Wie glühendes Feuer unter meiner Haut

Ich blieb die ganze Woche Zuhause. Zu meinem Unglück wurde ich fast jede Nacht von denselben Albträumen geplagt. Ich besuchte jedes Mal das überhitzte 38° und endete auf dem eiskalten harten Asphalt mit einer Pistole im Gesicht.
Das Schlimmste daran war nicht mein bevorstehender Tod, sondern die Tatsache, dass James mein Mörder sein sollte.
Dadurch, dass ich ihm jede Nacht in meinen Träumen begegnete, verstärkte sich meine Sehnsucht nach ihm. Ich vermisste ihn unendlich. Obwohl ich ihn kaum kannte, fühlte ich mich ihm auf irgendeine Weise verbunden. Ich wurde traurig, als mir klar wurde, dass ich James wohl nie wiedersehen würde.
Aber was war mit dem Treffen im 38°? Wir waren uns begegnet.
Ich musste ihn unbedingt wiedersehen, mit ihm reden und ihn berühren, denn ich war in ihn verliebt, aber fühlte er genauso?
Tief in meinem Inneren hoffte ich es, doch ich wusste, dass es nicht so war. Unsere Unterhaltung war sachlich gewesen, nichts Besonderes. So, wie ich. Ich war langweilig und uninteressant. James hatte mit mir geredet, um die Ereignisse bei unserer ersten Begegnung zu klären und aus purer Höflichkeit hatte er mit mir getanzt.
Oder hatte er sein unverschämtes Verhalten wieder gut machen wollen? Egal. Ich hatte mir zuviel darauf eingebildet.
Ich wollte mit jemandem reden, jemanden in meinem Alter, doch seit einer Woche erreichte ich keinen meiner Freunde. Langsam machte ich mir ernsthafte Sorgen. Mindestens dreimal am Tag hatte ich versucht Linda, Vanessa oder Zack zu erreichen. Vergebens.
Meine Eltern hatten versucht mich zu beruhigen und empfahlen mir sie zu besuchen.
Die freie Woche hatte sowohl mir, als auch meinen Eltern gut getan. Meine Mom war in den nächsten Tagen noch immer aufgelöst gewesen. Sie konnte kaum schlafen und hatte für ihre Verhältnisse sehr wenig geredet. Mein Dad und ich hatten sie mit gemeinsamen Spaziergängen oder Filmen abgelenkt. Es hatte etwas geholfen.
Nun war sie wieder ganz die Alte, die viel lachte und redete. Ich war erleichtert, dass es meiner Mom endlich besser ging. Da ich mir keine Sorgen mehr um sie machen musste, konnte ich getrost am Samstag einen alleinigen Spaziergang durch den nahe liegenden Park machen und danach Linda besuchen.
Am Morgen saß ich in der Küche und aß Cornflakes. Die Sonne war nicht zu sehen. Graue Wolken verhangen den Himmel und verdunkelten die Straße. Meine Eltern schliefen noch, daher war ich allein und rührte gelangweilt in meinen schon durchgeweichten Cornflakes. Da ich keinen Hunger mehr hatte, schüttete ich den Rest in die Spüle und ging in den Flur.
Ich zog mir einen dicken Parka und gefütterte warme Winterstiefel an. Mein Schutz vor der Kälte war vielleicht etwas übertrieben, aber ich fror sehr schnell und ich wollte nicht krank werden. Eine Woche zu Hause reichte mir, da musste ich nicht noch eine Weitere dranhängen.
Nachdem ich die Tür hinter mir geschlossen hatte, kroch die Kälte schon unter meinen Parka. Selbst dicke Kleidung half nichts. Nach meinem Gefühl waren es gerade mal 2°. Meine gute Stimmung war getrübt. Schlecht gelaunt stampfte ich los. Nur wenige Leute kamen mir bei diesem Wetter entgegen. Alle waren so warm eingepackt, wie ich. Der Wind heulte und wirbelte meine Haare wild durch die schneidende Kälte.
Immer wieder klemmte ich sie mir hinter die Ohren, mit wenig Erfolg.
