Wettstreit der Undurchsichtigkeit

Zitternd saß Hermine am großen Tisch in der Küche. Um sie herum wuselten die Hauselfen, eifrig damit beschäftigt, nach der Zubereitung des Mittagessens wieder Ordnung zu machen. Eigentlich hätte sie ihnen dabei helfen müssen, doch sie fühlte sich nicht dazu in der Lage und die kleinen Wesen würden es niemals wagen, einem Menschen einen Befehl zu geben.

Sie wusste nicht, was sie mehr bestürzte: Dass Lucius Malfoy Interesse an ihrem Körper gezeigt hatte, oder dass ausgerechnet er Rücksicht auf sie genommen hatte. Immer weniger konnte sie einordnen, was die Menschen um sie herum zu ihren Handlungen motivierte. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Malfoy aus kalter Berechnung heraus so handelte, wie er es tat, doch genauso wenig erschien es ihr möglich, dass er ihr tatsächlich freundliche Gefühle entgegen brachte. Und doch ... er hatte sie zwei Mal in seine Arme geschlossen, hatte ihr Wärme und Trost gegeben, hatte inne gehalten, als sie darum gebeten hatte. Wie sie es auch drehte und wendete, es gab keine Erklärung für das, was ihr Besitzer tat.

Und noch etwas beunruhigte sie: Seit der Nacht, als Severus Snape sich genommen hatte, wofür er Geld gezahlt hatte, war sie dem jungen Malfoy nicht mehr über den Weg gelaufen. Sicher, zu den Mahlzeiten sah sie ihn am Familientisch sitzen, und tagsüber war sie nun stets in der Bibliothek unter der Aufsicht des Vaters. Aber er hatte sich schon mal nachts in ihr Kabuff geschlichen und sie bedroht - wieso tat er es nicht erneut? Wartete er auf etwas Bestimmtes? Die Ungewissheit nagte an ihr wie die Ruhe vor einem Sturm.

Nachdem der letzte Hauself die Küche verlassen hatte, stand Hermine auf und nahm sich ein Stück Brot mit Butter, ein Glas Milch und einen gebrauchten Teebeutel vom Morgen. Letzteren versenkte sie in einem Becher mit lauwarmen Wasser und schaute dann geistesabwesend dabei zu, wie sich das Wasser langsam grünlich-gelb färbte.

"Es ist unfassbar, dass Vater dir tatsächlich erlaubt, unsere gute Milch zu trinken!"

Entsetzt schaute Hermine auf - sie sollte aufhören, über die Hausbewohner nachzudenken, denn diese hatten offenbar die unangenehme Angewohnheit, immer genau dann aufzutauchen, wenn ihre Gedanken um diese kreisten. Zumindest Draco Malfoy war ein Meister darin. Jetzt jedoch war es zu spät und Hermine konnte nicht mehr tun als zuzuschauen, wie der blonde Mann gemächlich auf sie zu kam und sich dann auf der Bank neben ihr nieder ließ.

"Du solltest dankbar sein für die Güte, die mein Vater dir angedeihen lässt, Granger", fuhr er fort, "ich habe nämlich in den letzten Tagen von einigen Freunden gehört, dass ihre Sklaven inzwischen das Zeitliche gesegnet haben ... kaputt gespielt, falls du verstehst, was ich meine ..."

Hermine sog scharf die Luft ein. Natürlich verstand sie, was er meinte, und sie verstand ebenso, dass er ihr indirekt drohte. Einmal mehr verfluchte sie sich dafür, dass sie zu Beginn der Sklavenauswahl ohnmächtig geworden war und so nicht wusste, welcher Todesser welchen ihrer Freunde genommen hatte. Nur, dass Ginny bei Snape untergekommen war, wusste sie. Doch vor allem Rons Besitzer hätte sie interessiert, aber keiner der Hausbewohner wollte ihr irgendwas dazu sagen.

"Ah, ich sehe, du machst dir Sorgen um deine Freunde", meinte Draco gedehnt. Ein fieses Grinsen umspielte seine Lippen: "Wenn ich du wäre, würde ich mich vor allem um das junge Wiesel sorgen ... du weißt ja selbst am besten, dass Snape offensichtlich auf junges Fleisch steht ..."

