmutter hatte immer vermutet, das irgendwo in seiner Familie Elfenblut hereingeraten war und es sich bei ihm nur noch in den Haaren und der Statur niederschlug. Was es auch war, Killian war fasziniert und das seit sie sich kennengelernt hatten mit unschuldigen 14 Jahren. Ein Alter in dem die Jungen zu Männern worden, begannen zu arbeiten oder ernsthaft für eine Karriere bei der Armee oder den vielen Söldnergruppen zu trainieren. Killian war ein guter Kämpfer, aber er hatte nie eine solche Karriere erwogen und hatte sich ganz seinen Träumen hingegeben. Noch heute konnte er von gelegentlichen Arbeiten und seinen Ersparnissen gut leben, vor allem mit Jaroth an seiner Seite. Weiter den Kopf wiegend und in Erinnerungen schwelgend bemerkte er kaum wie sich seine Hand zu verselbstständigen begann.

Gedankenverloren fuhren seine Finger durch die weißen Haaren, zupften leicht. Sie hatten beide schon verschiedene Partner gehabt, kurzzeitig jedenfalls. Beliebt waren sie beide, bei beiden Geschlechtern und es gehörte zu ihrer Kultur sich auszuprobieren, bis man irgendwann eine Entscheidung für den Bund traf egal ob für einen Mann oder eine Frau. Beide hatten dies noch nicht getan, weder miteinander noch mit anderen und das obwohl sie schon über 20 Jahre alt waren. Noch ein Umstand der zu ihrem Ruf im Dorf beitrug, doch Killian war noch nicht bereit sich richtig niederzulassen, sich zu entscheiden. Er war noch immer auf der Suche wie sein Großvater es gewesen war. Er war noch nicht bereit diesen Traum aufzugeben. Seine Großmutter war oft allein gewesen, wenn sein Großvater unterwegs war. Monatelang in Sorge ob er wiederkommen würde. Killian hatte beschlossen, dies dem Menschen nicht anzutun für den er sich irgendwann entscheiden würde.

Ohne es zu merken hatte er begonnen eine Haarsträhne auf einen Finger zu wickeln und leise vor sich hin zu seufzen. Als er aufsah blickte er direkt in die dunklen Augen seines Freundes. "Es ist neu das du das mit meinen Haaren machst Kilian, sonst spielst du nur mit deinen wenn du grübelst. Was geht dir durch den Kopf?" Jaroths tiefe Stimme war leise, als wolle er diesen Moment nicht ganz unterbrechen. "Ach es ist das alte Lied. Diesen Monat ist die jährliche Feierlichkeit für den Bund der Gestirne und viele im Dorf werden ihn begehen. Danach dauert es wieder ein Jahr. Wir werden dann aber schon wieder unterwegs sein. Möglicherweise getrennt um ein größeres Gebiet abzudecken und um den Gerüchten aus der Hauptstadt nachzugehen." Jaroth nickt langsam. "Ich frage mich immer wieder, wie du so hartnäckig deine Suche nach den Deziras verfolgen und trotzdem jedes Jahr in unserer Sommer- und Winterpause in Zweifel versinken kannst." Die weißen Haarsträhnen lösen sich von den schlanken Fingern und dann sind Killians Schritte zu vernehmen die ihn zum Fenster tragen. "Weil es nun einmal so ist Jaroth." Ein leises Lachen erklingt an seiner rechten Seite. "Das war noch nie ein Satz der mich zufrieden gestellt hat. Du hast deinen Wunsch und wir werden sie finden." Weiche Lippen berühren Killians Hals, er schließt die Augen. 
      

Comments

  • Author Portrait

    Ich stimme Seegraf zu, du kannst Situationen sehr anschaulich beschreiben, was einen umso tiefer in den Geschehnissen versinken lässt und da es absolut mein Genre ist, stecke ich schon bis zum Hals drin. XD Auch gut finde ich die Kapitellänge (*Ich erinnere mich noch an die Zeiten, an denen ich 30min Kapitel geschrieben habe*) Sie haben die perfekte Länge, um einen zu fesseln aber nicht zu lang, dass die Leute zu "faul" wären, um sie zu lesen oder das es zu lange dauern würde, um das vorherige Kapitel nochmals zu überfliegen. Bisher ist das 3. Kapitel, mein Lieblingsteil, ich freue mich schon darauf mehr von dieser geheimnisvollen Frau zu lesen *****

  • Author Portrait

    Auch wenn deine Geschichte nicht mein Genre ist, so war sie doch geeignet, mich bis hierher an sich zu fesseln. Grund dürfte deine Gabe sein, Dinge so zu beschreiben, als stünde man vor ihnen. Auch dein Stil, deine Ausdrucksweise gefällt mir sehr gut. Der Wechsel zwischen Mitvergangenheit und Gegenwart hat mich anfangs etwas verwirrt. Ich persönlich verwende diesen Trick, wenn ich die Spannung erhöhen möchte. Wer in diesem Genre zu Hause ist, dem würde ich deine Geschichte empfehlen. Und das ist wohl ein 5/5 wert!

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media