Die Haut meines Gesichts schmerzte und war gerötet. Ich überlegte, ob ich den Spaziergang nicht lassen und sofort zu Linda gehen sollte, aber es war gerade mal 11 Uhr und vermutlich schlief sie noch. Also bog ich durch einen eisernen verschnörkelten Torbogen in den kleinen Park ein. Die Bäume sahen kränklich und alt aus. Die Blumen hatten noch nicht ihre Farbenpracht zurück. Ein oder zwei Jogger liefen an mir vorbei.
Wie kann man so verrückt sein und in aller Frühe, an einem Wochenende, und bei dieser Kälte Sport treiben? Verständnislos schüttelte ich den Kopf.
Trotz des deprimierenden Wetters genoss ich den Spaziergang und atmete genüsslich die frische reine Luft ein. Ich entdeckte eine abseits stehende Bank unter einer Eiche und setzte mich. Zwar hatte ich einen dicken Parka und warme Schuhe an, doch durch meine dünne Jeans drang unerbittlich die Kälte. Ich zitterte und klapperte lautstark mit den Zähnen.
„Hallo“, hauchte mir plötzlich jemand in mein linkes Ohr. Aus Schreck machte ich einen kleinen Hopser und landete unsanft wieder auf der harten Bank.
Als ich zur Seite blickte, traf mich ein Paar grauer Augen. Diese Augen, die mich faszinierten und sprachlos machten.
„Ha…ha…hallo“, stammelte ich verlegen und mein Gesicht glühte. James lächelte.
Na toll, lacht er über meinen Hopser oder über meine Verlegenheit? Verärgert rieb ich mir die schmerzende Stelle und funkelte ihn erbost an. Beschwichtigend hob er beide Hände.
„Tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken.“
Die Freude über seine Anwesenheit ließ meinen Ärger verrauchen. Das Schicksal meinte es wohl doch einmal gut mit mir. Ich konnte nicht glauben, dass er wahrhaftig vor mir saß. Immer wieder kniff ich die Augen zu und dachte, dass er verschwinden würde, wenn ich sie öffnete. Dann wäre er bloß eine Fata Morgana, die mein Verstand erschaffen hatte. Aber immer, wenn ich sie öffnete, saß James da, die Augen auf mich gerichtet, die Haare zerzaust vom Wind und wieder komplett in schwarz gekleidet.
„Du bist wohl überrascht mich zu sehen.“
„Ja. Wir treffen uns eher zufällig, als geplant. Du scheinst mich immer wiederzufinden.“ Verunsichert schaute ich ihn an, aus Angst, dass er erneut lachte, aber dass tat er nicht.
„Ich finde dich nicht. Ich bin einfach hier spazieren gegangen und dann sah ich dich plötzlich auf dieser Bank sitzen. Das Schicksal führt uns ständig zusammen.“
James schaute daraufhin auf den Boden, so intensiv, als gäbe es dort etwas Interessantes zu sehen.
Eine Welle des Glücks überkam mich. Er hatte unsere Treffen als schicksalhaft bezeichnet. Ich konnte es nicht glauben. Hieß das, dass er doch etwas für mich empfand, so, wie ich für ihn? Oder war die Verliebtheit nur auf meiner Seite? Unsicher biss ich auf meine Unterlippe und überlegte angestrengt, was ich sagen sollte.
„Vermutlich hast du Recht“, brachte ich nach minutenlangen Schweigen endlich hervor. Meine Antwort kam mir dämlich und abgegriffen vor.
Wieso ist mir nichts Besseres eingefallen? Sein Blick wanderte erneut zu mir. Ich verlor mich in dem hellen Grau.
„Erzähl mit etwas über dein Leben.“ Seine Bitte kam für mich aus heiterem Himmel.
„Was denn?“, fragte ich dennoch verwirrt und starrte wie hypnotisiert in James´ Gesicht.
„Etwas über deine Familie und deine Freunde. Ich möchte alles über dich wissen.“
„Ich bin nicht interessant“, gab ich zu.
„Ich denke schon. Jeder Mensch hat seine Geschichte und jede ist anders, als die Andere. Ich bin gespannt auf deine.“
Wieso hatte ein gutaussehender Mann, wie er, Interesse an dem langweiligen Leben eines Mädchens, das im Sekundentakt rot glühende Wangen bekam? Verwundert starrte ich ihn an. James hielt die Augen nur auf mich gerichtet, ohne eine Miene zu verziehen. Er schien es ernst zu meinen.
