Willkommen zurück, James!

Der Schnee fiel beinahe wie in Zeitlupe auf die Erde. Viele Flocken landeten auf den knorrigen Ästen der Bäume, die sich leicht im Wind wiegten. Frierend stand ich neben Olivia, die ebenfalls ihren Körper dick eingepackt hatte. Das Wetter war unverändert. Es war kein Tag vergangen, an dem es nicht geschneit hatte oder ein eisiger Wind durch die Straßen gefegt war. Meine Nerven waren bis aufs Äußerste gespannt, denn gleich würde James nach sechs Wochen aus dem Krankenhaus entlassen werden.
Ich war froh, dass Olivia mit mir gekommen war und wir zusammen darauf warteten, dass eine Krankenschwester James mit einem Rollstuhl zu uns raus fuhr.
Ich hatte meinen Freund zwar jeden Tag besucht, doch heute war es etwas anderes. Heute würde er mit mir nach Hause kommen.
Ich konnte immer noch nicht glauben, dass ich meinen Onkel und Olivia dazu hatte überreden können James bei uns wohnen zu lassen.
Vor einer Woche hatte ich dieses Thema beim Abendessen angesprochen. Mein Onkel hatte sofort dicht gemacht und nein gesagt. Er wollte James nicht in seiner, aber vor allem nicht in meiner Nähe haben.
Das hatte mich nicht wirklich interessiert. Ich hatte die Beiden angefleht James bei uns wohnen zu lassen. Dies hatte aber leider keinen Erfolg gezeigt. Selbst Olivia hatte meine Bitte abgeschlagen. Sie hatte gesagt, dass James lieber zu Hause bei seinen Eltern sein sollte, als bei uns.
Diese Aussage hatte mich dazu veranlasst ihnen die Wahrheit zu sagen. Mir war es egal gewesen, dass ich somit offen und ehrlich zugab, dass James und ich sie angelogen hatten.
Es war mir wichtiger gewesen James zu mir zu holen, damit er in meiner Nähe war und sich erholen konnte.
Darum hatte ich ihnen erzählt, dass James´ Eltern schon vor vielen Jahren gestorben waren und er niemanden außer mir hatte.
Anfänglich hatte Jamie mich angeschrien und mir unter die Nase gerieben, dass er doch Recht gehabt hatte. James war ein Lügner, dem man nicht vertrauen konnte. Olivia dagegen war enttäuscht von mir, weil ich sie hintergangen hatte.
Aber im Laufe der Zeit hatte Olivias Mitleid für James überwogen und sie hatte, ohne noch einmal mit ihrem Mann über die Sache zu sprechen, eingewilligt James bei uns aufzunehmen.
Jamie wäre beinahe vor Zorn explodiert, als er das gehört hatte. Er hatte Olivia und mich als verrückt bezeichnet, ehe er wutentbrannt die Treppe hinaufgestürmt war und sich in sein Schlafzimmer verzogen hatte.
Es verstand sich wohl von selbst, dass mein Onkel nicht mit uns vor dem Krankenhaus stand und auf James wartete.
„Warum dauert das denn so lange?“, fragte ich Olivia, obwohl sie, so wie ich, keine Antwort auf meine Frage hatte.
„Das weiß ich nicht, Holly“, sagte sie im entschuldigenden Ton und zuckte zusätzlich mit den Achseln.
Ungeduldig lief ich auf und ab. Zum Einen, um mir die Zeit zu vertreiben und zum Anderen, damit mir warm wurde und ich nicht erfror.
„James wird bestimmt gleich da sein“, versuchte sie mich mit sanfter Stimme zu beruhigen. Ihre Worte gingen an mir vorbei, wie ein unbedeutendes Rauschen. Ich konzentrierte mich bloß auf die doppelseitige, elektrische Tür. Ich erwartete jeden Moment, dass sie sich öffnen und James endlich zu mir kommen würde.
Derweil hatte Olivia ihre Arme um ihren Körper geschlungen, um sich halbwegs warm zu halten.
„Lass uns reingehen und dort warten“, schlug Olivia mit bebender Stimme vor.
„Nein“, antwortete ich. „Ich war die letzten sechs Wochen jeden Tag im Krankenhaus. Die Atmosphäre deprimiert mich einfach.“ Als ich Olivia ansah, nickte diese verständnisvoll. Sie wusste, wie glücklich mich die Besuche bei James gemacht hatten, aber auch wie nahe sie mir gegangen waren.
In der vergangenen Zeit hatte ich oft mit ihr über meine Gefühle und Ängste gesprochen. Das Einzige, was niemand von uns angesprochen hatte, waren die Ereignisse der zwei Tage gewesen, in denen James und ich verschwunden waren. Olivia schien genau zu wissen, dass ich nicht darüber reden würde. Niemals.
Die Gespräche mit ihr hatten mich sehr an meine Mom erinnert. Vor allem an die Zeit, in der unser Verhältnis sehr vertrauensvoll und eng gewesen war. Ich hatte mit ihr über alles reden können. Dies hatte sich jedoch im Laufe der Jahre verändert, besonders, als ich James kennengelernt und von seinem Geheimnis erfahren hatte.
Seit der Begegnung mit James hatte sich einfach alles verändert und zwar in Rekordzeit. Manchmal dachte ich darüber nach, wie mein Leben ausgesehen hätte, wenn ich ihm damals nicht in der Gasse begegnet und mich in ihn verliebt hätte.
Mein Gedankengang wurde unterbrochen, als die elektrische Tür auseinander glitt und James auftauchte. Eine ältere, freundlich aussehende Krankenschwester schob den Rollstuhl, in dem er saß. James` Miene war mürrisch und unzufrieden. Mein Herz machte einen gewaltigen Sprung in meiner Brust. Endlich konnte James das Krankenhaus verlassen. Endlich war er wieder auf den Beinen. Endlich war er wieder bei mir.
„Da sind wir“, verkündete die Krankenschwester fröhlich und lächelte in die Runde. Die umgreifende Kälte schien ihr nichts auszumachen. Ich musste mir einen bissigen Kommentar wegen der langen Wartezeit verkneifen. Ich trat an James heran. Auf seinem Gesicht konnte ich eine Spur Erleichterung erkennen.
„Wie geht es dir?“, fragte ich ihn, nachdem ich mich vor ihn gehockt hatte. Kurz umspielte ein Lächeln seine Lippen.
