Wiederkehrer IV - Livan

                 Livan

›Da hast du’s!‹ Nissas Flügel spreizen sich, während sie sich zu voller Größe aufbaut. Schleichend umrundet sie ein Feind, den man in den Schatten nur an seinen grün aufblitzenden Augen erkennen kann. Die Bisswunden, die die Vogeldame davongetragen hat, sind wirklich. Sie sind tief und bluten. Der Geruch, den tiefen Kratzer hinterlassen, lockt weitere Jäger an. Mehr und immer mehr. ›Dein verfluchtes Feuer hat uns dieses Pelzpack auf den Hals gehetzt! Sieh zu, dass du sie loswirst, ehe sie unsere Vorräte fressen!‹
Als Livan das erste Mal versucht, aufzustehen, versagen ihm seine Beine den Dienst. Selbst wenn er wollte, sein Körper war zu sehr entkräftet, um seiner alten Freundin zu helfen. Der Ort, den Nissa für ihr Nachtlager wählte, lag im Tal, versteckt zwischen hohen Bergen und tiefliegenden Wolken. Sie waren vor aller Augen gut getarnt, aber niemand überlistet die Nase einer hungrigen Wölfin und ihrer Jungen. Vier Augenpaare blitzen durch die Finsternis, die nur vom Schein der Flammen ab und an durchzuckt wird.
Livan sieht im rötlichen Schimmer Nissas Augen. Auch sie ist müde. Natürlich, immerhin musste sie ihn weit in den Norden tragen, weil er sich selbst nicht mehr helfen konnte. Mit drei oder vier Wölfen würde sie fertig werden, aber Livan spürte, dass es in den Schatten noch sehr viel mehr von ihnen gab. In sicherer Entfernung zogen sie ihre Kreise um die müden Reisenden. Bereit, genau dann zuzuschlagen, wenn sie am verwundbarsten waren.
›Ich kann nicht‹, erwidert er ihr wehmütig, als die Schwäche seine Glieder erbarmungslos niederdrückt. Das Blut, das in seine Kleider sickern konnte, macht diese schwerer als sie sind. Und die Last der Welt, das Gewicht seines eigenen Egos und all seiner Fehltaten, tun ihr Übriges. Es sind nicht die Schmerzen, die ihn davon abhalten, sie beide zu retten, es ist die Trägheit, die Leere, die Hoffnungslosigkeit. Melancholie ist sein Todfeind geworden. Irgendwann hat sie angefangen, ihn langsam aber stetig auszuhöhlen. Irgendwann hat sie ihn ausgezehrt und nie wieder zu Kräften kommen lassen.
›Livan‹, droht Nissa mit vor Wut verengten Augen. ›Ich kann sie nicht alle töten. Jetzt hilf mir endlich! Es sind einfach zu viele.‹ Jede Silbe zieht sie künstlich in die Länge. Livan kennt sie gut genug, um zu wissen, so lange, wie jeder einzelne Buchstabe in seinen Ohren nachklang, würde sie ihn anschließend mit Schweigen strafen. Oder Schlimmeres. Als er sich nicht bewegt, stößt sie ein schrilles Kreischen aus. So gellend, dass es auch in seinen Ohren schmerzt. ›Ich warne dich!‹, fährt sie ihn an. ›Tu endlich irgendwas oder dieser Tod ist unser Letzter!‹
Der Letzte. Hätte Nissa ahnen können, wie süß diese Versuchung in seinen tauben Ohren klang, hätte sie die Worte wohl besser für sich behalten. Der letzte Tod. Ein endgültiges Ende. Die vollkommene Erlösung von seinem Schicksal und der damit verbundenen Pein. Aber diesmal lösten ihre Worte einen anderen Reiz in ihm aus. Schuld. Seinen Tod konnte er hinnehmen. Er bedeutete ihm nichts. Aber das Leben des Dämmervogels besaß einen unschätzbaren Wert für ihn, kostbarer als alle Schätze dieser Welt.
Livan erhebt sich, obwohl ihm noch immer die Kraft dazu fehlt. Er weiß, er muss es versuchen, wenn nicht um seinetwillen, dann für Nissa. Die Stärke, die ihm fehlt, um aufrecht zu stehen, zieht er aus der Wunde zurück, mit deren Heilung sein Körper beschäftigt ist. Das Blut fließt wieder, aber er steht. Die Kraft tropft dunkelrot zu seinen Füßen in den Schnee. Dieser letzte Funken Magie beschwört das Feuer in ihm, mehr als es fremde Magie je könnte.
