Wings (Kapitel 6 Teil 2)

Ich wartete, er nahm nicht auf.
»Siehst du« seufzte ich. »Er möchte nichts von mir.«
Stella machte mich darauf aufmerksam, dass mein Handy zerbricht, wenn ich meine Finger nicht lockere.
»Immer mit der Ruhe, Blanka. Vielleicht ist er unterwegs.«
»Ja. Egal. Ich versuch’s am Abend nochmals.«
Als ich mich entspannt nach hinten lehnen wollte, ertönte mein Klingelton.
»Ich dachte, ich hab mein Handy stumm gestellt« sagte ich und war froh, dass mich im Unterricht niemand angerufen hat.
»Nimm auf!« befahl sie mir.
Ich drückte den grünen Knopf.
»Hallo?«
»Hey, Blanka« hörte ich Alex’ sanfte Stimme, die Lichtjahre von der Stimme am Sonntag entfernt war.
»Alex« sagte ich erleichtert. »Ich hab dich vorhin angerufen.«
»Ich weiß. Ich hab’s nicht gehört, tut mir leid.«
Ich schaute zu meiner Freundin, die neugierig mein grinsendes Gesicht musterte.
»Hast du meine Nachricht erhalten?« fragte er. Ich konnte sein Lächeln hören.
»Ja, die habe ich bekommen« meine Stimme war ruhig, die Nervosität weg.
»Und hast du Lust, mit mir ins Kino zu kommen?« fragte er. Mein Herz beschleunigte ganz plötzlich seine Schläge.
»Gerne« antwortete ich leise.
»Sehr gut.« Alex war wieder der temperamentvolle, lockere Junge, den ich kennen gelernt habe.
»Wann möchtest du denn hin?«
»Ich weiß nicht, an welchem Tag du Zeit hast. Für mich wäre es übermorgen am idealsten.«
»Ich hab Zeit« sagte ich ohne groß nachzudenken. »Welchen Film schauen wir uns an?«
»Das besprechen wir auf Skype. Bist du heute erreichbar?«
»Klar, heute Abend« sagte ich und schwebte vor Freude im siebten Himmel.
»Blanka?«
Ich zog ein Bein zu mir rauf.
»Ja?«
»Wie geht’s dir sonst?« wollte Alex wissen.
»Ehm… Danke, gut. Heute hatte ich einen eher entspannteren Tag. Du weißt schon, Schule« erklärte ich. Morgen wird es umso anstrengender. Der Dienstag war nicht mein Lieblingsschultag.
Alex lachte herzhaft.
»Ich weiß. Was hast du am Nachmittag vor?«
So weit habe ich nicht vorausgeplant und hatte keine Ahnung. Ich musste improvisieren.
»Erst einmal geh ich heim. Dann laufen und lernen. Danach können wir auf Skype die Details besprechen.«
»Ich verstehe. Ich freue mich schon« sagte Alex.
»Ich mich auch.«
»Bis heute Abend« verabschiedete er sich.
»Bis dann« ich betätigte den roten Knopf.