„Gut“, meinte er und durchdrang mich mit einem intensiven Blick. „Die lange Zeit im Krankenhaus hat mich richtig angekotzt“, beschwerte er sich. Dabei war es ihm gleichgültig, dass die Krankenschwester ihn hörte.
„Das kann ich gut verstehen“, sagte ich und dachte daran, wie James sich die vergangenen Wochen gefühlt hatte.
Von Tag zu Tag hatte sich seine Gemütszustand verschlechtert. Zuerst war er nur gelangweilt gewesen. Doch dann war seine Laune abgesackt und er war beinahe schon in eine Depression hineingesunken. Er hatte es gehasst nutzlos herumzuliegen und nichts tun zu können und zu dürfen. Immer wieder hatte er die Rache an seinen Ex-Kollegen angesprochen. Er hatte mehr geschrien, als gesagt, dass er sie abgrundtief hasste und er es kaum erwarten konnte aus dem Krankenhaus zu verschwinden und sie alle zu töten. Bei diesen Worten hatten mich besonders seine emotionslosen und seelenlosen Augen erschrocken und in Angst versetzt.
Ich hatte zwar James´ dunkle Seite kennengelernt, aber seit einigen Monaten war diese nicht mehr in den Vordergrund getreten. Zu mir war er ganz anders, so, als sei er niemals ein Auftragskiller gewesen war. Aber in Momenten, wie diesen, zeigten sich all die Jahre, in denen James kaltblütig und gnadenlos Menschen ermordet hatte und dass sich ein kleiner Teil von ihm sich in diese Zeit zurück wünschte.
„Können wir los?“ James´ einzigartige Stimme brachte mich ins Hier und Jetzt zurück.
„Ja klar“, presste ich hervor und stellte mich neben den Rollstuhl. Die Krankenschwester eilte auf die andere Seite. James stützte sich ab und drückte sich langsam nach oben. Mit meinem rechten Arm umklammerte ich seine Taille, da er noch Schwierigkeiten hatte einen festen Stand zu finden. Auch die Krankenschwester half James aus dem Rollstuhl.
„Es geht schon“, sagte James schroff. Ich wusste, dass er nicht absichtlich gemein war, sondern dass ihn seine Hilflosigkeit ungemein aufregte und er seine Wut darüber loswerden musste.
Vorsichtig machte er die ersten Schritten. Die Krankenschwester ließ seinen rechten Arm los und trat zur Seite. Jetzt war ich nur noch die Einzige, die ihm half.
„Du kannst mich loslassen, Holly, wirklich“, brachte er mühsam hervor. Das Laufen und Sprechen strengten ihn unheimlich an. Ich war mir nicht sicher, ob ich seinen Worten trauen konnte. Vielleicht wollte er mich ja nur loswerden, um zu zeigen, dass er keine Hilfe brauchte und nicht schwach war. Trotzdem blieb ich lieber neben ihm stehen und stützte ihn.
„Holly…“ begann er, doch ich ließ ihn nicht ausreden.
„Ich helfe dir, James“, entgegnete ich und mein Griff um seinen Arm verstärkte sich. „Du bist noch nicht ganz auf den Beinen und außerdem ist es durch den Schnee und das Eis ziemlich glatt.“ Ich führte alle Argumente für meine Hilfe an, die mir einfielen. In seinem Gesicht konnte ich ablesen, wie wenig er von meinen Argumenten hielt, aber er sagte nichts. James atmete bloß angestrengt ein und aus. Bei jedem Atemzug bildete sich eine kleine Nebelwolke.
„Dann erholen Sie sich gut, Mr. Roddick“, verabschiedete sich die nette Krankenschwester. James ignorierte sie und ging einfach weiter. Olivia redete kurz noch mit der Krankenschwester, bevor sie uns folgte.
Der Weg zum Auto war ein heikles Unterfangen. Das Eis auf den Gehwegen erschwerte es mir James sicher zu führen. Ich war darauf bedacht, dass er ja nicht ausrutschte und hinfiel, denn das wäre das Schlimmste, was passieren konnte. Die ganze Zeit redete keiner von uns ein Wort. Hin und wieder warf Olivia uns einen Seitenblick zu, den ich nicht deuten konnte. Ich dagegen konzentrierte mich unentwegt auf meine Schritte, um ja keine Fehler zu machen. Bei meiner Tollpatschigkeit war es ein Wunder, dass ich mich noch nicht auf die Nase gelegt hatte.
Es beunruhigte mich, dass James so still war. Er machte nichts weiter, als stur geradeaus zu starren. Ich konnte bloß hoffen, dass er mit der Zeit etwas besser gelaunt war und gesprächiger werden würde. Wir überquerten gerade den Parkplatz, der besonders glatt war, als James auf einmal abrupt stehen blieb.
„Ist etwas nicht in Ordnung, James? Geht es dir gut?“, meine Stimme überschlug sich.
Besorgt sah ich ihm ins Gesicht. Seine Miene war unergründlich.
„Es tut mir leid“, murmelte er und sah mir tief in die Augen. In seinem Blick lag eine Mischung aus Unsicherheit und Angst. Solch einen Ausdruck hatte ich bisher noch nie in seinen Augen gesehen.
„Was tut dir leid?“, fragte ich verwirrt nach.
„Einfach alles“, erwiderte er in einem Ton, der mir das Herz in tausend Stücke zerriss.

Als unser Haus in meinem Blickfeld auftauchte, war ich erleichtert und froh. Ich hoffte, dass James und ich bald alleine sein würden, damit wir miteinander reden konnten. Meiner Meinung nach gab es genug Gesprächsstoff zwischen uns. Nicht nur unsere Gefangenschaft, sondern auch James´ merkwürdiges und beängstigendes Verhalten, das er seit dem Verlassen des Krankenhauses an den Tag legte.
Mit einem leichten Ruck hielt das Auto an.
„Da sind wir“, sagte Olivia und drehte sich zu mir um, da ich hinten saß. Ich fragte mich, warum sie dies gesagt hatte, aber vielleicht wollte sie mir somit insgeheim mitteilen, dass ich aussteigen und James helfen sollte. Eindringlich schaute sie mich an. Ich hatte ihren Wink verstanden, obwohl ich selbst genau wusste, was zu tun war. Sie brauchte mich also nicht extra daran zu erinnern.
