• Dieser Beitrag entstand für ein Weihnachtswichteln 2017.
  • Wortvorgaben: Geschenke, Slytherin, Hogwarts und inkompetente Trottel
  • Charaktervorgaben: Harry, Hermine, Draco und Ginny


»Inkompetenter Trottel«, sagte Malfoy und schaute zu, wie er den Zauberstab hob und auf das krumme Bäumchen zielte, dessen Äste drei Weihnachtskugeln gen Boden zogen.

Ein Licht waberte um das Bäumchen. Harry hielt die Luft an, dann fielen weitere Nadeln auf den Boden. Er atmete schwer aus und das Gefühl des Gegenteils von Trauer ebbte ab.

»Das wird nichts mehr«, murmelte er.

Statt Weihnachtbäume mit Feenstaub zu dekorieren, saßen sie am Abend vor Weihnachten in ihrem Appartement um ein verkümmertes Bäumchen, das schon die Nadeln verlor und die Weihnachtsdekoration kaum tragen konnte. Es war so lächerlich. Er hätte wissen müssen, dass es sinnlos war.

Malfoy saß im Ohrensessel, die Beine übereinandergeschlagen, die Zeitung vorm Gesicht, warf nur ab und zu einen Blick über den Rand und kommentierte trocken.

»Warum hast du diesen armseligen Baum mitgenommen?«

»Er hat so beschissen ausgesehen.«

Draco sah ihn einen Augenblick lang an.

»Das wäre ein Grund gewesen ihn nicht mitzunehmen.«

»Wieso? Deswegen habe ich dich damals doch auch mitgenommen.«

»Du hast mich nicht mitgenommen. Ich hatte dich spontan begleitet, weil du so jämmerlich aussahst und ich befürchtete, du würdest es nicht bis in dein Appartement schaffen.«

Harry grinste schief und zuckte die Schultern.

»Und dann bist du einfach hiergeblieben.«

»Einfach ist da wohl nichts dran«, murmelte Malfoy und blätterte eine Seite weiter. »Und das ist kein Baum. Das ist ein Ast. Maximal.«

Harrys Blick klebte an dem krummen Bäumchen und presste die Lippen zusammen.

»Das ist eben ein Weihnachts- … ast.«

Er hob sein Kinn und gleichzeitig seinen Zauberstab. Ein bisschen Volumen würde er doch noch hinbekommen. Malfoy schnaubte.

Ron hätte jetzt gelacht und mit ihm die Kugeln an den Ast gehangen. Da war ein Stich. Das Gefühl, ein Loch im Bauch zu haben, schwappte über ihn. Leere, die jedes andere Gefühl in sich hineinsog. Nichts übrig ließ außer dem Gefühl, dass alles hätte anders sein müssen. Nichts war richtig so. Und das Weihnachtsbaumdesaster war nur die Spitze von allem.

Malfoy stierte in von der Seite an, schaute kurz über den Tagespropheten hinweg und verzog seinen Mund.

»Wir könnten immer noch nach Hogwarts gehen. Die prächtigen Bäume in der Halle, der Duft in den Gängen, die Elfen, die um das Festessen herumtanzen.«

»Natürlich stehst du auf Elfen.«

Malfoy verdrehte die Augen und Harry wich seinem Blick aus.

Er konnte nicht zurück nach Hogwarts. Noch nicht. Dort, wo seine Freunde gefallen waren. Dort, wo er einmal Kind gewesen war und dieses Kind zurücklassen musste.

Hogwarts zu sehen würde nur wieder alles aufreißen. Die Erinnerung an all das, was gewesen war, hätte sein können und unwiederbringlich verloren war. Niemals sprach er aus, warum es in seinem Leben so viele Orte gab, an die er nicht mehr zurückkonnte.

»Darunter kann man nicht mal Geschenke legen.«

»Es geht ja nicht um die Geschenke«, murrte Harry.

»Richtig. Es geht um Freundschaft und Liebe und diesen Duft nach Zimt und Glühwein.«

Harry hörte förmlich das Augendrehen in den Worten.

»Und wohin soll ich die Geschenke legen, Potter? Unter dein enormes Ego?«

»Ich glaube, deins reicht da völlig. Da kann ich sogar noch meine drunter legen. Und die der gesamten Weasley-Familie.«

Malfoy schnaubte.

»Natürlich aber nur, weil die kein Geld für adäquate Geschenke haben und deine aus Luft und Liebe bestehen.«

Harry grinste schief. Er wusste nicht mehr, wie oft sie die Diskussion über Geschenke und Luft und Liebe geführt hatten. Oder die Weasleys. Weihnachten bei der Familie duftete nach frisch gebackenen Plätzchen und Kaminfeuer und Versprechen auf ein Zuhause, das einen immer warm empfing.

