Whyndrir IV

Syra saß am Rand der tiefen, großen Marmorwanne. Das Gesicht, das ihr aus dem Wasser entgegenblickte, ähnelte einer Maske. Es war makellos, fein gezeichnet und doch von einer Härte ummalt, die in einem Frauengesicht nichts verloren hatte. Die Dienerin, die sich hinter ihr auf einen Schemel gestellt hatte, ließ eine Bürste wieder und wieder über ihr pechschwarzes Haar streichen, das sich jeder Zähmung entzog. Es war noch immer nass und roch nach Seife und Sauberkeit. Missbilligend betrachtete Syra ihre Bemühungen und wusste insgeheim längst, dass sie keine Frisur, die ihr die Dienerin zaubern konnte, gefallen würde. Nichts gefiel ihr an diesem Morgen, und auch in den letzten Tagen nicht. Nichts stellte sie mehr zufrieden oder vermochte ihr ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.
Ohne ihren Liebsten fühlte sie sich wie ein Adler mit gebrochenen Flügeln. Sie war in Sturm geraten und trudelte haltlos durch die Luft. Es gab nichts, woran sie sich festhalten konnte. Die einzige Konstante in ihrem Leben war schon viel zu lange fort und fehlte ihr jede Sekunde, jeden Augenblick ein wenig mehr.
Ein grausames Schicksal hatte sie entzweit. Es trennte sie, auch wenn sie füreinander geschaffen waren.
»Ihr seht traurig aus«, hörte sie die Dienerin murmeln. Sie hob den Blick und betrachtete ihr gespiegeltes Abbild mit hochgezogenen Augenbrauen. Das Mädchen hinter ihr senkte beschämt den Blick auf das dunkle Haar und bürstete weiter als hinge ihr Leben davon ab.
»Tu ich das? Kümmere dich nicht darum«, befahl Syra ihr. War das noch ihre Stimme? Sie war rau und tief, die dunkelhaarige Schönheit empfand sie als hohl und leer. »Ich will sie hochgesteckt tragen.« Sie wollte streng wirken, begehrenswert und bedrohlich. Ein paar aus dem Zopf ragende lose Strähnen im Gesicht, ein kleines Lächeln auf den Lippen und die Herzen all der Männer dieses Reiches lagen ihr zu Füßen.
Jedes Einzelne, bis auf eines. Das, das sie am allermeisten begehrte, und stets begehren würde.
Das Mädchen musterte die Rabenhexe nervös. Sie hörte auf damit, sie zu kämmen und begann das dicke, störrische Haar zu zwei gleichstarken Zöpfen zu flechten. Syra verfolgte jede ihrer Bewegungen im unbewegten Wasser. Die Frisur, die sie ihrer Herrin angedacht hatte, gefiel dieser. Syra trug sie oft. Sie verkörperte Macht und Stolz. Sie schlang die beiden Zöpfe ineinander, schob zwei filigran gearbeitete Haarnadeln hindurch, sodass es wirkte, als säße ein Spinnennetz von hinten auf ihrem Kopf. Als sie fertig war, nahm sie einen Kamm, zog fünf einzelne Strähnen aus der hohen Stirnpartie der Zauberin und wickelte sie um den Finger, zog einzelne Locken heraus und ließ sie weich in ihr Gesicht gleiten.
Syra schaute auf. Da war sie. Die wunderschöne, eiskalte Frau, die ihr seit Jahren jeden Morgen aus eben jenem Spiegel entgegenblickte. Früher hatte sie ihr Anblick nicht gestört. Sie mochte, was sie sah, und ihr gefiel die Aura, die sie umgab. Früher war Karon dort gewesen, wenn sie in diesen Spiegel geblickt hatte. Sie erinnerte sich daran, wie er im Hintergrund auf dem Bett lag oder vor ihr in der Wanne schwamm, sie wortlos beobachtete oder von einer größeren Welt, frei von allem Schlechten, träumte. Voller Hingabe und Leidenschaft. Auf ihrem Herzen manifestierte sich sein Blick so wirklich, als würde er sie tatsächlich ansehen.
Ihre Haut begann zu prickeln.