Ohne ein Wort stieg ich aus. James hatte bereits die Beifahrertür geöffnet. Nun schwang er seine Beine über den Sitz nach draußen. Er hievte sich mühsam nach oben und klammerte sich an den Rahmen der Autotür. Ängstlich sah ich jeder seiner unbeholfenen Bewegungen zu. Ich stellte mich neben die Tür, bereit ihm jederzeit unter die Arme zu greifen. Ich bemerkte, dass er mich aus den Augenwinkeln beobachtete. Es schien, als denke er darüber nach, ob er Hilfe brauchte oder nicht und wenn, ob er mich um Hilfe bitten sollte. Ich konnte verstehen, dass diese Situation nicht einfach für James war. Schließlich war er immer gut alleine zu recht gekommen. Sein Leben lang. Jetzt war er aufgrund seiner Gesundheit auf jemand anderen angewiesen und dass gefiel ihm nicht.
Ich sah Olivia, die ausstieg und um das Auto herumging. Auch sie beäugte James´ Geh- und Stehversuche mit Skepsis. Sie war im Begriff sich James zu nähern und ihm zu helfen, doch ich schüttelte heftig den Kopf. Olivia blieb wie angewurzelt stehen und sah mich mit gerunzelter Stirn an.
Mit meinen Lippen formte ich ein tonloses Nein. Ihr Blick zeigte Unverständnis. Sie verstand nicht, warum ich sie davon abhielt James zu helfen.
Derweil setzte sich James in Bewegung. Ganz langsam ging er Schritt für Schritt Richtung Haus. Ich befürchtete, dass er jeden Moment ausrutschen und auf die vereiste Erde fallen würde. Kaum war James ein paar Meter vom Auto entfernt, da trat Olivia an mich heran.
„Was sollte das eben?“, fragte sie mich und schob die Augenbrauen zusammen.
„Du wirst ihm nicht helfen“, Olivia schnaubte empört, „und ich auch nicht“, fuhr ich fort.
„Aber warum denn nicht? Es ist viel zu riskant ihm nicht zu helfen, Holly. Er könnte hinfallen.“ Ich fand es ja schön, dass sie sich ebenfalls Gedanken um James machte, aber sie brauchte mir nicht zu erklären, dass es gefährlich war ihn alleine herumlaufen zu lassen. Das wusste ich.
„Ich kenne ihn gut genug, um zu wissen, dass er keine Hilfe will. Wenn wir ihn jetzt bedrängen, dann flippt er vermutlich völlig aus“, entgegnete ich ernst, während mein Blick unentwegt auf James geheftet war. Dieser hatte bereits die Stufen der Veranda erreicht. Olivia war nach meiner Antwort perplex. Sie konnte nicht verstehen, warum James keine Hilfe wollte.
„Ich gehe ihm besser hinterher“, nuschelte ich. „Falls doch etwas passieren sollte, kann ich ihm immer noch helfen“, fügte ich an.
Dann wandte ich mich von ihr ab und folgte James. Er hatte erhebliche Schwierigkeiten, die eisigen und glatten Stufen zu überwinden. Lautlos ging ich zu ihm und betrat ebenfalls die Stufen. Ein Seitenblick auf ihn verriet mir, wie zornig er war. Sein Gesicht war wutverzerrt und er atmete angestrengt. Es tat mir leid für ihn, dass er es so schwer hatte; dass ihn die momentanen Umstände wütend und unglücklich machten.
Ich ging voraus. Nachdem ich die Tür mit meinen eiskalten Händen geöffnet hatte, widmete ich mich wieder James. Dieser hatte die Stufen überwunden und stand nun stocksteif auf der Veranda. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Zum Glück war ihm nichts passiert und wenn doch, dann wäre das meine Schuld gewesen.
Denn eigentlich war es meine Pflicht auf James Acht zu geben und ihm zu helfen, egal, wie sehr er selbst es hasste und sich dagegen sträubte. Während ich noch zwischen Vorwürfen und Erleichterung hin und her schwankte, starrte James mit glasigen Augen vor sich hin und schien in Gedanken versunken zu sein. Ich war unentschlossen, ob ich ihn ansprechen sollte oder nicht. Nach fünf Minuten entschied ich mich mit ihm zu reden.
„Was ist los, James?“, fragte ich ihn vorsichtig mit leiser Stimme. Er hatte mich wohl nicht gehört, denn er reagierte in keinster Weise auf mich.
„James?“, sagte ich nun erheblich lauter. Plötzlich zuckte er zusammen und sein Kopf schnellte zu mir. Seine grauen Augen waren leer und ausdruckslos. Ich konnte es nicht verhindern, dass mir ein Schauer über den Rücken lief.
„Was ist?“ Seine Stimme klang emotionslos, ja beinahe schon kalt.
Augenblicklich wich ich ein Stück nach hinten. Es war wohl doch keine gute Idee gewesen ihn anzusprechen.
„Ich wollte bloß wissen, was mit dir los ist“, antwortete ich und schaute ihn tiefernst an.
„Mit mir ist gar nichts los“, fuhr er mich an und ging, ohne mich noch eines Blickes zu würdigen, ins Haus. Für mich war es in Ordnung, dass er gereizt und genervt war, aber dass er mich anlog ging zu weit. Was für Probleme er auch hatte, er konnte mir alles sagen und über alles mit mir reden. Er brauchte mich nicht zu belügen.
Mit einem Gedankengewirr in meinem Kopf betrat ich ebenfalls das Haus. Mein Onkel schien im Wohnzimmer zu sein, denn dort brannte Licht und ich konnte den Fernseher hören. Mir war klar, dass er sich nicht blicken lassen würde. Automatisch schob ich die Schultern nach oben. Es war mir egal. Jamie und James würden sich nie verstehen, da konnte ich machen, was ich wollte.
Laut seufzte ich, als ich mir die Stiefel von den Füßen zog und mich aus meiner dicken Jacke quälte. James war bereits die Treppe in den ersten Stock hinaufgegangen. Ich vermutete, dass er sich auf dem Weg in mein Zimmer machte.
Ich hing gerade meine Jacke an die Garderobe, als Olivia hereinkam und die Tür schloss. Augenblicklich fühlte ich die angenehme Wärme auf meiner Haut.
