Whyndrir II

Ich erwachte und war allein. Mein Schädel hämmerte. Ich griff nach oben, betrachtete meine Finger. Kein Blut, allerdings eine Beule dort, wo der Schmerz am größten war.
Wo war ich? Ich erinnerte mich an alles. An den Dämon vor dem Kloster, an Selinia und an den Angriff der seltsamen Waldbewohner mit ihren stieläugigen Wachpflanzen. Aber wo waren sie? Wo waren alle?
Ich schaute mich um. Es war schwarz über mir. Dunkel und feucht. Aber es war keine nächtliche Finsternis. Kein Mond und keine Sterne waren zu sehen. Kein Lüftchen zog an mir vorüber. Ich lag nicht mehr im Wald, nicht unter freiem Himmel. Ich befand mich in einer Höhle. Einem geschlossenen Raum, in den nur von einer Seite her Licht hereinfiel. Mein Blick suchte den Grund um matten Lichtkegel ab und fand Selinia, leblos, nur wenige Meter entfernt am Boden liegend. Ihr Haar war ihr wirr ins Gesicht gefallen, so achtlos, wie man sie dort abgelegt hatte. Schrecken überfiel mich. War sie tot?
Wankend kam ich auf die Füße, wagte zaghaft die ersten Schritte, und als ich spürte, dass meine Kopfverletzung weitere zulassen würde, huschte ich an ihre Seite, ließ mich in die Hocke sinken und berührte ihr Gesicht. Es war kalt, aber an ihrem Hals pulsierte eine kleine Ader. Sie lebte.
»Wenn du wünschst, lasse ich sie aufwachen.«
Ich schrak zusammen, hob den Kopf und sah Karon im Höhleneingang sitzen. Seine Finger ragten hinaus ins Licht und waren von einem seltsamen, wabernden Schein umgeben, der nachließ, sobald er sie wieder ins Innere der Höhle zurückzog.
»Ein Zauber«, erklärte er mir, als er meinen fragenden Ausdruck bemerkte, und drehte sich langsam herum zu mir. »Im Reich der Zhian-Ag können sich Eindringlinge nur an Orten frei bewegen, die ihnen von den Waldwesen zur Verfügung gestellt werden. Wir können diese Höhle nicht verlassen.«
Aber ich hatte gesehen, wie seine Hand den Zauber spielend leicht durchbrochen hatte. Er konnte es. Natürlich. Seine Natur duldete keine Zauber auf seiner Seele.
»Ich kann es nicht«, murmelte ich. »Wieso sind wir hier?«
Ein diabolisches Grinsen machte sich auf den Lippen des Dämons breit. »Hast du etwa Angst davor, mit mir allein hier eingesperrt zu sein?«
»Nein«, erwiderte ich langsam, und war erschrocken, denn es stimmte. Wenn ich aufrichtig zu mir und meinen Gefühlen war, dann existierten innerhalb dieses Augenblicks unzählige Emotionen in mir. Aber Angst gehörte nicht dazu. Weder vor ihm, noch vor den Zhian-Ag. Ich glaubte ihm. War ich denn vollkommen übergeschnappt? Hatte ich Selinias warnende Worte schon vergessen? »Du hast mir dein Wort gegeben, mich zu beschützen«, erinnerte ich ihn schleppend. Als wüsste er das nicht! »Und du könntest sehr wohl gehen, wenn du wolltest.« Mein Atem flackerte vor Anspannung. »Ich weiß, dass Magie bei dir nicht funktioniert.« In Gedanken fügte ich jedoch: ›Außer die meiner Mutter‹, hinzu. »Wieso sind wir hier?«
»Dieses Land besitzt etwas, das in keinem anderen Teil der Welt zu finden ist«, entgegnete der Dämon mit einem spitzbübischen Grinsen und zwinkerte mir lässig zu. »Und ich will es haben.«
»Du bist hergekommen, um diese Kreaturen.. zu bestehlen?«
Karon schüttelte den Kopf. »Nein. Ich bin hier, weil sie es mir geben werden. Sie müssen. Sie wollen es zwar nicht, aber sie werden es tun. Und es wird uns helfen, so schnell und soweit von diesem Ort fortzukommen, wie wir nur können.«
Ich senkte den Blick, streifte Selinia. Der Dämon folgte meiner Geste und fragte wieder: »Soll ich sie wecken?«
Doch zu meiner Verwunderung schüttelte ich den Kopf. »Nein, ich hatte gehofft, wir könnten zuerst..«
»Reden?« Karon lachte. Ein tiefes, dunkles Lachen drängte seine Kehle hinauf. Es klang beinahe wie ein Knurren. »Na gut. Frag mich, Menschenkind. Frag, was immer dich interessiert. Wir werden noch einen Augenblick hier festsitzen und es spricht nichts dagegen, die Zeit sinnvoll zu nutzen.«
Seine lässige Art verwunderte mich angesichts dessen, was Selinia mir über ihn erzählt hatte. Ein Wesen, dessen Leben größtenteils aus Kummer und Sorge bestanden hatte, hatte ich mir anders vorgestellt.
