Wings (Kapitel 15 Teil 1)

Die nächsten Wochen verbrachte ich eingesperrt in meinem sterilen, weißen Zimmer. Tag und Nacht konnte ich nur anhand der Mahlzeiten unterscheiden. Nach jedem Frühstück wartete ich darauf, dass es endlich wieder Abend wurde. Die meiste Zeit las ich, der Boss hatte mir ein paar Bücher mitgebracht. Ich war ihm zwar dankbar, dennoch wurde er mir keinesfalls sympathischer. Er war schließlich schuld daran, dass ich hier gefangen gehalten wurde.
Eines Morgens, als mir das Frühstück ins Zimmer gebracht wurde, erschienen er und Dr. Clear in der Tür. Die dritte Person stellte den Teller und das Glas Milch neben mir auf die Kommode und ließ mich dann mit ihnen alleine.
»Heute musst du fit sein« äußerte sich der Boss. »Dr. Clear wird deinen Flügel untersuchen. Falls die Wunde verheilt ist, darfst du am Nachmittag fliegen.«
Ich wurde nervös vor lauter Vorfreude, die sich wie Gift in meinen Adern ausbreitete und meine Glieder betäubte. Ich durfte endlich wieder in die Luft! Und vielleicht auch an die frische Luft…
Der Boss wandte sich zu Dr. Clear und bat sie, einen Blick auf meine Wunde zu werfen, die hoffentlich nur noch eine Narbe war. Sie zog das riesige Pflaster vom Vortag sorgfältig von meinem Flügel. Darunter waren meine winzigen Federn noch immer vom Blut verklebt. Seit sie den Riss genäht hatten, durfte ich meine Flügel nicht waschen, sie waren so verschmutzt wie noch nie. Ich konnte nicht verstehen, wieso es noch immer nötig war, die Wunde mit einem Pflaster abzudecken. Meiner Einschätzung nach war sie schon längst verheilt. Ich hoffte, dass Dr. Clear mit dem Anblick zufrieden sein wird…
»In Ordnung« hörte ich. »Am Nachmittag darfst du raus. Bereite dich darauf vor« er zeigte auf das Essen. »Wir holen dich nach dem Mittagessen ab.«
Ich nickte.
Sie stürmten aus dem Zimmer und sperrten die Tür gleich doppelt ab.
Ich konnte kaum essen. All meine Gedanken drehten sich um das Fliegen am Nachmittag, ich musste stark gegen die Sehnsucht ankämpfen, jetzt gleich aufwärmen zu wollen. Wo werde ich wohl fliegen? Draußen im Freien? Die Wahrscheinlichkeit war gering, solche Menschen riskieren nichts. Ein alternativer Schauplatz für meine Flugkünste wäre die Sporthalle.
Die Zeit verging im Schneckentempo, nicht einmal das Lesen konnte mich ablenken. Ungeduldig wartete ich auf das Mittagessen und bekam nach langen Stunden endlich etwas zu essen. An diesem Tag fühlte ich mich regelrecht verwöhnt, doch wegen meiner Nervosität konnte ich die Tomatensuppe nur halb wegessen und das Stück Fleisch ging auch nur mit Gewalt runter. Nach dem Essen machte ich es mir auf dem Bett bequem und versuchte, mich zu beruhigen. Es ging nicht. Ich stand oft auf, spazierte in dem kleinen Raum herum und legte mich anschließend wieder auf das Bett.
Als die Tür aufging, sprang ich auf. Enttäuscht musste ich feststellen, dass nur mein Teller abgeholt wurde. Die Frau wunderte sich über meine Appetitlosigkeit, da ich bislang immer alles brav weggegessen hatte.
Etwas später wurde auch ich endlich abgeholt. Der Boss, Dr.Clear, die Brünette und einige andere bekannte Gesichter traten ins Zimmer. Die eine hatte die Handschellen und andere, komische Fesseln in der Hand.
»Ach nein…« seufzte ich leise. Die kleine Vorfreude, die ich als Gefangene verspürt hatte, war wie vom Winde verweht.
Der Boss hatte es gehört und sah mir unfreundlich in die Augen.