„Ich sehe mal nach deinem Onkel“, meinte sie. Mit ihren braunen Augen sah sie mich eindringlich an. Ich wusste, was sie mir damit sagen wollte.
„Und ich sehe mal nach James“, sagte ich und eilte nach oben. Ich hatte keine besondere Lust mich wegen ihr weiterhin wie die schlechteste Freundin der ganzen Welt zu fühlen. Sie gab mir das Gefühl, dass ich mich nicht gut um James kümmerte und dieses Gefühl verabscheute ich.
Als ich vor meiner Zimmertür stand, hatte ich mich noch immer nicht beruhigt. Auf der anderen Seite hörte ich James´ langsame Schritte. Ich atmete tief durch und ordnete meine Gedanken, bevor ich die Tür öffnete und mein Zimmer betrat.
Sofort fiel mir James ins Auge, der angestrengt keuchte, während er sich aufs Bett setzte. Die Matratze ächzte unter seinem Gewicht.
Ich schlurfte zum Bett herüber und setzte mich neben meinen Freund. Minutenlang schwiegen wir uns an. Hin und wieder räusperte sich James, als wolle er etwas sagen, aber er blieb stumm, genau wie ich.
Die Situation war mir unangenehm, denn ich hatte keine Ahnung, warum wir nicht miteinander redeten. Lag es vielleicht daran, dass er kein Interesse daran hatte, sich mit mir zu unterhalten? Aus großen Augen sah ich ihn an, als hätte ich die Frage laut gestellt.
„Sieh mich bitte nicht so an, Holly“, jammerte er. Ich erschrak, denn ich hätte nicht erwartet, dass er meinen Blick bemerken würde.
„Ist es dir unangenehm, wenn ich dich ansehe?“, fragte ich traurig und starrte auf meine Hände.
„Wenn du mich so mitleidig anguckst, dann ja“, gab er offen und ehrlich zu. Dabei hatte er die ganze Zeit die Augen geschlossen. Im ersten Moment wusste ich nicht, was ich tun oder sagen sollte.
Mir selbst war nicht bewusst gewesen, dass meine Blicke mitleidig waren. Ich rückte nahe an James heran und nahm seine linke Hand. Ich merkte, dass er zitterte.
„Ich hasse es, Holly. Ich hasse es so sehr“, jammerte er betrübt und wandte seinen Kopf zu mir. Für mich kamen diese Worte völlig unerwartet und waren ein Rätsel für mich.
„Was?“, flüsterte ich dermaßen leise, dass ich mir nicht sicher war, ob er mich auch verstanden hatte.
„Das alles“, meinte er mit einem vielsagenden Blick auf mich. „Ich hasse meine Ex-Kollegen, weil sie dir wehgetan haben.“ Er nahm meinen linken Arm und küsste meine gesunden Finger. „Ich hasse sie, weil sie mich schlimm zugerichtet und damit ins Krankenhaus gebracht haben.“ Hasserfüllt starrte er auf seinen eigenen Körper.
„Sie haben mich schwach gemacht, Holly“, knurrte er und schnaubte. „Sie haben es mir momentan unmöglich gemacht, etwas gegen sie zu tun und dich vor ihnen zu beschützen.“ Seine Stimme war zunehmend leiser und verzweifelter geworden.
„Wenn ich mich zusammengerissen und meine Kräfte besser eingeteilt hätte, dann hätte ich uns retten; uns eine Flucht ermöglichen können.“ Er ballte seine Hände zu Fäusten. Seine Miene war düster.
„Stattdessen hast du…hast du ihn geküsst.“ Plötzlich blitzten seine Augen vor Zorn und sein Körper bebte wie verrückt. „Das hätte ich nicht zulassen dürfen. Ich hätte nicht zulassen dürfen, dass Patton, dieses niederträchtige Arschloch, dich anfasst.“ Ich öffnete den Mund um etwas zu erwidern, doch er redete weiter.
„Ich hätte uns retten können. Ich hätte es geschafft, wenn ich…“
„Nein, dass hättest du nicht, James. Das hättest du nicht“, fiel ich ihm ins Wort.
Vor Aufregung pochte mein Herz laut und schnell. Ich konnte einfach nicht glauben, wie schlecht er über sich selbst sprach. Er machte sich Vorwürfe. Er gab sich die Schuld für alles, obwohl er doch alles Mögliche getan hatte, was mit seinem Gesundheitszustand möglich gewesen war. James musste akzeptieren, dass er nichts weiter hätte tun können.
„Du hast alles getan, was du konntest, aber irgendwann war auch das Ende deiner Kräfte erreicht“, sprudelte es hektisch aus mir heraus.
„Und ich habe Patton geküsst, weil es die einzige Möglichkeit war ihn von dir fernzuhalten und ihn zu verletzen. Ich habe das getan, was nötig war. Ich habe diese Entscheidung getroffen, weil ich nicht wollte, dass Patton dir weitere Schmerzen zufügt oder dich sogar umbringt.“ Ich konnte es nicht verhindern, dass ich hysterisch klang. Die Erinnerungen an diese schrecklichen Stunden machten mir schwer zu schaffen.
James hatte nichts weiter getan, als mir schweigend zuzuhören. Jetzt saß er wie festgefroren neben mir und blickte mich unverwandt an. Kein einziger Muskel regte sich in seinem Gesicht, sodass ich keine Ahnung hatte, wie er über meine Worte dachte. Ich fragte mich, ob es richtig gewesen war ihm all dies zu sagen. Ich war verunsichert.
„James, ich…“ Ich brach ab. Ich hatte angefangen zu sprechen, ohne vorher richtig nachgedacht zu haben.
„Ich habe bereits geahnt, dass du so etwas sagen würdest“, sagte James und seufzte gequält. „Es hätte nicht soweit kommen dürfen, Holly. Es ist meine Aufgabe dich zu beschützen und nicht andersherum“, räumte er ein. Blitzschnell stand er auf und kniete sich vor mich auf den Boden. Vor Schmerz verzog er das Gesicht und seine Atemzüge wurden rasselnd.
„Du musst nicht…“, wollte ich protestieren, aber er unterbrach mich kurzerhand.
„Keine Widerrede, Holly. Ich habe an diesem Abend versagt. Ich hätte viel mehr tun müssen, um dich zu retten. Wenn ich mich bemüht hätte, dann wäre das mit deinen Fingern niemals passiert“, meinte er beschämt und senkte den Kopf. Seine Selbstkritik brachte mich beinahe um den Verstand und machte mich traurig. Ich ließ mich vom Bett gleiten und landete mit den Knien auf den Boden, genau vor James.