Der tropfnasse Mantel zieht ihn nach unten. Sein Körper ächzt protestierend, als er dennoch die Arme hebt und eine Böe heraufbeschwört, die einen der Wölfe packt und von den Beinen reißt.
Bittersüß surrt dieser winzige Zauber durch seine Venen, doch selbst das ist noch zu viel. Er wird es bereuen, wenn der Morgen graut. Jeden einzelnen Zauber.
Früher hätte es eine Zeit gegeben, in der er sich den Spaß gemacht hätte, den Wolf wieder und wieder von den Beinen zu reißen, nur um ihn aufstehen und wieder fallen zu sehen. Je wütender dieser wurde, desto lustiger. Aber diese Zeiten sind lange vergangen. Genauso wie die alte Pracht, die Schönheit vergessener Dinge und das Leben, das weit hinter ihm zurückliegt.
Heute zählen diese kleinen Freuden nicht mehr. Heute zählt, dass die Wunde in seiner Brust noch immer zwickt und es mit jedem Mal länger dauert, bis seine Kräfte wieder hergestellt sind. Heute zählt, dass Nissa sich ganz allein einem achtköpfigen Rudel hungriger Wölfe stellen muss, nur um ihn zu schützen. Weil er so dämlich gewesen ist, sich in irgendeiner heruntergekommenen Spielunke von einem namenlosen Räuber mit einem Messer durchbohren zu lassen.
Nissas Anblick inmitten der aufblitzenden Zähne und geifernden Münder, bricht schließlich den Bann, der auf Livans Körper liegt.
Mit zusammengepressten Lippen hebt er auch noch die zweite Hand und bringt den Zauber zu Ende. Aus dem Nichts, beschworen und erschaffen durch seine bloße Gedankenkraft, wächst aus der Nebelwand eine Windhose zur Erde hinab. Ein Sturm, der Schnee und Kälte in sich einschließ, schraubt sich vom Himmel hinab und zerrt am Haar des Magiers und an Nissas Federn.
Der schneeweiße Vogel von der Größe eines Pferdes, falt blitzschnell die Schwingen zusammen und duckt sich an den Grund. Kluges Tier. Diese kleine, vorausschauende Handlung, entlockt Livan nun doch das Grinsen, auf das er insgeheim gewartet hat. Der Sturm, den seine Hände heraufbeschwören, tobt auch in seiner Brust. Dort, umschlossen von Wut und Zweifeln, findet der Wirbelsturm seinen Ursprung und das Zentrum seiner Macht. Er ist nur eine Manifestation der Magie, die irgendeinen Ausweg sucht, um ihrem fleischlichen Gefängnis zu entfliehen. Einen Ort, an den sie nicht gehört und in dem sie nie zuhause sein kann.
Livan vollführt eine Geste nach rechts. Der Wirbelsturm folgt gehorsam der Bewegung seiner Finger. Wie eine Marionette tanzte der Wind nach dem Willen eines einzelnen Mannes. Und doch ist Livan so viel mehr als das. Er drückt dem Sturm seinen Stempel auf.
Vor ihm knurren die Wölfe. Er sieht nur ihre Augen in der Finsternis aufblitzen wie Smaragde. Das Sternenlicht verfängt sich in ihrem Fell. Es reflektiert nicht. Die Wölfe bleiben unsichtbar.
›Elendes Schattenwolfpack!‹, krächzt Nissa. Ihre Gedankenstimme klingt wütend.
Livan sieht, wie sie ihr Gesicht in den Schnee presst, als der Sturm stärker wird und um sich greift. Die stolze, starke und stets freche Nissa kauert sich ängstlich zusammen. Sein Zorn erwacht wie das Grollen eines Vulkans.
Unter seinen bebenden Händen manifestiert sich die Magie wie ein glühend heißer Gegenstand, an dem er sich festklammert. Ihn loszulassen, scheint unmöglich, selbst wenn er spürt, wie es seine Haut verbrennt. War die Magie erst einmal entfesselt, reicht der Geist eines Sterblichen kaum aus, ihn zu bezwingen. Und weil Livan diese Wahrheit kennt, lässt er seine Gedanken frei und den Wirbelsturm gehen.
Brüllend wie ein Tiger reißt der Orkan alles mit sich. Frei von gesprengten Ketten, bahnt er sich einen Weg durch das Nichts und hinterlässt nichts als Stille.
Aufgewirbelte Schneeflocken rauben dem Magier die Sicht. Livan hebt die Hände vor die Augen, wischt sich mit den Handinnenflächen über das Gesicht und atmet so lange tief ein und aus, bis die Euphorie in seinem Herzen erlischt. Was dem Freudentaumel folgt, so viel Kraft auf einen Schlag freigesetzt und bezwungen zu haben, ist Leere. Ein nie enden wollender Sturz in unendlich tiefes Schwarz. Der Boden unter seinen Füßen reißt auf und saugt ihn in den Abgrund.
