Wings (Kapitel 18 Teil 4)

Das Plätschern des Wassers im Bad zeichnete einen Wasserfall vor mein geistiges Auge und ich stellte mir vor, wie ich in einem kühlen Teich in der Natur sorglos herumschwimme. Es war ein Traum, von dem ich wusste, dass er nie wahr werden würde. Ein Traum von der Freiheit, die ich so sehr begehrte. Es war nie leicht, nicht aufzufallen, doch jetzt würde es noch schwieriger werden. Das Institut würde solange nach uns suchen und uns verfolgen, bis der Boss bekam, was er wollte. Mich und Alex. Ein normales Leben war demnach ausgeschlossen. Wir werden uns irgendwo verstecken müssen, wo wir uns in Sicherheit befinden. Zu gerne hätte ich gewusst, was in den nächsten Wochen mit mir passiert wäre, wenn ich die Flucht nicht geschafft hätte. Wäre ich weiterhin in dem Zimmer eingesperrt und könnte Tag und Nacht nicht unterscheiden? Oder hätten die Ärzte endlich gemerkt, dass ich mehr Bewegung brauche und mich an die frische Luft gelassen?
Alex kam in sein Handtuch gewickelt aus dem Badezimmer und zog eine Dampfwolke mit sich, die den Duft seines Duschgels hatte. Ich blickte ihn nur seitlich an, schloss dann langsam die Augenlider und atmete seinen Duft ein. Er war unwiderstehlich… Vor ein paar Wochen wäre ich aufgestanden und hätte mich zu ihm gekuschelt, um seine nackte Haut auf meiner zu spüren. Aber jetzt durfte ich das nicht tun und das tat zu sehr weh. Was in der Vergangenheit passiert war, war nur Schauspiel, Alex hatte keine Gefühle für mich. Wie hätte ich denn von ihm verlangen können, für mich etwas zu empfinden? Falsches Lächeln, falsche Umarmungen, alles diente nur einem einzigen Zweck, an den ich jetzt nicht denken wollte.
»Wie geht es deinen Flügeln?« erkundigte er sich vorsichtig.
Meine Flügel… Ich hatte sie ganz vergessen. Ich lag auf dem Bauch, sie schauten unter dem blauen Shirt mit dem Pinguin hervor.
»Besser« gestand ich und drehte mich auf die Seite.
Alex trocknete sich ab und hängte das nasse Handtuch auf den Heizkörper. Er spazierte in Boxershorts zum Bett und zog das schwarze T-Shirt an, das auf dem Kissen lag.
»Wir müssten die Bandagen runternehmen, damit ich sie untersuchen kann« sagte er.
»Muss es sein?« fragte ich leise.
»Ja.«
Ich setzte mich auf und zog das Oberteil aus, um meine Flügel freizumachen. Alex setzte sich neben mich hin, ich drehte ihm den Rücken zu. Er wickelte den Verband von meinen Flügeln ab und rollte sie zu zwei großen Ballen zusammen. Als ich bemerkte, dass ich die Flügel bewegen konnte, zauberte die Freude ein Lächeln in mein Gesicht. Ich nahm den rechten Flügel in den Schoß und betrachtete die Schusswunde. Daneben befand sich eine weitere Wunde, ich erkannte die Stelle des Senders. Mit den Fingerspitzen fuhr ich über die federlose Haut.
»Hier war der Chip« merkte ich an.
»Ja, dort war der Chip« flüsterte Alex.
»Und hier eine Kugel« mein Zeigefinger glitt zur größeren Wunde.
»Und dort eine Kugel…«
Ich drehte den Kopf nach hinten, um ihn sehen zu können. Alex’ Miene war abwesend, seine Augen fixierten die Bettdecke. Um sicherzugehen, dass ich keine weiteren Verletzungen hatte, suchte ich beide Flügel nach Wunden ab.
»Blanka« hauchte er. »Es tut mir so leid.«
Seine Worte rissen mich mit, er tat mir leid. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, deshalb senkte ich den Blick und schloss die Augen. Wegzurennen und nie wieder stehen zu bleiben wäre zu leicht gewesen.
»Wieso?« wollte ich wissen. Das war das erste Wort, das mir nach langen Minuten einfiel. Was für eine Antwort ich auf die Frage erwartete, wusste ich selbst nicht.
Alex atmete schwer.
»Es war ein Befehl« sagte er flüsternd.
»Klar« nickte ich. »Ein Befehl.«
»Es tut mir so leid.«
Nachdem ich lange nichts sagte, versuchte er, mich von hinten zu umarmen. Ich sprang weg und konzentrierte mich auf die Tür, bis mir bewusst wurde, was ich vorhatte. Seine Nähe machte mir Angst und trieb mich in die Flucht, dennoch war das kein Grund, aus dem Hotel zu rennen und die weitere Flucht zu gefährden. Schließlich stand ich mit bloßen Flügeln da.
»Es tut mir leid« sagte er mit hochgehobenen Armen, als würde er sich ergeben. »Ich habe es kapiert.« Erst jetzt bemerkte ich, dass ich meine Flügel genauso seitlich hochhielt, wie Alex seine Arme. Sie ragten kurvig in die Höhe wie ein Schutzschild, ich stand angriffsbereit vor ihm, die Knien leicht gebeugt.
»Autsch« stöhnte ich, als der Schmerz in den Flügeln mein Bewusstsein erreichte. Ich fiel zurück auf das Bett und hielt mich zusammengerollt an Alex fest.
»Alles ok?« fragte er besorgt.
