Wings (Kapitel 18 Teil 2)

Wir klopften an der Holztür, die anschließend von einem jungen, attraktiven Mann im schwarzen Anzug geöffnet wurde. Er bat uns in die Wohnung, die von innen viel größer war als von außen vermutet. Das Wohnzimmer hatten die Eigentümer zu einem Büro umgewandelt.
»Setzen Sie sich« der Mann zeigte auf ein weißes Ledersofa.
Alles in dieser Wohnung wirkte unglaublich elegant. Trotzdem hatte ich ein mulmiges Gefühl, die Umgebung machte mir Angst. Hinter dem Schutz der Sonnenbrille verfolgte ich jede einzelne Bewegung des Mannes. Er ging zum großen dunklen Schreibtisch und setzte sich vor den Computer. Er war dunkelblond und höchstens Mitte dreißig. Aus einem anderen Raum trat ein nicht weniger elegant gekleideter, schwarzhaariger Mann ins Zimmer. Er nickte uns zu, dann ging er zum anderen und informierte ihn in einer fremden Sprache.
»Ihre Dokumente sind fertig« sagte er uns. »Der Preis ist wie vereinbart.«
Michael nahm einen Briefumschlag aus seiner schwarzen Aktentasche, die er mitgenommen hatte, stand auf und übergab ihnen das Kuvert.
Während der Schwarzhaarige die Scheine zählte, schaute ich weg. Ich wollte nicht wissen, wie viel Alex und Michael für diese Rettungsaktion zahlen mussten.
»Perfekt« sagte dieser. Seine Stimme ließ mich schaudern. »Hier noch eine Unterschrift mit Decknamen.«
Ich blickte zu Alex. Er schien meine Verwirrung bemerkt zu haben und rückte ein Stück näher zu mir auf dem Ledersofa.
»Was ist mein Deckname?« fragte ich flüsternd.
»Lily Clark« antwortete mir Alex. »Komm, wir müssen unterschreiben.«
Lily Clark hörte sich gut an, der Name gefiel mir. Ich stand auf und ging gemeinsam mit Alex zu den zwei Männern, um den Reisepass zu unterschreiben. Anschließend überprüfte Alex die Seiten der gefälschten Pässe. Sie sahen ganz normal aus, ohne ein Anzeichen von Unechtheit. Das Passbild war ein stark bearbeitetes Foto von mir und ich wunderte mich, woher Alex oder sein Bruder das Bild genommen hatten.
Meine Augen musterten Alex, während er seinen Reisepass durchblätterte. Er war stark. Er war ein Kämpfer, dennoch sah ich ihm an, wie sehr er unter seiner Maske litt. Seine Augen zeigten Schmerz und Leid. Seitdem ich aus dem Institut geflohen war, fühlte ich das erste Mal mit ihm mit. Es tat weh, die Erbitterung in seinen grünen Augen zu sehen, die er hinter der Sonnenbrille versteckte. Wir dürften nicht hier sein, darin war ich mir sicher. Es war falsch, das ganze System war fehl am Platz. Mein Leben begab sich auf einem falschen Weg und das Einzige, was ich tun konnte, war diesem Weg zu folgen. Denn alle anderen Wege waren Sackgassen. Wir dürften nicht auf gefälschte Dokumente angewiesen sein. Alles, was wir noch vorhatten, würde uns ein Leben lang begleiten. Ich verhasste das Institut, das uns in diese Lage gezwungen hatte.
Wir verließen die elegante Wohnung und eilten zum Wagen. Sobald ich eingestiegen war, riss ich den Pullover von meinem Leib und war froh, wieder richtig Luft zu bekommen.
»Das hätten wir auch erledigt« sagte Michael und atmete auf. »Wie weiter?«
»Suchen wir ein Hotel« antwortete Alex. Auch er schien erleichtert zu sein. Er saß nun auf der anderen Seite, die schwarze Aktentasche lag in seinem Schoß.
Michael schaute in den Rückspiegel und fuhr los. Ich legte mich auf die Rückbank und hoffte, dass wir bald ein Hotelzimmer mit mindestens einem gemütlichen Doppelbett finden würden.
Die zwei Brüder wurden auf ein schlichtes Hotelgebäude aufmerksam. Bevor wir ausstiegen, musste ich wieder den Pullover anziehen. Ich atmete tief ein und aus, um mich auf die Hitze vorzubereiten. Als ich dann ausstieg, stellte ich erleichtert fest, dass inzwischen der Wind stärker geworden war. Am Himmel marschierten hochragende Gewitterwolken auf die Stadt zu.
Ich ließ mich am Eingang auf die Couch nieder und wartete geduldig, bis Alex eincheckte. Michael blieb draußen und fuhr das Auto in die Tiefgarage. Die zwei großen Sporttaschen waren bei Alex, den Rest hatten wir im Kofferraum gelassen. Er spazierte zu mir und setzte sich an das andere Ende der Couch. Zwischen uns hätten noch mindestens zwei weitere Personen gemütlich Platz nehmen können. Alex kippte den Kopf nach hinten, seine Finger rieben nervös den Hotelschlüssel.
Michael brachte auch die anderen Taschen aus dem Wagen mit. Wir fuhren mit dem Aufzug in das oberste Stockwerk und suchten unser Zimmer. Dunkelroter Teppich führte die Flure entlang, die Wände waren von pastellgelber Farbe. Das Weiß der Türen hatte einst geleuchtet, doch das war meinen Einschätzungen nach schon Jahre, wenn nicht Jahrzehnte her. Die warmen Farbtöne machten mich nervös, anstatt mich zu beruhigen.