Selbst wenn er weiß, dass es den Abgrund nur in seinen Gedanken gibt, ist die Wucht des Aufpralls erschreckend real. In Form greller Blitze durchzuckt der Widerhall des Zaubers seinen Verstand. Er hebt die Hände, presst sie an die Schläfen, bis die Farben verloschen sind und seine Ohren nicht mehr rauschen. Dann, erst dann, wagt er es, sich umzudrehen.
Hinter ihm liegt Nissa im Schnee. Den Kopf unter einem Flügel begraben. Schneeflocken überziehen ihre weißen Flügel wie ein Hauch von Silber. Er kann es nicht sehen, aber er spürt ihre Angst. Ihre Augen sind geschlossen. Jeder Atemzug hebt ihren Körper stärker als der vorige.
Eigentlich sind seine Kräfte schon lange erloschen. Jeder Schritt, den er sich der Vogeldame nähert, ist einer zu viel. Aber er streckt die Hand aus, berührt mit den Fingerkuppen zart ihr Gefieder und schon hebt sie die Schwingen und spreizt sie auf, wie eine Blume die Blätter. Die großen wachen, saphirblauen Augen schauen auf zu ihm. In ihnen liegt noch immer ein Widerhall der Angst. Sie sind von Schatten und Nebel durchdrungen. Livan könnte das Echo ihrer Furcht mühelos ersticken und ihr die einstige Stärke wiedergeben, aber er tut es nicht. In ihm ist genug Magie übrig, um alles zu tun, was immer er will, aber er will nicht. Er beschließt, Nissa das Pochen ihres Herzens zu lassen, die Aufregung, die Angst davor, in den Abgrund zu gleiten, denn er weiß, hinter diesem Schrecken gibt es nichts mehr. Hört man auf, sich zu fürchten, ist das Herz längst tot und gebrochen.
Stattdessen lässt er sich an ihrer Seite nieder, lehnt sich an ihren Hals und presst seine blutigen Finger in ihr Fell. Die Farben vermischen sich. Weiß und Rot. Sein Blut sickert in ihr Gefieder und niemanden stört es hier draußen. Nicht einmal sie selbst.
Nissa dreht den Kopf, ihre Augen treffen sich und es fühlt sich an, als wäre sie kein Vogel, sondern ein Mensch. So wahr, so aufrichtig, so ängstlich ist ihr Blick.
»Es ist gut«, verspricht er ihr. Nicht über die Worte, die er in ihren Kopf pflanzen kann, wie üblich, sondern mit seiner Stimme. Ihr Klang dröhnt in seinen Ohren. In den letzten Jahrzehnten hat er kaum ein Wort gesagt. Die Sprache fühlt sich seltsam an, fremd. Sie ist hart und kalt. Stimmen können nie die Klänge erreichen, die ihre Kommunikation für gewöhnlich erreicht. Und doch empfindet er es diesmal als wichtig, seine Stimme zu benutzen. Die Stimme, die ihn selbst so unfassbar menschlich und sterblich erscheinen lässt. »Sie sind alle weg.«
›Und wenn sie wiederkommen?‹ Nissa bleibt hart. Ihre Worte liebkosen sein Bewusstsein wie ein Hauch. Sie hat keine Stimme, mit der sie sprechen kann. Nur Gesten und Gedanken, Berührungen und Blicke, die oft mehr sagen, als es Stimmbänder je tun könnten.
»Dann töte ich sie«, verspricht ihr der Magier. Durch ihre verbunden Herzen erfährt Nissa sofort, dass er jedes Wort ernst meint. Ihre Gedanken und Gefühle trennt keine Mauer mehr. Er lässt sie tief in seine Seele schauen, und diese Wahrheit lässt Nissa neue Kraft schöpfen. »Jeden von ihnen, bis du wieder in Sicherheit bist.«
Unter Nissas Blick schmilzt die Härte in seiner Brust dahin. Sie ist immer da, wenn er sie braucht. Die letzte Verbündete eines gefallenen Mannes. Wann immer er jemanden braucht, wann immer er alleine nicht ausreicht, ist sie an seiner Seite. Jetzt an ihrer zu sein, wo sie sonst immer so stark und heldenhaft ist, ist seine Pflicht.