„Du hast mich beschützt, James“, hauchte ich und nahm sein Gesicht in meine Hände. Als er mich ansah, zitterten seine Pupillen.
„Du hast mich beschützt, obwohl du mehr tot, als lebendig warst. Du hast wieder dein Leben für mich riskiert. Ohne dich hätten die Killer mich umgebracht.“ Meine Stimme wurde mit einem Mal ängstlich. Ich schob die aufkommenden Erinnerungen und Bilder an unsere Gefangenschaft ganz weit weg. Ich versuchte sie mit aller Macht zu verdrängen.
„Ich liebe dich, James“, sage ich und fuhr ihm durch die Haare. „Ich liebe dich, weil du immer für mich da bist und alles für meine Sicherheit tun würdest.“ Zur Bestätigung nickte er. Dann beugte er sich vor und küsste mich innig. In diesem Augenblick fiel die ganze Last von meinen Schultern und meine Gedanken kreisten nur noch um James. Meine Ängste und Sorgen waren mit einem Mal vergessen.
Mein Herz raste wie wild und eine wohlige Wärme durchfuhr meinen Körper. Ich schmiegte mich an ihn. Dabei vergaß ich, dass seine Rippen angeschlagen waren und umklammerte ihn ganz fest.
„Ahhhhh.“ James sog die Luft scharf zwischen zusammengebissenen Zähnen ein. Ich ließ ihn so schnell los, als sei seine Haut brühendheiß. Entsetzt schlug ich meine rechte Hand vor den Mund und sah ihn besorgt an. James fasste sich an die linke Seite.
„Es tut mir leid, James“, kreischte ich mit quietschend hoher Stimme. „Ich wollte das nicht. Ich…“ Er hob eine Hand, um mich zum Schweigen zu bringen.
„Mir geht es gut. Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, Holly“, sagte er, während er sich wie in Zeitlupe erhob. Dann schüttelte er mit finsterer Miene den Kopf.
„Meine Rippen sind dermaßen lädiert, dass meine Freundin mich noch nicht einmal anfassen kann, ohne, dass ich Schmerzen habe“, raunte er wütend und stöhnte gequält auf. „Wenn das noch lange so weitergeht, dann drehe ich mit Sicherheit durch.“ Ich stand ebenfalls auf und berührte ihn sanft an der Schulter.
„Ich weiß, dass es schwer für dich ist.“ Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und küsste James auf den Hals. „Aber zusammen schaffen wir das.“

James lag in meinem Bett, während ich meinen Rucksack für den morgigen Schultag packte. Unentwegt spürte ich seinen Blick in meinem Nacken. Nachdem das Abendessen vorüber war, hatte ich James mehr befohlen, als gebeten, sich endlich mal hinzulegen und sich auszuruhen. Zuerst hatte er sich natürlich geweigert, doch ich hatte ihn so lange genervt, bis er sich meinem Willen gebeugt hatte.
Nun lag er bereits seit über zwei Stunden, mit einem T-Shirt und einer Jogginghose bekleidet, in meinem Bett. Bevor er aus dem Krankenhaus entlassen worden und zu mir nach Hause gekommen war, hatte ich ihm allerhand Klamotten gekauft, da er ja bei mir keine hatte. Zu meinem Glück hatte ich festgestellt, dass ich die richtige Größe besorgt hatte.
„Ich habe überhaupt keine Lust in die Schule zu gehen“, meinte ich zum gefühlten tausendsten Mal genervt und entmutigt. James verdrehte die Augen und grinste.
„Du musst aber gehen und dass weißt du“, äußerte er belustigt und gluckste.
„Ja, ich weiß, aber ich lasse dich ungern alleine“, schmollte ich und warf ihm einen flüchtigen Blick zu. James hatte eine Augenbraue hochgezogen.
„Glaubst du nicht, dass ich alt genug bin, um alleine zu bleiben?“, fragte er mich verdutzt.
„Nein.“ Ich stellte meinen Rucksack zurück unten den Schreibtisch.
Danach drehte ich mich um und schlenderte zum Bett. James beobachtete mich, während ich mich auf der anderen Seite des Bettes auf meine Knie setzte. Lächelnd schaute ich ihn durchdringend an.
„Du brauchst mich“, neckte ich ihn und fuhr ihm zärtlich über den linken Arm. Schelmisch blitzten seine grauen Augen, als er mein Lächeln erwiderte.
„Und warum brauche ich dich?“
„Hmm.“ Ich dachte gespielt nach, ehe ich ihn lange und leidenschaftlich küsste.
„Dafür brauche ich dich“, hauchte er und zwirbelte einer meiner Haarsträhnen um seinen Zeigefinger. „Das hätte ich fast vergessen.“ Frech grinste er, ehe er mir einen Handkuss gab. Sogleich errötete ich.
„Aber egal, wie sehr mir deine Anwesenheit und deine Art, wie du dich um mich kümmerst, auch gefallen“, sagte er in einem Ton, der mein Gesicht von rosa zu knallrot wechseln ließ, „du hast nun mal die Pflicht in die Schule zu gehen. Daran kann keiner von uns etwas ändern.“ In diesem Punkt hatte er leider Recht und dass mochte ich nicht.
„Musst du immer so vernünftig sein?“, jammerte ich und seufzte, als ich mich neben ihn auf die Matratze fallen ließ. James prustete los. Verwirrt sah ich ihn von der Seite her an.
„Ich…ich hätte mich niemals als…als vernünftig bezeichnet“, brachte er mühevoll zwischen zwei Lachern hervor. Ich konnte nicht anders als mitzulachen, denn ich war froh, dass James für einen Augenblick glücklich und ausgelassen war.
Nach ein paar Minuten verstummte James und zog mich an sich. Ich war unsicher, ob ich ihn anfassen sollte oder nicht. Daher waren meine Bewegungen eher etwas unbeholfen.
„Du brauchst keine Angst zu haben, dass du mir wehtust“, versuchte er mich zu beruhigen und legte bestimmt meine Hand auf seine Brust.
„Eben habe ich dich aber verletzt“, korrigierte ich ihn mit schuldbewusster Miene. Sofort winkte James ab.
