Wings (Kapitel 4 Teil 1)

»Es war nichts los, weil er nicht online war!« dies war der einzige Satz, mit dem ich auf Stellas Fragen antworten konnte. Danach war ich nicht ansprechbar. Ich war wie eine tickende Bombe, die vom kleinsten Impuls zur Detonation gebracht wird.
Der Vormittag war lächerlich. Ich musste zur Schuldirektorin, die mit ihrem Vortrag über die Schulordnung und die Konsequenzen deren Verletzung mir eine halbe Stunde raubte. Zur ersten Stunde kam ich ihretwegen zu spät, in den restlichen Stunden wollten mir die Lehrer mit nervigen Bemerkungen über meine plötzliche Abwesenheit am Vortag beibringen, dass ich ein schlechtes Vorbild für die anderen bin. Ihre Stimmen erreichten zwar meine Ohren, aber nicht meine Gedanken. Ihre pädagogische Vorgehensweise und der Versuch, mich erziehen zu wollen, scheiterten, sobald die Stunde aus war. Ich entkam mit einer Verwarnung.
In einer der Pausen rannte ich aus Nervosität ins oberste Stockwerk und wieder zurück. Danach tat ich im Unterricht so, als wäre gar nichts passiert. Meinen Mitschülern sagte ich, ich hätte Iatrophobie. Es wurde mir schlecht, wenn ich an Ärzte und Untersuchungen dachte. Nach dem Unterricht kam Stella zu mir und versuchte, mit mir zu kommunizieren. Es fiel ihr wohl nicht auf, dass ich nicht die Nerven dazu hatte.
»Erzähl doch endlich was los war, war er nicht online? Hat er dich hinzugefügt?« wollte sie wissen. Sie klebte an mir, als wären wir zwei gegenpolige Magneten.
»Nein. Ja« antwortete ich und beschleunigte meine Schritte.
Stella blieb zurück, aber dann rannte sie mir nach.
»Renn nicht weg, Blanka! Ich verstehe deine Antwort nicht.«
»War er online? Nein. Hat er mich hinzugefügt? Ja. Zurzeit interessiert mich Alex überhaupt nicht« sagte ich gestresst.
Was ich sagte, klang genauso, wie ich es wollte. In Wahrheit war Alex der Einzige, der meinen Tag noch retten konnte. Am Abend war eine Tour geplant, ich wollte nicht in den Fluss stürzen. Wenn er online wäre, könnten wir schreiben… Stella muss ja auch nicht alles erfahren.
»Hör zu« sagte ich im netteren Ton. »Ich gebe dir Bescheid, sobald es Neuigkeiten gibt, ok? Die Lehrer haben mich vorhin ziemlich aufgewühlt, ich möchte in Ruhe gelassen werden.«
»Ich hatte schon Angst, dass du fliegst« gestand Stella.
»Heute Abend, aber nicht von der Schule. Ich hatte Glück, sagen wir’s so« Meine Laune verbesserte sich, als ich ans Fliegen dachte.
Wir gingen noch ein Stück schweigend nebeneinander und verabschiedeten uns anschließend mit einem schwachen „Tschüss“.
Auf dem Heimweg umgab mich der Nebel meiner Gedanken, ich nahm meine Umgebung kaum war. Das Haus war leer, als ich ankam. Mein Bruder war weg – Gott weiß, was er den ganzen Nachmittag trieb. Ich konnte tun, was ich wollte. Das wundervolle Endergebnis meiner Freiheit war meistens nur Langweile.
In der Küche schmiss ich eine Packung MicroPop mit Karamellgeschmack in die Mikrowelle und schaute der Papiertüte zu, wie sie sich gleichmäßig um die eigene Achse drehte. Anderthalb Minuten lang stand ich verharrt vor dem Küchengerät, weil ich die kleinen Explosionen nicht verpassen wollte. Die Tüte wuchs und wuchs, bis nichts mehr zu hören war. Ich befreite das Popcorn aus dem Gefängnis und der Duft von Karamell breitete sich im ganzen Haus aus. Ich nahm die Tüte und meine Schultasche und rannte die Treppen hoch.
Während mein Laptop hochfuhr, kühlte das Popcorn aus. Ich öffnete die Tüte und stopfte meinen Mund voll. Popcorn mit Karamell… Mmmm… Es war so zart, dass es auf der Zunge zerschmolz. Süßes tat gut nach einem bitteren Vormittag.
Ich meldete mich aufgeregt auf Skype an. Es dauerte Ewigkeiten, bis das Programm verwendbar war. Enttäuscht stellte ich fest, dass Alex nicht online war.
Das kann nicht sein… Was, wenn er es sich anders überlegt hat und nicht mehr mit mir reden will? Dann würde er es mir wohl irgendwie mitteilen. Vielleicht hatte er noch Vorlesungen oder musste lernen. Mir fiel nichts anderes ein, schließlich war er ja Student. Wenn er sich bis heute Abend nicht meldet, dann muss ich mich gedanklich von ihm verabschieden. Von ihm und von seinen wunderschönen, dunkelgrünen Augen.
Mein Laptop gab einen putzigen Laut von sich. Ich rollte mit dem Bürostuhl zum Schreibtisch und schaute nach, wer mir geschrieben hat.
Mein Herz ließ einen Schlag aus, um danach doppelt so schnell zu schlagen. Alex war online und schrieb mir eine Nachricht.