Also erzählte ich ihm alles, was mir auf die Schnelle in den Sinn kam. Ich fing mit Ereignissen in meiner Kindheit an, aber ich schilderte nur die süßen Geschichten, nicht die Peinlichen. Dann beschrieb ich meine Beziehung zu meinen Eltern und erzählte über meine Freunde. Die Schule speiste ich mit zwei Sätzen ab.
Danach war meine Kehle rau und schrie nach Wasser. Ich hatte zu schnell und zu viel geredet. Hoffentlich hatte ich ihn nicht zu sehr gelangweilt. Die ganze Zeit über hatte James mir stumm und emotionslos zugehört und mich angestarrt.
Es war mir ziemlich unangenehm gewesen. Dass lag nicht daran, dass ich ihn nicht mochte, im Gegenteil, ich liebte ihn, doch noch nie hatte mich ein Mann so angesehen. Seine Blicke waren unbeschreiblich. Sie ließen mein Herz in meiner Brust rasen. Jetzt lag in seinem Blick eine Mischung aus Faszination und Begeisterung.
„Was ist?“, wollte ich von ihm wissen und lächelte verlegen.
„Ich finde dein Leben vorbildlich. Bisher habe ich nur wenige Menschen getroffen, die ein gutes Verhältnis zu den Eltern und Freunden haben. Es ist nicht langweilig, wie du sagst, eher ruhig und traditionell.“ Sollte das ein Witz oder ein Kompliment sein?
„Danke“, sagte ich vorsichtshalber, falls es als Kompliment gedacht war. Als ein sehr merkwürdiges Kompliment. James lächelte verschmitzt. Eindeutig ein Kompliment.
Jetzt wollte ich etwas über ihn wissen, nachdem er mich gequält hatte. Sein Leben musste außergewöhnlich und aufregend sein, wenn er meins für ruhig und traditionell hielt.
„Jetzt bist du dran. Wie ist dein Leben?“
Gespannt wartete ich auf seine Antwort, da ich fast nichts über ihn wusste. James´ Gesichtsausdruck verwandelte sich jedoch in eine eiserne, leblose Maske. Sein Mund war nur ein dünner, gerader Strich. Die grauen Augen waren kalt. Sogleich bereute ich die Frage, obwohl ich seine Reaktion nicht nachvollziehen konnte. Ich hatte eine ganz normale Frage gestellt. Trotzdem rutschte ich automatisch ein Stück von ihm weg.
„Tut…tut mir leid“, murmelte ich. Auf einmal entspannten sich seine Gesichtsmuskeln. Ein unangenehmes Schweigen brach über uns herein. Zum ersten Mal, seit unserer Zusammenkunft, beobachtete ich meine Umgebung und hatte nicht nur Augen für James.
Die grauen Wolken hatten sich größten Teils verzogen und ließen Sonnenstrahlen hindurch. Der Park erschien nicht mehr trist, sondern erhellt und einladend. Vögel zwitscherten in den Bäumen und erfüllten die Luft mit Gesang. Es war wärmer geworden. Das jetzt so schöne Wetter hatte viele Leute in den Park gelockt. Ich entdeckte Mütter mit ihren Kindern, Paare und ältere Menschen.
Sie alle machten einen glücklichen Eindruck. Ich fragte mich, wie wir beide auf unserer Mitmenschen wirkten. Durch die Distanz zwischen uns bestimmt nicht wie zwei Verliebte.
Aber ich wusste ja immer noch nicht, was James für mich empfand. Mir war es wichtig, das Verhältnis zwischen ihm und mir zu klären, aber in diesem Moment traute ich mich nicht das Thema anzusprechen.
James saß steif auf der Bank und hielt den Blick auf seine Hände gerichtet. Mit der Zeit wurde ich unruhig. Ich hielt das Schweigen nicht mehr aus.
Ich wagte es wieder näher an ihn heranzurutschen. Hatte er meine Annäherung bemerkt?
Unerwartet ergriff er meine linke Hand und hielt sie fest. Mein Herz pochte und ich fing an zu schwitzen. Seine Hand war rau, aber warm. Ich genoss diesen Moment in vollen Zügen und wünschte mir, dass er für immer meine Hand hielt. Ohne Vorwarnung stand James jedoch auf und zog mich mit einem Ruck von der Bank an seine Seite.
„Wo willst du hin?“, brachte ich überfordert hervor.