Ich nickte. Ich tastete nach seinem Geist, aber diesmal gelang es mir lediglich, ihn zu streifen. Die Stärke des Dämons hielt mich davon ab, ungefragt in seine Seele einzutauchen. Doch als er mein Anklopfen bemerkte, ließ er den Schutzwall einstürzen und erlaubte mir, einzutreten. Ich schaute mich um. Seine Zerrissenheit und Schwäche war einer Gelassenheit gewichen, die nur von der Eiseskälte überlagert wurde, die jeden Zentimeter seines Inneren erfüllte.
»Was bist du?«, flüsterte ich ihm entgegen und umklammerte mich selbst, als die Kälte aus seiner Seele auch nach meiner greifen wollte. Kalter Nordwind rauschte durch sein Inneres. Ich hörte sein Raunen wie das Jaulen der Schneewölfe. »Wie haben dich die Zhian-Ag genannt, als sie uns angegriffen haben? Winter? Wieso?«
Rasch wich ich mental zurück und ließ ihn ziehen. Karons Blick taxierte mich aufmerksam. Er folgte jeder meiner Bewegungen. Rasch zog er die Mauer um sein Bewusstsein wieder hoch und warf einen Blick zum Höhleneingang hin. »Sie haben uns nicht angegriffen. Du hast geschrien und sie haben dich zum Schweigen gebracht. Waldwesen mögen keinen Lärm. Deswegen wollte ich, dass du still bist.«
Und hätte ich auf ihn gehört, wäre ich nicht niedergeschlagen worden.
»Ich bin in vielen Leben viel und gar nichts gewesen. Ich war sterblich, unsterblich, tot, verliebt, glücklich und einsam. Ich habe viele Namen, viele Gesichter, und bin in jedem Teil der Erde Zuhause. Ich bin Zeit und zeitlos, und ich bestimme meine eigenen Regeln. Die Zhian-Ag nennen mich Winter. Sie lesen Auren und halten mich für ein kaltes und herzloses Wesen.« Er schmunzelte. »Aber das bin ich nicht. Ich bin ein Schattenblut, und doch auch etwas völlig anderes. Du kannst mich Karon nennen. Das ist der Name, den meine Mutter mir gab. Ich stamme aus den Schatten einer anderen, dunkleren Welt und bin hierher gekommen, um Frieden zu finden.«
»Diese Kälte«, setzte ich an. »Was ist das?«
»Ich kann es dir erklären, aber es ist nicht einfach zu verstehen, und meine Worte entführen dich vielleicht in eine Welt, von der du nichts wissen möchtest. Dies ist die letzte Möglichkeit für dich, auszusteigen. Weihe ich dich ein, wird diese unfassbare Welt für dich Wirklichkeit. Und dich deiner Erinnerungen zu berauben, gehört nicht zu meinen Fähigkeiten. Bist du sicher, dass du das wirklich willst?«
»Ich muss alles wissen«, entschied ich tonlos. »Was ist so kalt an dir? Wer bist du? Wieso ist dieser Zauber in der Höhle unter meiner Berührung zerbrochen?«
»Vor sehr sehr langer Zeit habe ich einen Fehler gemacht. Ich verliebte mich in eine Frau, die ich nicht lieben durfte. Ich fand sie als sterbenden Raben, mit einem Pfeil in der Brust am Straßenrand und erkannte zu spät, dass sie eine Hexe war. Ich las den Vogel auf und pflegte ihn gesund, und als ich ihn freilassen wollte, offenbarte mir die Rabenhexe ihr wahres Gesicht. Ich verliebte mich in sie und fortan gab es nur sie in meinem Herzen. Wir waren glücklich. Aber schon bald förderte meine finstere Natur das Dunkelste in ihr zu Tage. Und in mir.« Er suchte in meinen Augen nach Verständnis. Oder war es Vergebung? Ich bemerkte, wie diese Geschichte an seinen Kräften zehrte, aber ich musste sie aus seinem Mund hören. Um meinetwillen. Und seinetwillen. »Ich liebte Syra mehr als mein eigenes Leben. Jung und töricht, wie ich war, glaubte ich, Liebe würde jeden bösen Zauber umkehren. Auch unseren. Aber die Wahrheit ist, manche Flüche können durch Liebe nicht gebrochen werden. Manche Flüche bricht nur der Tod.«
Bei unserer ersten Begegnung hatte ich eine Leere in ihm ausfindig gemacht, die sich nun in seiner Stimme zu spiegeln begann.