„Das war halb so schlimm.“ Er legte seinen linken Arm um mich und strich mir über die Wange. „Und außerdem halte ich es nicht aus, wenn du dich von mir fernhälst“, sagte er ernst und starrte mich an. Ich wusste nicht wieso, aber sein Blick ließ mich hart schlucken.
Eine gefühlte Ewigkeit schwiegen wir uns an. Jeder von uns hing seinen Gedanken nach. Irgendwann räusperte sich James und setzte sich auf.
„Ich finde wir sollten über die Tage in Ophelias Haus reden“, offenbarte er mir mit einem unnatürlichen Glanz in den Augen. Sein Vorschlag kam für mich völlig überraschend.
„Wieso?“ Ich setzte mich in den Schneidersitz und legte den Kopf schräg.
„Weil das für uns beide eine schwere Zeit war. Meine Ex-Kollegen haben uns schlimme Dinge angetan und unsere Gedanken und Gefühle darüber sollten wir nicht verdrängen oder voreinander verbergen“, erklärte er vielsagend. Er hatte Recht, mit dem, was er sagte. Es wäre das Beste, wenn wir unsere Ängste miteinander teilen würden und keine Hemmungen hatten über diese Zeit zu sprechen.
„Das klingt gut“, stimmte ich zu, wobei ich sowohl gespannt, als auch ängstlich zugleich war. Ich wusste nicht, ob ich tatsächlich in der Lage sein würde über die schrecklichen Ereignisse zu reden. Mir war bewusst, dass ich dies alles nur verarbeiten konnte, wenn ich darüber sprach, aber ich fürchtete mich vor meinen Emotionen. Ich…
„Ich hatte Angst, Holly.“ Diese Worte kamen aus heiterem Himmel und trafen mich wie ein Schlag. Für mich war James immer ein Mensch gewesen, der vor nichts und niemandem Angst hatte. Seine Offenheit brachte mich aus dem Konzept und hätte ich niemals erwartet. Ich war einfach sprachlos.
„Ich hatte furchtbare Angst um dich, Holly. Mir war es egal, was mit mir passieren würde. Ich wollte dich nur vor diesen Wahnsinnigen schützen und dass um jeden Preis. Doch das habe ich nicht geschafft“, ärgerte er sich und ließ ein tiefes Knurren hören.
„Ich war verzweifelt, als sie mich beinahe zu blutigem Brei geschlagen haben und ich mich nicht mehr richtig verteidigen und dich beschützen konnte“, presste er hervor.
„Als sie mich geschlagen, getreten, bespuckt, mir die Rippen gebrochen und jeden Zentimeter meines Körpers geschunden haben, habe ich bloß an dich denken müssen und an das, was sie dir hätten antun können.“ Seine Stimme klang brüchig und rau. Nach diesen Worten war seine Miene niedergeschlagen und sein Blick seltsam. Ich hatte großen Respekt vor ihm, weil er sich nicht gescheut hatte mir all das anzuvertrauen. Auf einmal sah ich James in einem völlig anderen Licht.
In den vergangenen Monaten hatte er sich sichtlich verändert. Die Veränderung war zwar nicht immer sichtbar, doch ich konnte sie regelrecht spüren. Für mich war sie zu jeder Zeit präsent. James übernahm Verantwortung. Er war nachdenklicher und ernster geworden. Und meiner Meinung nach war er auch eine Spur vernünftiger. Ich sah ihn mit anderen Augen. Im positiven Sinne.
James überraschte mich immer wieder. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass ich ihn jedes Mal neu kennenlernte. Jetzt stellte sich nur die Frage, ob das gut oder schlecht war. Während ich in Gedanken verloren war, stierte er mich eindringlich, beinahe schon fordernd an. Ich wusste, dass er jetzt etwas von mir hören wollte, aber war ich dazu bereit?
„James, ich…ich…“, stotterte ich, ehe ich letztendlich doch verstummte.
Ich konnte nicht über die Ereignisse in Ophelias Haus sprechen. Ich konnte es einfach nicht.
„Rede mit mir, wenn du dazu bereit bist, Holly. Ich werde dich zu nichts zwingen“, meinte er sanft und gab mir einen Kuss auf die Stirn. Selbst diese kleine Bewegung verursachte bei ihm Schmerzen. Zwar versuchte er sich nichts anmerken zu lassen, aber ich vernahm eindeutig seine plötzlich einsetzenden, angestrengten Atemzüge.
„Es wäre gut, wenn wir schlafen gehen würden. Ich muss morgen früh aufstehen und du solltest dich ausruhen“, schlug ich vor. James sah nicht gerade begeistert aus, aber er widersprach mir nicht. Also stand ich auf, schlüpfte unter die Decke und legte mich hin. Kaum spürte ich die weiche Matratze unter mir, da merkte ich erst, wie müde ich war. Ich musste sogar ein Gähnen unterdrücken.
„Gute Nacht, James“, hauchte ich und rückte nah an ihn heran. Sein herber Duft stieg mir in die Nase und ließ mein Herz höher schlagen.
„Gute Nacht, Holly“, brummte er und schloss die Augen.

Meine Muskeln waren verkrampft und steinhart. Ich konnte mich kaum bewegen. Meine Augen waren starr nach oben gerichtet. Ich sah eine ebenmäßige, weiße Fläche. Sonst nichts. Zudem lag ein bestialischer Gestank in der Luft. Ich wagte es kaum zu atmen.
Wo war ich? Was war mit mir los? Fragen über Fragen überfluteten meinen Verstand, von denen ich keine Einzige beantworten konnte.
Auf einmal drangen laute Schritte an meine Ohren. Mein Schädel dröhnte so heftig, dass ich glaubte, dass er bald explodieren würde. Ich wollte aufstehen, aber ich konnte nicht.
„Steh auf, Miststück“, brüllte eine mir bekannte Stimme. Diese konnte ich im ersten Moment jedoch beim besten Willen nicht zuordnen.
„Bist du taub?“ Der Ton wurde immer aggressiver. Plötzlich tauchte Mickeys wutverzerrtes Gesicht über mir auf.
„Steh auf“, schrie er. Dabei bespuckte er mich. Als ich immer noch nicht reagierte, packte er mich brutal am Arm und zog mich nach oben. Meine Kopfschmerzen wurden noch schlimmer und ich hatte Probleme mein Gleichgewicht zu halten.