„Ich muss arbeiten, aber du kannst mich noch ein Stück begleiten, wenn du magst.“ Er setzte sich in Bewegung und zog mich hinter sich her.
Ich hatte wohl keine andere Wahl, als mitzukommen. Warum hatte er mich dann nicht einfach gefragt?
Hand in Hand verließen wir den Park und liefen die breite Hauptstraße entlang. Autos rasten an uns vorbei. Die Luft stank nach Abgasen und ich musste husten.
Während unseres Weges herrschte in mir ein Gefühlschaos. Ich war hin und her gerissen zwischen der Entscheidung, ob ich James meine Gefühle offenbaren sollte oder lieber doch nicht.
Ich war mir nämlich nicht sicher, ob ich ihn, sei es aus Zufall oder durch Schicksal, noch einmal treffen würde. Meine Glückssträhne, die selten auftrat, war bestimmt bald vorbei.
„Dich beschäftigt etwas, Holly.“ Mein Name klang aus seinem Mund einzigartig und wunderschön. Von der Seite blickte er auf mich herab. Es war eine Feststellung und keine Frage. Hart schluckte ich. Ich konnte nichts vor ihm verbergen.
„Stimmt.“
„Und?“ Mein Herz schlug mir bis zum Hals.
„Und ich bin mir nicht sicher, ob ich es dir anvertrauen soll.“
„Warum bist du dir nicht sicher?“, bohrte er nach. Er würde nicht locker lassen.
„Ich will dich nicht verschrecken.“ James ließ ein kurzes Lachen hören.
„Du kannst sagen, was du willst, du wirst mich sicher nicht verschrecken, glaub mir.“ Ich war dennoch unsicher.
„Also gut, du hast mich überredet.“
Jetzt war der Augenblick gekommen, vor dem ich mich gefürchtet hatte. Ich versuchte meine Gedanken zu ordnen, bevor ich begann. Es fiel mir schwer, da er mich ansah.
„Ich habe mich in dich verliebt.“ Röte stieg mir ins Gesicht. Sofort blickte ich zu Boden, da mir die Situation peinlich war. Ich hatte geklungen wie ein kleines verschüchtertes Mädchen.
James sagte nichts. Er schaute in den Himmel. Seine Augen waren glasig, wie damals im 38°, als ich ihn nach seiner Arbeit gefragt hatte. Der Wind zerrte an seinen Haaren und an seiner Kleidung. Erst jetzt fiel mir auf, dass er bloß ein dünnes Hemd und dazu keine Jacke trug. Dennoch schien ihm die Kälte absolut nichts auszumachen. Weder zitterte er, noch hatte er eine Gänsehaut. Ich wünschte, dass auch ich der Kälte mit Leichtigkeit trotzen könnte, doch ich fror bereits in meiner dicken Jacke.
Plötzlich hielt James an und wandte sich zu mir. Sein Blick war unergründlich.
„Ehrlich gesagt hätte ich niemals mit diesen Worten gerechnet“, gab er zu. „Ich war in meinem ganzen Leben noch nie verliebt. Darum brauche ich Zeit zum Nachdenken.“
Nach seinen Worten stand ich wie erstarrt vor ihm. Ich kam nicht umhin enttäuscht zu sein, obwohl ich bereits mit einer solchen Antwort gerechnet hatte.
James schien meine Enttäuschung nicht zu bemerken oder es war ihm egal, denn er setzte sich wieder in Bewegung.
Schweigend gingen wir weiter. Mein Gesicht kühlte sich ab und war bloß noch rosa.
Das Gefühlschaos, das Besitz von mir ergriffen hatte, ließ mich nicht klar denken. Tränen der Verzweiflung stiegen mir in die Augen.
Reiß dich zusammen, Holly, befahl mir meine innere Stimme. Sie hatte leicht reden.
Halt deine Klappe, giftete ich erbost zurück.
Dann, urplötzlich, schweifte mein Blick zur gegenüberliegende Straßenseite. In der Ferne sah ich ein Straßenschild mit einem Namen. Er kam mir bekannt vor, aber warum? War ich schon einmal dort gewesen?
Ja, ich kannte diese Straße. Linda und ich wohnten dort. Ich hätte mich für meine Dummheit ohrfeigen können. Seit meiner Geburt lebte ich in der Walnut Street und ich vergaß sie einfach.
