Willst du vielleicht darüber reden


Ben

Ich wusste selbst nicht warum ich sie davon abgehalten hatte einfach auf ihr Zimmer zu gehen, vielleicht lag es daran das ich Sam ein Versprechen gegeben hatte, vielleicht wollte ich auch einfach nicht allein sein, wer weiß das schon. Fakt ist ich hatte ihr nicht wirklich eine Wahl gelassen, denn ich hatte sie am Ellenbogen hinter mir hergezogen. Wir setzten uns in zwei Liegestühle und schauten auf den kleinen Teich der uns zu Füßen lag. Der Garten war wunderschön, mit all seinen bunten Blumen und den exakt zu Kugeln geschnittenen Buchsbäumen, ich liebte die Stille die ihn umgab, ich verbrachte viel Zeit hier. Ich sah zu Ella rüber, sie wirkte etwas verkrampft und starrte vor sich hin, die Situation war ihr sichtlich unangenehm dabei musste es ihr das gar nicht sein, ich hatte nicht erwartet das wir tiefgründige Gespräche führten. Ich würde zu gern wissen was in ihrem Kopf vor sich geht, ob sie weiß wie hübsch sie war, mit ihren blonden Haaren, den großen grünen Augen, dem sinnlichen Mund und ihrer zierlichen Figur. Sicher hatte sie keine Ahnung. Sie wirkt so unschuldig, nicht gespielt sondern auf eine natürliche Art und Weise. Ständig beißt sie sich auf die Unterlippe wenn sie unsicher ist, das ist echt süß. Unter anderen Umständen würde ich versuchen sie rum zukriegen, aber sie war Sams Tochter und somit tabu. Irgendwie hatte ich das Gefühl ich würde Ella kennen, sie wirkt mir so vertraut, es war nur ein Gefühl aber ich wollte herausfinden was dahinter steckte. Ich weiß ich sollte mich von ihr fernhalten, aber ich bin neugierig und fühle mich auf eine eigenartige Weise zu ihr hingezogen, nicht in sexueller Hinsicht eher so als wäre sie ein Pol der mich anzog.

Ich lehnte mich im Liegestuhl zurück und schloss die Augen, ich war nach dem Unfall immer noch nicht wieder richtig fit. Oft war ich müde und etwas desorientiert, hing in meinen Gedanken fest, vielleicht hätte ich die Reha nicht vorzeitig abbrechen sollen. Aber ich hatte keine Lust weiterhin mit sechs Senioren an einem Tisch zu sitzen und die tägliche Frage nach dem eigenen Befinden zu beantworten. Ich fragte mich wo die jüngeren Patienten gewesen waren, ich war ja mit Sicherheit nicht der einzige unter vierzig der zur Reha musste. Aber die konnten sich sicher nicht die hypermoderne Privatklinik leisten. Sam hatte darauf bestanden das ich mich unter die Senioren mischte und mich voll und ganz auf meine Genesung konzentrierte. Ich hätte nichts gegen einen hübschen Kurschatten gehabt, aber die Auswahl war recht dürftig. Jetzt wo ich wieder hier bin, war ich mir nicht sicher ob ich froh darüber bin das dieser Baum nicht mein Ende war. Vielleicht gibt es doch noch etwas wofür es sich lohnt, mein verkorkstes Leben in die richtige Bahn zu lenken. Die Frage ist nur, welche ist die richtige ist? Gab es überhaupt eine andere Option? Momentan befand ich an der Kreuzung und die Ampel stand auf rot, noch hatte ich Zeit die richtige Richtung zu wählen. Ich befürchte allerdings das ich geradewegs auf die Katastrophe zusteure, denn das tat ich immer. Mein Kopf begann von den ganzen Gedanken zu schwirren mir wurde leicht flau im Magen, ich schloss die Augen erneut und konzentrierte mich auf meine Atmung um die Übelkeit zu kontrollieren. Ich entspannte mich langsam und drifte immer weiter vom hier und jetzt ab.

Ich träumte von meiner Mutter wie wir uns stritten, sie schrie mich an das ich das nicht zu entscheiden hätte und ich Einsicht zeigen sollte. Ich schrie zurück sie solle mich in Ruhe lassen und ich werde nicht tun was sie will, ich bin erwachsen. Plötzlich sitze ich wieder auf meinem Motorrad und rase die Allee entlang, das Licht das durch die Bäume flackerte irritierte mich, ich nähere mich dem Baum vor mir, ich weiß was als nächstes passieren wird. Jemand ruft meinen Namen „Ben" die Stimme kam näher „Wach auf" es klang nach Ella aber das konnte nicht sein sie war nicht hier. Vor mir löst sich alles auf, die Allee, die Straße einfach alles „Ben, bitte mach die Augen auf" ich schlug die Augen auf und sah direkt in Ellas grüne Augen, das kam mir so seltsam bekannt vor, aber warum? „Alles okay? Du hast geträumt, du bist ganz blass" sagte sie und sah wirklich besorgt aus. Das letzte das ich wollte, war das sie sich Sorgen um mich machte. Sie kannte mich doch eigentlich gar nicht. Ich lächelte sie schwach an und gab ihr zu verstehen das alles okay sei. War es das wirklich, ging es mir wirklich gut? Ich hatte kein Interesse daran mit Ella meinen Seelenzustand zu analysieren, ich wollte mich nicht einmal selbst damit auseinandersetzen. Diese Albträume hatte ich jede Nacht, seitdem ich im Krankenhaus aufgewacht war. Inzwischen schlafe ich entweder gar nicht oder wache schweißgebadet auf, auf beides konnte ich durchaus verzichten. Ich würde alles für eine Traumlose Nacht tun, wirklich alles. „Ich bin gleich zurück" ich stand auf, ging zurück zum Haus um etwas Abstand zu Ella zu bekommen, sie sollte nicht mitbekommen wie sehr mich die Sache tatsächlich beschäftigte.