»Ich bin in Syras Dunkelheit versunken und war nicht fähig, ihrer Macht allein zu entkommen. Als ich mehr und mehr an mir selbst zerbrach, ließ sie mich ziehen. Wir beide glaubten, wenn wir nur genug Abstand zwischen uns bringen könnten, würde es uns besser gehen. Also ging ich fort und kam an den Königshof, weil der König einen fähigen Heiler suchte.« Er deutete ein Nicken auf die Fee an. »Auf dem Weg dorthin traf ich sie zum ersten Mal. Und deine Mutter. Damals waren deine Mutter und dein Vater noch nicht verheiratet, aber deine Mutter war bereits krank, und dein Vater wollte die beste Betreuung für sie, auch wenn das Volk davon nichts wissen durfte.« Er hielt inne, musterte mich.
Mit der Hand wies ich zu Selinia hin. »Syra hat sie mit einem Fluch belegt. Sie kann nicht in ihre Heimat zurückfinden, bevor dieser Bann gebrochen ist.«
»Möglicherweise kann ich es versuchen.«
»Wirst du sie wecken?«
»Ja. Irgendwann.« Ein verschmitztes Lächeln zeichnete seine Lippen sanft. »Nach meiner Geschichte.«
Beschämt nickte ich. Ich hatte ihn nicht unterbrechen wollen, aber Selinias Wohl lag mir am Herzen und Karon musste wissen, was ihr angetan worden war.
»Ich geriet an den Königshof Oaras und lernte dort deine Mutter kennen. Inadette war krank, sehr krank«, fuhr er fort. »Ihr Herz hatte schon aufgegeben, gegen die teuflische Krankheit anzukämpfen, die sich durch ihren Körper fraß. Sie wusste, sie würde bald sterben. Vielleicht war dies der einzige Grund, weshalb sie mir Hof und Herz öffnete. Aber vielleicht, und daran will ich mit aller Macht glauben, war sie der einzige Mensch am Hofe, der durch meine Maske hindurchsehen und erkennen konnte, dass ich in Wahrheit derjenige war, der jeden Tag ein bisschen mehr starb. Meine Magie half ihr zu genesen, sie wurde stärker, gesünder, und eines Tages fasste dein Vater den Mut, sie zur Frau zu nehmen. Es war damals unüblich, eine bürgerliche Frau zu ehelichen, aber deinen Vater kümmerte es nicht mehr. Ihr Leben stand über allem.«
»Eine.. bürgerliche Frau?«, hakte ich verwirrt nach.
Karon nickte. Sein Gesicht blieb ernst. »Selbstverständlich. Dein Vater und sie-« Seine Stimme ebbte abrupt ab. Er zog die Augenbrauen zusammen, sah mich mit zusammengekniffenen Augen an. »Mh«, machte er schließlich. »Ich verstehe. Die Mönche, die dich aufgezogen haben, wollten nicht, dass du allzu viel über das Leben weißt, in das du hineingeboren wurdest.« Er hob die Hand, winkte ab. »Aber für deine und meine Geschichte ist es von allerhöchster Dringlichkeit, dir ein paar Wahrheiten über das Leben deiner Eltern und dein eigenes zu erzählen.« Er kam näher, schaute mich fasziniert an und erhaschte einen flüchtigen Einblick auf seine Gedanken. Er fand, sie und ich besaßen die gleichen, rehbraunen Augen. »Deine Mutter und dein Vater waren König und Königin des nördlichen Reiches. Sie waren ein Königspaar Theremals.«
Der Boden schien unter meinen Füßen nachzugeben. Ich stolperte. Taumelte, und bevor mir der Grund ganz weggezogen werden konnte, stand der Dämon plötzlich unmittelbar vor mir, packte meinen Oberarm und hielt mich so mühelos fest, als wäre ich nicht mehr als Luft. Er sah mir in die Augen und ich erspähte ein kleines, verräterisches Funkeln in seinen.
»Ich..«, murmelte ich, »muss mich setzen.«
Er ließ mich los und ich sank auf einen großen Felsen nieder. Königin und König Theremals. Herrscher des nördlichen Reiches. Meine Eltern. Die Familie, von der mir nicht mehr als eine blasse Erinnerung geblieben war.