„Geht doch“, stellte er zufrieden fest und feixte. Aber dann fror sein Grinsen ein und machte einer hasserfüllten Miene Platz.
„Komm jetzt. Du hast mich bereits genug Zeit gekostet“, schnauzte er mich an, während er mich hinter sich herschleifte. Ich hatte keine Ahnung, wohin er mich brachte, doch ich ahnte Schlimmes. Derweil öffnete Mickey eine Tür und schob mich in einen kleinen Raum. Hier gab es keine Fenster und keine Deckenleuchte, dennoch blendete mich im ersten Augenblick ein helles gleißendes Licht.
Als ich meine Augen aufmachte, blieb mir vor Entsetzen die Luft weg. Mir wurde speiübel, denn hier war der Gestank noch abartiger. Dies war jedoch kein Wunder, schließlich befand sich vor mir die Quelle des Gestanks. Der ganze Boden war befleckt mit frischem Blut. Selbst die Wände waren bis zur Decke mit dicken unförmigen Bluttropfen bedeckt. Mit der Menge an Blut hätte man eine Badewanne füllen können.
Ohne nachzudenken wirbelte ich herum. Ich musste hier weg. Sofort. Zu meinem Leidwesen lief ich jedoch genau in Mickeys Arme.
„Du bleibst schön hier“, raunte er mir ins Ohr und stieß mich mitten ins stinkende Blut. Mit meinen Knien und Händen schlitterte ich über den Boden. Die rote Flüssigkeit bedeckte meine schneeweiße Haut. Wo kam das Blut nur her?
Ich hob den Kopf und schaute mich um. Mein Blick war aus unerfindlichen Gründen verklärt, sodass ich kaum etwas erkennen konnte. Am Liebsten hätte ich mir die Augen gerieben, aber das Blut an meinen Händen hielt mich davon ab.
„Hast du jemals etwas Schöneres gesehen?“, schwärmte Mickey hinter mir, während ich vermehrt blinzelte, um meine Sicht zu verbessern. Tatsächlich sah ich nach wenigen Minuten wieder klar und entdeckte zum ersten Mal drei leblose Körper, die in einiger Entfernung lagen.
Sogleich fing ich an zu schreien und bittere Tränen schossen mir in die Augen. Mickeys hyänenähnliches Lachen klingelte mir in den Ohren, als ich aufsprang und auf die Körper zu rannte, welche nahe beieinander lagen. Ich ließ mich auf die Knie fallen und drehte die erste Leiche um. Es war mein Dad. In seiner Stirn klaffte ein Loch, aus dem noch immer Blut herausquoll. Seine sonst warmen braunen Augen waren glasig. Sie sahen aus wie die seelenlosen Plastikaugen einer Puppe. Diese Augen hatten nichts mehr mit denen meines geliebten Dads zu tun.
Vor lauter Trauer, Panik und Ekel setzte mein Herz plötzlich aus. Mir war heiß und kalt zugleich und Schweiß rann mir das Gesicht herunter. Ich traute mich nicht die anderen Leichen anzusehen, denn mit Sicherheit würde eine davon meine Mom sein. Die andere…
Ich schluckte und wagte es meinen Kopf nach rechts zu wenden. In Unmengen von Blut lag James. Ich erkannte ihn an seinen dunkelbraunen, leicht zerzausten Haaren. Ich begann ohrenbetäubend laut zu schluchzen. Mein Herz fühlte sich an, als breche es jeden Augenblick auseinander. Das konnte nicht sein. Das durfte einfach nicht sein.
„Jetzt bist du ganz alleine“, sagte Mickey gleichgültig. „Niemand ist mehr da, um dich zu beschützen.“ Der Spott in seiner Stimme war deutlich herauszuhören. Seine Worte interessierten mich nicht und rauschten an mir vorbei. Alles um mich herum war mir egal und hatte keine Bedeutung mehr für mich. Meine Eltern und James waren tot. Die Menschen, die ich unendlich liebte, lebten nicht mehr. Sie waren kaltblütig ermordet worden von…von…
Eine ungeheure Wut überrollte mich und überschattete meine Trauer. Wie eine Furie fuhr ich herum und funkelte Mickey zornig an. Mich befiel ein unvorstellbarer Hass, der wie ein Blitz durch meinen Körper schoss. Eine gewaltige Kraft bäumte sich in mir auf, die mich aufstehen und auf Mickey zustürmen ließ. Ich vergaß das Risiko und die Gefahren, denen ich entgegenlief.
Ich wollte Mickey heimzahlen, was er meinen Eltern und James angetan hatte. Wütend schnaubte ich. Adrenalin floss in Rekordgeschwindigkeit durch meine Adern und versetzte mich in einen Rauschzustand.
Mickey schaute mir vergnügt dabei zu, wie ich durch das Blut auf ihn zu rannte. Er hatte keine Angst vor mir. Warum auch? Für ihn war ich nur ein schwaches, kleines Mädchen, aber ich würde ihm schon zeigen, wozu ich fähig war.
Mich trennten nur noch zwei Meter von ihm, als der Killer mit strahlenden Augen diabolisch grinste und eine Waffe aus seinem Hosenbund zog. Er lächelte mich an, während er auf mich zielte und abdrückte.
„NEIN“, kreischte ich und fuhr in die Höhe. Schwer hob und senkte sich mein Brustkorb, als ich mich umsah. Ich erkannte meinen Schreibtisch, meine Klamotten, die überall auf dem Boden verteilt waren und das Fußende meines Bettes, obwohl es dunkel war.
Es war bloß wieder ein schrecklicher Albtraum gewesen. Einer von der Art, von denen ich in den vergangenen Nächten bereits heimgesucht worden war und nur zu gut kannte.
Plötzlich wurde die Lampe auf meinem Nachttisch angeschaltet. Das gleißende Licht brannte mir unangenehm in den Augen und ich musste mich abwenden.
„Ist alles in Ordnung, Holly?“, fragte mich James´ schlaftrunkene Stimme neben mir. Ich war nicht im Stande ihm zu antworten. Die abscheulichen Bilder meines Traums flackerten vor mir auf und brachten mich zum Beben. Eiskalter Schweiß bedeckte meine Haut und verursachte bei mir eine Gänsehaut.
„Holly?“ Ich fühlte James´ Finger, die zärtlich von meinem Rücken, bis zum Steißbein herunter glitten. Ich blieb weiterhin stumm.
