Wings (Kapitel 4 Teil 3)

Tatabánya war eine schöne Stadt. Sie war von Hügeln Umgeben – nördlich von dem Gerecse, südlich von dem Vértes Gebirge. Die Berge waren aber nicht mein Ziel, sondern ein berühmtes Denkmal nähe Bahnhof, der Turul. Diese riesige Vogelstatue betrachtete ich als mein eigenes Symbol. Sie war einer meiner Lieblingsplätze, ich hatte sie schon oft besucht. Von der Statue aus konnte man die ganze Stadt sehen.
Auf dem Hügel, der zum Vogel hinaufführte, war ein Wald. Ich glitt dicht über den Bäumen und verspürte den Drang, ihre Spitzen zu berühren. Meine Hände waren schon klebrig vom Wachs, als ich den Vogel erreichte.
Der Turul erinnerte mich daran, wie ich im Zimmer stand, die Flügel ausbreitete und versuchte, die Evolution zu verstehen. Werden wir Menschen zum Vogel? Weshalb wuchsen Faultieren keine Flügel? Was wollte die Natur damit bezwecken? Das Thema ließ mich nicht in Ruhe, doch derzeit lenkte mich das Denkmal ab. Von hinten war es komplett dunkel, ich konnte unauffällig auf dem Rücken des Vogels landen. Es ähnelte einem Adler in T-Rex-Größe. Wäre er echt, würde ich jetzt um mein Leben fliegen… Würde er sich bewegen, bekäme ich vor Ort einen Herzinfarkt. Doch das Fabelwesen konnte sich nicht bewegen, weil es nur eine Statue war. Ich kletterte vom Rücken zum Hals und machte es mir auf den harten Metallfedern gemütlich.
Ich bewunderte den Vogel. Mit seiner fünfzehn Meter Flügelspannweite lehnte er sich beschützend über die Stadt. Immer, wenn ich hier war, verglich ich meine Flügel mit seinen und fragte mich, ob meine irgendwann so groß wachsen würden. Was könnte ich mit acht Meter langen Flügeln anfangen? Meine Spannweite war nur etwa ein Viertel der des Vogels.
Die Stadt bewundernd aß ich den Rest meiner Reserve. Mir fiel ein, dass der Zug nach Budapest am Vogel vorbeifuhr. Ich musste immer lächeln, wenn ich ihn aus dem Fenster sah und an die hier verbrachten Nächte dachte. Demnächst hatte ich vor, tagsüber den Hügel zu besteigen und den Vogel und die Stadt bei Sonnenschein zu genießen.
Meine Gedanken schweiften ab. Im Laufe der Nacht dachte ich auch an Alex. Es wäre schön, wenn er jetzt hier sein könnte. Wenn er auch Flügel hätte und wir Hand in Hand fliegen würden… Die Vorstellung war aufregend, die Umsetzung unmöglich. Fliegend würden wir nebeneinander keinen Platz haben. Ich bezweifelte, dass Alex Flügel hatte. Das wäre mir schon aufgefallen. Es würde mir ausreichen, wenn er mit dem Zug nach Tatabánya fahren würde. Oder wenn wir beide mit dem Zug hierher fahren würden, weil ich ihm mein Geheimnis nicht anvertrauen darf…
Ich neigte dazu, „Was wäre, wenn…“ Sätze zu vollenden. Oft zum falschen Zeitpunkt und am falschen Ort, doch heute war ich hier, um meine Gedanken zu lüften. Alex hatte mich seit unserer ersten Begegnung ziemlich durcheinander gebracht. Die Welt war vollkommen, weil alles möglich war, und unvollkommen, weil alles Mögliche auch passieren würde. Die Fantasie war perfekt, weil das gedanklich Geschehene immer wieder veränderbar war. Ich stieß mich von der Realität ab und träumte von einer vollkommenen Welt, in der Alex alle meine Geheimnisse kannte und mir durchs Leben half.