»Wir könnten immer noch zu diesen unsäglichen Weasleys gehen.«

Aber seit Rons und Freds Tod sah Harry in Mollys Blick, all die Menschen, die nicht da waren, aber hier sein sollten.

»Nein.«

Er ertrug es nicht. Noch nicht. Jedes Jahr wieder nicht, obwohl er sich jedes Neujahr schwor, nächstes Jahr würde anders werden.

»Nicht dieses Jahr.«

Das Schweigen verwandelte die Stille in eine unsichtbare Mauer. Harry sprach nicht darüber. Und jeder akzeptierte es inzwischen. Nur Malfoy, dieser arrogante, egoistische Idiot hielt sich nicht an die unausgesprochenen Regeln.

Harry wedelte mit seinem Zauberstab und das Bäumchen verlor die letzten Nadeln. Eine Weihnachtskugel löste sich und zerschellte auf dem Boden. Die Glassplitter zerstreut um die beiden Geschenke und Harry starrte sie an.

Was machte er sich vor? Das hier hatte alles nichts mit Weihnachten zu tun. Ihr Festessen wäre doch nur etwas aus dem Schnellimbiss und auf Malfoys dumme Sprüche konnte er gut verzichten.

Er ließ die Splitter mit einer Bewegung seines Zauberstabs verschwinden und erhob sich vom Boden.

Und ein geschmückter Weihnachtsbaum würde auch daran nichts ändern.

»Ich geh ins Bett«, sagte er und spürte Malfoys Blick im Nacken, erwartete einen sarkastischen Kommentar, aber ihm folgte nur das Schweigen.

Früher hatte er kaum einschlafen können. Hogwarts hatte in der Weihnachtszeit so wunderbar vibriert. Alles war geschmückt, der Schnee verwandelte die Landschaft in eine weiße Wunderwelt und Harry hatte jeden Augenblick zwischen riesigen Weihnachtsbäumen, Elfen und Geschenken genossen. In der Nacht vor Weihnachten hatten in seinem Bauch wie zig Kitzelflüche getanzt und seine Vorfreude die schönsten Momente in seine Träume gemalt.

Jetzt lag er im Bett, starrte an die Decke und hoffte, die Tage würden sich still verflüchtigen.

 

Am Weihnachtsmorgen klopften die Regentropfen gegen die Scheibe. Am liebsten wollte er die Tage verschlafen. Als er in die Küche kam, begrüßten ihn Malfoy mit einem Zunicken und fünfzehn Eulen. Am liebsten wollte er sich umdrehen. Statt Geschenke, hingen Pergamentrollen um ihre Beinchen.

»Was ist hier los?«, fragte er und griff nach einem der Tiere.

»Zusagen«, erwiderte Malfoy unbeteiligt.

Harry blinzelte.

»Zusagen?«

»Zusagen. Das ist, wenn jemand –«

»Ich weiß, was eine Zusage ist, Malfoy«, murrte er, während er sich einen Kaffee einschenkte.

»Zu deiner Weihnachtsfeier.«

Harry hätte fast den Kaffee über seine Füße gegossen.

»Malfoy«, knurrte er, »was zur –«

»Sie kommen«, Malfoy schaute Richtung Wanduhr, »gleich. Am besten du beeilst dich mit dem Duschen«

Die folgenden Beschimpfungen, Verwünschungen und Drohungen ertrug Malfoy mit der Würde und Eleganz eines Slytherin.

 

In der Dusche überlegte Harry, wie er schnell und unbemerkt flüchten könnte. Sein Plan umfasste einen Drachen und Malfoy, den er zumindest krankenhausreif fluchen müsste. Nicht, dass er daran gescheitert wäre. Das Problem war nur, als er mit klammen Haar und noch in Bademantel aus dem Badezimmer trat, Mrs Weasley in seinen Armen landete. Mit Tränen in den Augen wünschte sie ihm frohe Weihnachten und wiederholte in verschiedenen Variationen, wie sehr sie sich freute, hier zu sein.

»Mom, lass ihn doch mal los!«

Ginny grinste und strich sich ihren roten Pony aus dem Gesicht. Ginny. Es hätte ganz anders laufen müssen. So vieles in seinem Leben war anders geplant und dann kam das Leben dazwischen. Oder der Tod.