Dumm, dumm, dumm. Ich verfluchte mich, aber auch James, weil er meinen Verstand vernebelte und ich dann die Kontrolle über ihn verlor. Es war 13.00 Uhr. Ich könnte einfach rüber laufen und Linda besuchen, doch ich wollte nicht einfach verschwinden.
„Was ist los?“ James blieb stehen. Meine Augen wanderte zwischen der Walnut Street und James hin und her.
„In der Straße wohnt meine Freundin, die ich besuchen wollte.“ Ich deutete mit dem Zeigefinger meiner freien Hand auf die andere Seite.
„Dann geh doch.“
Autsch, dass tut weh. Es fühlte sich an, als ob mir jemand das Herz herausriss. James wollte mich loswerden. Klarere Worte gab es nicht.
Auf einmal hielt er mich fest an den Schultern und sah mir tief in die Augen. Trotz der verletzenden Worte sank ich in das Stahlgrau und die Umgebung verblasste. Linda war vergessen.
„Tut mir leid, ich habe mich falsch ausgedrückt. Ich will nicht, dass du glaubst, dass ich dich nicht bei mir haben möchte. Damit meinte ich nur, dass du sie ruhig besuchen kannst. Ich muss sowieso gleich arbeiten.“
Ach so, ich hatte ihn falsch verstanden. Augenblicklich musste ich schmunzeln. Und ehe ich mich versah, trat James nah an mich heran und legte seine Lippen auf meine. Sie waren warm und weich. Eifrig sog ich seinen herben Duft ein.
Ich fühlte mich in eine fremde Welt versetzt, in der nur James und ich existierten. Mein Blut rauschte durch meine Adern. Mein Herz drohte vor Glück zu zerspringen. Gierig legte ich die Hände in seinen Nacken und drückte mich an ihn.
Brutal wurde ich in die Realität zurückversetzt, als er seine Lippen von meinen löste. Er packte meine Handgelenke und drückte meine Arme sanft an meine Hüften, vermutlich aus Angst, dass ich mich gleich wieder auf ihn stürzte.
„Es ist besser, wenn du zu deiner Freundin gehst und ich zur Arbeit.“
Ich hatte James bedrängt und deswegen wollte er weg von mir. Ich war egoistisch gewesen. Beschämt schaute ich geradeaus auf seinen Oberkörper. Mit einer Hand hob er mein Kinn an, sodass ich ihm ins Gesicht sehen musste.
„Es braucht dir nicht leid zu tun.“
Zum wiederholten Mal hatte ich das Gefühl, dass er mich ohne Schwierigkeiten durchschaute.
„Ich muss gehen.“ Er gab mir einen kleinen Kuss auf die Stirn. James hatte schon ein paar Schritte gemacht, als er noch einmal zurückkam. Er drückte mir einen Zettel in die Hand.
Er küsste mich erneut, diesmal auf die rechte Wange, ehe er laufend verschwand. Sehnsüchtig schaute ich ihm hinterher.
Urplötzlich fiel mir Linda wieder ein.
Hastig lief ich über die Hauptstraße, natürlich nicht, bevor ich nach rechts und nach links geschaut hatte. Ich ging die Walnut Street entlang, bis ich das Haus mit der sonnengelben Fassade sah. Aufgeregt klingelte ich. Ich wollte wissen, wie es ihr und Vanessa nach meinem Verschwinden ergangen war. Waren sie auch nicht in der Schule gewesen?
Nach einer gefühlten Ewigkeit öffnete mir meine beste Freundin die Tür. Verdutzt schaute sie mich an.
„Holly, was für eine Überraschung! Was machst du denn hier? Ich dachte du wärst krank. Dass haben mir deine Eltern am Telefon gesagt.“
„Ich wollte dich unbedingt besuchen. Wir müssen über die Nacht im 38° reden.“ Ernst sah sie mich an.
„Komm rein.“
Im Flur war es erheblich wärmer. Schnell zog ich meinen Parka aus. Auf dem Weg zu ihrem Zimmer grüßte ich ihre Eltern, die gemeinsam in der Küche kochten. Ich fand die Beiden nett und witzig. Sie machten jeden Spaß mit. Jedes Jahr an Halloween verkleideten sie sich und verwandelten ihr Haus in ein Gruselschloss.