Unbewegt schaute Hermine in ihren Becher mit Tee. Sie wollte nicht hören, was dieser Unmensch ihr erzählte, sie wollte nicht darüber nachdenken, wie es Ginny wohl erging, doch die Bilder, die er in ihr hervorrief, ließen sich nicht verdrängen.

"Wenn du willst", sagte Draco plötzlich leise und fasste nach ihrer Hand, "dann kann ich dir heute Nacht Gesellschaft leisten. Damit du nicht so einsam bist und keine Alpträume hast."

Wie von einer Tarantel gestochen zuckte Hermine zurück und sprang auf.

"Fass mich nicht an!"

Langsam drehte sich Draco um, so dass er die Tischplatte als Rückenlehne nutzen konnte, und schaute sie direkt an: "Warum nicht? Von meinem Vater lässt du dich doch auch gerne ... trösten."

Hermine trat einen weiteren Schritt zurück - also war er doch in der Bibliothek gewesen und hatte sie beobachtet. Sie hatte es geahnt, doch da sie in den letzten Tagen nicht von ihm gesehen hatte, war sie sicher gewesen, dass er noch nicht mitbekommen hatte, wohin sein Vater sie tagsüber immer führte.

"Sag mir, Granger ... gefällt dir die neue Weltordnung inzwischen? Konnte Vater dich überzeugen, deinen Freunden den Rücken zu kehren und zu ihm überzulaufen?"

Ein ungläubiges Lachen entfuhr ihr: "Du hast wirklich Probleme, Malfoy. Wie großartig, meinst du, finde ich wohl eine Welt, wo dein Vater mich einfach an einen ehemaligen Lehrer verkaufen kann? Wo ich einfach so vergewaltigt werden kann, ohne dass es jemanden interessiert? Denkst du wirklich, ich finde so eine Welt schön?"

Draco stand auf und ging einige Schritte auf sie zu. Kurz musterte er sie von oben herab, dann erwiderte er: "Ich weiß nicht, was in deinem kranken Kopf vor sich geht, Schlammblut. Vielleicht stehst du ja drauf?"

Und mit diesen Worten packte er ihre Haare und riss ihren Kopf zur Seite. Ein schmerzverzerrter Schrei entrang sich Hermines Kehle, als sie verzweifelt versuchte, ihre Haare zu befreien. Doch Draco hielt sie unerbittlich fest, zog sie mit sich und zwang sie, sich wieder an den Tisch zu setzen. Erst dann ließ er sie los, legte jedoch sofort eine Hand auf ihre Schulter, um sie am erneuten Aufstehen zu hindern.

"Was willst du, Malfoy?", fragte Hermine genervt. Seine plötzlichen Gewaltausbrüche und sein Hass machten ihr Angst, doch jetzt gerade war sie einfach nur genervt. Wieso hatte sie das Gefühl, als versuche er, sie zu verhören? Welche Wahrheit wollte er ihr entlocken, die er nicht eh schon kannte?

"Ich will wissen, auf welcher Seite du stehst." kam die ernste Antwort von ihm. Erneut konnte Hermien nur lachen - was war das für eine Frage?

"Das ist nicht lustig, Schlammblut", fuhr Draco sie an, "es ist gefährlich, nicht zu wissen, woran man ist - selbst wenn es nur um einen Sklaven geht! Vater ist viel zu nachlässig!"

"Oh, ehrlich", entfuhr es Hermine abschätzig, "das hat nichts mit Nachlässigkeit zu tun. Es ist einfach nur so offensichtlich, auf welcher Seite ich, Hermine Granger, stehe, dass sich keiner drum kümmert!"

Kurz dachte sie nach, dann fügte sie hinzu: "Und außerdem erklärt das nicht dein schlüpfriges Angebot, das du mir gerade gemacht hast."

"Schlüpfrig?", meinte Draco hämisch, "In welchem Jahrhundert lebst du? Das Wort hab ich ja noch nie gehört! Schlüpfrig!"