»Geh jetzt!«, blaffte sie die Dienerin an, streckte den Fuß aus und begrub mit seiner Hilfe ihr eigenes Abbild unter Wellen. »Und bring mir Markos her.«
Die Dienerin nickte, verneigte sich und verschwand. Ihre Schritte klangen noch eine Weile nach, dann blieb Syra mit der Stille zurück. Langsam erhob sie sich, raffte den Saum ihres Morgnmantels zusammen und nahm auf dem Bett Platz. Wie von selbst fuhren ihre Finger zu jener Stelle, wo Karon meist morgens noch gelegen hatte, nachdem sie bereits aufgestanden war. Sie strichen zärtlich über das Seidenlaken, das noch immer ein wenig nach ihm roch. Alles in diesem Zimmer erinnerte sie heute daran, wie viele Stunden sie vor und nach dem Fluch hier gesessen hatten, und wie oft sie ihm geschworen hatte, seine Kraft niemals zu missbrauchen.
Als sie diesen Schwur das erste Mal brach, glaubte sie ihn bereits verloren. Karon war kein Mann, der gut verzeihen konnte. Er hielt an seltsamen Werten fest, wie Moral und Anstand, und klammerte sich mit aller Macht an allem fest, was ihm das Gefühl von Leben vermittelte. Sein verdorbener Geist wollte nicht begreifen, wie sehr er über diesen Worten stand. Danach wurde er stiller und stiller. Er erschien ihr in sich gekehrter, und irgendwann bemerkte sie eine Veränderung in ihm, die mit der Einschnürung seines freien Willens einherging, und umschlang seinen Geist noch fester mit ihrem Zauber. So fest, bis sie in seinen Augen nichts mehr von dem Mann wiederfinden konnte, dessen Lachen sie sooft vom Grund ihrer Seele zurückgeholt hatte. Sie hatte ihm beim Sterben zugesehen, und nun war er fort.
So viele Jahre schon. Ein halbes dunkles Leben lang. Morgens wachte sie auf und flehte, dass es nie geschehen war. Sie rollte sich zur Seite und streckte die Hand aus, doch sein Platz blieb leer. Er war fort, hatte es in einem Moment der Unachtsamkeit geschafft, den Bann von sich zu streifen und zu entkommen. Es war unfassbar, unmöglich, aber ihm war es gelungen. Er hatte vollbracht, was als undenkbar galt, und seit er fort war, wollte sie ihn nur umso mehr zurück. Sie brauchte ihn, und der Bann, der ihn an ihr Herz fesselte, versicherte ihr mit grausamer Genugtuung jederzeit, dass auch er sie brauchte. Seine Nähe machte sie glücklich, sein Wesen erfüllte sie mit Leben. Ganz gleich, wie weit er sich von ihr entfernte, sie spürte jederzeit die Macht ihres eigenen Willens auf seinen Körper, auf seine Seele. Jedenfalls war das so gewesen, bis er verschwand. Sie war zurückgeblieben, traurig, wütend und einsam.
Jetzt jedoch befand er sich in Freiheit und hatte bislang nicht Weg zurück zu ihr gefunden. Sie wusste, er war befreit worden. Sie spürte es in sich. Und doch war er fort. Und sie allein. Und einsam.
Syra versuchte sich einzureden, sie hätte ihn schon viele hundert Male zurückholen können, wenn sie nur gewollt hätte. Aber in Wahrheit wusste sie nicht wirklich, wie er die Kraft aufgebracht hatte, sich aus dem ihm auferlegten Zwang hinauszuwinden. Sie hatte ihm dabei zugesehen, vom Fenster aus und erinnerte sich noch immer, als wäre es gestern gewesen. Er stand auf der Wiese, die Hand dem Wald entgegengestreckt, als würde ihn dieser retten, und dann spannte sich eine unmögliche Macht um seine Seele, zerbrach sie in viele funkelnde Scherben und ließ ihn verschwinden. So war er ihr damals entkommen, und nie zurückgekehrt. Und sie hatte ihn nicht aufgehalten. Nein, sie hatte ihn gehenlassen. Sie dachte, der Zauber bringe ihn auf jeden Fall zurück. Aber das tat er nicht.
Damals hatte sie ihm nachgeschaut, stundenlang. Sie war sich so sicher, der Schmerz, den ihm der Bann bereiten konnte, würde ihn zur Rückkehr zwingen. Aber nichts geschah. Und als die Sonne aufging, wusste sie, dass sie ihn verloren hatte.
Fest schlangen sich die Finger der Hexe in die Seidendecke. Wie gern hätte sie sich hinabgebeugt, sie mit der Wange gestreift und sich vorgestellt, er wäre hier. Aber sie konnte nicht, sie durfte es nicht.
