Wiederkehrer I - Livan

Livan

Livan spürt den Stich. Wie ein feines Netz aus Lavaströmen fließt der Schmerz in seinem Bewusstsein zusammen. Er hebt die Hand und presst sie auf die Wunde. Die Berührung lindert seine Qual nicht im geringsten. Ein Blick hinab genügt, um ihm zu offenbaren, wie schwer er getroffen ist, und wie schnell das Blut zwischen seinen Fingern hervorquillt. Wie ein Wasserfall schießt das Rinnsal über seine Knöchel und färbt seine fahle Haut rot.
Er kann sich nicht erinnern, schon einmal so viel Blut aus einer einzelnen Wunde rinnen gesehen zu haben, aber der Strom reißt nicht ab. Das Gefühl in seinen Beinen schwindet. Benommenheit liegt in der Ruhe, die das Gift in seinem Gewebe freisetzt. Jeder Atemzug scheint schwerer als der vorige. Er zählt sie, bis die Zahlen an Bedeutung verlieren. Seine Knie ächzen.
Als er sich fallenlässt, und ihn die kühle Steinfläche auffängt, beginnt der Schleier bereits, seine Sinne aufzulösen. Diffuse Nebel sickern in seinen Verstand. Das Gefühl, vom Schlaf eingeholt zu werden, ist ihm bestens vertraut.
Mühsam kämpft er sich auf die Beine zurück. Er stützt sich gegen die windschiefe Fassade des Hauses, am nächsten zu ihm, und hält den Atem an. Zwei Schritte trennen ihn von der Dunkelheit. In einer Nische zwischen den Hauswänden lässt er sich langsam in die Hocke sinken.
Wie Sternenregen fallen seine Instinkte über ihn her. Wut und Müdigkeit nagen an seiner verbliebenen Willenskraft. Nichts hätte er lieber getan, als sein Schwert zu ziehen und dem Dieb, der ihm aus der Taverne gefolgt war und im Dunkeln aufgelauert hatte, den Stahl zwischen die Rippen zu treiben. Nur die Kraft dazu fehlt ihm.
Er ist getroffen. Diese Wunde ist tödlich, obgleich sie sein Herz verfehlt hat. Das Blut fließt in das umliegende Gewebe, nicht mehr dorthin, wo es gebraucht wird. Das Ende nähert sich ihm schleichend. Nicht mehr lange und seine Zeit läuft ab.
Vorübergehend. Es ist nicht das erste Mal.
Er schließt die Augen und friert. Wie ein Gespenst erscheint ihm der Tod, vermummt, leichenblass, mit langen Knochenfingern. Seine schneeweiße Hand hebt sich ihm entgegen, berührte sein Gesicht. Sie ist kalt und starr wie Marmor.
In diesem Leben ist ihm der Tod schon unzählige Male über den Weg gelaufen. Sie sind alte Vertraute, Freunde, Feinde, die einander umrunden, aber nie den letzten Schritt wagen. Auch heute nicht.
Livan spürt das Schlagen der Flügel seines Totemtieres in weiter Ferne. Niemals wäre Nissa rechtzeitig hier, um ihn sterben zu sehen. Und das braucht er auch nicht. Wenn der Dämmerfalke eintrifft, ist der Spuk längst vorüber.
Sein Tod ist nie von Dauer. Das war er nie und wird er auch nie sein.
Als Livan aufsieht, ist die Hand des Todes verschwunden und das Trugbild, das seine Sinne heraufbeschworen haben, löst sich langsam auf. Sein Gesicht reckt sich dem wolkenverhangenen Himmel entgegen. Es ist bitterkalt und dunkel.
Der Schnee, durch den er stolperte, verrät den Weg, den er genommen hat. Die zweite Spur, die seines feigen Angreifers, liegt spöttisch daneben. Er verließ die Taverne, nachdem er ein paar Krüge Bier und Wein getrunken und ein paar Kartenspielern leichtfertig das Geld aus der Tasche gezogen hatte. Mit seinen Fähigkeiten, kein Problem. In seinem Leichtsinn musste er übersehen haben, dass er nicht ganz so unauffällig gewesen war, wie er glaubte. Und niemand mochte Betrüger und Scharlatane.
Ein müdes kleines Grinsen erfasst das leichenblasse Gesicht des Totemmagiers. Er weiß, nachdem seine Augen zugefallen sind und der letzte Atemzug verhaucht ist, wird es nur Minuten dauern, bevor Nissas Geist seinen aus der Ewigkeit zurückreißt und er in seinem Körper erwacht, bereit dazu, auch diese schaurige Wunde zu heilen.
