Wings (Kapitel 10 Teil 3)

»Tut mir leid, falls du dich unwohl fühlst« entschuldigte er sich.
»Kennst du sie?«
»Nein. Personal und Essen sind aus einem Restaurant in der Innenstadt. Hier wird alles nur noch schön hergerichtet« erklärte er, während er die Blätter der einen roten Rose betrachtete.
Dass Alex diese Menschen nicht kannte, beunruhigte mich wieder. Ich musste mich irgendwie ablenken.
»Okay… Und was gibt’s zu essen?«
»Als Vorspeise gibt’s einen guten Salat mit Hühnerfleisch und Gemüse« fing er an und mein Magen meldete sich sofort zu Wort. Ich hatte schon großen Hunger. »Die Hauptspeise ist eine knusprige Steinofenpizza…« setzte er fort und ich musste über mich selbst lachen, wie leicht ich doch abzulenken war. Das Essen war nun viel wichtiger als die Kellner und ich hätte schwören können, dass ich den Duft des Essens schon riechen konnte. »Die beste Pizza, die du jemals gegessen hast. Und zum Dessert gibt es einen großen Becher Eis mit frischen Früchten und Karamellsoße. Klingt gut, oder?« Alex sah mich grinsend an.
»Allerdings… Ja« sagte ich und mein Magen knurrte laut.
»Falls du schon am Verhungern bist, dann tut es mir leid. Es gibt gleich die Vorspeise« er beugte sich über den Tisch zu mir und verharrte in der Bewegung, bevor sich unsere Lippen berührt hätten. »Was fühlst du jetzt?« fragte Alex flüsternd.
»Kribbeln« antwortete ich nach kurzem Zögern. In meinem ganzen Körper – wollte ich noch hinzufügen, doch in dem Augenblick küsste er mich.
Neben uns hustete jemand provisorisch, aber Alex machte sich keinen Stress, den Kuss zu beenden. Langsam löste er sich von mir und ließ sich zurück auf seinen Stuhl. Ich blickte errötet auf die schneeweiße, gestickte Tischdecke. Als ich wieder aufschaute, standen neben mir zwei Kellner. Der eine war der Riese von vorhin, doch den anderen sah ich diesen Abend zum ersten Mal. Er war hoch und dünn, mit grauweißem Haar, frisch rasiert. Wie ein pensionierter Firmenchef. Alex lächelte ihn an und der Mann erwiderte sein Lächeln. Ich war mir sicher, dass sich die beiden kannten. Der Riese brachte uns das Besteck und die Gläser. Hinter ihm tauchten die restlichen zwei Kellner auf und servierten uns die Vorspeise. Einer von ihnen öffnete uns ein Glas Champagner und füllte die Gläser halb voll. Der ältere, dünne Kellner stand nur lächelnd da und betrachtete das Tun des Personals. Vermutlich war er der Chef des Teams, oder ihm gefiel unser privates Essen. Als uns alle vier alleine ließen, blickte ich Alex wieder fragend an.
»Aber ihn kennst du, nicht wahr?«
»Deine Beobachtungsgabe ist beneidenswert« sagte er kopfschüttelnd. »Aber leider bemerkst du nur, was du bemerken willst« Alex blickte zur Tür, die die Kellner benutzten.
»Wie meinst du das?« Was wollte er mir damit sagen?
»Du bist ab und zu unaufmerksam. Ich möchte nicht, dass dir deswegen etwas zustoßt.«
»Inwiefern?« Was Alex sagte, machte mich nervös, ich war verwirrt.
»Zum Beispiel am ersten Tag im Laden, wie du mit dem Einkaufswagen gegen mich gefahren bist. Oder als ich mit dir ins Kino gehen wollte. Du hast vergessen, dass du schon etwas vorhattest.«
»Ich könnte sagen, dass ich es absichtlich vergessen habe, weil ich viel lieber mit dir ins Kino gehen wollte« ich war erleichtert, dass Alex nur solche Kleinigkeiten meinte und mich nicht auf den einen kritischen Morgen aufmerksam machte, wie Stella das immer wieder tat. »Ich habe es vergessen, weil ich mit dir telefoniert habe.«
»Soso« Alex lächelte leicht. »Also der ältere Herr ist mein Professor an der Universität.«
Ich riss die Augen erstaunt auf.
»Wie das?«
»Ihm gehört das Restaurant. Und bei ihm schreibe ich meine Diplomarbeit. An der Uni nennen wir ihn einfach nur Chef. Er liebt die Gastronomie und wenn er nicht Professor geworden wäre, dann wäre er jetzt Chefkoch.«
»Jetzt verstehe ich, wieso er die anderen Kellner nur beobachtet hat. Er ist mir sympathischer als die anderen drei Schränke.«
Alex lachte über meine Ausdrucksweise.
»Das glaub ich dir. Lass uns essen, sonst verhungern wir noch« sagte er.