Hermine errötete, doch sie ließ sich nicht unterkriegen. Sie wollte wissen, was Draco mit seinem Angebot beabsichtigte, und so wiederholte sie die Frage.

"Ich dachte, du freust dich, wenn man dich vorher fragt", erklärte er herablassend, "aber wie ich eben schon vermutete, scheinst du mehr auf die harte Tour zu stehen und die Überraschung zu genießen..."

Genervt stöhnte Hermine auf. Offenbar war ihr Gegenüber nicht gewillt, sich ernsthaft mit ihr zu unterhalten: "Wir drehen uns im Kreis, Malfoy. Wenn du nicht sagen willst, was Sache ist, bitte ... aber dann erwarte nicht von mir, dass ich dir irgendwas erzähle!"

Offenbar wusste Draco darauf nichts mehr zu sagen, denn er blickte sie nur stumm an, die eine Hand auf ihrer Schulter, die andere zur Faust geballt auf dem Tisch abgelegt. Langsam fuhr die Hand, die auf ihrer Schulter ruhte, ihren Nacken hoch und strich das buschige Haar zur Seite. Als Dracos Blick auf die Bissmale, die Lucius Malfoy vor wenigen Stunden hinterlassen hatte, fiel, hielt er inne. Nachdenklich fuhr er mit seinem Daumen die Konturen nach. Hermine blieb erstarrt sitzen - sie war sich nicht bewusst gewesen, dass das Intermezzo am Vormittag Spuren hinterlassen hatte, doch als die Finger die Stelle berührten, zuckte sie vor Schmerz zusammen. Plötzlich kam Draco ihr so nahe, dass sie seinen Atem auf ihrem Hals spüren konnte.

"Ich bin von Versagern umgeben", flüsterte er ihr leise ins Ohr, "nichtsnutzige Idioten und Versager, wohin man schaut. Und du bist die schlimmste von allen, Schlammblut!"

Ehe Hermine darauf reagieren konnte, wurden beide von Schritten, die sich der Küche näherten, abgelenkt. Lucius Malfoy erschien im Eingang und blieb ob der merkwürdigen Szene, die sich ihm bot, stehen: Da saßen sein Sohn und seine Sklavin, offensichtlich gerade bei intimen Streicheleinheiten, nebeneinander in der Küche, und schauten ihn an, als sei er ein dreiköpfiger Hund. Draco brachte seine Miene schneller wieder unter Kontrolle. Mit einem anzüglichen Lächeln ließ er Hermine los, stand auf und flüsterte ihr für alle hörbar zu: "Bis heute Nacht!", ehe er mit einem weiteren Grinsen an seinem Vater vorbei die Kücher verließ.

Als Lucius Malfoy sich wieder seiner Sklavin zuwandte, konnte er nicht glauben, was er sah: Wie ein kleines Häufchen Elend schaute Hermine seinem Sohn hinterher, als sei sie gerade von dem letzten Freund auf der Welt verlassen worden. Wann waren die zwei so gute Freunde geworden? Was war aus dem Hass geworden, mit dem sein Sohn diese junge Frau immer bedacht hatte? Oder waren sie mehr als Freunde? Wut stieg in ihm auf, als er daran dachte, wie Draco sanft den Hals von Hermine liebkost hatte.

Hermine ihrerseits schaute blicklos dahin, wo Malfoy junior aus der Küche verschwunden war. Der Hass war noch da, daran bestand kein Zweifel. Doch irgendetwas anderes mischte sich mit rein, das spürte sie immer deutlicher. Er wollte sie verletzen, sie leiden sehen, ihr Angst ein jagen - und zumindest letzteres gelang ihm immer wieder fabelhaft. Er hinterließ sie stets mit dem Gefühl, dass sie alleine war auf dieser Welt, dass sie keine Freunde hatte und sie absolut machtlos war. Und dieses Gefühl hasste sie.

Als sie langsam ihren Blick zum Hausherrn hoch wandern ließ, stockte ihr der Atem. Auch in seinen Augen loderte heißer Zorn. Zorn, der gegen sie gerichtet war.