Deshalb wehrt er sich nicht, als die Schwere drückender wird. Er lehnt sich mit dem Rücken an die Wand, rutscht das letzte Stück an ihr herab, und als sein Steißbein den Boden berührt, ist sein Leib tot und mit Schnee bedeckt.
Er hält den Atem an und zählt. Diesmal dauert es lange, bis er die Kraft wiedererlangt, das erste Mal zu blinzeln. Vor ihm bewegt sich ein Umriss.
›Das ist das dritte Mal diesen Monat‹, tadelt ihn eine weiche, grollende Stimme. Er hört das Schlagen mächtiger Schwingen, aber noch klingt es dumpf und weit entfernt.
Etwas packt seinen Leib, umschließt ihn fest. Livan spürt, wie ihm der Grund entgleitet. Seine Finger kratzen leblos über den Schnee, aber sie bekommen ihn nicht zu fassen. Danach umschließen ihn Wind und Schnee. Als er das nächste Mal die Augen öffnet, liegt die Welt weit unter ihm zurück. Dächer, Straßen und Zäune, zwischen denen frierende Tiere eingepfercht sind, ziehen unter ihnen vorüber.
Das dritte Mal schon. Er wird unvorsichtig, spielt mit der Gefahr, lässt sich treiben und verliert langsam den Halt in dieser verrückten Welt.
›Wird nicht mehr vorkommen‹, verspricht er entkräftet und kneift die Augen zusammen, um die Welt unter sich klarer erkennen zu können. Die bescheidene Pracht der nördlichsten Einöde liegt unter einer weichen Schneedecke begraben. Nur die Schornsteine Nordbergs und die schneebedeckten Zinnen ragen aus dem weißen Meer hervor. Normalerweise macht die Kälte Halt hinter den Bergen, die das verschneite Land wie eine Grenzmauer vom Rest der Welt trennen, aber dieses Jahr ist bitterkalt.
Die Stadt, die ihm einst so viel bedeutet hat, ist nun nicht mehr als ein Strudel bitterböser Erinnerungen.
›Tut es weh?‹ Plötzlich wird Nissas Stimme sanfter. Spürt der Dämmervogel, dass sein Geist noch immer dunkel und verworren ist? ›Diesmal hat es dich ganz schön erwischt. Als ich das ganze Blut gesehen habe, dachte ich schon, du stehst diesmal nicht wieder auf.‹
›Nein‹, lügt Livan. Er weiß, manchmal ist es einfacher, nicht die Wahrheit zu sagen, als sich dieser stellen zu müssen. Das längst überfällige Gespräch mit der Vogeldame steht ihm ohnehin bevor. Wieso also nicht die Ruhe vor dem Sturm genießen und stumm über die Schönheit der Welt? Livan schließt die Augen und lässt seine Seele treiben. Fort von diesem Ort, hinaus, dem Sternenhimmel entgegen, aus dem sie einst geboren wurde. Er hält sie nicht auf, als sie zu entschwinden droht.
Nur Nissa hält ihn zurück. ›Du solltest wirklich langsam versuchen, dein Leben wieder in den Griff zu kriegen‹, tadelte sie den Verwundeten. ›Dein Leichtsinn bringt uns noch beide um.‹
›Ich weiß doch. Aber diesmal habe ich Wandler gefunden. Ich dachte, ich wäre ihnen endlich auf den Fersen.‹
›Das denkst du immer. Und jedes Mal endet es damit, dass ich dich wieder einmal vom Boden kratzen muss. Du musst damit aufhören.‹
›Du weißt, dass ich das nicht kann.‹
›Du wirst es lernen müssen. Es wird Zeit für dich. Fang endlich an, wieder zu leben. Dein Tod wäscht deinen Namen nicht wieder rein. Nur du kannst das tun. Reiß dich am Riemen oder ich lasse dich eines Tages einfach liegen ziehe weiter. Manchmal wäre ich lieber tot, als noch einmal Zeugin deines schleichenden Untergangs.‹
›Hast ja recht‹, murmelt Livan.
Langsam legt sich wieder Schwere über sein Bewusstsein. Zunächst kämpft er noch dagegen an, aber als ihm Dracias Gesicht erscheint, lässt er sich von der Ohnmacht abholen. Er weiß, Nissa wird ihn in Sicherheit bringen. An einen Ort, an dem er ausschlafen und neue Kräfte tanken kann, irgendwo versteckt in der schneeverhangenen Einöde. Dort wird er ihr schwören, in Zukunft vorsichtiger zu sein, und seine Versprechen binnen weniger Wochen brechen. So, wie immer.

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