Wendung

Krul saß in ihrem Thron und überlegte. Ihr war langweilig und sie wusste nicht, wie sie ihre Zeit totschlagen konnte. Solche Phasen hatte sie schon öfter und es war auch vollkommen normal, da die Unsterblichkeit für Vampire manchmal langweilig wird. Meistens hielt diese Langeweile einige Wochen an. Die Türen zum Thronsaal öffneten sich und ein Vampir kam herein. "Majestät, bitte verzeiht die Störung", begann er und kniete vor ihr nieder. "Sie sei dir verziehen. Was gibt es?", fragte sie. "Omnix ist soeben eingetroffen. Er ist in seiner Kammer verschwunden und bat darum, nicht gestört zu werden. Dennoch ist es meine Pflicht, Euch darüber zu informieren." Krul lächelte. Es war schon fünfzig Jahre her, dass sie den Reinkarnitor zuletzt gesehen hatte. Omnix würde sicher dazu beitragen, dass ihre Langeweile verschwindet. "Habt Dank", meinte sie und der Vampir verschwand wieder. Grinsend stand das Mädchen von seinem Thron auf und ging los, um Omnix zu besuchen. Er hatte zwar gesagt, dass niemand ihn stören sollte, aber als Königin hatte sie einige…nun ja…Privilegien. Als sie bei der Türe ankam, die in Omnix‘ Kammer führte blieb sie kurz stehen. Ein letztes Mal überlegte sie, ob sie wirklich eintreten sollte. Doch dann fasste sie sich ein Herz und öffnete die Tür. Was sie dann sah, hatte sie nicht erwartet. Sie hatte erwartet, dass Omnix über seinen Plänen brütete, dass er wie üblich einen heißen Tee genoss, oder dass er zumindest frei im Zimmer levitierte. Doch stattdessen lag er in seiner Menschengestalt in dem Bett, das die Vampire auf Kruls Geheiß hin extra für ihn hergestellt hatten und schlief. Leise schlüpfte sie in das Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Dann stellte sie sich neben das Bett und betrachtete den schlafenden Jungen eine Weile. Ihr Blick fiel auf seine Halsschlagader, durch die sie frisches Blut rauschen hören konnte. "Nur ein kleiner Schluck", flüsterte sie und kam Johns Hals immer näher. Doch dann klärten ihre Augen wieder auf und sie wich zurück. "Nein", hauchte sie bestimmt. "Ich werde mein Versprechen nicht brechen. Ich werde ihn nicht enttäuschen." Sie blickte auf ihn und seufzte tief. "Niemals", meinte sie und setzte sich zu ihm auf das Bett. "Du kannst mich wahrscheinlich nicht hören. Wenn ich mich richtig erinnere, dann nehmen Menschen während dem Schlafen nur wenig von ihrer Umgebung wahr", flüsterte sie. Sie legte sich neben ihn und strich ihm sanft über die Wange. "Du bedeutest mir auch sehr viel", hauchte sie. "Auch wenn ich das nicht verstehe. Kann das etwa wirklich Liebe sein?" Damit schloss sie ihre Augen und verfiel in den tranceartigen Zustand, in den Vampire immer verfielen, wenn sie sich ‚Schlafen‘ legten.
Als John aufwachte war er ziemlich überrascht, dass er Krul beim ihm vorfand, die neben ihm im Bett lag, die Arme um ihn geklammert und dicht an ihn geschmiegt. Prüfend fasste er sich an den Hals, konnte aber keine Spur eines Bisses entdecken. Er sah das schlafende Mädchen lächelnd an. "Wach auf Krul", flüsterte er und sie schlug die Augen auf. "Ah, bist du also endlich aufgewacht?", fragte sie ihn grinsend und er nickte. "Schön, dass du bereits da bist, dann muss ich nicht extra zu dir", meinte er und sie kicherte. "Du musst immer direkt zur Sache kommen", sagte sie. "Nun ja, ich bin ein beschäftigter Mensch. Apropos, danke, dass du mich nicht gebissen hast", erwiderte er und sie wurde rot. "Ich muss zugeben, dass ich kurz darüber nachgedacht habe. Aber letzten Endes habe ich mich doch dagegen entschieden", gestand sie und er lächelte sie an. "Keine Sorge Krul. Das ist kein Problem", meinte er womit er einen erstaunten Blick des Vampirmädchens erntete. "Du bist nicht sauer?", fragte sie verwundert. "Aber woher denn? Es ist doch völlig normal, dass dir solche Gedanken durch den Kopf gehen", antwortete er ihr. "Aber um zurück zum eigentlichen Thema zu kommen, ich habe Neuigkeiten." Sie setzte sich kerzengerade im Bett auf. "Ich höre." "Es wird immer unwahrscheinlicher, dass es zu einer friedlichen Lösung kommen kann. Ich war ein Narr, weil ich daran geglaubt habe", erzählte er ihr. "Hör mir zu. Wenn die große Katastrophe geschieht, dann werden einige Menschen