"Ich sehe, du hast dich endlich mit meinem Sohn ... angefreundet", fing er an, doch Hermine unterbrach ihn sofort: "Angefreundet? Das ist wahrlich das falsche Wort!"

Überrascht blinzelte der ältere Malfoy und verstummte. Hermine ihrerseits kämpfte mit den Tränen. Sie hatte Angst vor der Nacht, sie wollte am Abend nicht in ihr Kabuff zurückkehren, wohlwissend, dass Draco ihr einen Besuch abstatten würde. Als Lucius Malfoy eingetreten war, hatte sich in ihr die wahnsinnige Hoffnung geregt, dass sie bei ihm würde Schutz suchen können - doch die Ablehnung, die ihr entgegen schlug, ließ sie verzweifeln.

"Iss auf", befahl ihr Besitzer plötzlich, "es wartet Arbeit in der Bibliothek."

Verschüchtert gehorchte Hermine, stürzte Milch und Tee hinunter und nahm das Brot in der Hand mit. Dann folgte sie dem ungeduldigen Malfoy auf dem inzwischen bekannten Weg in die Bibliothek. Sie konnte einfach nicht verstehen, was in den Köpfen der Malfoys vor sich ging. Heute Morgen noch hatte Lucius sie geküsst und berührt, als würde er vor Verlangen nach ihr eingehen, hatte sie umarmt und sich an sie geklammert wie ein Ertrinkender an ein rettendes Fass. Er hatte ihr das Gefühl gegeben, dass er sie als Person wahrnahm, ihre Wünsche respektierte. Und nun, nach dem Mittagessen, stand plötzlich wieder jener Malfoy vor ihr, der sie vor so vielen Wochen als Sklavin ausgewählt hatte, der ihre Jungfräulichkeit verkauft hatte. Und wie vor nicht einmal einer Stunde fragte sie sich, welches der echte Lucius Malfoy war - der freundliche, offene, emotionale oder der kalte, herrische, arrogante.

oOoOoOo

Müde wischte Hermine sich durch ihre Augen. Seit Stunden saß sie ohne Pause auf dem harten Stuhl und schrieb und schrieb und schrieb. Kein einziges Mal hatte Malfoy sie unterbrochen, kein einziges Mal hatte sie auch nur eine Bewegung von ihm wahrgenommen. Die altmodische Stundenkerze an ihrer Seite war beinahe runtergebrannt und zeigte ihr an, dass es schon weit nach zehn Uhr abends sein musste. Ihr Magen knurrte und sie konnte sich vorstellen, dass es ihrem Besitzer ähnlich ging, denn auch er hatte die Bibliothek nicht verlassen, um am Abendessen teilzunehmen.

Ein leises Klopfen unterbrach die eintönige Stille. Mit einem Seufzen erhob sich Lucius Malfoy und ging zur Tür. Kurz führte er ein leises Gespräch, dann kehrte er zu Hermine zurück.

"Schluss für heute", befahl er, "es wird Zeit, dass ich etwas esse."

Hermine ließ erleichtert die Feder fallen. So sehr sie diese neue Arbeit auch schätze, nach so vielen Stunden brannten ihr einfach die Augen. Vorsichtig erhob sie sich und streckte ihre müden Glieder.

"Granger ...", setzte Lucius Malfoy an, "meine Frau ... schläft seit einigen Nächten im Gästezimmer, weil sie meine Anwesenheit des Nachts nicht erträgt."

Mit fragendem Blick schaute Hermine ihn an, doch er fuhr nicht fort. Stattdessen legte er beide Hände auf ihre Schultern und blickte ihr intensiv in die Augen. Dies schien wieder jener Malfoy vom Vormittag zu sein, der freundliche, einfühlsame, und so erwiderte Hermine den Blick offen und neugierig. Wonach auch immer er suchte, er schien es zu finden, denn schon nach kurzer Zeit richtete er sich wieder auf und ließ sie los.

"Ich werde mein Abendessen heute in meinem Schlafgemach einnehmen - und wünsche, dass du mir Gesellschaft leistest."

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