»Ich dachte, mein Vater hat mich vielleicht weggegeben, weil er arm war«, wisperte ich. Von diesem Gedanken musste ich mich nun wohl oder übel verabschieden. »Ich dachte, es wäre zu mühsam, zwei Mägen zu füllen. Aber er.. er war König. Wieso konnte er nicht bei mir bleiben?«
Das Glimmen in Karons Augen verblasste. Er seufzte, ging vor mir in die Hocke und stützte sich mit zwei Fingern an dem Felsen ab, auf dem ich saß. »Deine Mutter hat mir einen sehr, sehr großen Dienst erwiesen, den ich ihr nie vergessen werde. Nur ihr verdanke ich, dass ich heute hier sein kann. Aber dein Vater konnte ihr Handeln nicht verstehen. Er zürnte mir und ließ sich mit Mächten ein, die ihn zerstörten.«
Ich blinzelte. Es tat nicht weh, es fühlte sich nur seltsam an. »Was ist geschehen?«
»Deiner Mutter ging es jeden Tag etwas besser. Meine Magie schlug wunderbar bei ihr an. Aber eines Tages überkam mich Wehmut. Ich wollte nicht wahrhaben, dass ich Macht über den Tod besaß, mir die einzige Frau, die ich liebte, jedoch für immer verwehrt sein sollte. Also kehrte ich noch in dieser Nacht zu Syra zurück, um mein Glück mit ihr zu finden. Ich versprach ihr, uns beide zu retten, und sie glaubte mir blind. Ich wollte so sehr, dass es möglich war, dass ich alle gefährlichen Anzeichen ignorierte. Bald schon bemerkte ich, wie sie sich zu verändern begann. Und ich mit ihr. Unsere Seelen wurden dunkel, ihr Inneres so kalt, dass ich in ihrer Nähe fror. Es gab keine Wärme mehr in ihr, keine Moral, keinen Glauben. Wir verwandelten uns in Wesen des Schattenreichs. Unsere Seelen wurden kalter, lebloser Stein. Dennoch versprach ich ihr, zu bleiben und Rettung für uns zu finden. Zusammen. Ich wollte so sehr an ihrer Seite sein. Als mein Wort ihr nicht mehr genug war, nahm sie mein Blut und wob einen mächtigen Zauber daraus, der mich daran hindern sollte. Aber er war größer, als sie angenommen hatte. Nach und nach begann er, meine Gedanken zu verwirren, meine Entscheidungen zu beeinflussen, mich ganz und gar auszulöschen. Als ich es bemerkte, war es bereits zu spät. Ich hatte mich längst in ihrer Finsternis und dem Zauber verloren und war all das geworden, wovor ich auf der Flucht gewesen war. Ich konnte nicht mehr kämpfen und wir beide ertranken in einem Meer aus Finsternis und Blut. Ich schrieb deiner Mutter einen Abschiedsbrief und schickte immer wieder einen kleinen Zaubertrank, um sie bei Kräften zu halten. Dann ließ ich das Dunkel und den Zauber siegen. Ein Werkzeug, eine Waffe geworden, nicht länger in der Lage dazu, mich selbst zu befreien, versuchte ich es irgendwann nicht mehr und gab auf. Über Jahre hinweg hat Syras Bann jeden meiner Schritte überwacht, meine Kraft in Dunkelheit verwandelt, und sie hat selbst nicht gemerkt, wie verloren ich war. Während ihr eigenes Herz immer kälter wurde, glaubte ich schon nicht mehr daran, dass sich je etwas bessern würde.Wir waren verloren. Dazu verdammt, die Finsternis des Anderen aufzusaugen und darin unterzugehen.Bis heute weiß ich nicht, wie es mir gelingen konnte, aber irgendwie bin ich ihr abermals entkommen. Ich nahm all meine Kraft zusammen und rettete mich an den einzigen Ort, an dem ich Freunde besaß.« Ein kleines Lächeln umspielte seine Lippen, während sein Geist nostalgisch in der Zeit zurückwanderte. »Zu deiner Mutter. In der Zwischenzeit war sie nicht untätig gewesen. Als mein letzter Brief sie erreichte, hat sie sich auf die Suche nach einem Heilmittel gemacht, um den Zauber zu lösen, der mich immer tiefer ins Verderben trieb. Sie hat ihn gefunden. Und als ich ins Schloss zurückkehrte, mehr tot als lebendig, versprach sie mir einen Ausweg aus diesem teuflischen Bann. Im Gegenzug verlangte sie nur mein Versprechen, falls sie nicht mehr in der Lage dazu sein würde, über dich und deinen Vater zu wachen. Du warst noch klein damals. Du erinnerst dich wohl nicht an mich. Aber ich war dort.