Heute war der Tag, an dem sie ihn finden würde. Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit hatten die Vibrationen seiner Macht Syra noch vor Morgengrauen aus dem Schlaf gerissen und im Anschluss wachgehalten. Er musste Magie angewandt haben. Und wenn er dazu in der Lage war, ging es ihm besser. Er musste in der Nähe sein, und das bedeutete, ihr Bann gewann mehr Macht über ihn, je näher er mir kam. Was auch immer ihn trieb, es trieb ihn zu ihr zurück. Fester in ihre Arme. Zurück an ihr Herz.
Ein winziges Lächeln flüchtete sich in Syras Gesicht und verwandelte die starre Maske in ein Abbild tiefster Sehnsucht. Nach allem, was sie einander angetan hatten, führte sie das Schicksal dennoch immer wieder zusammen. So war es immer, so sollte es sein.
Sein wildes Wesen trieb ihn wie ferngelenkt in ihre Arme zurück. Und wenn er kam, standen sie ihm offen. Immer. Auch, wenn er es nicht wahrhaben wollte. Auch wenn es falsch war, und sie beide in Gefahr brachte. Wenn er es hasste und verabscheute. Er gehörte hierher. Zu ihr. An ihre Seite, als der mächtigste Mann am Hofe. Vielleicht sogar, als der gefürchtetste Mann, den die Welt je gesehen hatte. Als der Mann, den sie liebte, als ihr Lehrmeister und ihr Freund. All das stellte er nach wie vor für Syra dar. Er war der einzige Freund, den sie hatte, trotz des Zaubers. Und er war in Gefahr. Jetzt und solange er lebte jeden weiteren Tag. Sie musste ihn finden. Sofort.
Sie erhob sich majestätisch. Ihr Blick flog zur Tür. Sie musste nichts weiter tun, als den Befehl zu erteilen, nach dem sie sich in den letzten Jahren tagein tagaus so sehr verzehrt hatte. Mit erhobenem Haupt streckte sie die Hände vor und öffnete die Flügeltür selbst. Vor ihr, in einem lichtdurchfluteten, schneeweißen Gang, kniete ein Mann in Rüstung und Waffen.
Er senkte den Kopf, als sich die Zauberin im Türrahmen zeigte. Halblanges, rabenschwarzes Haar fiel ihm verschwitzt vor die Augen. An seinen Händen klebte Blut. Der Geruch von Tod und Vergeltung haftete ihm an.
»Markos«, hauchte sie ihm begehrlich zu, senkte die Finger und griff liebkosend in sein Haar. Ein Seufzer fiel von seinen Lippen, so sehr schmerzte und entzückte ihn diese sinnliche Geste. Rasch hob er den Blick, und als sich Syra seiner Aufmerksamkeit sicher war, lächelte sie in seine dunkelbraunen Augen und sagte: »Ich weiß jetzt, wo du ihn finden kannst.«
Der Krieger kniff die Augen zusammen. Angespannt, aber aufmerksam klebte er an ihren Lippen. Wie immer. Er war ein Schaf. All seine Stärke war nichtig, angesichts dessen, wie schwach sein Fleisch war. »Was sagt Ihr da?«
»Karon ist seinem Verlies entkommen. Meine Späher haben ihn in Freiheit gesichtet. Ich will, dass du ihn findest, ihm folgst, ihn beobachtest. Und wenn du kannst, hänge dich an seine Fersen. Ich will wissen, wer bei ihm ist, wem er vertraut, wohin er geht.«
Markos verschluckte sich beinahe, atmete rasselnd ein und aus. »Ich würde nichts lieber tun, als den Verräter zu Euch zurückbringen, doch..« Angespannt faltete er die Hände ineinander. »Gegen Magie bin ich nicht immun. Wie soll ich mich dem Schattenblut nähern?«
»Lass das meine Sorge sein«, erwiderte die Hexe. Ihr Lächeln wurde breiter. Sie hatte ihn längst um den kleinen Finger gewickelt. »Seine Unachtsamkeit bringt mir die Stärke zurück, die ich fast verloren hätte. Bring mir eine Karte und ich zeige dir und deinen Männern, wo du suchen musst. Und wenn du ihn gefunden und zu mir zurückgebracht hast, werde ich dich reich entlohnen und dich zum zweitmächtigsten Mann meines Reiches machen.«

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