„Was ist denn los mit dir?“ Ich konnte seine wachsende Besorgnis hören.
„Ich…ich habe nur schle…schlecht geträumt“, stammelte ich und strich mir die schweißnassen Haare aus dem Gesicht. Krampfhaft versuchte ich meinen zitternden Körper unter Kontrolle zu bekommen.
„Das tut mir leid“, flüsterte er und setzte sich auf. Ich öffnete den Mund, um ihm zu sagen, dass er sich wieder hinlegen sollte, doch im letzten Moment überlegte ich es mir anders. James würde sowieso nicht auf mich hören, also konnte ich es gleich sein lassen.
„Du solltest versuchen zu schlafen“, meinte er und gähnte. Ich seufzte und sah ihn an.
„Ich kann nicht mehr schlafen, James“, erwiderte ich mit fester Stimme. „Ich habe Angst vor meinen Träumen.“ Mir war bewusst, dass meine Worte albern klangen und dafür schämte ich mich. Keine Sekunde später zog James mich an sich.
„Dann bleibe ich auch wach“, bestimmte er und schloss mich in seine Arme. Ich legte meinen Kopf gegen seine Brust und hörte seinem Herz beim Schlagen zu. Ich merkte, dass ich stetig ruhiger wurde.
„Wie schaffe ich es meine Albträume loszuwerden?“, fragte ich ihn nach einigen Minuten, in denen mich diese Frage gequält hatte. Ich brauchte unbedingt eine Antwort; eine Lösung und ich hoffte, dass er mir eine geben würde.
„Ich will diese Bilder nicht in meinem Kopf haben“, sprach ich weiter und schaute ihn flehend an. „Hilf mir diese Bilder loszuwerden, James.“ Ich wusste, dass er der Einzige war, der mir helfen konnte, weil er genau dasselbe gesehen und erlebt hatte, wie ich.
„Was sind das für Bilder, Holly?“ Seine Miene war tiefernst und düster, als er mein Gesicht in seine Hände nahm. Das Grau seiner Augen zog mich in einen Bann, der es mir erschwerte einen klaren Gedanken zu fassen.
„Was für Bilder?“, wiederholte James seine Frage.
„Ich sehe die Lei…Leichen meiner Eltern, deinen Tod, meinen Tod und deine Ex-Kollegen, die uns quälen und töten wollen“, keuchte ich atemlos und kämpfte mit den Tränen.
„Ich kann dir leider nicht dabei helfen“, sagte er entschuldigend und strich mir mit seinen Daumen über meine Wangen. „Ich kann dir nur sagen, dass es mit der Zeit besser wird.“ Aufmunternd lächelte er mich an. Ein wirklicher Trost war das nicht gerade, aber ich wollte mich nicht beschweren.
„Hast du keine Albträume?“ Interessiert musterte ich ihn. Dabei meinte ich ein flüchtiges Schmunzeln bei ihm gesehen zu haben.
„Nicht mehr, Holly. Ich habe schon genug Jahre voller schlafloser Nächte hinter mir. Das kannst du mir glauben“, beklagte er sich bei mir.
„Ich habe nur solche Angst davor einzuschlafen“, gab ich zu und einzelne Tränen liefen meine Wangen hinab, die durch James´ Daumen gestoppt wurden.
„Das kann ich verstehen“, hauchte er und legte seine Stirn gegen meine. Ich schloss die Augen und atmete mehrmals tief durch. Ich versuchte mich zusammenzureißen.
„Es wird bald besser werden, Holly. Vertrau mir.“ Ich hob meine Lider und sah James an. Dieser küsste mich auf die Stirn, die Nasenspitze und das Kinn. Seine sanften, liebevollen Küsse brachten mich zum Lächeln.
„Danke, James“, brachte ich hervor und fuhr ihm durch die Haare. Lange starrten wir uns nur an. Ich spürte eine Vertrautheit und Verbundenheit zu James, die ich mir in einer Beziehung nie zu träumen gewagt hatte. In diesem kurzen Augenblick wurde mir endgültig klar, dass ich mit diesem Mann den Rest meines Lebens verbringen wollte.
„Ich bin froh, dass du bei mir“, sprudelte es aus mir heraus.
„Ich wäre auch froh, wenn dein Onkel nicht wäre“, jammerte er und löste die Umarmung. Zustimmend nickte ich.
„Ich weiß, was du meinst“, murmelte ich entmutigt. „Für dich ist die Situation unangenehm und für ihn auch. Es lässt sich nichts daran ändern.“ Ich zuckte mit den Achseln und hoffte, dass damit das Thema abgeschlossen war, doch da hatte ich die Rechnung ohne James gemacht.
„Es lässt sich nichts daran ändern, weil mir dein Onkel keine Chance gibt. Schon von Anfang an hat er mich nicht gemocht und dabei kannte er mich gar nicht. Na ja, näher kennengelernt hat er mich bis heute nicht“, sagte er schroff und schob verärgert seine Augenbrauen zusammen.
„Das wird…“, fing ich an, aber er schnitt mir das Wort ab.
„Und dabei war ich nett zu ihm, Holly. Ich habe mich bemüht einen guten Eindruck zu machen.“ Seine Stimme wurde zunehmend verzweifelter. Dass mein Onkel ihn nicht leiden konnte, machte ihm wohl mehr zu schaffen, als er zugeben wollte. Wahrscheinlich hatte er es satt verurteilt und gehasst zu werden.
„Wie wäre es, wenn ich noch mal mit meinem Onkel rede, vielleicht…“
„Das ist nicht nötig, Holly. Es wird sowieso nichts nützen“, unterbrach er mich erneut, ehe er sich zurück auf die Matratze legte. Er hatte resigniert, endgültig. Er wusste, dass Jamie ihn nie akzeptieren würde, genauso wenig wie Linda. Also machte er sich nicht mehr die Mühe ihnen zu beweisen, dass er der Richtige für mich war.
Frustriert ließ ich mich aufs Bett fallen. Zuvor hatte ich einen Blick auf meinen Wecker riskiert. Es war 4:30 Uhr. In drei Stunden würde er klingeln und einen neuen Schultag einläuten. Die Gedanken an die Schule zogen meine Stimmung nur noch weiter herunter. Ein langgezogenes Stöhnen kam über meine Lippen.

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