Ich fand sie cool, aber Linda war nicht immer begeistert über das jugendliche Verhalten ihrer Eltern. Wenn sie meine Eltern wären, dann würden sie mir auf Dauer wohl auch auf die Nerven gehen.
Wir hatten uns kaum auf das weiße Sofa in ihrem Zimmer gesetzt, als sie mich mit Fragen bombardierte.
„Warum warst du diese Woche nicht in der Schule? Was ist passiert, als du aus dem Club gelaufen bist? Warum hast du nicht auf mich und Vanessa gewartet? Wieso…“ Ich hob die Hand um ihren Redefluss zu stoppen.
„Langsam, Linda. Ich werde dir schon alle Fragen beantworten, aber Eine nach der Anderen.“
„Tschuldigung“, nuschelte sie und wurde still.
„Ich konnte den Anblick dieser Leiche nicht mehr ertragen, deshalb bin ich raus gelaufen. Draußen habe ich weitere Schüsse gehört und dann….“
„Du musst mir nicht alles erzählen.“ Sie streichelte meinen Arm. Ich hatte zwar nur eine Woche in der Schule gefehlt, doch ich hatte Linda vermisst.
„Ich will aber“, widersprach ich.
„Draußen bin ich dann Gott sei Dank zwei Polizisten begegnet. Sie haben mich auf der Polizeistation verhört. Irgendwann bin ich zusammengebrochen. Ich bekam diese Bilder einfach nicht aus meinem Kopf.“ Mitleidig sah meine beste Freundin mich an. Ich schluchzte.
„Ich wollte am Auto auf euch warten, doch dann kam alles ganz anders.“
„Du musst dich nicht rechtfertigen. Ich verstehe das.“ Dankbar sah ich sie an. Dann schilderte ich ihr meine Albträume. Meine Kehle schnürte sich dabei zu. Erschrocken schlug sie eine Hand vor den Mund.
„Du Arme.“
„Hat dich der Anblick des Toten nicht erschüttert?“ Ich musste wissen, ob ich das einzige Weichei war. Sie zuckte die Achseln.
„Ich hatte irgendwie keine Angst. Ich habe mir eingeredet, dass es nicht sein kann, dass eine Leiche vor mir liegt. Ich kannte sowas nur aus dem Fernsehen, weißt du?“
Ich nickte. Einerseits beneidete ich sie wegen ihrer Coolness, aber ich fand es auch merkwürdig.
Mit rauer Stimme erzählte ich ihr, dass meine Eltern mich für die Woche krank gemeldet hatten. Da Lindas Miene ausdruckslos und irgendwie niedergeschlagen war, rang ich mich dazu durch ihr von meinem Treffen mit James im Park zu erzählen. Die Begegnung im 38° ließ ich lieber aus, weil ich befürchtete, dass sie dann dahinter kam, dass ich mit den Bauschschmerzen gelogen und sie als Grund vorgeschoben hatte.
Dieses Thema zauberte ihr gleich ein breites Grinsen aufs Gesicht.
„James heißt er also und er hat dich geküsst. Wie war es denn?“ Ihre braunen Augen sprühten und ihre Wangen waren gerötet.
„Es war ein unbeschreibliches Gefühl. Ich glaube ich habe mich in ihn verliebt, wie du gesagt hast.“ Triumphierend lächelte sie.
„Was weißt du denn über ihn?“, fragte sie aufgekratzt.
„Ehrlich gesagt nicht viel“, rückte ich heraus und erinnerte mich an James´ heftigen Reaktionen, wenn ich ihn nach seinem Leben gefragt hatte.
„Er verrät nur sehr wenig über sich, auch wenn ich ihn frage. Ich weiß bloß, dass er 18 Jahre alt ist und als Kurier arbeitet.“ Sie machte ein verständnisloses Gesicht.
„Komisch. Vielleicht hat er ja ein schreckliches Geheimnis, dass du nicht erfahren sollst.“
„Ja, alles klar, Linda. Wenn es nach dir ginge, hätten alle Menschen ein schreckliches Geheimnis.“
„Stimmt gar nicht.“ Sie schob gespielt beleidigt die Unterlippe vor.