Bald durfte ich Alex wieder sehen. Schade, dass es im Kino dunkel war und ich seine Augen nicht bewundern konnte.
»Was hat er gesagt?« riss mich Stella aus meinen Illusionen. »Habt ihr ein Date ausgemacht?«
»Klar« grinste ich und umarmte sie vor Freude. »Wir gehen übermorgen ins Kino.«
»Übermorgen? Wolltest du nicht mit den Girls gehen?« fragte sie.
Ouweh… Das ist mir komplett aus dem Kopf geflogen.
»Ach nee« quietschte ich.
»Wunderbar. Alex bringt dich durcheinander, stimmt’s?«
»Bitte?«
»Nichts, vergiss es« sagte Stella und drehte den Kopf in die andere Richtung.
»Raus damit.«
»Schon gut. Wenn die zwei Filme sich nicht überschneiden, kannst du dir beide anschauen.«
»Lieber nicht. Ich möchte keinen Stress haben, wenn ich die wundervolle Möglichkeit habe, den Mittwochnachmittag mit Alex zu verbringen.«
»Dann wirst du ein Treffen absagen müssen« stellte sie fest.
»Ich weiß« flüsterte ich.
»Welches? Sag’s nicht, ich weiß es. Natürlich gehst du mit Alex ins Kino.« Meine Freundin schüttelte den Kopf. »Anna hat dich zuerst gefragt, aber Alex ist dir wichtiger« sie zwinkerte. Ich musste lachen.
»Wie Recht du doch hast« antwortete ich ihr.
Alex wollte ich unbedingt wieder sehen und Anna und ihre Freundinnen kommen außerdem auch ohne mich zurecht. Sie würden es verstehen, wenn ich ihnen den Grund meiner Absage erklären würde. Doch dann wäre die Gefahr zu groß, der Mittelpunkt der nächsten Tratschparty zu sein.
Ich schob das Handy zurück in die Hosentasche und kam endlich dazu, mich zurückzulehnen. Ich warf meinen Kopf wie Stella nach hinten und genoss die frische Luft.
»Bist du dir sicher?« wollte Stella wissen.
»Sicher bin ich mir sicher« antwortete ich. »Ich werde die Verabredung nicht absagen. Mit den anderen kann ich das nächste Mal mit.«
»Wie du meinst, Blanka. Es wird sicher ein tolles Date. Uuuuuuhhhh…« sie lächelte und stellte sich wahrscheinlich romantische Liebesszenen vor.
»Stella, sei still. Ich möchte keine Kommentare. Behalt deine Fantasien bitte für dich« sagte ich. »Ich möchte jetzt den Vögeln beim Zwitschern zuhören.«
Wir waren langsam volljährig, es war inakzeptabel, dass sie sich wie ein Kleinkind verhielt.
»Nur zu« lachte sie.
Wir blieben noch eine Weile im Park und unterhielten uns. Stella gab mir einige Modetips für das Date. Sie versprach mir, mich am Mittwoch vor der Verabredung zu besuchen und mich schön zu machen, falls sie doch Zeit findet. Wir verabschiedeten uns und ich eilte nach Hause, damit alle geplanten Tätigkeiten, die ich Alex aufgelistet hatte, erledigt werden konnten.
Daheim schrieb ich meine Hausaufgaben und lernte brav die langweiligen Lektionen für morgen. Später ging ich laufen. Da ich keine Musik hatte, hörte ich den Vögeln beim Singen zu, während ich meine Runden drehte. Ich musste immer wieder an die halbe Stunde im Park mit Stella und an das Telefongespräch mit Alex denken. Als ich mit dem Laufen fertig war, konnte ich schon die ganze Konversation auswendig.
Das Duschen war wieder eine Katastrophe. Mir gelang es nicht, meine Flügel trocken zu halten, obwohl ich sie hochstreckte. Die Decke kitzelte sie, das Bad war zu klein. Wenn jetzt jemand in den Raum kommen würde… Meine Flügel schauten über den Duschvorhang hervor. Eigentlich hätte ich sie waschen sollen, aber ich war zu faul. Und was meinen MP3-Player betrifft – ich brauche unbedingt einen neuen. Das Laufen wird sonst auf Dauer langweilig. Leider war meine Geldbörse am verhungern, ich werde mich mit einem Billigprodukt zufrieden geben müssen.
Ich trocknete meine nassen Federn und zog den Pyjama an, weil ich nicht mehr viel vor hatte, außer zu chatten und zu schlafen. Ich drückte den Einschaltknopf vom Laptop. Während er hochfuhr, machte ich es mir im Bürosessel bequem. Beim Anmelden stellte ich entsetzt fest, dass ich keine Internetverbindung hatte. Wieso gerade jetzt? Ich versuchte es noch einmal, ohne Erfolg. Wütend klickte ich auf die automatische Fehleranalyse, doch die konnte mir auch nicht weiterhelfen. Ich ging rüber zu Lucas.
»Hey« ich blieb in seiner Zimmertür stehen. »Wir haben keine Verbindung. Weißt du Bescheid?«
»Ja, die ist gleich zurück…« antwortete er, ohne mich anzuschauen. Ich sah den Router in einem Salat aus Kabeln im Fenster stehen.
»Ach nee, führst du wieder Versuche mit dem Router durch?« seufzte ich. »Wann hörst du damit endlich auf?«
Lucas starrte noch immer auf den Bildschirm. Dann wandte er sich plötzlich zum Router und drückte einen kleinen Knopf.
»Halbe Minute, Schwesterherz« sagte er. »Noch eine letzte Einstellung, dann hast du doppelt so schnelles Internet.«
»Hör mir mal zu, Lucas« ich verflocht meine Arme und wartete, bis er zu mir schaute. »Ich habe etwas sehr Wichtiges zu erledigen. Der Mann meiner Träume wartet auf mich. Wehe, die Verbindung bricht ab, während wir skypen!« warnte ich ihn.
»Ganz ruhig. Das Internet bleibt. Ich bin gleich fertig, dann lasse ich den Router in Ruhe« versprach er.
»Das empfehle ich dir« knurrte ich.
»Hast du mit diesem gewissen Alex aus der Disco ein virtuelles Date?« wollte er wissen.
»Ja genau« antwortete ich stolz. Ich drehte mich um und ging in mein eigenes Zimmer zurück.
»Fünf Minuten« rief mir Lucas nach.
»Du hast zwanzig Sekunden« bezog ich mich auf meinen Lieblingsfilm.
Ich setzte mich vor den Laptop und wartete auf die Verbindung, die bald wieder aufgebaut werden konnte.
»Danke« schrie ich so laut wie ich konnte und hoffte, dass meine Stimme die Trennwand zwischen unseren Zimmern durchdrang. Ein leises „Bitte“ kam als Antwort zurück.

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