« Seine zusammengekniffenen Augen wanderten wieder und wieder über meine Gestalt. Erkannte er den Geist meiner Mutter in mir? Den meines Vaters? Erschien ich ihm vertraut? »Inadette schlug mir ein sehr altes und gefährliches Ritual vor, um mich zu befreien. Dass ich an dessen Ende vielleicht nicht mehr die Kraft besitzen würde, sie zu retten, sorgte sie nicht.« Sein Blick flackerte. »Sie war bereit, ihr geliehenes Leben meiner Ewigkeit zu opfern. Und ihre Zukunft mit dir. Ich weiß, was es heißt, Opfer zu bringen. Aber der Preis, den sie zahlte, bleibt seit jeher unerreicht für mich. Vielleicht verstehst du jetzt, weshalb deine Sicherheit für mich an oberster Stelle steht.« Ich spürte seine Worte wie Messerstiche in der Brust. »Manchmal denke ich, wäre ich stärker gewesen, hätte ich vielleicht einen anderen Weg gefunden. Aber damals war ich am Ende meiner Kräfte angelangt. Syras Zauber zehrte mich aus. Meine eigenen Gefühle standen mir im Weg und ich hasste zutiefst, was aus mir geworden war. Ich brauchte die Gewissheit, wieder lachen und weinen, fühlen und selbstständig denken zu können, wie die Luft zum Atmen. Also willigte ich ein.«
»Was für ein Ritual war das?«
»Die Erweckung des Whyndrir-Geistes«, erwiderte das Schattenblut ehrfürchtig. »Ein vergessenes Ritual, das eine unsterbliche Seele untrennbar in der Welt verankert, in die es gehört. Dabei wandert die Seele einmal durch die Geisterwelt und zurück. Alle irdischen Flüche und Unreinheiten bleiben in der Anderswelt zurück und nur das reine Wesen, erfüllt von Magie, kehrt auf die Erde zurück. Ich bin durch Blut und Fleisch an die Erde gebunden, auf der ich stehe, aber durch diesen Ritus bin ich endlich frei. Theremals Essenz schenkt mir Kraft und Leben, und es ist nahezu unmöglich, mich zu töten. Jedenfalls behaupten das alte Überlieferungen. Es ist möglich, aber nicht einfach. Um dieses Ritual durchführen zu können, musste mich eine gute Seele begleiten. An einen Ort zwischen Leben und Tod. In die Welt zwischen den Welten. Es funktioniert nur, wenn eine sterbliche Seele für das Wesen bürgt, das das Ritual vollziehen will. Deine Mutter ging mit mir und wohnte mir drei Tage und Nächte lang bei, während ich die Mächte des Whyndrirs heraufbeschwor und um Errettung durch seine Macht bat. Am Ende gelang es mir, meine Seele an die Erde zu binden. Ich spürte, wie mein Bann in Flammen aufging. Wie mein Inneres dahinschwelte, während sich meine Seele von ihrem Feuer befreite. Zurück blieb nichts als Kälte in mir. Um den Zauber zu brechen, ging all mein Feuer für immer verloren. Ich besitze ein eiskaltes Herz. Kalt genug, um jeden Zauber abzuwehren. Das ist der Sturm, der durch meine Seele fegt. Du kannst ihn spüren. Ich bin ein Schattenschamane geworden, und solange ich lebe, wird dieses kalte Herz mein Leben beschützen, und ich werde im Gegenzug Theremals Wächter sein. Das ist der Pakt. Ich kenne jeden Zauber, jede Form der Magie, und bin an keines ihrer Gesetze gebunden. Whyndrir-Magie ist älter als die Regeln, die für Zauberei erschaffen wurden. Sie stammt aus einer anderen Zeit. Diese Magie kann töten. Sie kann dich zwingen, dich zu verlieben oder eine Liebe, ganz gleich, wie sehr du daran hängen magst, und für wie groß und ehrlich du sie hältst, für immer zerstören. Ich kann dir meinen Willen aufzwingen und dich in deinem eigenen Kopf einkerkern, dich in etwas anders verwandeln oder für immer verschwinden lassen. Ich könnte dich an den Rand der Welt bringen und über ihre Grenzen ins große Nichts stoßen. Magie wie diese ist gefährlich, und sie hat diese Welt schon manche Qualen erleiden lassen. Aber mir hat sie das Leben gerettet. Sie kann ganze Völker retten, Wunden heilen und das Gleichgewicht Theremals bewahren. Ich bin frei.«