Ich schüttelte den Kopf. Er umarmte meine Taille und legte mich auf den Bauch.
»Sag mir, wo es wehtut« bat mich Alex.
»Überall« beschwerte ich mich und hoffte, dass alle meine Schmerzen bald nachlassen würden.
Seine Hände wanderten mit massierenden Bewegungen meinen Rücken entlang zu den Flügeln. Alex’ Berührungen waren sanft, aber wirkungsvoll. Nach kurzer Zeit ließen die Schmerzen tatsächlich nach.
»Wie hast du das gemacht?« fragte ich erstaunt. Meine verkrampften Muskeln entspannten sich langsam.
»Ist es schon besser?«
»Ja, viel besser« antwortete ich.
»Ich bin Tierarzt« teilte er mir mit.
Dass er Arzt war, hatte sein Bruder schon erwähnt, trotzdem war ich überrascht.
»Also eigentlich kein gewöhnlicher Tierarzt« Alex lächelte leicht.
»Wie meinst du das?« ich konnte mir darunter nichts vorstellen.
»Ich arbeite in der Forschung, Heilen gehört nicht zu meinen Hauptaufgaben« erklärte er. »Im Institut wird viel experimentiert.«
»Mit Tieren?« fragte ich entsetzt.
»Auch, aber nicht im klassischen Sinn. Denk nicht an Ratten.«
»Sondern an flugfähige Menschen?«
Alex ließ meine Frage außer Acht.
»Ich verabscheue diese Experimente. Aber sie sind Teil unserer Arbeit und der Ausbildung. Dich zu entführen war auch nur eine Aufgabe, wenn auch eine etwas größere. Das habe ich am Anfang gedacht« Alex verstummte kurz. »Ich wusste nicht, was für Konsequenzen dieser Auftrag hatte. Ich hatte keine Ahnung, dass ein Menschenleben in der Forschung so wenig bedeuten kann… Es tut mir leid, Blanka« sagte er und nahm die Hände von meinem Rücken.
Ich wollte nicht darüber reden und bedankte mich deshalb nur schwach für die Massage, die mir die Schmerzen genommen hat, um dann Platz für andersartige Qualen zu machen.
»Du musst dich nicht bedanken« Alex stand auf.
»Warum ist es so schwer?« murmelte ich vor mich hin. So leise, dass Alex es gar nicht hätte hören dürfen.
»Weil das Leben ungerecht ist« antwortete er genauso leise.
Ich stand auf und streckte mich. Nach so langem Liegen tat jede Bewegung gut, dennoch sehnte ich mich nach dem Doppelbett. Es war keine gute Idee, schließlich hatte ich schon das Einzelbett für meins erklärt. Alex trat hinter mich und fing an, meinen Nacken zu massieren. Ich konnte nicht entscheiden, wie ich reagieren sollte, denn seine Berührungen waren angenehmer, als ich es mir eingestanden hätte. Wenn ich mich nur umdrehen und unsere Lippen sich berühren könnten… Das Verlangen nach ihm überfiel mich mit ungeheurer Kraft, doch noch stärker war mein Verstand. Und der sagte mir, dass ich mich von ihm fernhalten soll. Ich ertappte mich dabei, wie mein Atmen schneller wurde. Alex umarmte mich von hinten, doch diesmal ließ ich es geschehen. Ich fühlte mich dabei weder unwohl, noch verspürte ich den Drang zur Flucht. Ganz im Gegenteil, seine Umarmung war beruhigend.
Mein Verstand schrie, als ich mich zu ihm drehte und den Kopf auf seine Brust legte. Eins… Zwei… Drei… Sein Herz pochte schnell und stark. Ich könnte den rhythmischen Schlägen die ganze Nacht zuhören. Alex verbarg sein Gesicht in meinen Haaren und wir schaukelten sanft hin und her.
»Wir sollten uns hinlegen, es ist schon spät« flüsterte er mir ins Ohr. Ich schauderte.
»Ich bin nicht müde« log ich.
»Morgen wird ein langer Tag« sagte er und trug mich zum Bett.
Ein Gähnen verließ meinen Mund. Ich war zwar müde, wollte aber noch nicht schlafen. Ich wollte, dass Alex mich umarmt und fest in seinen Armen hält, damit ich seine Wärme spüren kann.
»Komm, Blanka« Alex legte mich auf das Bett und kroch dann auf die andere Seite. Er knipste das Licht aus, im Zimmer wurde es finster. Ich suchte die Decke und zog sie bis zum Hals.
»Gute Nacht« sagte Alex.
»Gute Nacht« hauchte ich lautlos.
Es wäre so schön gewesen, in seinen Armen einzuschlafen… Das hätte mich beruhigt. Wenn ich daran dachte, mich zu ihm zu schmiegen, fühlte ich mich einsam. Es war ein schreckliches Gefühl, das mich nicht schlafen ließ. Die Tränen drängten sich wieder an die Oberfläche, ich brach in Weinen aus.
»Blanka? Alles ok?« wollte Alex wissen.
Ich kroch auf seine Seite. Er streckte die Arme aus und zog mich eng zu sich.»Es wird alles wieder gut« versprach er und drückte einen Kuss in meine Haare.
Nach einigen Minuten beruhigte ich mich und fiel in einen tranceartigen Zustand. In Alex’ Umarmung fühlte ich mich wohl, das musikalische Zusammenspiel seiner Atemzüge und seines Herzschlags trösteten meine müde Seele. Ich musste sicher gehen, dass er nicht weggehen würde und wartete deshalb, bis er einschlief, ehe ich mich auch der Traumwelt übergab.

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