Die Zeit, die ich mit meinem platonischen Lieblingshaustier verbringen konnte, war zu kurz. Ich wäre liebend gerne länger geblieben, doch die Stunden, die ich zum Fliegen hatte, waren begrenzt. Vom eisigen Metall und der kühlen Luft wurde es mir kalt, ich musste mich wieder bewegen.
Ich tätschelte den Rücken des Vogels, verabschiedete mich von ihm, wärmte meine Flügel auf und machte mich auf den Weg nach Hause. Der Flug war nicht so angenehm wie in die andere Richtung. Es gelang mir nicht, den günstigsten Wind zu finden. Da ich jedoch dicht am Boden flog und später über den Fluss, konnte ich wenigstens dem Wind bestmöglich ausweichen.
Die Strecken waren anstrengend, ich legte keine Pause ein. Sobald der Himmel heller wurde, befürchtete ich, nicht rechtzeitig daheim anzukommen und flog noch schneller. Mein Herz raste, das Fliegen war nicht mehr gesund. Ich schob den Gedanken an die noch bevorstehenden Kilometer beiseite. Zähneknirschend kämpfte ich gegen den Gegenwind und beschleunigte in regelmäßigen Abständen mein Tempo.
Es dämmerte schon, als ich die Stadt erblickte. Mit jeder Sekunde schob sich die Sonne weiter hinauf. In einer Viertel Stunde würden die ersten Sonnenstrahlen erscheinen. Vor einem Monat war es zu dieser Uhrzeit noch bedeutend dunkler. Die Zeit kannte wohl keine Gnade.
Am Stadtrand bremste ich den Flug ab und landete auf dem weichen Boden am Flussufer. Das Stückchen Grün, auf dem ich mich befand, war zu Fuss nur schwer erreichbar. Kein Mensch würde sich so früh hier aufhalten. Ich blickte mich dennoch um, um sicher zu gehen, dass ich alleine war. Sekunden später legte ich mich auf das Gras. Der kühle Tau durchnässte meine Flügel und den schwarzen Pulli. Ich atmete tief durch, mein Puls beruhigte sich wieder nach der langen Anstrengung. Ich war verschwitzt und überglücklich, dass ich es rechtzeitig geschafft hatte. Laufen war angenehm, Rad fahren bequem, doch keines der beiden so verlockend und cool wie das Fliegen. Am liebsten wäre ich noch eine Runde geflogen.
Nach der Pause stand ich vom Boden auf. Meine Hose war dreckig, ich schaute aus wie ein kleines Kind, das mit dem Schlamm gespielt hatte. Mein Pulli war auch befleckt. Daheim würde ich alles in die Waschmaschine schmeißen und damit die Spuren verschwinden lassen. Das größere Problem war die letzte Strecke. Ich musste unauffällig zu unserem Haus kommen. Mit dreckigen Kleidern und verschwitztem Gesicht. Hoffentlich war ich die einzige, die sich zu der Uhrzeit auf den Straßen herumtrieb.
Ich zog den schwarzen Pulli aus und wickelte meine Flügel um mich. Dabei wäre ich fast erfroren, doch zum Glück wärmten mich meine Federn und der Pullover danach wieder auf. Es war nicht leicht, mich aus dem Dschungel zu befreien. Ich kämpfte mich auf die Straße, wo schon die ersten Sonnenstrahlen erschienen. Das nächste mal musste ich schneller nach Hause fliegen, um durch das Fenster wieder in mein Zimmer zu gelangen.
Daheim angekommen blieb ich im Garten stehen und dachte nach. Mein Schlüssel war in meinem Zimmer geblieben. Ich schaute zum Fenster, das die ganze Nacht offen stand. Es war unvermeidlich, meinen Bruder anzurufen. Wie sollte ich sonst ins Haus kommen? Ohne seine Hilfe würde es nicht gehen. Ich nahm das Handy aus der Gürteltasche und wählte seine Nummer.
»Was ist los, Schwesterherz?« hob er müde ab.
Ich erklärte ihm die blöde Situation und bat ihn, mir leise die Tür zu öffnen. Nach einigen Minuten – so kam es mir zumindest in der Kälte vor – ging die Tür auf und mein Bruder stand in Pyjama vor mir. Als ich die Wärme des Hauses spürte, bekam ich Lust auf eine heiße Dusche. Ich ging rein, Lucas schloss vorsichtig die Tür ab. Schweigend folgte er mir ins erste Stockwerk.
»Danke« sagte ich dann. Unsere Mutter war hier außer Hörweite. »Ich bin ein bisschen zu spät dran.« Ich griff mir in die Haare und befreite einige Pflanzenreste.
»Schön für dich« stellte er fest. »Wo warst du so lang? Außerdem schaust du aus wie ein Schwein. Seit wann ist die Luft so dreckig?«
Ich musterte fassungslos sein Gesicht, ehe ich antwortete.
»Vor einer halben Stunde habe ich mich an der Donau niedergelegt. Davor bin ich gerast wie verrückt, um rechtzeitig anzukommen. Was ich nicht geschafft hab« erklärte ich ihm. »Vor einer Stunde waren meine Kleider noch sauber.«
»Verstehe« Lucas gähnte.
»Ich hatte wirklich nicht vor, dich aufzuwecken. Sorry.«
»Kein Problem.«
Ich verzog mich in mein Zimmer. Eilend lief ich zum Fenster und machte es zu. Drinnen war es genauso kalt wie draußen und ich war wieder am Frieren. Da meine Kleider verschmutzt waren, zog ich sie schnell aus und stellte mich unter die Dusche. Mein eiskalter Körper wurde vom heißen Wasser wieder warm, das kleine Fenster nass vom Dampf.
Die Flügel zu waschen ließ sich nicht vermieden. Meine Federn waren beschmutzt und standen wild durcheinander. Das Wasser durchströmte sie, sie wurden schwerer. Beim Flügelwaschen benutzte ich immer ein spezielles Shampoo für zarte Babyhaut. Es pflegte schonend meine Federn und machte sie geschmeidig. Zusätzlich brachte das Shampoo meine Flügel zum Glänzen. Danach sahen sie aus, als hätte ich sie noch nie benutzt. Zwar konnte ich mich nirgendwo mit Flügeln präsentieren, dennoch war es mir wichtig, sie zu pflegen. Mit schönen Flügeln lässt es sich besser fliegen.
Ich trocknete meine Flügel mit der höchsten Stufe des Föhns, während ich mit einer Babybürste die Flaumfedern zurecht bürstete. Den Rest meines Körpers rieb ich mit Feuchtigkeitscreme ein, flocht meine Haare zu einem Zopf und sprang ins Bett. Komischerweise fühlte ich mich nur körperlich erschöpft. Ich hatte das Gefühl, hyperaktiv zu sein. Meine Gedanken kreisten wild herum, aber ich musste unbedingt schlafen, um in zwei Stunden wieder fit zu sein und nicht zu spät zum Unterricht zu kommen.

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