Ich griff nach dem Pizzaflyer und starrte ihn an, kurze Zeit später stand Ella in der Küche „Willst du vielleicht darüber reden?" sie sah mich erwartungsvoll an „Nein, will ich nicht! Ich wollte uns Pizza bestellen, auf was hast du Lust?" damit war das Thema für mich beendet, Ella war schlau genug und fragte nicht weiter nach. Ich hatte erwartet das sie so lange nachbohrt bis sie die Antworten hatte die sie wollte, für gewöhnlich taten Frauen genau das, aber Ella scheint alles andere als gewöhnlich zu sein. „Gut dann hätte ich gerne eine Pizza Hawaii" sagte sie und verschwand die Treppe hinauf.

Als die Pizza eine halbe Stunde später kam, ging ich zur Tür und nahm sie entgegen, setzte mich im Wohnzimmer auf das Sofa und schaltete den Fernseher ein. Ella kam herein und setzte sich mit genügend Abstand neben mich, obwohl sie weit entfernt saß spürte ich die Wärme die von ihr ausging und hatte das Gefühl ich könnte mich an ihr verbrennen, wenn ich es auch nur wagen würde sie zu berühren. Sollte ich das jemals tun, würde Sam mich höchstpersönlich anzünden. Ich versuchte mich auf den Fernseher zu konzentrieren und aß meine Pizza, als ich damit fertig war machte ich es mir auf der Couch gemütlich und ertappte mich immer wieder dabei das ich zu Ella sah, warum mache ich das bloß ständig? Sie schaute zum Fernseher und wirkte etwas steif, als wäre ihr meine Nähe unangenehm. Ich wünschte sie würde sich etwas entspannen, so schlimm konnte ich doch gar nicht sein. Ich stand auf und ging zum Schrank, nahm zwei Gläser und eine Flasche Rotwein heraus Ich öffnete sie und schenkte uns zwei Gläser ein. „Hier" Ella nahm es lächelnd entgegen und nahm einen großen Schluck „Danke" sagte sie und machte es sich etwas bequemer auf der Couch. Wir tranken die Flasche Rotwein aus und schauten irgendeine Gameshow, die ich versuchte mit ein paar witzigen Kommentaren aufzupeppen. Ella lachte über meine schlechten Witze und war tatsächlich etwas lockerer, was wahrscheinlich am Rotwein lag. Die letzten Stunden, waren wirklich entspannt gewesen.

Ella wirkte müde und es war ihr deutlich anzusehen das sie gegen die Müdigkeit ankämpfte. Warum ging sie nicht einfach ins Bett? Sorgte sie sich immer noch um mich und traute sie sich deswegen nicht zu gehen, oder genoss sie etwa meine Gesellschaft. Ich fühlte mich erstaunlich gut, die letzten Wochen hatte ich immer eine gewisse Unruhe in mir, als wäre ich auf der Suche nach etwas. Doch in diesem Moment war ich völlig ruhig, Ella war tatsächlich ein Pol. Ich versuchte die Gedanken abzuschütteln und schaute zum Bildschirm, als mein Blick wieder zu Ella schweifte, war sie bereits eingeschlafen. Wow, sie sah friedlich aus, ich wünschte ich könnte auch so friedlich schlafen, ein paar Strähnen hatten sich aus ihren Pferdeschwanz gelöst und hingen ihr nun ins Gesicht. Sie ist echt hübsch, ich könnte sie die ganze Nacht beim schlafen beobachten, aber sonderlich bequem sah ihre Position nicht aus. Plötzlich hatte ich das Gefühl ihr nah sein zu müssen, wie aus dem nichts war es auf einmal da. Ohne darüber nachzudenken, legte ich meine Arme um sie und zog sie an meine Brust, sie stöhnte leicht auf bevor sie sich an mich kuschelte, es fühlt sich gut und irgendwie richtig an, auch wenn es das nicht war. Im Moment waren mir die Konsequenzen meines Handelns egal, ich brauchte dringend etwas körperliche Zuneigung, oder der Rotwein stieg mir einfach zu Kopf. Ich griff nach der Wolldecke die neben mir auf den Sessel lag und deckte uns beide damit zu. Ich sah sie noch eine ganze Weile an, strich ihr eine Strähne hinters Ohr und meine Fingerspitzen kribbelten als ich ihre weiche Haut berührte. Ich kämpfte gegen die Müdigkeit, ich hatte nicht vor einzuschlafen denn ich würde ganz schön in Erklärungsnot geraten, wenn sie aufwachte und ich neben ihr lag. Mir war durchaus bewusst ich hätte gehen sollen, aber dieses Mädchen hatte mich fest umklammert und das gefiel mir irgendwie, ich fühlte mich frei. Ich atmete tief ihren Duft nach Rosen ein bevor ich in einen schnellen Schlaf fiel, zum ersten mal nach Wochen träumte ich nichts.



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