„Und wie kommt es, dass du dich in so kurzer Zeit in ihn verliebt hast? Normalerweise brauchst du viel Zeit und musst einen Jungen richtig kennenlernen, ehe du tiefere Gefühle für ihn empfindest.“
„Ich weiß, aber schon, als ich ihn das erste Mal sah, wusste ich, dass er anders ist, etwas Besonderes. Es ist nicht einfach, dass zu erklären.“
James´ Gesicht blitzte vor mir auf und ich dachte an unseren Kuss. Lindas wedelnde Hand tauchte in meinem Blickfeld auf.
„Hallo? Bist du noch da?“ Linda unterdrückte ein Lachen.
„Ja, was ist denn?“, fragte ich gereizt, da ich es nicht leiden konnte, wenn man sich über mich lustig machte.
„Nichts für ungut, Holly, aber du hättest dein verträumtes Gesicht sehen sollen. So kenne ich dich gar nicht.“ Jetzt lachte sie laut. Ich grummelte ärgerlich vor mich hin und wartete, bis ihr Lachanfall aufhörte. Da offenbarte ich ihr meine Gefühle für James und sie lachte darüber. Eine tolle Freundin.
„Und, hast du jetzt genug gelacht?“
„Ich denke schon“, sagte sie, wobei sie versuchte sich zusammenzureißen, was ihr aber nicht wirklich gelingen wollte.
Unterbrochen wurde die Situation durch das Klingeln meines Handys. Auf dem Display blinkte die Nummer meiner Mom. Ich verdrehte die Augen. Dann nahm ich das Telefonat an.
„Ja?“, fragte ich sofort.
„Wo bist du?“ Ihre Stimme klang aufgeregt.
„Beruhige dich, ich bin bei Linda.“
„Warum sagst du dann nicht Bescheid? Wir haben uns Sorgen gemacht.“ Mich nervten ihre Kontrollanrufe, aber ich konnte sie auch verstehen.
„Ich habs vergessen, tut mir leid. Ich komme sofort nach Hause.“
„Gut, dann bis gleich.“ Ich legte auf.
„Ich muss nach Hause, Linda, sonst drehen meine Eltern noch durch.“
„Okay, ich begleite dich zur Tür.“
Etwas enttäuscht stand sie auf und wir gingen nach unten. Ich stieg in meinen Parka und wappnete mich innerlich bereits gegen die bevorstehende Kälte.
„Kommst du am Montag wieder in die Schule?“, wollte sie wissen, als ich schon aus dem Haus war. Ich nickte und hob die Hand zum Abschied.
Es war deutlich frostiger und windiger geworden. Ich beschleunigte meinen Schritt. Kurz vor meinem Zuhause brach ein heftiger Regenschauer über mich herein. Ich hechtete zur Tür. Regen hatte mir gerade noch gefehlt.
Ich kramte in der Jackentasche nach meinem Haustürschlüssel. Mit ihm zog ich einen kleinen Zettel aus Papier hervor. Irritiert drehte ihn in meiner Hand hin und her. Erst Sekunden später fiel mir ein, dass James mir den Zettel gegeben hatte, bevor er zur Arbeit gegangen war. Ich hatte ihn, ohne draufzusehen, in meine Tasche gestopft.
Nervös entfaltete ich ihn. Zum Vorschein kam eine Nummer. Es musste James´ Handynummer sein. Im Gegensatz zu mir hatte er daran gedacht, dass ich ihn so erreichen konnte.
Wenn er so vergesslich wäre, wie ich, dann hätte ich wieder Wochen ohne ihn aushalten müssen. Durch meine ständigen Träumereien, wenn er bei mir war, hatte ich nicht im Entferntesten daran gedacht ihm meine Nummer zu geben oder nach seiner zu fragen.
Ich steckte den Zettel wieder zurück und schloss die Tür auf. Drinnen erwartete mich bereits meine verärgert aussehende Mom. Ich hatte noch nicht einmal meinen Parka aufgehängt, als sie mir eine Moralpredigt darüber hielt, dass man als Kind die Pflicht hatte die Eltern über den Aufenthaltsort zu informieren. Ich hörte nicht hin, während sie mich mit Vorwürfen bombardierte. Nach unglaublichen 20 Minuten hörte sie auf mir ein schlechtes Gewissen zu machen.
„War´s das?“, zischte ich.
„Ja“, antwortete sie mit strengem Blick. Ich wirbelte herum und stürmte nach oben in mein Zimmer.

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beta
Fairy Dust

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