»Wir vertrauen dir nicht, Blanka. Ich sehe die größtmögliche Sicherheit vor. Wir alle wollen doch einen reibungslosen Ablauf, nicht wahr?«
»Schon, aber…« ich wusste nicht was ich sagen soll.
»Du tust dir selbst einen Gefallen, wenn du mit uns kooperierst. Sonst muss ich den heutigen Tag absagen, was ich zutiefst bedauern würde.«
Also so lief das… Er drohte mir. Er wusste ganz genau, wo meine Schwachstellen waren. Ich senkte den Blick und schwieg. Die Handschellen umschlungen hart meine Handgelenke, mit den anderen Fesseln machten sie mich flugunfähig.
»Autsch« stöhnte ich als sie meine Flügel fest zusammenzogen. »Das ist zu eng.«
»Dann sitzen sie richtig« stellte der Boss fest. »So entkommst du uns nicht, nicht wahr?«
Am liebsten hätte ich ihm ins Gesicht gespuckt, doch das hätte meinen Aufenthalt in dieser Irrenanstalt noch schlimmer gemacht.
»Los geht’s« sagte er.
Bevor wir uns auf den Weg gemacht hätten, wurden noch meine Augen verbunden. Wahrscheinlich wollten sie damit meine Orientierung durcheinander bringen. Links, rechts, rechts, links, gerade aus, links, dann rechts… Ich versuchte mir den Weg zu merken, aber vergeblich, denn der Boss redete absichtlich zu mir. Er ging mit mir vorne, die anderen folgten uns. Ich war mir sicher, dass sie mehr Angst davor hatten, dass ich entkommen könnte, als vor einem Terroristen. Sie riskierten nichts. Sie gaben mir nicht einmal das Gefühl, als hätte ich eine Chance. Die zwei Fesseln und meine Begleitung machten mir die Flucht unmöglich. Würden sie doch nur ein einziges Mal einen Fehler begehen…
In der Empfangshalle wurde mir die Augenbinde heruntergenommen. Ich bekam ein Tuch um mich gewickelt, das meine Flügel verdeckte, ehe wir das Gebäude durch den Haupteingang verließen.
Draußen erreichten mich die warmen Sonnenstrahlen und streichelten sanft mein Gesicht. Wie lange war es schon her, dass ich das letzte Mal die Sonne gesehen hatte? Ich blieb stehen und richtete mein Gesicht Richtung Himmel. Die frische Luft hatte mir so sehr gefehlt… Ich war so sehr mit den neuen Reizen beschäftigt, dass ich gar nicht merkte, wie die Menschen um uns herum hektisch herumliefen.
»Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit« zischte der Boss grob.
Jemand stieß mich von hinten, ich flog fast um. Was würde passieren, wenn ich mich umdrehen und der Person in die Knie treten würde? Es war nur eine vage Vorstellung, meine Hände waren gebunden. Wütend versuchte ich meine Schritte an die der anderen anzupassen.
Riesige Gebäude umgaben die breite Straße. Ich blickte nach hinten, das Institut war etwas kleiner als die anderen Hochhäuser drumherum, aber noch immer beängstigend groß. In meiner Stadt gab es solche monumentale Gebäude nicht.
»Willst du etwa, dass wir dir die Augen wieder verbinden?« hörte ich von hinten.
So ein Arschloch. Er nervte mich, aber irgendetwas in seiner Stimme hielt mich davon ab, ihm meine Meinung zu sagen. Schnell senkte ich den Blick und hoffte, dass ich mir hin und wieder einen unauffälligen Blick auf die Gegend erlauben durfte.
Wir warteten auf zwei große, schwarze Autos. Sie sahen gleich aus wie die, mit denen sie mich vom Flughafen zum Institut befördert hatten. Ich musste mit der Hälfte meiner Begleitung in den ersten Wagen steigen, die anderen stiegen in den hinteren.
Im Auto war es wieder dunkel. Kaum hatte ich die Sonne zu Gesicht bekommen, schon nahmen sie sie mir wieder weg… Geekelt presste ich mich gegen die Tür. Ich fühlte mich unwohl mit drei weiteren Personen auf den hinteren Sitzen. Mir wurde es bei jeder ungewollten Berührung, die in so einem kleinen Raum nicht zu vermeiden war, schlecht.