Der Salat und die darauf folgende Pizza waren ausgezeichnet. Ich gewöhnte mich an die Anwesenheit der Kellner und ließ mich nicht länger von ihnen ablenken, was ich teilweise auch dem Alkohol im Champagner zu verdanken hatte. Den Chef sah ich nicht mehr, laut Alex wollte er sich nur versichern, dass alles in Ordnung war und ging dann wieder.
Als der Eisbecher ankam, waren wir schon in einer aufgelockerten Stimmung und die letzten Sonnenstrahlen färbten den Himmel dunkelrot. Wir stellten uns mit dem Becher in die Ecke und genossen den Ausblick und die köstliche Eiskreation.
»Ich freue mich schon auf morgen« sagte ich und kuschelte mich zu Alex.
»Ich mich auch. Es wird ein unvergesslicher Tag« sagte er leise und drückte mich fest zu sich.
»So wie der heutige. Danke für den schönen Abend und für die Einladung. Danke für alles.«
»Gerne doch, Liebes« flüsterte er und sah mich besorgt an. Ich beobachtete seine grüne Augen und verstand nicht, wieso er bedrückt war, wobei wir doch so einen schönen Abend hatten.
»Ist was?« fragte ich ihn.
»Blanka… Kann ich dich um etwas bitten?«
»Natürlich.«
»Verbringen wir die Nacht heute zusammen« seine Bitte klang wie eine Aufforderung, nicht wie eine Frage.
»Morgen, Alex« wies ich ihn ganz leise ab. Es fiel mir schwer, immerhin hätte ich am liebsten jede Nacht mit ihm verbracht.
»Okay…« flüsterte er bekümmert und umarmte mich noch fester.
Ich atmete den Duft seiner Atemzüge ein und mir wurde ganz warm, als er mich küsste. Ich war froh, dass er mich festhielt und mich Halt gab, während tief in mir der Krieg ausbrach.

Alex rief ein Taxi, nachdem wir stundenlang geredet und jeden einzelnen Stern bewundert hatten. Die zehn Stockwerke gingen wir wieder zu Fuß runter, aber diesmal zog ich meine Schuhe aus.
Daheim empfing mich Stille und Dunkelheit, nur aus dem Zimmer meines Bruders kam ein dumpfer Lichtstrahl durch den dünnen Spalt zwischen Tür und Türrahmen. Ich schlich mich leise zum Schlafzimmer meiner Eltern und blickte hinein. Meine Mutter war noch auf und fragte mich, wie es gelaufen ist.
»Sehr gut« sagte ich mit einem zufriedenen Lächeln, wünschte ihr eine gute Nacht und ging ins Obergeschoss.
Die Müdigkeit meldete sich nicht, deshalb setzte ich mich in Lucas’ Zimmer und erzählte ihm detailliert, wie der Abend verlaufen war. Er hörte mir begeistert zu und wünschte uns das Beste für die Zukunft. Dann schickte er mich in mein Zimmer, weil er müde war. Ich legte mich auch hin, ließ den Abend aber noch ein paarmal Revue passieren. Und obwohl alles perfekt war, wurde ich das Gefühl nicht los, dass ich ein wichtiges Detail übersehen hatte. Irgendetwas, das nicht ins Gesamtbild passte. Ich dachte lange nach, doch irgendwann verlor ich den Faden und meine Gedanken schweiften ab, gingen in einen sinnlosen Traum über.

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