Ich dachte über seine Worte nach. Eine Magie, so groß, dass sie keinem Gesetz folgte, so wild, dass sie nicht für diese Welt geschaffen war. Und dennoch hatte sie ihm einen großen, gnädigen Dienst erwiesen und sein Leben gerettet. »Wenn meine Mutter gewusst hat, dass du von deinem Bann befreit warst, wieso hat sie dich dann in diese Höhle gesperrt?«
»Die gleiche Frage habe ich mir wieder und wieder gestellt. Wollte sie mich beschützen? Verhindern, dass ich etwas Dummes tat, um sie zu retten? Wollte sie, dass ich das Ritual in dieser Form in jedem Fall überstand? Sag du es mir. Ich weiß es nicht. Aber ihr Opfer war nobel, und ich werde niemals ihre Motivation in Frage stellen. Ich bin frei. Nur das zählt. Und ein Jahrzehnt ist eine lange Zeit. Für die Welt bin ich damals gestorben. Sie hat versucht, mich zu vergessen, und es scheint ihr gelungen zu sein.« Ich hörte seine Worte und verstand deren Sinn, aber eine leise Stimme in mir raunte mir zu, dass Karon seinen eigenen Worten nicht glaubte. Er zögerte merklich, mit jedem Satz etwas mehr. Als hoffte er selbst, er könne seine Gedanken irgendwann einmal glauben. »Ich wusste viele Jahre nicht mit Sicherheit, ob es funktioniert hat. Ich spürte nichts mehr. Keine Magie, keine Bindung zur Menschenwelt, keinen Kummer. Das muss Teil des Zaubers gewesen sein, den deine Mutter wirkte. Erst als du in die Höhle kamst und ich meine wahre Gestalt annehmen konnte, spürte ich, dass sich alles verändert hat. Es ist, als hätte dein Erscheinen, das Ritual erst beendet. Ich kann diese Kraft in mir spüren. Die Welt hat sich verändert, während ich fort war. Ich bin ruhiger, und wenn ich die Augen schließe, ist Syras Stimme fort. Meine Gedanken, mein Körper und meine Seele, sie alle gehören wieder alleine mir. Mir allein. Ein eiskaltes Herz ist ein geringer Preis für den Erhalt meiner Seele. Das ist die Kälte, die du fühlen kannst, wenn du in meiner Nähe frierst.« Seine Mundwinkel zuckten. »Und dass ich heute hier sein kann, verdanke ich einer sehr tapferen Frau.«
»Diese Kälte ist der Grund, weshalb dich die Zhian-Ag Winter genannt haben«, vermutete ich. »Ist dieses Ding, das du hier finden willst, irgendeine magische Whyndrir-Sache? Du hast uns doch nicht zufällig in die unbekannten Wälder der Thenkra-Inseln gebracht, oder?«
Unterhalb des Festlandes lag Thenkra verborgen. Eine große Hauptinsel und drei kleinere südlich. Umschlossen von Meer und Wellen. Viele Legenden und Mythen rankten sich um diese eigenständigen Inseln, auf die kein Mensch gerne auch nur einen Fuß setzte. Man erzählte sich, dass Ungeheuer zwischen den Bäumen hausten, dass Magie hier waltete und Land und Leute in seltsame Kreaturen verwandelte. Niemand, den ich kannte, war je an diesen verfluchten Ort gereist.
Der Dämon zog eine Augenbraue in die Höhe, nickte dann jedoch. »Es ist ein Runenstein, der seinem Träger die Macht gibt, Brücken in verschiedene, mit Theremal verbundene Welten zu schlagen. Unter anderem in die, aus der ich komme.«
Ich seufzte. »Du willst nach Hause zurückkehren.« Wo auch immer das sein mochte. Obwohl ich es verstehen konnte, traf mich der Gedanke hart, Abschied von dem einen Wesen nehmen zu müssen, dessen Worte Erinnerungen an meine Mutter in mir wecken konnten.
Ich tadelte mich selbst: Karon war ein Fremder für mich. Zwischen uns existierte keine emotionale Bindung, und doch schien er der lebende Beweis dafür zu sein, dass ich eine Vergangenheit vor dem Kloster, vor einer Existenz in Abgeschiedenheit und Ruhe besaß. Er kannte mich. Und am Grunde meines Herzens kannte ich auch ihn.
Ein altes, verstecktes Wissen wallte in mir auf und ermutigte mich dazu, ihm mein Vertrauen zu schenken. Seine Worte bargen so viel Wahrheit. Sie erfüllten mich mit Zuversicht, die mir die Mönche unwissend über Jahre hinweg ausgetrieben hatten. Etwas, das mich an Heimat erinnerte. An ein Ziel, dem ich stets entgegengestrebt hatte, und dem ich doch niemals nähergekommen war. Plötzlich schien ich den Pfad dorthin in meinem mysteriösen Gegenüber gefunden zu haben.