›Da bist du ja.‹ Auch wenn sie keine Miene verzieht, spürt er ihr Lächeln. ›Ich habe dich wahrhaftig vermisst. Den Mann, der du irgendwann einmal gewesen bist. Vor Hunderten von Jahren.‹
›Tausenden‹, verbessert er sie, lehnt sich fester an sie und schließt die Augen. Er weiß, als er die Magie heraufbeschworen hat und sie zwang, ihm zu helfen, ist seine alte Wunde wieder aufgerissen. Der Schmerz betäubt schleichend seine Sinne. Ob Nissa es bereits weiß? Lange kann er sein Schwinden nicht vor ihr verbergen, also versucht er es gar nicht erst.
Seine Finger streichen durch ihr schneeweißes Gefieder. Eine einzelne Feder löst sich unter seinen Fingern. Er hält sie zwischen ihnen, hebt noch einmal die Lider und bemerkt, dass es wieder zu schneien begonnen hat.
›Ich habe nicht gewollt, dass du so viel Magie für uns erübrigen musst‹, lässt sie ihn wissen. Ihr Schnabel stupst ihn an, um seinen Körper daran zu erinnern, dass er in dieser Welt verankert ist.
›Doch, das wolltest du.‹ Livans Stimme klingt härter, als er beabsichtigt. Er hält sich mit seinen Gedanken an ihr fest, in der Hoffnung, dass die Blutung zum Stillstand kommt, ehe er noch einmal sterben muss. ›Und es ist, verdammt nochmal, dein gutes Recht, auch irgendwann einmal etwas von mir zu fordern! Wie oft warst du da, um mich aufzugabeln, wenn ich nicht mehr alleine gehen konnte? Wie oft habe ich während all meiner Tode deine Kräfte angezapft, um nicht ganz verloren zu gehen? Es ist dein Recht, auf meine Hilfe zu pochen. Ich bin genauso dein, wie du mein bist.‹
›Ich liebe es, wenn dein Herz spricht.‹
Ihr Hals schmiegt sich an seine Brust. An sie gedrückt spürt Livan ihren Herzschlag langsamer werden. Vor seinen Augen hören die bunten Sterne auf, zu tanzen. Er atmet flacher. Diesmal wird er dem Tod entkommen. Auch ohne, dass er sich wie ein Parasit an ihrer Lebenskraft labt.
›Du weißt, egal was ich sage, ich tu das gern für dich.‹
Sie stupst ihn ein letztes Mal mit ihrem stahlgrauen Falkenschnabel an. Dann schweigt sie. Livan spürt sie an seiner Seite, als die Magie abklingt. Als er unter flackernden Augenlidern hindurch auf seine Finger hinabschielt, zittern sie nicht mehr. Der Zauber ist weg. Er kommt nicht zurück.
›Weißt du noch‹, beginnt er mit geschlossenen Augen zu erzählen, ›als ich dich in den Bergen fand? Ein kleiner, völlig entkräfteter Vogel? Der schwächste der ganzen Brut. Deine Mutter ließ dich zurück, weil sie nicht an dich glaubte. Aber ich glaubte an dich. Ich wusste, von allen Dämmervögeln Andheras, würdest du immer etwas Besonderes sein.‹
Damals, als er Nissa zwischen den Felsen liegen sah, diesen seltsamen, schneeweißen Vogel, kribbelte so viel Magie in ihm, dass er sie einfach berühren musste. Dass aus dieser zufälligen Begegnung ein so tiefes Seelenband erwachsen konnte, hätte er damals nie für möglich gehalten.
›Wie lange ist es schon her?‹, fragt sie ihn schläfrig. Die Aufregung fordert ihren Tribut.
›Fast drei Jahrhunderte. Kommt es dir so lange vor?‹
Dreihundert Jahre lang, in denen Nissa ihm hilft, die Schmach zu ertragen, die er sich selbst aufhalste, aus Torheit und Frust. Dreihundert Jahre, in denen ein Fluch sein Leben bestimmt und ihn mehr und mehr in die Einöde treibt.
›Länger‹, gesteht sie ihm.
Plötzlich entgleitet ihm ihre Stimme. Ihre Gedanken verwandeln sich in Wellen, die auf den Ozean hinaus geschwemmt werden. Sie ist fort, ihr Körper schläft. Nur durch ihre Atmung fühlt er, dass sie bei ihm ist. Er tut es ihr gleich, hebt die Hand und webt einen letzten Zauber, um ihnen für ein paar Stunden Sicherheit zu verschaffen. Der Schneevorhang verdichtet sich dort, wo sie liegen. Aber keine Eisblume berührt sie wirklich. Nur für Außenstehende sieht es so aus.
Dann gibt auch er sich seiner Schwäche hin.

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beta
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