Sie umarmte ihn und drückte ihre Wange an seine, flüsterte, wie schön es hier war und wie dämlich der Weihnachtsbaum aussah. Harry gluckste, während sein Blick durch das Wohnzimmer schweifte, das sich immer mehr füllte. Rote Schöpfe drängten sich aneinander, Luna betrachtete verzückt, wie Töpfe und Teller durch die Lüfte Richtung Küche flogen. Mr Weasley und Neville vergrößerten ihren Esstisch. Plätzchen und Lebkuchen zogen ihre Bahnen über ihren Köpfen. Jemand ließ Girlanden und Weihnachtsterne aus den Möbelstücken sprießen. Kerzen begannen an der Decke zu schweben und zu brennen.

»Und noch ein bisschen Weihnachtsstimmung.«

Er riss den Kopf zu der Stimme und da stand sie. Immer wenn er Hermine sah, sah er auch Ron. Sie richtete den Zauberstab auf die Decke und ließ diese erblassen, bis es schien, der wolkenbehangene Himmel stünde über ihnen und sendete Schneeflocken zu ihnen, die irgendwo mitten im Raum verschwanden.

»Streber«, hörte er Ron sagen und Hermine würde sich zu ihm umdrehen und ihn gegen den Oberarm boxen und lachen. Er schwebte über ihnen, war Teil ihrer Gespräche ohne ausgesprochen zu werden. Er war da wie eine unsichtbare dritte Person. Das zweier Trio.

»Harry«, sagte sie und schlang ihre Arme um ihn. Er spürte ihr Lächeln an seiner Wange, ihre Wärme und schloss für einen Moment die Augen.

Das Gefühl, dort zu sein, wo man sein sollte, obwohl alles so anders war. Anzukommen, obwohl er sich verirrt hatte und unsicher war, ob er jetzt noch hier hineinpasste.

Er hörte das Stimmengewirr, als wäre es die Hintergrundmusik in einem Film, atmete den Duft von Zimt und Glühwein ein. Früher, dachte er, aber er war nicht mehr der Junge, den die Familie wie einen Sohn aufgenommen hatte. Es würde nie wieder so ein, wie es einmal gewesen war. Bei dem Gedanken riss er die Augen auf und sah über Hermines Schulter hinweg Malfoy im Türrahmen stehen. Er hielt einen von Mrs Weasleys Pullovern in der Hand und betrachtete ihn wie eine unbekannte Zutat eines Zaubertrankes.

»Harry?«, fragte Hermine verwirrt und drückte ihn eine Armlänge von sich. Er spürte ihren forschenden Blick, doch ehe sie reagieren konnte, wuselte Mrs Weasley zwischen sie und drückte auch ihm einen Pullover in die Hand.

»Hier mein Lieber«, sagte sie und strahlte, »damit ihr auch schön etwas Warmes anhabt.«

Früher, dachte er und dachte an Ron und der Gedanke tat weh, aber vielleicht – George dirigierte einen riesigen dekorierten Weihnachtsbaum mit seinem Zauberstab durch die Tür. Es sah aus, als tanzte der Baum über den Boden, verbeugte sich vor ihm und tänzelte weiter. Statt ihren nadellosen Weihnachtsbaum zu beseitigen, nahm der prächtige Weihnachtsbaum den Platz neben ihm ein.

»Frohe Weihnachten!«, rief George und feuerte ein Feuerwerk ab, das zischend an Harrys Ohr vorbeiraste. Jemand lachte. Es explodierte in roten und gelben und blauen Sternen und Stimmen begannen wild Weihnachtslieder durcheinander zu singen. Malfoy stand da im Weasley-Pullover und schaute so, als ginge ihn das ganze Weihnachtschaos nichts an.

Er schlenderte zu Malfoy und beugte sich zu ihm.

»Du musst ihn nicht tragen«, murmelte er.

Weihnachten war kein Ort. Vielleicht war es nicht einmal eine bestimmte Zeit.

»Natürlich nicht«, erwiderte Malfoy und sah über ihn hinweg in den Raum. Harrys Blick folgte seinem.

Als er all die Menschen sah, die hier versammelt waren und ihm die Lücken in den Augen brannten, wurde ihm bewusst, wie wenig Weihnachten das Festessen oder die kunstvoll dekorierten Weihnachtsbäume war. Es wäre nicht alles einfach gut. Die Verluste und Wunden waren zu groß, um unter einer dünnen Schneedecke begraben zu werden.

»Der Baum ist immer noch eine Schande«, sagte Malfoy neben ihm, lehnte am Türrahmen und machte keine Anstalten Molly Weasleys Strickpullover auszuziehen.

Aber vielleicht konnte Weihnachten ein Neuanfang sein, nach einem Bruch, an den man nicht anknüpfen konnte. Ein Augenblick von vielen, in denen ihm bewusstwurde, wie wertvoll die Augenblicke waren.

Harry lächelte schief und war stolz darauf, wie beschissen und wunderschön ihr Weihnachtsast aussah.

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