»Nein.« Karons Lächeln verlor sich. »Ich bin hier zu Hause. Aber mit Hilfe dieses Runensteins kann ich einen Teil meiner Macht auf eine andere Person oder einen Gegenstand übertragen. Du wirst dich schützen müssen, wenn Syra kommt. Die Schattengänger, die uns in der Höhle aufgelauert haben, waren nicht grundlos dort. Sie haben mich zehn lange Jahre lang bewacht, und ich zweifel nicht daran, dass Syra längst von meiner Befreiung weiß. Schattengänger sind Augen und Ohren für sie. Sie werden ihr alles erzählen. Von dir und mir. Davon, dass du Inadettes Zauber gebrochen hast. Und wenn ich nicht zurückkehre, wird Syra glauben, mein Bann sei zerschlagen. Sie hat nie von dem Ritual erfahren. Im schlimmsten Fall wird sie glauben, du hast meinen Bann gebrochen, und nur du kannst ihn wiederherstellen.« Er hob den Kopf, schaute mich ein wenig ratlos an und sagte dann, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen: »Sie wird dich jagen und hetzen, sie wird versuchen, dich zu isolieren und zu fassen. Und wenn es ihr gelingt, dich von mir zu trennen, kann Nichts und Niemand dich vor ihr retten.« Sein Lächeln versiegte. »Nicht einmal Whyndrir-Magie. Aus diesem Grund brauche ich den Runenstein.«
Ich blinzelte. »Du willst mir Zauberei überlassen?«
»Ich will dir die Möglichkeit geben, dich zu verteidigen. Es wird nicht ausreichen, um Zauber zu vollführen, aber sehr wohl, um dich aus brenzlichen Situationen zu retten. Der Stein schlägt Brücken in andere Welten und zu anderen Orten. Seine Magie trägt dich fort an jeden Ort, an den du gelangen willst.«
»Mit Magie? Ich habe keine Ahnung von Magie. Bis ich dich traf, habe ich niemals etwas Magisches bewirkt! Ich bin nur ein einfacher Mensch.«
»Ein einfacher Mensch..« Schmunzelnd wiederholte der Whyndrir meine Worte. »Ich habe Menschen Städte in festen Stein schlagen sehen. Nur ein Mensch ist manchmal mehr, als alle Zauber dieser Welt zusammen.« Er kam näher, berührte mit einer Hand fast mein Bein. »Ich hatte schon immer eine Schwäche für das Menschenvolk, ihre Riten und Bräuche. Vor allem aber habe ich stets ihren Mut und ihre Willenskraft bewundert. Für ein so junges Volk, das so unsagbar zerbrechlich ist, habt ihr mehr Mut in euch, als jeder Unsterbliche.«
Ich ließ ein kleines Lächeln über meine Lippen huschen. Die Verbindung zwischen dem Dämon und mir war unbegreiflich für mich. Aber ich empfand weder Angst noch Sorge in seiner Nähe. Es war, als läge eine unsichtbare Hand auf meiner Schulter und drückte sie sanft, während mir eine wortlose Stimme zuflüsterte, dass ich vor ihm nichts zu befürchten hatte. Es fühlte sich an, wie eine Heimkehr. Ich kehrte in seiner Nähe nach Hause zurück, ohne je gewusst zu haben, dass ich etwas Vergleichbares besaß. Ein kleiner Teil meines Bewusstseins wusste längst, dass die Hand auf meiner Schulter und die Flüsterstimme der Geist meiner Mutter waren. Ein anderer Teil in mir wehrte sich noch gegen diese Erkenntnis.
Ich schüttelte den Kopf und warf die Gedanken von mir. Schwäche und Verwirrung durfte ich mir im Augenblick nicht leisten. »Hast du sie geliebt?«, raunte ich ihm zu. Wenn er von meiner Mutter sprach, erwachte stets dieser dunkle Ton in seine Stimme. Etwas Tiefes, Friedliches, etwas, das Unendlichkeit klang. »Meine Mutter, meine ich.«
»Für mich«, gab Karon schamlos zu, »gab es immer nur Syra. Das wird immer so bleiben. Nichts wird daran etwas ändern.« Er entzog mir seinen Blick und wirkte plötzlich wie ausgewechselt. Er stemmte sich ungelenk auf die Füße hoch, wandte sich ab und ich bemerkte, wie er zum Höhleneingang hinüberschaute, um sich selbst von einem Gedanken abzulenken, der ihn belastete. »Und für deine Mutter immer nur dich und deinen Vater.«
»Was ist?«, fragte ich verwirrt und wollte aufstehen, um ihm nachzugehen, aber er winkte ab und ich sank zurück auf meinen Felsen. »Was..?«
»Erias«, fuhr der Dämon fort. Seine Stimme hatte sich in Samt verwandelt. »Es gibt da noch eine zweite Wahrheit hinter meiner Geschichte. Es geht um deinen Vater.«
»Was.. ist mit ihm?« Er hatte ihm Rache geschworen, war verrückt geworden und gestorben. Was gab es mehr zu sagen?