überleben, die meisten davon werden Kinder sein. Ihr müsst diese Kinder in Sicherheit bringen und sei es auch nur, um von ihrem Blut zu leben. Die Menschen, die überleben werden, sind zu gefährlich, als dass man sie auf die Kinder loslassen dürfte. Man wird euch als Monster ansehen. Man wird versuchen, euch zu töten. Man wird tief in die schwarzen Künste greifen, um euch zu vernichten. Menschen besitzen nicht die Gabe, dass sie etwas, das sie nicht verstehen, neutral betrachten können. Versprich mir, trotzdem auf die Kinder achtzugeben, damit sie den Menschen nicht in die Hände fallen." Krul sah ihn traurig an. Er hatte Zeit seines Lebens an seinem Ziel gearbeitet und nun stellt sich heraus, dass alles umsonst gewesen war. Was für ein Gefühl das sein musste, konnte sich das Mädchen nicht mal im Ansatz vorstellen. "Ich verspreche es dir", flüsterte sie und John nickte dankbar. "Was wirst du jetzt tun?", stellte sie schließlich die Frage, die ihr schon die ganze Zeit durch den Kopf ging. "Ich werde den Menschen beistehen, damit sie mir vertrauen und ihnen so auf die Finger sehen. Wenn die Zeit gekommen ist, werden wir vielleicht sogar gegeneinander kämpfen müssen, um diesen Schein aufrecht zu erhalten", erklärte er. "Aber du könntest das alles abwenden. Du könntest mit den Fingern schnippen und alles würde verpuffen." John schüttelte den Kopf und lächelte sie traurig an. "Nein Krul, in das Schicksal der Welt werde ich nicht eingreifen. Niemals. Meine Bemühungen waren umsonst. Wenn die große Katastrophe stattfindet, werde ich einiges zu tun haben, aber bis dahin…", er verstummte. Krul sah ihn prüfend an. Sie hatte John noch nie so gesehen. Umso überraschter war sie von seinen nächsten Worten: "Bis dahin würde ich meine Zeit gerne hier verbringen Krul." Die Vampirin brauchte ungefähr drei Sekunden, um ihre Antwort zu wissen. "Natürlich. Nichts würde mich glücklicher machen, als wenn du hier bleiben würdest", antwortete sie und umarmte ihn. Er sah etwas überrascht auf sie herab, doch dann erwiderte er ihre Umarmung und sie schloss glücklich die Augen. Gemeinsam saßen sie nun in Omnix‘ Kammer und rührten sich nicht, keiner wollte diesen Moment verstreichen lassen. "Übrigens Krul", flüsterte John plötzlich. "Der Deal ist jetzt vorbei. Wenn du also noch durstig bist…" Sie sah ihn mit großen Augen an. Meinte er das ernst? Er lächelte ihr ermutigend zu. "Nur zu", meinte er. Das genügte. Krul konnte sich nicht länger zurückhalten, sie fiel an seinen Hals und biss zu. Nach all den Jahrhunderten kam es einer Genugtuung gleich, dass sie es endlich tun konnte, ohne Schuldgefühle haben zu müssen. Schluck für Schluck trank sie das frische warme Blut, bis sie meinte, dass es genug sei. Sie fiel zurück aufs Bett. "Und hat es geschmeckt?", fragte der Junge sie, während er sich über den Hals wischte, um die Wunde zu säubern. "Du hast vielleicht eine seltsame Art, mit sowas umzugehen", meinte sie kichernd und schleckte sich über den Mund. "Was sollte ich denn deiner Meinung nach sonst tun?", fragte er sie und die Vampirin grinste. "Die meisten Menschen wären ziemlich entsetzt, wenn ihnen so etwas passieren würde." "Die meisten Menschen würden dich auch nicht ermutigen", konterte John. "Auch wieder wahr. Ich bin überrascht, dass es dir noch so gut geht. Ich habe mich zwar zurückgehalten, aber doch ziemlich viel getrunken." John schmunzelte. "Eine passive Aktion meines mutierten Körpers, die sogar in dieser Form funktioniert. Er registriert, wenn ich zu wenig Blut habe und generiert Neues, welches sofort durch meinen ganzen Körper gepumpt wird. So etwas, wie Tod durch Verbluten kann mir nicht passieren. Du kannst also jederzeit zubeißen, wenn du Hunger bekommst", erklärte er und sie lächelte. "Was für eine praktische Fähigkeit." Mit diesen Worten stand sie auf und hievte ihn ebenfalls auf die Füße. "Komm schon, lass uns ein wenig herumstreifen. Wir haben Sanguinem ausgebaut, seit du das letzte Mal hier warst", lachte sie. John nahm seine eigentliche Gestalt an und nickte fröhlich. "Ich bin schon sehr gespannt", meinte er und ließ sich von ihr hinaus aus der Kammer und in die Stadt führen.

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