Das Auto fuhr ganz langsam los, der Fahrer riegelte die Türen ab. Dachten sie tatsächlich, dass ich aus einem fahrenden Fahrzeug springen würde? Das ganze Institut war lächerlich, ich hatte das Gefühl, als wäre ich von Idioten umgeben.
Leise rollten wir unzähligen Straßen entlang. Die drei anderen Personen links von mir starrten mich komisch an. Ich tat gelangweilt so, als wären sie mir egal und drückte meine Stirn gegen das kalte Fensterglas. Gebäude nach Gebäude… Schön waren sie. Auf dem Gehweg spazierten glückliche Leute. Verliebte Hand in Hand… Ich schloss meine Augen. Ich war nicht stark genug, um das blühende Leben dort draußen weiterhin betrachten zu können.
Wir waren etwa eine viertel Stunde unterwegs, als das Auto langsamer wurde und schließlich stehen blieb. Meine Begleiter halfen auszusteigen. Alleine hätte ich es nicht geschafft, die Fesseln waren zu professionell angebracht. Wieder erreichten die Sonnenstrahlen mein Gesicht, ich atmete die warme Luft ein. Der Wind wehte leicht. Als ich die Augen öffnete, sah ich ein Stadion vor mir.
Der zweite schwarze Wagen kam mit einigen Minuten Verzögerung an. Als alle wiederum vereint waren, gingen wir zum Eingang des Stadions. Ich sah nicht viel, da ich dem Befehl des Bosses folgen und meinen Blick auf dem Boden halten musste. Auch diesmal war es sinnlos, mich zu wehren. Sie waren stärker, mächtiger und in der Überzahl.
Unter meinen Füßen spürte ich Gras. Als ich erstmals aufschaute, war das andere Ende der Arena sehr weit weg, die leeren Sitze der Zuschauertribüne waren nur kleine Punkte. Das Feld war unter freiem Himmel, wir waren alleine.
Wie wir uns der Mitte des Feldes näherten, wurde mir bewusst, dass ich nicht aus Spaß fliegen werde. Nicht, weil sie sich Sorgen um meine körperliche und geistige Fitness machen. Nicht, weil sie nett sind. Ich muss fliegen, weil sie es wollen. Sie haben mich alleine in ihrem eigenen Interesse hierher gebracht.
Der Boss trat zu mir.
»Bist du bereit?« wollte er wissen. Er hielt mich mit seinem bedrohlichen Blick fest, ich fühlte mich gezwungen, ihm in die Augen zu schauen.
»Noch nicht« antwortete ich kühl.
»Was heißt das?«
»Ich muss mich aufwärmen.«
»Natürlich. Unsere Spezialisten sind noch nicht eingetroffen. Sie bringen dir einen hübschen Anzug mit. Wärm dich auf« gab er den Befehl. In seiner Stimme war nichts Freundliches zu erkennen. Er wollte schon gehen, als ihm etwas einfiel. »Noch was« sagte er. »Versuch nicht zu fliehen. Du hast keine Chance, wir haben das ganze Gebäude abgesichert. Hast du verstanden?«
»Ich werde es nicht versuchen« betonte ich. Ich bin nicht dumm, ergänzte ich gedanklich.
Nachdem wir in der Mitte ankamen, wurden meine Hände und Flügel befreit. Erleichtert massierte ich meine roten Handgelenke. Während die Gruppe für eine kurze Besprechung einen Kreis bildete, blieb ich mit meinem Überwachungspersonal, das aus drei Fachärzten bestand, alleine. Es reizte alle meine Sinne, wie sie da standen und mich anstarrten. Konnten die Menschen hier einen eigentlich nur anstarren? Was war mit ihnen los? Ich drehte ihnen den Rücken zu, teleportierte mich gedanklich in mein Zimmer und wärmte mich auf. Ab und zu merkte ich, wie mich neugierige Blicke aus dem Kreis fanden.

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