Karon drehte den Kopf. Sein Blick brannte sich in mein Gesicht. Ich spürte, wie es in ihm grollte. »Ich sagte dir bereits, dass dein Vater sehr zornig auf mich war und dich fortgab, damit ich dich nicht finden konnte. Aber ich habe ausgelassen, welchen Preis er für sein Handeln zahlte.« Der Dämon kniff die Augen zusammen. Ich bemerkte, wie schwer es ihm fiel, die Worte auszusprechen, die offenbar schwer an ihm nagten. »Dein Vater wusste, Inadette würde sterben, wenn sie mir half. Er flehte sie an, vernünftig zu sein, beschwor sie, ihm und ihrem Kind eine Chance zu geben, glücklich zu werden, aber er konnte sie nicht umstimmen. In der Nacht vor dem Ritual kam er zu mir und schwor mir, er würde jeden Dämon, jeden bösen Geist, jeden Schatten und jeden Fluch, der seinen Weg kreuzte, dazu verwenden, den Rest meines Lebens in eine Hölle auf Erden zu verwandeln. Ich wollte ihm helfen, aber als ich ihn ansah, wusste ich, dass seine Seele längst verloren war. Dein Vater hatte sich Mächten zugewandt, die ihn zerstört und vernichtet haben. Und es ist meine Schuld. Du bist sein Sohn. Es ist dein Recht, zu erfahren, was geschehen ist. Indem ich deine Mutter ihren Teil der Abmachung erfüllen ließ, schickte ich nicht nur sie in den Tod, sondern auch deinen Vater. Ich hätte vielleicht Schlimmeres verhindern und ihn von der Finsternis befreien können, aber ich tat es nicht. Ich überließ ihn seinem Hass und seiner Trauer und schaute dabei zu, wie es ihn zerstörte. Es ändert alles und nichts, aber die Wahrheit ist ein guter Anfang, um mir dein Vertrauen zu erarbeiten. Es tut mir leid.«
Ich war weder wütend, noch bestürzt. In meinen Erinnerungen war meine Familie nur ein blinder Fleck. Ich kannte ihre Gesichter nicht mehr. Sie waren Fremde für mich. Und auch, wenn ich mir immer wieder gewünscht hatte, sie wären noch bei mir, brachte Karons Ehrlichkeit sie mir nicht zurück.
Wie von selbst tastete mein Geist nach seinem. Ich war erstaunt, wie einfach er mich einließ. Wieder spürte ich Aufrichtigkeit in ihm und zog mich rasch zurück. Dem Dämon jedoch entlockte mein schneller Rückzug ein Grinsen. »Diese Fähigkeit, in die Gedanken anderer zu schauen, ist eine ganz und gar dämonische Eigenschaft.«
»Besaß meine Mutter sie auch?«
»Nein. Aber ich.« Ein kleines Funkeln glomm in den giftgrünen Augen des Kriegers auf. »Wenn man sein Blut mit einem anderen Wesen teilt, ist es möglich, dass gewisse Eigenschaften auf diese übergehen. Ich bin von Geburt an ein recht begabter Gedankenfühler. Ein paar Fetzen meiner Gabe sind durch mein Blut auf dich übergegangen.«
»Aber wir haben nie..«
»Mein Blut befand sich im Körper deiner Mutter, als sie schwanger war. Ein Grund mehr für Syra, dich ausfindig zu machen. Du trägst mein Bluterbe in dir.«
»Ich besitze dämonische Fähigkeiten?«, echote ich. War das möglich?
Karon nickte. »Das ist nicht ungewöhnlich, wenn man bedenkt, dass deine Mutter über Jahre hinweg damit in Berührung gekommen ist.« Er schaute mich sanft an. »Bist du in Ordnung?«
»Ja, ich denke schon. Ich bin ziemlich müde und mein Kopf tut weh, aber ich komme zurecht.«
Ich musste wohl hilfesuchend zu Selinia hinübergesehen haben, denn Karon wandte sich plötzlich ab, heftete seinen Blick auf die Düsterfee und fragte mich ernst: »Würde es dir bessergehen, wenn du mit ihr reden könntest?«
Ich wusste nicht, wie sie reagieren würde, wenn sie die Augen aufschlug und sich dem Dämon gegenübersah, aber ich war mir sicher, ihre geistige Nähe, würde mir helfen, Ruhe zu bewahren. Zwischen Karon und mir bestand eine Verbindung, die ich nicht leugnen konnte. Aber die Kälte auf seiner Seele, schreckte mich ab. Sie isolierte uns beide, immer dann, wenn mein empathischer Geist am dringendsten Nähe suchte.
»Sie wird wütend sein«, murmelte ich.
Der Dämon zuckte die Achseln. »Irgendwann werde ich mich dieser Wut stellen müssen. Ich wüsste nicht, was es besser macht, diesen Zustand aufzuschieben. Außerdem - sie wird zuerst dich in Stücke reißen.«
Ich schluckte. »Ich wünschte, ich wäre sehr, sehr weit weg, wenn es passiert. Möge der Whyndrir uns beistehen, wenn sie aufwacht.«
Karon lachte nur.

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beta
Fairy Dust

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