Das Zimmer war etwas größer als das vorige. Die Wände waren genauso gelb wie auf den Fluren, aber wenigstens hatte der Boden eine schönere Farbe als der dunkelrote Teppich draußen. Das Fenster schaute auf die Straße vor dem Hoteleingang, wo Michael vorhin kurz stehen geblieben war, um mich und Alex aus dem Wagen zu lassen. An der Wand stand ein schweres Doppelbett mit dunkelblauem Bettbezug, daneben ein Einzelbett in der gleichen Farbe.
Wir trugen die Taschen ins Zimmer und stellten sie neben das große Bett. Ich half Michael und räumte den Inhalt der Kühltasche in den kleinen Kühlschrank. Scheinbar verfügte jedes Hotelzimmer über eine winzige Küche. Michael musterte misstrauisch unseren Vorrat.
»Wir müssten einkaufen« stellte er fest. »Außer Schokolade haben wir nicht mehr viel zu essen. Ich fahre gleich zum nächsten Supermarkt.«
»Sollen wir mitfahren?« fragte ich.
»Es ist besser, wenn wir uns nicht in der Öffentlichkeit zeigen« hörte ich Alex.
Ich drehte mich um und blickte ihn an. Er ging zum Fenster und verdrehte den Griff. Der Wind stieß heftig gegen das Glas.
»Alex hat recht« Michael nickte und wandte sich zu seinem Bruder. »Brauchen wir was Bestimmtes?«
Alex dachte nach.
»Für mich musst du nichts einkaufen. Brauchst du was, Blanka?« fragte er mich.
Ich legte die Sonnenbrille überrascht auf den Nachttisch. Ich wusste nicht, wie lange der Flug dauern würde und was ich im Hotel noch gebrauchen könnte.
»Nein danke« antwortete ich nach langem Überlegen, da mir nichts einfiel.
»Was möchtest du heute Abend essen?« Alex’ entgegenkommende Art brachte mich völlig durcheinander. Ich konzentrierte mich auf seine Frage, mein Hirn suchte nach einem ausgiebigen Rezept.
»Was sagt ihr zur Tiefkühlpizza?« schlug Michael vor.
Alex lächelte leicht, die Idee schien ihm zu imponieren. Ich hatte schon lange keine Pizza mehr gegessen, mein Magen knurrte.
»Gute Idee« meinte ich.
»Super. Heute Abend gibt’s Pizza!« freute sich Alex. Er lächelte, doch sein Lächeln strahlte keine Freude aus. Dieses Lächeln war alles andere als glücklich.
»Wir sehen uns später. Bleibt im Zimmer und sperrt die Tür ab. Ich will nicht, dass Blanka jemandem auffällt. Oder du, Alex« sagte er mit der Stimme eines beschützenden großen Bruders.
Mir wurde warm ums Herz. Ich vermisste Lucas und hätte am liebsten losgeheult, konnte aber noch rechtzeitig die aufstoßenden Erinnerungen unterdrücken. Es war nicht der richtige Zeitpunkt, um Schwäche zu zeigen.
»Es wird nichts passieren« versicherte ich ihm. »Ich mache keine Fehler mehr.«
Ich nahm wahr, wie Alex seinen Kopf zu mir drehte.
»Ich werde klopfen wenn ich zurück bin« sagte Michael und verließ das Zimmer.
Alex riegelte die Zimmertür ab und setzte sich an den Rand des Doppelbettes. Ich war wieder mit Alex alleine in ein Zimmer gesperrt… Sehr schön.
Minutenlang stand ich reglos herum, Alex betrachtete mich auffällig. Ich erwiderte seinen Blick und wartete darauf, dass er endlich aussprach, was in ihm vorging. Er hatte mir etwas zu sagen, das sah ich ihm an. Ich kannte diesen Blick.
»Bist du hungrig?« brach er die Stille.
Ich schüttelte enttäuscht den Kopf.
»Im Kühlschrank ist noch Schokolade.«
»Später vielleicht« flüsterte ich und war froh, dass meine Stimme nicht versagte.
Einen Fuß nach dem anderen näherte ich mich dem kleinen Bett und ließ mein Gewicht auf die Matratze sinken.
»Also ich hab Hunger« teilte er mir mit.
Ich blickte auf. Alex schritt zum Kühlschrank und nahm sich einen Schokoriegel. Danach wippte er zurück zum Bett und machte es sich bequem. Meine Augen wurden vom magischen Feld des Riegels angezogen. Zerschmelzender Karamell… Alex lächelte, als er mein Gesicht sah.
»Bist du dir sicher, dass du keinen Hunger hast?« fragte er erneut, während seine Finger die Schokolade aus der Verpackung befreiten.
»Ja« antwortete ich.
Ich wälzte mich auf den Bauch, denn auf dem Rücken zu liegen wurde mit der Zeit unbequem, meine Flügel schmerzten. Alex hatte seinen Schokoriegel aufgegessen und lag nun ausgestreckt auf dem Doppelbett. Er starrte die Decke an, die verschränkten Arme unter seinem Kopf wirkten angespannt. Alleine das rhythmische Auf und Ab seines Brustkorbs war beruhigend. Irgendwann ließ er seine Augenlider fallen und schlief ein. Ich wollte dasselbe tun, hatte aber mit schmerzhaften Erinnerungen zu kämpfen. Als Ablenkung stellte ich mir vor, wie ich im Bikini am Strand die Sonnenstrahlen genieße und meine Flügel frei bewege; wie ich tagsüber in die Berge fliege und mit den Adlern in der Luft kreise; wie ich daheim meine Flügel auf dem Bett ausbreite, ohne Angst zu haben, dass sie jemand sehen könnte…

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