„Hey Blanka“ schrieb er.
„Hy“ schrieb ich zurück. „Bin da :)“
„Warst du weg? ;)“
„Nein, hab nur nachgedacht“ antwortete ich.
„Worüber, Prinzessin?“ fragte er.
Mich hat noch niemand Prinzessin genannt. Ich musste schmunzeln.
„:D“ schrieb ich. Ein fröhliches Smiley. „Über nichts Wesentliches. Ich hatte einen anstrengenden Tag, das ist alles.“
Jetzt fühlte ich mich dank ihm schon viel besser, aber das durfte Alex nicht erfahren.
„Was ist passiert?“ wollte er wissen.
„Wegen gestern. Die Lehrer konnten mich nicht in Frieden lassen.“
„Das tut mir leid :(“ schrieb er.
„Halb so schlimm :D Ich dachte schon, du würdest nie schreiben“ ich schickte ihm die Nachricht und nahm eine Hand voll Popcorn aus der Tüte.
Alex schickte mir ein überraschtes Emoticon.
„Wie könnte ich dich vergessen?“
Ich wusste nichts zu antworten. Zum Glück tippte er schon die nächste Nachricht.
„Was haben die Lehrer gesagt?“ fragte er.
„Lange Geschichte“ schrieb ich zurück.
„Erzähl ;)“
Wenn er unbedingt wissen wollte, was in der Schule los war, dann hatte ich keine Wahl. Ich fasste ihm das Gespräch bei der Direktorin und mit den Lehrern zusammen. Er schrieb mir wenige Momente später zurück.
„Krass. Das ist äußerst bedauernswert.“
„Naja… ^^“ er hatte Recht. Die meisten der Lehrer in meiner Schule waren schrecklich.
„Du magst keine Ärzte“ stellte er fest.
„Ne. Ich bin iatrophob :P“
„Hast du auch Angst vor Tierärzten?“
„Ich war noch nie beim Tierarzt“ schrieb ich. Seine Frage regte zum nachdenken an. Müsste ich, falls es normal wäre, Flügel zu haben, zum Tierarzt? Oder reichte das Wissen normaler Hausärzte aus, um mich zu behandeln?
„Stimmt :)“
„Was gibt’s bei dir Neues? Wie geht’s mit der Uni voran?“ fragte ich.
„Ich muss viel lernen“ schrieb er. „Es geht. Besser als bei dir ;)“
Hahaha. Sehr amüsant. Themenwechsel.
„Danke nochmals fürs Eis ;-$“
„Gerne. Sag mal.. Wann hast du das nächste mal Zeit?“
Wollte Alex mit mir ein Treffen ausmachen? Mir wurde warm ums Herz. Falls ich im Laufe des Tages nervös war, war spätestens jetzt alles wieder weg.
„Ich weiß es nicht“ antwortete ich. „Wann würde es dir passen?“
„Ich hab noch einiges zu erledigen. Frühestens am Wochenende. Du musst am Wochenende nicht lernen, oder?“
Samstags lernte ich, aber das könnte ich schon am Freitag erledigen. Je früher, umso besser. Samstagabend wollte ich jedoch mit Lucas zur ersten Party des Jahres in die Disco. Ansonsten war nichts geplant.
„Am Wochenende müsste es gehen“ tippte ich.
„Sehr gut. Dann am Wochenende. Ich freu mich schon :D Bekomme ich deine Handynummer? Falls du auf Skype nicht erreichbar bist“ meinte Alex.
„Klar.“ Ich schickte ihm meine Nummer. Wie leichtsinnig von mir.
Wir schrieben und die Zeit verging, es wurde Abend. Uns gingen die Themen nicht aus, ich hätte die Konversation ewig weiterführen können. Das einzig Störende war, dass ich seine Augen nicht sehen konnte. Wenn er hier wäre, könnte ich in sie versinken… Doch Alex war nicht hier und es war Zeit, mich von ihm zu verabschieden. Ich schaltete meinen Laptop ganz aus, um nicht in die Versuchung zu geraten, das Programm erneut zu öffnen. Dann ging ich zum Kleiderschrank und suchte meinen schwarzen Pulli, den ich ausschließlich beim Fliegen trug. Es geschah einmal zu Weihnachten, dass alle Pullis in der Waschmaschine ihre Runden drehten. Außer mein dicker, schwarzer Flugpulli. Mir war es kalt und ich zog ihn mangels Alternativen an. Meine Eltern waren entsetzt und konnten nicht verstehen, warum ich das Teil mit zwei großen Schnitten auf der Rückseite ruiniert hatte. Mein Bruder wusste natürlich Bescheid und musste ein Lachen verdrücken. Ich zog den Pullover aus. Lieber fror ich, als mir die irrsinnigen Worte meiner Eltern anhören zu müssen.
Ich nahm noch die schwarze Jogginghose aus dem Kleiderschrank und warf sie auf das Bett. Es war schon alles vorbereitet – die Schokoriegel befanden sich im Kühlschrank. Wenn ich jetzt was aß, dann würde ich es mit dem Vorrat an Schoko bis morgen früh aushalten. Ich ging in die Küche und wollte mir was zubereiten, doch dann stellte ich gerührt fest, dass meine Mutter mir schon zwei Sandwiches auf den Tisch gezaubert hat.

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