Wings (Kapitel 11 Teil 1)

»Du bist wunderschön« sagte Alex, als er mich erblickte. Er machte die Autotür hinter sich zu und kam lächelnd zu mir.
Ich stand im Türrahmen und betrachtete erstaunt die abgedunkelten Fenster des schwarzen Wagens. Erst dachte ich, jemand hätte ihn zu mir kutschiert, doch Alex stieg auf der Fahrerseite aus. Er musste meinen Gesichtsausdruck gesehen haben, da er kurz lachte und auf den Knopf des Schlüssels drückte, um die elegante Maschine abzusperren.
»Ich hatte gar nicht gewusst, dass du einen Wagen hast« sagte ich noch immer verblüfft.
Alex ließ den Schlüssel in seine Hosentasche gleiten und spazierte zu mir. Natürlich war er wieder elegant gekleidet und trug zu der dunkelgrauen Hose ein weißes Hemd und eine kleine schwarze Krawatte. Ohne Worte umarmte er meine Taille und gab mir einen leichten Kuss. Seine Hand streichelte den Flügeln entlang über meinen Rücken, ehe seine Finger meine suchten und sich mit ihnen verflochten.
»Bist du bereit?« hauchte er.
Seine Stimme brachte mich innerlich zum beben, ich konnte meine Nervosität kaum unterdrücken.
»Ja« antwortete ich flüsternd. »Aber wir haben noch eine ganze Stunde bis zur Eröffnung der Feier.«
Alex blickte auf seine Armbanduhr. »Stimmt, es ist erst sechs. Wir haben noch eine Menge Zeit.«
»Komm, ich stelle dich meinen Eltern vor. Huh, das wird peinlich« seufzte ich.
»Weshalb peinlich?« lachte er.
»Du weißt wie Eltern drauf sind. Sie werden dich mit peinlichen Fragen bombardieren, bis du schreiend davonläufst« warnte ich Alex. Doch sein Lächeln blieb unverändert charmant.
»Mach dir um mich keine Sorgen« sagte er.
»Bringen wir’s hinter uns.«
Ich zeigte ihm den Weg ins Haus. Meine Eltern warteten natürlich schon im Wohnzimmer auf uns und musterten Alex mit aufgerissenen Augen, als er sich als meinen Freund vorstellte. Alex’ Charme hatte auch auf sie einen Einfluss, meine Eltern schienen von ihm sofort begeistert zu sein und stellten sich ebenfalls vor.
»Möchtest du was zum Trinken?« fragte ihn mein Vater. Er wollte ihn unbedingt mit seiner Gastfreundschaft beeindrucken.
»Ein Glas Wasser wäre sehr nett« antwortete Alex höflich.
Mein Blick glitt zu meiner Mutter. Ich sah die Zufriedenheit in ihren Augen, wie sie Alex musterte und ihm dann ein Glas Wasser brachte.
»Danke vielmals« Alex nahm das Glas entgegen, trank aber nicht daraus.
»Solltest du irgendetwas benötigen, gib uns einfach Bescheid« sagte mein Vater.
»Wir gehen jetzt hoch. Ich zeige Alex mein Zimmer« teilte ich meinen Eltern mit, bevor Alex irgendetwas sagen konnte und hoffte, dass sie ihn in Ruhe lassen würden, während er im Haus war. Ich trat zu ihm und umarmte mit meinen Finger seine Hand.
»Macht das Fenster auf, damit ihr in der Unordnung noch genügend Luft bekommt« scherzte mein Vater, dann blickte er entschuldigend zu Alex. »Blankas Zimmer ist selten aufgeräumt.«
Okay… Das hatte mir gerade noch gefehlt.
»Das stimmt nicht!« verteidigte ich mich. Mein Zimmer war die meiste Zeit aufgeräumt, nur dass mein Vater immer in einem ungünstigen Zeitpunkt zur Besichtigung kam.
»Ist doch die Wahrheit, und Alex sollte frühzeitig Bescheid wissen.«
»Das stimmt doch gar nicht. Ich hab aufgeräumt und geputzt.«
»Geht nur« mischte sich meine Mutter ein, um mich zu retten. Ich war ihr dankbar.
Mein Vater verschränkte seine Arme vor dem Brustkorb und lächelte meine Mutter schräg an. Ich konnte seine Geste nicht ganz deuten. Wieso mussten sie mich ständig in peinliche Situationen bringen? Ich zog Alex genervt in mein Zimmer und schloss die Tür. Hoffentlich würden meine Eltern uns nicht stalken.
»Das war nett« jammerte ich, nachdem ich sicherging, dass sie nicht vor der Zimmertür standen und das Gespräch verfolgten.
»Eltern sind nun mal so, Blanka« Alex küsste mich auf die Wange. »Darf ich?« er zeigte auf das Bett.
»Klar, setz dich hin. Hm… Hab ich wohl alles eingepackt?« ich setzte mich zu meinem riesigen Koffer.
»Blanka, es ist doch nur eine Woche.« Alex schaute meinen vollen Koffer kopfschüttelnd an.
»Immerhin sind das sieben Tage« stellte ich fest. Es hätte keinen Sinn gemacht, einem Jungen erklären zu wollen, wieso Mädchen so viel Kram mitnehmen müssen.
Wie ich aus dem Fenster schaute, spürte ich die aufbrechende Müdigkeit. Ich hatte zu wenig geschlafen. Aufräumen, Putzen und Duschen haben mir die Energie geraubt. Zumindest saß meine Frisur dank der langen Wartezeit perfekt.
Heute Party, morgen Klassenlager. Wann werde ich mich endlich ausschlafen können? Die Nacht verbringe ich bei Alex… Beim Gedanken spürte ich ein angenehmes Ziehen in meinem Magen. Ich schauderte.
»Alles ok?« fragte Alex besorgt.
Ich sah in seine leuchtend grüne Augen.
»Klar« flüsterte ich. Meine Stimme war ruhig, doch in mir tobte der Sturm.
Hatte Alex meine Unruhe bemerkt? Wenn ich alleine schon vom Gedanken an die Nacht weiche Knie bekam, wie würde ich mein Herzklopfen bändigen, wenn es so weit war?
In den langen Sekunden des Schweigens spürte ich, wie sich meine Nervosität auf das ganze Zimmer übertrug.
»Also magst du echt keine Ordnung?« fragte Alex plötzlich und riss mich damit zum Glück aus meinen unerträglichen Gedanken.
»Doch. Mein Zimmer ist meistens aufgeräumt. Ich habe nicht viel, Unordnung kann also nicht so schnell entstehen. In diesem Koffer ist zum Beispiel mein halber Kleiderschrank.«
Mein Mund bewegte sich wie ich redete, doch mein Körper war wie gelähmt.
»Das ist aber viel!« Alex beugte sich vor und umarmte mich, als er meine Spannung bemerkte. »Ich habe auch aufgeräumt. Nach der Party kommst du zu mir, steht’s noch?« den letzten Satz flüsterte er mir ins Ohr.
Ich atmete tief ein und aus. Alex rutschte vom Bett zu mir auf den Boden, ehe ich antworten konnte. Er legte mir eine Hand an den Nacken und presste seine weichen Lippen gegen meine. Der Kuss war zärtlich, aber verlangend. Ich war kurz davor, mein Bewusstsein zu verlieren.
Ich musste mich zusammenreißen, sonst würde ich die Nacht nicht überstehen. Ich holte tief Luft und zog mich zurück.
»Ja« antwortete ich dann auf seine Frage und kuschelte mich vorsichtig zu ihm, um meine Locken nicht zu zerstören. Alex erstarrte plötzlich, stand auf und lief zum Schreibtisch.
»Wer ist das?« fragte er erschrocken.
Ich wusste, welches Bild er anschaute, verstand aber seine plötzliche Aufregung nicht. Ich stand ebenfalls auf und stellte mich hinter ihn. Sein Blick war auf das alte Foto von mir und Camilla gerichtet. Mein Mund verzog sich zu einem traurigen Lächeln.
»Das ist Camilla, meine Cousine, aber das Bild ist schon älter« ich trat vor und zog den Zeigefinger über den Bilderrahmen. »Wenn ich mich nicht irre, ist dieses Foto vor sechs Jahren entstanden. Bevor sie und ihre Familie ausgewandert sind.«
Alex’ Augen blieben reglos. Er schien stark über etwas nachzudenken.
»Was ist passiert?« drehte er sich fragend zu mir.
»Was meinst du?« wollte ich wissen.
»Es ist nur… Ich sehe, dass dich etwas bedrückt. Nicht nur, dass sie ausgewandert sind. Ist auch was anderes passiert?« Alex sprach langsam und deutlich, als würde er sich selbst überzeugen wollen. Ich verstand die Welt nicht mehr.
»Wieso bist du so aufgewühlt?« wollte ich wissen.
»Ich glaube, ich habe sie mit jemanden verwechselt« antwortete er und beruhigte sich langsam. Ich hatte dennoch das Gefühl, dass er mir etwas verschwieg.
»Sie sind in die USA gezogen. Kurz darauf ist Camilla verschwunden« erklärte ich. »Seitdem haben wir leider nichts von ihr gehört.«
Alex umarmte mich und vergrub sein Gesicht in meinen Haaren.
»Es tut mir leid« flüsterte er.
»Camilla war meine beste Freundin. Sie ist in der Großstadt einfach verschwunden und nie wieder aufgetaucht. An einem Ort, an dem unzählige Menschen verschwinden, kannst du nicht auf die Hilfe der Polizei hoffen. Ich glaube trotzdem fest daran, dass sie eines Tages wieder auftaucht.«
»Es tut mir leid« sagte er wieder.
»Wir müssen langsam los.« Ich wollte nicht an Camillas Verschwinden denken, weil es mich nur unnötig traurig machte.
Alex schaute das Bild von uns zwei noch eine Weile an, dann schenkte er mir wieder seine volle Aufmerksamkeit.
»Was ziehst du an?« er musterte mich von oben bis unten und ich wurde rot, weil ich in meinem Trainingsanzug neben ihm saß.
»Etwas, was besser zu deinem schicken Anzug passt als meine Jogginghose« ich schaute auf die Kleider, die auf meinem Bett lagen. Alex folgte meinem Blick.
»Oh« seine Augen weiteten sich. »Dann lasse ich dich alleine, damit du dich umziehen kannst.«

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